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Grundwasser

Einer der größten Fehler der Menschheit

Was beim Grundwasserschutz in der Landwirtschaft falsch läuft, diskutierten vier Experten – die waren sich nicht immer einig.
von Benjamin Neumaier und Martina Hutzler

Mittels Pflanzenschutzmittel, Dünger, Klärschlamm oder Gülle kommen Schadstoffe auf die Felder und damit auch ins Grundwasser – die Landwirtschaft muss sich der Aufgabe annehmen.
Mittels Pflanzenschutzmittel, Dünger, Klärschlamm oder Gülle kommen Schadstoffe auf die Felder und damit auch ins Grundwasser – die Landwirtschaft muss sich der Aufgabe annehmen. Archivfoto: dpa

Kelheim.„Trinkwasser ist unser Lebensmittel Nr. 1, das durch nichts ersetzt werden kann“ – so steht es in der deutschen Trinkwasserverordnung. Wasser ist schützenswert. Inwiefern die Landwirtschaft Einfluss auf unser Grundwasser hat, mit welchen Maßnahmen dieses geschützt wird oder in Zukunft geschützt werden muss, diskutierten in unserer Redaktion Bio-Landwirt Franz Aunkofer, BBV-Geschäftsführer Alois Schweiger, Peter Forstner vom Bund Naturschutz sowie Josef Ingerl und Siegfried Schneeweis-Müller vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten mit den MZ-Redakteuren Benjamin Neumaier und Martina Hutzler.

Trinkwasserverunreinigung ist kein neues Thema, aber durchaus aktuell: So werden glyphosathaltige Unkrautvernichter tonnenweise eingesetzt. Die schädlichen Auswirkungen auf Natur und Mensch durch den Eintrag ins Trinkwasser werden aber oft verharmlost oder gar geleugnet. Wie sehen Sie die Situation?

Forstner: Das Glyphosat wird zu 80 Prozent in der Landwirtschaft eingesetzt, aber auch zu 20 Prozent von Kommunen und Privathaushalten, sicherlich auch bei uns im Landkreis. Der Bund Naturschutz lehnt den Einsatz generell ab. Es ist eine Gefahr.

Peter Forstner, Bund Naturschutz
Peter Forstner, Bund Naturschutz Foto: Neumaier

Aunkofer: Glyphosat ist aktuell das Thema. Atrazin ist ein Skandal, der schon Jahre zurückliegt – aber ein ähnlicher Fall, zumindest in der Wahrnehmung. In Kelheim wurde damals ein Förderbrunnen gesperrt, das Trinkwasser war ungenießbar. Die Sanierung kostete zehn Millionen Euro. Schuld waren in der öffentlichen Wahrnehmung die Bauern – und, klar, es geht um die Anwender, die diese Stoffe durch Pflanzenschutzmittel auf die Felder bringen. Aber auch die Beratung ist beteiligt, Produktion, Handel und Entwickler – auch von denen werden Folgen oft nicht beachtet.

Schweiger: Pflanzenschutzmittel unterliegen strengen Richtlinien. Die Testreihen sind oft so aufwendig, dass Mittel gar nicht in den Verkauf kommen. Heute kennen wir aber durch moderne Analysetechniken Auswirkungen, die man früher nicht abschätzen konnte.

Bio-Landwirt Franz Aunkofer
Bio-Landwirt Franz Aunkofer Foto: Neumaier

Forstner: Dann darf ich eben nichts ausbringen, was ich nicht hundertprozentig im Griff habe.

Schweiger: So einfach ist das nicht und nicht in zwei, drei Sätzen zu regeln.

Ingerl: Das Problem – aktuell beim Glyphosat – ist nicht die Ausbringung auf den Feldern, sondern über versiegelte Flächen; auf Pflaster zum Beispiel. Das sind Punkteinträge, die ins Grundwasser gelangen – die muss man verhindern.

