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Die Retter: Lisas neuer Blick auf Armut

Vor Wunden fürchtet sich die 19-Jährige vom BRK Kelheim nicht – aber die Verwahrlosung vieler Patienten hat sie aufgerüttelt.
von Claudia Pollok, MZ

Nach jeder Schicht im Krankenwagen überprüft Lisa Rottler, ob alle Geräte funktionieren und alle Medikamente aufgefüllt werden müssen.
Nach jeder Schicht im Krankenwagen überprüft Lisa Rottler, ob alle Geräte funktionieren und alle Medikamente aufgefüllt werden müssen. Foto: Pollok

Kelheim.Der Blick in fremde Wohnzimmer hat sie verändert. Da ist sich Lisa Rottler sicher. Die 19-Jährige macht seit September den Bundesfreiwilligendienst. Sie ist „Bufdi“ beim Bayerischen Roten Kreuz in Kelheim und fährt im Rettungswagen mit. Als sie nach der Schicht die Geräte im Auto überprüft, erinnert sie sich an einen besonders schlimmen Einsatz in der Wohnung eines Messies: „Zigarettenrauch erfüllte die ganze Wohnung und das dreckige Geschirr der vergangenen Woche lag überall auf Stapeln. Und mitten in dieser Armut: ein verwahrloster Mensch, in stinkenden Klamotten – ganz mit sich allein.“

Solche Bilder hat die Abiturientin, die Medizin studieren will, vor dem Bundesfreiwilligendienst noch nie mit eigenen Augen gesehen. „Durch die Arbeit im Rettungswagen habe ich erst gemerkt, was für ein verwöhntes Kind ich war“, sagt die junge Frau jetzt. Seit ich ,Bufdi‘ bin, erwische ich mich immer wieder bei dem Gedanken, wie blind ich doch aus der Schule herausgegangen bin. Heute würden ihr oft Menschen auf der Straße auffallen, an denen sie früher achtlos vorbeimarschiert ist.

Wiedersehensfreude auf Sylt

Das sei ihr erst vor kurzem mit Freunden in Berlin passiert, erzählt die junge Frau weiter. Ein älterer Herr konnte am Bahnhof mit seinem Rollator nicht über eine Stufe steigen, da sei sie aufgesprungen und habe ihm geholfen. „Früher wäre er mir wahrscheinlich gar nicht aufgefallen“, gesteht sie. Aber jetzt arbeitet sie fast jeden Tag mit älteren Menschen zusammen und kennt ihre Probleme und Ängste. Bufdis fahren immer gemeinsam mit einem hauptamtlichen Notfallsanitäter im Krankenwagen mit. Hauptaufgabe ist der Krankentransport. Lisa Rottler sitzt dann am Steuer und bringt die Patienten ins Krankenhaus oder von dort wieder nach Hause.

Dabei kommt es immer wieder zu rührenden Szenen erzählt sie. Besonders wenn sie ältere Patienten vom Krankenhaus oder der Reha zurück zu ihren Ehepartner fährt. Einmal habe sie eine alte Frau die im Landkreis Kelheim ihre Reha verbrachte, bis nach Sylt zu ihrem Ehemann gebracht. Dieser stand schon eine Stunde vorm Haus, als sie mit dem Krankenwagen ankamen. Voller Freude habe der dem BRK-Team sogar noch sein Haus gezeigt und ihnen aus Dank einen Sylt-Anstecker geschenkt, erzählt Lisa. Solche Momente würden sie ganz besonders motivieren. Aber auch, wenn ihr die Patienten nach kürzeren Fahrten ein Lächeln oder Dankeschön schenken, wisse sie, dass sie etwas richtig gemacht habe.

Schon seit der neunten Klasse möchte sie Medizin studieren. Zuerst habe sich Lisa Rottler als Bufdi beworben, weil sie nicht gleich einen Studienplatz bekommen habe. Mittlerweile will sie gar nicht mehr so schnell auf die Uni, sondern hängt noch ein Jahr beim BRK an.

„Viele wollen nach dem Abi sofort studieren, aber ich bin froh über die Erkenntnisse, die ich im Bundesfreiwilligendienst gewonnen habe. Das sind Erfahrungen, die ich mein ganzes Leben nicht vergessen werde“, sagt sie.

Besonders interessant findet Lisa Rottler Gespräche mit psychisch kranken Menschen, die sie ins Bezirksklinikum Regensburg fährt. Wenn diese nicht ärztlich versorgt werden müssen, darf Lisa mit ihnen hinten im Wagen sitzen und der Kollege fährt. Dabei merke die 19-Jährige schnell, ob ein Patient reden möchte, oder nicht, erzählt sie. Manchmal komme es dann zu wirklich intimen Gesprächen, weil die Ängste und Sorgen plötzlich aus den Patienten heraussprudeln. Lisa versuche dann einfach dem Patienten das Gefühl zu geben, gehört zu werden.

Retter müssen die Ruhe bewahren

Natürlich würden Lisa Rottler solche Gespräche auch schon mal nach Feierabend beschäftigen, aber sie habe gelernt, damit umzugehen, sagt Lisa Rottler. Außerdem könne sie jederzeit mit den Notfallsanitätern über schwierige Situationen sprechen. Jeder Bufdi hat auch einen eigenen Beauftragten. Da die Bufdis bei den ersten Einsätzen nur als Dritte im Krankenwagen mitfahren, gebe es auch immer die Möglichkeit kurz ein paar Schritte beiseite zu gehen und durchzuschnaufen.

Die Retter Bundesfreiwilligendienst

Lisa Rottler erinnert sich zum Beispiel an einen Einsatz gleich am Anfang ihrer Bufdi-Zeit, als sie gerufen wurden, weil ein junger Familienvater tot im Bett lag. Als sie ankamen, liefen die Kinder aufgeregt im Raum herum. „Das war so ein trauriges Bild“, sagt die 19-Jährige. Aber als Retter dürfe das einen in diesem Moment nicht aufschrecken. Sie habe damals für die Angehörigen versucht Ruhe auszustrahlen, aber die anderen Helfer hätten Verständnis gehabt, wenn sie das noch nicht geschafft hätte.

Lisa Rottler kann solchen Erlebnissen aber auch etwas Gutes abgewinnen: „Durch die Arbeit als Bufdi weiß ich mein eigenes Leben heute viel mehr zu schätzen und bin dankbarer für das, was ich habe,“ sagt sie und schließt die Türen des Krankenwagens für diesen Tag.

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