MyMz
Anzeige

Auf geht’s mit der „50-Kilometer-Diät“!

Sieben Tage lang ohne Lebensmittel, die weiter her sind als 50 Kilometer: MZ-Reporterin Beate Weigert wagt den Selbstversuch.
Von Beate Weigert

Das Experiment sieht vor, dass nur gegessen bzw. getrunken wird, was aus einem Radius von 50 Kilometern stammt.
Das Experiment sieht vor, dass nur gegessen bzw. getrunken wird, was aus einem Radius von 50 Kilometern stammt. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Kelheim.50-Kilometer-Diät? Was soll das sein? 50 Kilometer laufen und nix dabei essen? Kaum jemand kann mit der Bezeichnung etwas anfangen. Schulterzucken und Fragezeichen im Gesicht des Gegenüber ernte ich, mehr nicht. Wahrscheinlich weil jeder bei Diät in erster Linie an den Verzicht denkt. Bei dieser Diät kommt es aber gar nicht aufs Fasten an sich, sondern auf die vorangestellten 50 Kilometer. Alles, was ich esse oder trinke, sollte nicht weiter weg als 50 Kilometer gewachsen bzw. hergestellt worden sein. Es geht also eher ums „Energiesparen“ bei der Ernährung. Energie, die für den Transport der Flugmango, der Avocado oder der Kaffeebohne draufgeht oder für das Erzeugen einer Treibhaus-Erdbeere oder -Tomate. Vorgemacht haben es 200 Familien in Freiburg vor drei Jahren. Sie testeten, ob das überhaupt funktioniert, sich allein von regionalen Produkten zu ernähren. Das Gleiche will ich nun eine Woche lang auch versuchen.

Kaffee kann ich schon mal knicken!?

Na, bravo!, denke ich mir. Da wird eine Woche lang der Tag gleich gut anfangen, ohne den geliebten Espresso. Das einzige, was mir spontan einfällt, ist Kräutertee. Und der kommt mir höchstens in die Tasse, wenn ich krank bin und da muss ich richtig krank sein. Ich könne ja Bier trinken, feixen die Kollegen. Da gibt es jede Menge Regionales. Danke für den Tipp! In Freiburg durften die Teilnehmer sich eine Ausnahme aussuchen, die meisten haben sich für Kaffee entschieden. Eine solche werde ich mir auch genehmigen. Nur welche? Auch mich ohne Salz, Pfeffer oder Balsamico durchs Leben zu schlagen, erscheint mir nicht einfach...

Mein Griff geht zum Telefonhörer. Ich wähle die Nummer von Birgit Dörr. Sie ist Hauswirtschaftslehrerin in Abensberg und der „Notfall-Joker“ meines Vertrauens. Von ihr erhoffe ich mir ein paar wertvolle Tipps.

Gut zu wissen

  • Radius:

    Zurück zum 50-km-Radius: Vom MZ-Büro in Kelheim aus reicht der etwa bis Hohenthann im Südosten, knapp etwa Ingolstadt im Südwesten, nicht ganz bis Berching im Nordwesten und bis in Bach an der Donau im Nordosten. Legt man einen großzügigeren 50-Kilometer-Kreis um die Kelheimer Landkreis-Grenzen. So endete die „Freiheit“ von Neustadt aus etwa in Neuburg/Donau, von Riedenburg aus in Neumarkt/Oberpfalz, von Herrngiersdorf aus kurz vor Straubing, von Bad Abbach aus in Schwandorf, von Siegenburg in Landshut und von Mainburg aus bei Regensburg oder Schrobenhausen sowie von Painten aus bei Wörth/Donau.
    Hauswirtschaftslehrerin Birgit Dörr vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Abensberg unterstützt das Vorhaben per regionalem Wochenspeiseplan mit Vorschlägen für Mittag- und Abendessen.

  • Vegetarischer Auftakt:

    Kartoffelgratin und Blattsalat; Gemüsegratin mit Kartoffelbeilage; Sellerieschnitzel paniert mit Kartoffelbrei; Gemüsepuffer mit Dipp und Blattsalat; Pasta mit Tomaten-/Gemüsesoße; kalte Gurkensuppe
    Ideen für Gerichte mit Fleisch: Gefüllte Gemüse mit Kräuter-Joghurt-Dip mit Baguette oder Semmeln; Hackbraten, Fleischpflanzerl, Köfte mit Sommergemüse; Kasseler überbacken mit Gemüse, Salzkartoffeln und Blattsalat; Bratwürste mit Kartoffelsalat, Salat, Schnitzel.

  • Süssspeisen-Tag:

    Kohlrabicremesuppe; Quarkauflauf mit Kompott von Obst der Saison; Blumenkohl-/Brokkoli-/Paprikacremesuppe, Maultauschen, Pfannkuchen, Pancakes, Schmarrn mit Kompott; Clafoutis;

  • Rind oder Geflügel

    Gulasch mit Salzkartoffeln und Blattsalat; gekochte Rinderbrust, Rinderschmorbraten, Ossobucco von der Rinderbeinscheibe; Hähnchen mit glasiertem Karottengemüse, Petersilienkartoffeln.

  • Fisch:

    Fischfilet natur mit Kartoffelbrei und Gurkengemüse; Fischpflanzerl, paniertes Fischfilet, Fischfilet auf Sommergemüse; Kartoffelpuffer mit geräucherter Forelle

  • Ideen fürs Wochenende:

    Flammkuchen, Nudelsalat, Pizza-Baguette mit Blattsalat; Schweinelende mit Nudeln, Letscho (ungarisches Schmorgericht), Erdbeersalat mit Sahne, Schweinefilet, Kotelette natur, Vanillecreme mit Beeren; geschmorte Hochrippe mit Kartoffelbrei, Bohnengemüse, errötendes Mädchen (Süßspeise mit Johannisbeersaft).