Schneeweis-Müller: Sie haben Beratung angesprochen: Die kann aber auch nur vom aktuellen technischen Stand aus beraten. Natürlich geht Sicherheit vor, aber ein Restrisiko bleibt immer. Dennoch: Unsere Wasserqualität war schon bedeutend schlechter als heute – es hat sich viel getan. Man muss aber weiter dranbleiben: Wir müssen kontrollieren, aber auch die Denkweise der Anwender verändern.

Kontrovers diskutiert wird auch das Thema Klärschlamm. Ein landkreisweites Konzept sollte die Ausbringung auf Felder eindämmen, weil bestimmte Stoffe im Klärschlamm das Grundwasser belasten. Umgesetzt ist das Konzept nur in Teilen.

Aunkofer: Einer der großen Fehler der Menschheit ist die Unterbrechung der Kreislaufwirtschaft. Klärschlamm ist organisches Material, das auf die Felder zurückkommen sollte – am besten angereichert mit Kompost. Heute ist der Klärschlamm aber oft mit Giftstoffen aus Haushalten oder Industrie belastet und sollte deshalb nicht auf Felder kommen. Die Lösung wäre, diese Giftstoffe gar nicht erst in den Klärschlamm kommen zu lassen!

Der Bund Naturschutz lehnt den Einsatz von Glyphosat generell ab. Es ist eine Gefahr.

Peter Forstner

Schweiger: Da bin ich einverstanden. Klärschlamm wäre allemal besser als mineralischer Kunstdünger; vor allem enthält er Phosphor, der für die Düngung wichtig ist. Den müsste man nach der teuren und aufwendigen Verbrennung von Klärschlamm erst wieder zurück gewinnen.

Dennoch steht ein Verbot der Düngung mit Klärschlamm im Raum. Ist das sinnvoll?

Aunkofer: Ein generelles Verbot nicht, es gibt ja unterschiedlich belastete Klärschlämme.

AELF-Berater Josef Ingerl
AELF-Berater Josef Ingerl Foto: Neumaier

Ingerl: Aller Klärschlamm, der ausgebracht wird, ist untersucht und ein sehr guter Dünger. Aber das Restrisiko besteht, dass Böden und Wasser mit Stoffen belastet werden, die wir heute noch gar nicht im Blick haben. Das Klärschlammkonzept ist an sich gut, wenn der Phosphor zurückgewonnen wird. Es scheiterte bislang aber an den Kosten.

Schneeweis-Müller: Die ausgebrachten Mengen gehen stark zurück.

Schweiger: Das Verbot ist doch schon fast da. Auch was Gülle betrifft, laufen großflächige Untersuchungen.

Wie gut sind tierische Hinterlassenschaften als natürlicher Dünger?

Aunkofer: Es klingt komisch, aber Gülle ist unnatürlich. Kot und Harn gemischt – das kommt in der Natur, beim Tier, eigentlich nicht zusammen. Außerdem wird Gülle fast immer unter Sauerstoff-Ausschluss, also anaerob gesammelt. Auch das ist unnatürlich. Natürlich wäre es, Mist – also die festen Stoffe – und Jauche – die flüssigen Ausscheidungen – auszubringen.

Schneeweis-Müller: Im Landkreis ist der Gülle-Einsatz verhältnismäßig und schadlos für das Grundwasser. Es gibt eine gute Querverteilung zwischen Viehhaltungsbetrieben und Pflanzern.

Kontrolle ist wichtig, schließlich geht es um das Allgemeingut Grundwasser.

Josef Ingerl

Schweiger: Im Landkreis wird, bezogen auf die Fläche, mit Gülle nicht überdüngt. Da sind wir wie im „gelobten Land“. Kontrollen sind aber unerlässlich.

Ingerl: Es geht vor allem darum, überschüssigen Stickstoff im Boden zu binden, damit er nicht ins Grundwasser gelangt. Das erreicht man durch Bepflanzung auch im Winter. Da muss noch konsequenter gearbeitet werden.

Aunkofer: Warum haben wir überhaupt einen Stickstoff-Überschuss im Boden?!

Schweiger: Eine gewisse Reserve im Boden ist für den Ertrag unabdingbar. Wenn wir die 1970er bis 90er Jahre betrachten, war der Nitratüberschuss im Boden weit höher als heute, aber immer noch flächenverträglich.

Aunkofer: Auf die Fläche gesehen, stimmt die Bilanz an organischem Dünger vielleicht. Aber es gibt bestimmt einige, die an der oberen Grenze des Erlaubten liegen oder sogar drüber. Darum auch die Nitratbelastungen in Trinkwasserbrunnen.

Ingerl: Deswegen gibt es einen Düngeplan, der mit der neuen Düngeverordnung kommen wird. Es wird dann weit stärker kontrolliert und überwacht; alles wird festgehalten, teils der Einkauf von Düngemittel schon digital erfasst.

Das klingt, überspitzt ausgedrückt, fast nach Überwachungsstaat.

Ingerl: So schlimm ist es nicht, aber Kontrolle ist wichtig. Schließlich geht es um das Allgemeingut Grundwasser.

Schneeweis-Müller: Es geht auch nicht nur um Kontrolle, sondern um Controlling: das ist ein Unterschied: Kontrolle bedeutet Überwachen, Controlling heißt, das Bewusstsein der Landwirte zu erreichen.

Schweiger: Nitratprobleme gibt es auch in Grundwasser, das bereits 30 bis 40 Jahre alt ist. Wir müssen also aus Fehlern der Vergangenheit lernen. Es gibt viel Kopfarbeit in den Betrieben zu tun – aber wir sind auf einem guten Weg.

Forstner: Das klingt so, als hätten wir aktuell keine Probleme, als wären das Altlasten. Probleme gibt es auch aktuell.

AELF-Pressesprecher Siegfried Schneeweis-Müller
AELF-Pressesprecher Siegfried Schneeweis-Müller Foto: Neumaier

Aunkofer: Peter, es ist schon besser geworden. Die Tiefpreismisere in der Landwirtschaft war, so komisch es klingt – top für unser Grundwasser: Es wurde weniger gedüngt, weil die Produkte niedrige Preise erzielten. Jetzt gingen die Preise wieder hoch und damit auch die Erträge und die Düngung: Es ist ein Teufelskreis. Für unser Wasser wäre es also super, wenn die Preise wieder fallen.

Schneeweis-Müller: Aber dann stirbt die Landwirtschaft.

Könnte man den Wasserpreis als Regulativ nutzen?

Schneeweis-Müller: Nein. Die Landwirtschaft wäre und ist oft schon so eine armselige Marionette, die vorne dransteht und auf die eingehackt wird. Wir brauchen für alle, die du aufgezählt hast, Franz, neue Spielregeln.

Aunkofer: Die Biolandwirtschaft ist meiner Meinung nach die gangbarste Möglichkeit, für gesundes Trinkwasser zu sorgen. Daran sollten sich konventionelle Landwirte ein Beispiel nehmen.

Forstner: Dem kann ich mich nur anschließen, es gibt keine Alternative – so wie es jetzt läuft geht es nicht.

BBV-Geschäftsführer Alois Schweiger
BBV-Geschäftsführer Alois Schweiger Foto: Neumaier

Schweiger: Weder ein Bio- noch ein konventioneller Landwirt tut etwas Verbotenes. Klar ist die Landwirtschaft in der Verantwortung, zum Grundwasserschutz beizutragen. Ob das nun zwingend „Bio“ ist, weiß ich aber nicht. Jedenfalls werden weitere Schritte folgen.

Ingerl: Die wichtigste Aufgabe ist, die Stickstoffeffizienz zu erhöhen und Überdüngung zuvermeiden. Da ist auch die Beratung gefragt.

Schneeweis-Müller: Die Landwirtschaft wird die Aufgabe annehmen müssen – und das auch tun –, Einträge von Schadstoffen in das Grundwasser auf ein Minimum zu begrenzen. Eine sachliche, lösungsorientierte Gesprächsrunde wie heute ist der beste Beweis, dass es funktionieren kann.

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