MyMz
Anzeige

Themenwoche

Fachkräfte: Wo geht die Reise hin?

Betriebe tun sich im Kreis Kelheim teils heute schon schwer, Azubis oder Spezialisten zu finden. Kreativität ist gefragt.
Von Beate Weigert

Beim Spezialschuhfertiger Haix in Mainburg müssen Bewerber für Berufe wie Schuhfertiger oder Industriekaufmann/-frau erst die Aufgaben der „Adventure Days“ erfolgreich meistern. Dazu gehört unter anderem gemeinsam ein Floß zu bauen.
Beim Spezialschuhfertiger Haix in Mainburg müssen Bewerber für Berufe wie Schuhfertiger oder Industriekaufmann/-frau erst die Aufgaben der „Adventure Days“ erfolgreich meistern. Dazu gehört unter anderem gemeinsam ein Floß zu bauen. Foto: Hanno Meier/Haix

Kelheim.Von nix kommt nix, sagt man so schön in Bayern. Für Michael Gammel, den IHK-Gremiumsvorsitzenden im Landkreis Kelheim, ist dies auch das Motto für Nachwuchs und Fachkräfte. Auch wenn sich die Lage in der Zukunft nicht so angespannt entwickeln dürfte wie in nördlicheren Landkreisen der IHK Oberpfalz-Kelheim. Kelheim gilt als Zuwanderungs-Landkreis. Bis 2032 soll die Bevölkerung um 4,5 Prozent wachsen. Doch allein mehr Bewohner heißt nicht automatisch, dass auch lauter „Mordsarbeitnehmer“ zu bekommen sind, so Gammel. Die Firmenchefs dürften daher das Thema nicht blauäugig sehen. Mittel- bis langfristigste Anstrengungen sind nötig. Schon heute lassen sich Firmen im Kreis sehr kreative Dinge einfallen, um Personal zu finden.

Das sagt die IHK-Statistik bis 2032 voraus für die Region Kelheim

Noch etwas ist sicher: „Wir werden viele Ältere haben“, so Gammel. Auskunft darüber gibt der „Alten-Quotient“. Das ist die Zahl der Menschen, die 65 Jahre und älter sind, pro 100 Erwerbstätige im Alter von 20 bis 64 Jahre. Er wird sich im Landkreis fast verdoppeln von 28,9 Prozent in 2012 auf 47,9 Prozent in 2032. Mit der Zahl im Hinterkopf, müssen die Betriebe heute nachhaltige Wege zur Personalgewinnung einschlagen – das geht nicht von heute auf morgen.

Bis 2030 werden auch die Schulabgänger weniger: im IHK-Bezirk insgesamt um 23,9 Prozent, im Kreis Kelheim um 17,5 Prozent. Damit stehen die Betriebe mutmaßlich zwar deutlich besser da als die Kollegen in Tirschenreuth – dort soll die Zahl sogar bis zu 35 Prozent schrumpfen. Zeit zum Zurücklehnen bleibt dennoch auch in Kelheim nicht.

„Früher ist angeschafft worden!“ – so läuft’s in Zukunft nicht mehr

„Die Leier vom Fachkräftemangel gibt es seit Jahrzehnten“, sagt Unternehmer Erich Scheugenpflug aus Neustadt. Er findet, dass er und seine Kollegen nicht nur schimpfen dürfen, sondern sich ihrerseits fragen lassen müssen: „Wie qualifiziert sind wir selbst?“. Die Betriebe müssten sich auf die Hinterbeine stellen, um selbst das Beste aus ihren Mitarbeitern herauszuholen, ihre Potenziale zu heben – „auch bei denen, die nur eine schwache Berufsausbildung hingelegt haben“. Viele Firmen-Chefs kommen noch aus einer Zeit, in der es einfach war, gute Mitarbeiter zu bekommen, sagt IHK-Gremiumsvorsitzender Gammel: Sie müssten sich öffnen, nach draußen gehen, ihre Projekte, aber auch die Arbeitsplatzqualität herzeigen. Denn Faktoren wie das Betriebsklima wirkten sich auf die Fluktuation aus. „Wer sich wohlfühlt, bleibt länger.“ Für seinen eigenen Betrieb Gammel Engineering, der Ingenieursleistungen für Energie- und Gebäudetechnik anbietet, sagt er: „Meine Mitarbeiter sind meine Familie!“ Hierarchie gebe es keine. So müsse jeder Betrieb seine passende Identität finden und den Mitarbeitern Wertschätzung zeigen. „Früher ist angeschafft worden, heute wird partnerschaftlich gearbeitet.“ Für Unternehmen im Kreis Kelheim bietet die Industrie- und Handelskammer mittlerweile auch ein unkompliziertes Werkzeug, den Demografie-Rechner. Er liefert laut Gammel eine schnelle Prognose, wann Einstellungsbedarf ansteht.

Gammel: Auch Kommunen und Landkreis gefragt

Michael Gammel fordert aber nicht von Unternehmen Anstrengungen, um Fachkräfte zu finden und zu halten. Auch Kommunen und Landkreis müssten einen Beitrag leisten. Mitarbeiter, gerade mit junger Familie, brauchten günstigen Wohnraum, Ältere seniorengerechtes Wohnen. Gemeinden müssten eine Willkommenskultur schaffen, damit sich die Bürger mit der Region identifizieren, Freizeit- und Tourismusangebote ausbauen, mehr in Bildung und Jugendarbeit investieren, die schulische wie medizinische (Grund-)Versorgung sichern. Alle zusammen müssten im Landkreis ein Image erarbeiten nach dem Motto: „Hier lebt man gern. Hier ist was los und hier gibt es tolle Arbeitgeber.“

Teamwork und handwerkliches Geschick ist beim Floßbau gefragt.
Teamwork und handwerkliches Geschick ist beim Floßbau gefragt. Foto: Hanno Meier/Haix

Abenteuer-Tage hier,Workshops mit Burgeressen dort

Nischen-Größen wie Spezialschuhfertiger Haix in Mainburg oder der Anlagenbau-Experte für Dosiertechnik und Vergusstechnologie, Scheugenpflug in Neustadt, bitten mittlerweile nicht mehr (nur) zum Vorstellungsgespräch. Und die Rechnung scheint aufzugehen, die Bewerberzahlen steigen. Bei Haix wird der Nachwuchs bei „Adventure Days“ auf Herz und Nieren geprüft. Bei einem einstündigen Bewerbungsgespräch könne man sich gut verstellen, und die Aussagen ähnelten sich sehr, sagt Nadine Maier von der Personalabteilung. Beim gemeinsamen Floßbau dagegen zeige sich, wer wirklich handwerklich geschickt ist, wer Aufgaben nach kurzer Erklärung gut umsetzen kann, wer sehr gute Ideen hat, obwohl er zunächst sehr zurückhaltend erscheint. Wer nur eine große Klappe hat, outet sich in den vier Tagen. Was Meier auffällt: Die jungen Leute sind weniger kritikfähig als früher. Mancher werde zuhause zu sehr in Watte gebauscht, heißt es bei Haix. Das wahre Gesicht eines Bewerbers bekommen die Verantwortlichen dort spätestens beim Höhlenklettern zu sehen. Dabei werden die Jugendlichen bewusst an ihr Limit gebracht.

Kreativität sei bei Scheugenpflug grundsätzlich gefragt, sagt Chef Erich Scheugenpflug. So ist man international in vielen Ländern auf Expansionskurs, wo es sprachliche Barrieren gibt. Um die komplexen Dosiersysteme in der Anwendung zu erklären, setzt man seit kurzem etwa auf non-verbale Erklär-Videos. Die Firma hat ehrgeizige Ziele. Dafür braucht sie Personal. Bis 2022 will man Umsatz wie Mitarbeiter verdoppeln. In sechs unterschiedlichen, meist technischen Berufen bildet Scheugenpflug aus. Zum 25-jährigen Firmenjubiläum gab es heuer einen Ausbildungstag mit Workshops, Vorträgen und Burger-Essen. Die Firma will durch das Angebot noch mehr Aufmerksamkeit in der Region bekommen. Für Michael Gammel ist sie ein Vorbild in Sachen „Arbeitgeber-Marke“. Beim Vorstellungstermin, den es bei Scheugenpflug dennoch gibt, werden seit einigen Jahren auch die Eltern eingeladen: zur Betriebsbesichtigung. Ein Angebot, das bislang ebenfalls nicht oft existiert.

Bei einer Höhlenwanderung bringt Haix die künftigen Azubis bewusst an ihre Grenzen.
Bei einer Höhlenwanderung bringt Haix die künftigen Azubis bewusst an ihre Grenzen. Foto: Hanno Meier/Haix

Selbst ausbilden und mit direktem Kontakt zum Management punkten

Um Azubis zu finden, tun sich Unternehmen wie Industriesysteme Reng in Neustadt oder Michael Glatt Maschinenbau in Abensberg eng mit den Mittelschulen der Umgebung zusammen. Reng-Mitarbeiter zeigen etwa im Werkunterricht, wie vielseitig Elektrotechnik ist. Gemeinsam entstehen konkrete Projekte. Glatt setzt auf Schnupperpraktika und positive Mund-zu-Mund-Propaganda. Das hat sich am zielführendsten herausgestellt. Und im Praxistest könnten beide Seiten besser herausfinden, ob sie zueinanderpassen, sagt Jens Otto von der Glatt-Geschäftsführung. Selbst ausbilden und dann übernehmen, ist überhaupt für viele die Maxime. Auch für die Großen wie SMP in Schwaig.