Als Erstes sagt die Expertin, was ich nicht unbedingt hören wollte: „Sie werden viel selbst kochen müssen – bevorzugt aus Grundnahrungsmitteln. Mit Fertiggerichten wird das nichts.“ Hm, so etwas hatte ich mir schon gedacht. Dörr legt mir ein paar hilfreiche Internetseiten ans Herz und verweist mich unter anderem an Bauernläden im Landkreis, aber auch an die „Regionaltheke Regensburg“, die in den Filialen einiger Supermärkte mit einigen regionalen Produkte vertreten ist. Mit Mehl, Rapsöl oder Heidelbeer-Geist. Wenigstens kann ich mir die Woche im Notfall schöntrinken, feixt mein Unterbewusstsein.

„Sie werden viel selbst kochen müssen – bevorzugt aus Grundnahrungsmitteln. Mit Fertiggerichten wird das nichts“, sagt Expertin Birgit Dörr.
„Sie werden viel selbst kochen müssen – bevorzugt aus Grundnahrungsmitteln. Mit Fertiggerichten wird das nichts“, sagt Expertin Birgit Dörr. Foto: Archiv

„Probleme könnte es beim Metzger oder Bäcker geben“, mutmaßt Birgit Dörr als Nächstes. Da muss man wahrscheinlich nachfragen, wo „es“ herkommt. Und die nächste Frage, die sich aufdrängt: Das Mehl oder das geschlachtete Tier stammt vielleicht noch aus der Region, aber auch in Wurst oder Brot sind Salz und weitere Zutaten enthalten. Wie eng kann man das Ganze also wohl realistischerweise sehen?

Einheimischen Fisch gebe es in Niederleierndorf oder Bad Gögging. Saisonales Gemüse, wie es etwa auf dem Kelheimer Markt zu bekommen ist, stammt hauptsächlich aus dem Regensburger Umland. Da dürfte der Radius kein Problem sein. Konserven-Gemüse wie Gurken, Sellerie, Karotten werden in den Landkreisen Deggendorf oder Straubing-Bogen verarbeitet. Das sprengt dann wohl mein 50-Kilometer-Limit. Gut, dass es noch viel frisches Gemüse gibt.

Das Obst – noch gibt es Erd- und Himbeeren, zum Beispiel aus Sandharlanden. Reginale Säfte kann man dieser Tage selbst bei den Obst- und Gartenbauvereinen mosten oder bei Mostbetrieben aus der Region beziehen.

Begriff „regional“ ist nicht definiert

Probleme sagt mir Birgit Dörr aber grundsätzlich bezüglich der Regionalität voraus. „Der Begriff ist nicht definiert und kann sogar über Landesgrenzen hinaus gehen.“ Seit 2014 gibt es etwa die Produktkennzeichnung „Regionalfenster“. Doch die ist laut Dörr noch zu wenig bekannt und wer sich die Kriterien einmal näher anschaut, darf es mit der Regionalität nicht so eng nehmen. So mein erster Eindruck.

Genau hinschauen: Hinter der neuen blauen Packungs-Kennzeichen für regionale Produkte steckt keine feste Regionen-Definition.
Genau hinschauen: Hinter der neuen blauen Packungs-Kennzeichen für regionale Produkte steckt keine feste Regionen-Definition. Foto: Daniel Naupold/dpa

In der Rubrik „Fragen & Antworten“ wird das Fehlen einer bundesweit einheitlichen Regionen-Definition folgendermaßen begründet: „Regionen sind gefühlte Einheiten mit wechselnden Grenzen und somit schwer in Gesetze mit starren Bezugsgrößen zu gießen.“ Der Verbraucher könne je nach Produkt selbst entscheiden, ob ihm die Regionsdefinition „ausreicht“ oder ob sie nach seinem persönlichen Empfinden zu groß gewählt sei. Aha!

Schaut man sich auf der Website an, welche Regionen gelistet sind, ist klar, dass man dort etwas anderes unter Region versteht, als ich es testen möchte. In einer globalisierten Welt mag der ganze Freistaat oder die Paarung mit Baden-Württemberg zur Region Süddeutschland klein anmuten, doch wenn ich es eine Woche lang eben „eng“ – sprich im 50-Kilometer-Radius – sehen möchte, muss man sich wohl selbst durchfragen, weil das regional im Regionalfenster nicht meinem selbst definierten Regional entspricht. Es gibt u.a. die Region „Voralpenland und Innviertel“, die reicht von Garmisch-Partenkirchen bis Kiefersfelden und sogar bis nach Österreich. „Wer regional einkaufen will, muss sich gut informieren und kochen und bevorraten können“, sagt Birgit Dörr. Na, dann mal los!

Ziel des Selbstversuchs ist es, die Klimabilanz in Sachen Ernährung zu reduzieren. Eine Woche lang darf MZ-Reporterin und „Fast-alles-Esserin“ Beate Weigert nur essen und trinken, was im Umkreis von 50 Kilometern hergestellt bzw. gewachsen ist. Kollegin Monika Pöllmann schaut aus vegetarisch-veganer Sicht, was geht und was nicht geht. Und wer klimaschonendes Kochen selbst mal ausprobieren will, dem sei der Kochkurs „Klimaküche“ empfohlen, den die Katholische Erwachsenenbildung und das Kelheimer Klimaschutzmanagement am 22. September anbieten.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht