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Sicherheit

Die Brandgefahr an der Hausfassade

Polystyrol als Wärmedämmung ist gut für den Klimaschutz und bezahlbar. In Saal zeigte sich die Gefahr für den Brandschutz.
Von Beate Weigert

  • Nur Löschen reicht nicht, wenn brennbare Hartschaum-Dämmungen Häuser isolieren. Foto: Feuerwehr Saal
  • Meist müssen Fassaden großflächiger geöffnet werden. Nur so lässt sich ausschließen, dass alle Glutnester beseitigt sind. Foto: Feuerwehr Saal

Kelheim.Für die Energiewende sind sie ein Segen, für die Sicherheit eines Wohngebäudes können sie sich aber als Fluch erweisen. Die Rede ist von brennbarer Styrophor-Wärmedämmung, die im Zuge energetischer Sanierungen oder Neubauten vielfach auch an Hausfassaden im Landkreis Kelheim geschraubt worden ist und wird. Vor allem Polystyrol ist bei Häuslebauern und Immobilienbesitzern beliebt. Denn es ist relativ günstig und leicht zu verarbeiten.

Brennende Mülltonne reicht

Doch das Dämmmaterial ist bekanntlich aus Erdöl hergestellt und damit brennbar. Laut Kreisbrandrat Nikolaus Höfler reicht eine direkt an der Hausfassade abgestellte, brennende Mülltonne oder ein brennendes Mofa, um eine Fassade vollends zum Brennen zu bringen. Brandtests, die die Bauministerkonferenz in Auftrag gegeben hatte, zeigten sogar, dass selbst wenn alle vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen umgesetzt sind, ganze Fassaden brennen können. Der zweite Grund, der diese relativ neue Art von Feuerwehr-Einsätzen auslösen kann, sind Schweiß- oder Flexarbeiten am Haus. So wie es erst in der vergangenen Woche in Saal der Fall war. Dort waren Bitumenbahnen verschweißt worden.

Styroporplatten zur Wärmedämmung
Styroporplatten zur Wärmedämmung Foto: Armin Weigel/dpa

Tückisch sei, dass die Brände meist unter der Fassade weiterwachsen können, sagt Höfler, der erst vor kurzem für die Fortbildung der Kommandanten aus dem Landkreis einen Experten zu dem Thema eingeladen hatte. Die freiwilligen Helfer der Feuerwehren müssten das wissen. Denn wenn ein mutmaßlich kleiner Brand gelöscht zu sein scheint, könnten Glutnester unter der Fassade weiterglimmen und ein neues Feuer entstehen lassen. „Das Gemeine ist, dass man es mit der Wärmebildkamera von außen nicht sehen kann.“ Zum Glück gebe es in der Region Kelheim keine Hochhäuser, die man per Drehleiter nicht mehr erreichen könnte. Dies sei in großen Städten ein gewaltiges Problem, so Höfler.

Dennoch ziehen Fassadenbrände in denen entsprechende Hartschäume verbaut sind, auch im Landkreis meist ein großflächiges Öffnen selbiger nach sich. Dies sei die einzige Möglichkeit, sich zu überzeugen, dass alle Glutnester gelöscht sind, so Höfler.

Ist das Ganze Sondermüll?

  • Neben Polystyrol-Hartschaum-Platten

    (EPS oder XPS), die mit Poly-Urethan-Hartschaumplatten (PUR) zu den synthetisch-organischen Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) gehören, gibt es noch die synthetisch-anorganischen (Mineralwolle, Mineralschaum, Gipsschaum und Caciumsilikat-Platten), synthetischen (Vakuumdämmplatten-VIP) und natürlich-organischen (Holzfaser, Kork, Hanf, Schilf).

  • Die Entsorgung

    solcher WDVS-Platten ist im Neuzustand relativ einfach unter Restmüll einzustufen, heißt es aus dem Sachgebiet Abfallwirtschaft im Landratsamt. Die Entsorgung laufe üblicherweise über private Entsorgungsfirmen an die Müllverbrennungsanlage Ingolstadt. Im Fachjargon gibt es laut der jeweiligen Sicherheitsdaten- bzw. Produktdatenblätter eine AVV-Nummer zur Einstufung der Gefährlichkeit des Produktes entweder in die Kategorie ungefährlich oder gefährlich. Die Bezeichnung „Sondermüll“ werde unter Fachleuten nicht verwendet. Dies sei eher umgangssprachlich. Speziell bei Dämmplatten auf der Basis von Polystyrol wird die AVV-Nummer 17 06 04 (ungefährlicher Abfall) für sortenreines Material (= Neuzustand) angegeben in der Kategorie Bauabfälle/Isoliermaterial.

  • Bei Abbruch-Maßnahmen

    werden Baustellenabfälle meist vermischt. Eine Entsorgung richtet sich dann nach dem Stoff mit der höchsten (gefährlichsten) Einstufung, so die Experten im Landratsamt.

  • Geht der Entsorgung ein Brand

    voraus, wird die Angelegenheit generell schwierig und speziell. In der Regel kann man davon ausgehen, dass bei Brand immer gefährlicher Abfall entstehen kann. Aufgrund der Substanzen, die während des Brands und auch in Verbindung mit Löschmitteln entstehen. Eine Einstufung in eine Entsorgungsmöglichkeit wird daher immer eine Einzelfallentscheidung nach vorhergehender Untersuchung durch einen Fachgutachter/-labor sein. Allgemeine Aussagen sind laut Abfall-Entsorgungs-Ressort nicht möglich. (re)

Giftige Rauchgase, die durch brennende Styrophordämmungen zustande kommen, sind in Höflers Augen weniger eine Gefahr für die Feuerwehr, denn die trage Atemschutz. Genauso wie die durch das giftige Flammschutzmittel HBCD, das seit August 2015 nicht mehr hergestellt und angewendet werden darf, entstehenden hoch giftigen Dioxine. Die seien eher für Menschen gefährlich, die sich womöglich noch in einem brennenden Gebäude aufhalten, sagt der Kreisbrandrat und verweist auf die Installation lebensrettender Brandmelder.

Höfler hofft, dass nach der Kommandantenschulung mit einem Risiko-Ingenieur aus Österreich, die lokalen Feuerwehren in den Winterschulungen dieses Thema weiter aufgreifen.

Versicherung: erhöhtes Risiko

Wirkt sich ein Wärmedämmverbundsystem, wie es im Fachjargon heißt, auf die Höhe der privaten Brandschutzversicherung aus? Das wollte die MZ von Versicherern wissen. Bei der Allianz etwa ist dies relevant für den jeweiligen Tarif, heißt es von der Pressestelle in München. Im Antrag werde gefragt, ob eine Dämmung an Außenwänden aus Styropor, Polystyrol, Hartschaum oder Mineralwolle ab einer Gesamtfläche von mehr als 15 Quadratmetern vorhanden ist. Denn: „Bei derartiger Bauausstattung besteht ein erhöhtes Schadenrisiko hinsichtlich des Brandschutzes, aber auch der Hagelbeständigkeit.“

Ob in den vergangenen Jahren die Schadensfälle gestiegen sind, werde nicht dokumentiert. Die Schadensabteilung mache aber die Erfahrung, „dass Schäden im Durchschnitt teurer werden, weil das Polysterol so gut brennt“.

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