Die Krux bei der Azubi-Auswahl: „die Bewerber werden weniger und ihre Qualität lässt nach. Denn jeder, der ,3+3’ rechnen kann, geht sofort auf eine weiterführende Schule“ – eine bedenkliche Entwicklung“, findet Jens Otto. Oft siege auch der Bürojob. Sich mit Blech und Schweißgerät herumplagen, das mögen nur wenige.

Der Heiz- und Klimaanlagenbauer Wolf in Mainburg kann aktuell wichtige Schlüsselpositionen noch problemlos besetzen, sagt Personalleiter Ulrich Schöpe. Dies gelte insbesondere für Jobs im Bereich Forschung und Entwicklung. Intensive Hochschulkooperationen mit den umliegenden Einrichtungen in Regensburg, Landshut und Rosenheim machten sich bezahlt. „Wir grenzen uns als Mittelständler auch bewusst von den Automobilherstellern mit ihren Konzernstrukturen bei den Young Professionals erfolgreich ab.“ Stichworte: kurze Wege, flache Hierarchien, große Entscheidungsspielräume für einzelne Mitarbeiter, direkter Kontakt zum Management.

Problematischer wird die Situation – das bestätigen viele andere Betriebe – wenn hoch spezialisierte Leute gebraucht werden. Sie kann man schon jetzt in der Regel nur über eine deutschlandweite Suche finden. Teils sogar über die Landesgrenzen hinaus. So ist Gammel Engineering etwa in der Türkei fündig geworden, Glatt in Ungarn. Bislang sind das noch Einzelfälle.

Um von Headhuntern unabhängiger zu sein, hält Wolf in Mainburg Kontakt mit den „Second Best“, also den „zweitbesten“ Bewerbern, die knapp eine Stelle nicht bekommen haben. Über einen Talentpool werden aussichtsreiche Kandidaten regelmäßig über Möglichkeiten informiert. Dies gelte auch auch für interne Kandidaten, Ex-Praktikanten und Werkstudenten. Direktansprache via soziale Medien wie Xing, Facebook und Co. ist für viele heute schon selbstverständlich geworden.

Reng gibt Flüchtling eine Chance, junger Italiener tritt nicht an

Vor allem in Handwerksberufen könnten Flüchtlinge eine große Chance sein. Bei Reng-Industriesysteme in Neustadt startet in Kürze ein junger Somali, der als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling hier landete, eine Ausbildung zum Elektroniker. Den Kontakt stellte das BBW in Abensberg her. Zwei Praktika bestätigten die Firma darin, ihm eine Chance zu geben. Die handwerklichen Fähigkeiten waren „sehr positiv“, lobt Personalreferent Thomas Schaffer.

In der Gastronomie ist es etwa extrem schwer, Koch-Azubis zu finden, bestätigt Janet Rothdauscher vom Hotel „Phönix“ in Neustadt. Zwar hat ihre Kommune eine enge Praktikanten-Kooperation mit der italienischen Partnerstadt. Doch der junge Mann, der kürzlich hier noch Azubi werden wollte, litt zu sehr am Heimweh. Er ging zurück nach Recoaro.

Mehr Frauen in Vollzeit und Ältere, die länger bleiben

Mit Blick auf die demografische Entwicklung werden künftig mehr Frauen in Vollzeit nötig sein, davon ist IHK-Gremiumsvorsitzender Michael Gammel überzeugt. Die Betriebe müssten sie in ihren Bedürfnissen unterstützen, damit sie Familie und Beruf vereinbaren können und flexibler sein.

Ähnlich sei es mit den Älteren. Aktuell betrage die Erwerbsquote bei den 50- bis 64-Jährigen 43 Prozent. Durch Frühpensionierte gehe viel Erfahrung verloren. Würden Unternehmen mehr auf die persönliche Situation eingehen – anstrengende Schichtwechsel, kaputter Rücken und ähnliches – ließen sich viele halten. Die Firmen müssten erkennen, wer wie in welche Tätigkeit passe. Wer dann zufrieden ist, bleibt und „ist nicht beim Arzt“, sagt Gammel, dem es aufstößt, dass bei dem Thema immer nur der Maurer bemüht werde.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht