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Themenwoche

Geglückte Mission und neue Zerreißprobe

Nach 1945 änderte sich auch in Kelheim fast alles, sagt Prof. Manfred Kittel. Die größte Herausforderung komme aber noch.
Von Beate Weigert

Hauptprobleme vor 70 Jahren waren Wohnung und Arbeit. Nicht nur kurzfristig. Auf lokaler Ebene gab es neben der regulären Verwaltung in Gemeinden und Landkreis einen sogenannten Flüchtlingskommissar, der u.a. Wohnraum  beschlagnahmen musste.
Hauptprobleme vor 70 Jahren waren Wohnung und Arbeit. Nicht nur kurzfristig. Auf lokaler Ebene gab es neben der regulären Verwaltung in Gemeinden und Landkreis einen sogenannten Flüchtlingskommissar, der u.a. Wohnraum beschlagnahmen musste. Foto: dpa

Kelheim.In den 1960ern war es ein schlechter „Running Gag“, dass der Bund für die Kulturpflege der Vertriebenen – das waren 1945 etwa 14 Millionen Deutsche gewesen – genauso viel Geld aufwendete wie für den Tempel Abu Simbel in Ägypten, sagt Professor Manfred Kittel. Er ist einer von wenigen Historikern, die zur Geschichte der Vertriebenen forschen. Der gebürtige Franke hat keinen biografischen Bezug zum Thema und doch beschäftigt es ihn seit dem Gymnasium. Unsere Zeitung sprach mit dem 54-Jährigen über die Herausforderungen, die „Staat“ und Gesellschaft – im Freistaat wie im Kreis Kelheim – damals zu bewältigen hatten und welche es heute sind.

Herr Prof. Kittel, mit Blick auf die Vertreibung vor etwa 70 Jahren: Kann man sagen, dass sie für die Menschen im Landkreis Kelheim wie in Bayern überraschend kam?

Kittel: Ja, das kann man, und zwar insofern, als es eine gezielt herbeigeführte, erzwungene Bevölkerungsverschiebung derart gigantischer Dimension war – von der 14 Millionen Menschen aus den deutschen Staats- und Siedlungsgebieten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa betroffen waren. So etwas hatte es in der Weltgeschichte bis dahin nicht gegeben. Und deshalb konnte man sich anfangs, 1945/46, als diese Vertriebenen plötzlich da waren, auch längere Zeit nicht recht vorstellen, dass sie alle bleiben würden.

„So etwas hatte es in der Weltgeschichte bis dahin nicht gegeben.“

Prof. Manfred Kittel über die Vertreibung vor 70 Jahren

Welche Begrifflichkeit ist (für wen) korrekt: Vertriebene, Flüchtlinge, „displaced persons“…?

DPs ist ein historischer Begriff, der 1945 für die vielen Millionen Zwangsarbeiter und Verschleppten des Dritten Reiches, vor allem aus Osteuropa üblich wurde. Flüchtlinge fliehen vor einer konkreten, oft militärischen Gefahr. Im deutschen Fall 1944/45 spielte hier die begründete Furcht vor Vergewaltigungen und anderer Gewalt durch die Rote Armee eine wichtige Rolle. Oder sie fliehen vor allgemein als unerträglich empfundenen Lebensumständen. Sie könnten aber zumindest theoretisch in der Heimat bleiben, wohingegen Vertriebene von fremden Mächten gezielt gewaltsam verjagt, gegebenenfalls auch in Viehwaggons etc. organisiert außer Landes geschafft werden. Die deutschen Flüchtlinge um 1945 wurden aber spätestens dann sehr bald auch zu Vertriebenen, als ihnen von den östlichen Regierungen die in vielen Fällen versuchte Heimkehr verweigert wurde.

Prof. Manfred Kittel
Prof. Manfred Kittel Foto: Thomas Grabka

Wie viele Menschen – welcher Abstammung – kamen damals nach Bayern bzw. insbesondere in den Landkreis Kelheim?

Die Zahl aus der Region Kelheim kenne ich nicht. Aber von den grob gesagt zwei Millionen in Bayern kam etwa die Hälfte aus den sudetendeutschen Gebieten im heutigen Tschechien, einige auch aus der Slowakei, die andere Hälfte aus den übrigen deutschen Staats- und Siedlungsgebieten, wobei die Schlesier mit fast 500 000 die größte Gruppe bildeten.

Was waren die Herausforderungen für den „Staat“? Und wer arbeitete damals Hand in Hand, denn der „Staat“ selbst war ja auch im Aufbau begriffen?

Es war für den nach dem Krieg zunächst ja nur auf Landesebene wieder existierenden „Staat“ – immer unter Kontrolle der alliierten Militärbesatzung – eine gewaltige logistische Aufgabe. In Bayern hat man dazu eigens eine eigentlich ziemlich tüchtige Flüchtlingssonderverwaltung – parallel zu den bestehenden Verwaltungsstrukturen – geschaffen, bis hinunter auf die lokale Ebene. Sonderliche Beliebtheit konnten die sog. Flüchtlingskommissare – angesichts ihres Aufgabenzuschnitts – v.a. bei der einheimischen Bevölkerung allerdings natürlich kaum erlangen. Unter anderem mussten sie die Zwangsbeschlagnahmung von Wohnraum organisieren oder sie stießen bei ihren Bemühungen zur Arbeitsvermittlung bei den hiesigen Handwerksinnungen auf taube Ohren, weil diese Konkurrenz fürchteten. Auch mit den normalen Verwaltungen sind Konflikte dokumentiert.

Zur Person

  • Prof. Manfred Kittel

    forscht aktuell am Deutschen Historischen Museum in Berlin zur Sozialen Integration von Vertriebenen in Deutschland.

  • Von 2009 bis 2014

    war der Historiker Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Diese will in Berlin ein Dokumentationszentrum der Vertreibung installieren. Aktuell wird dieses gebaut, eine Dauerausstellung wird vorbereitet.

  • Zuvor arbeitete

    der 54-Jährige am Institut für Zeitgeschichte in München. Zudem ist Prof. Kittel nach wie vor außerplanmäßiger Professor an der Universität Regensburg. (re)

Wo lagen die Herausforderungen für die Gesellschaft? Flüchtlinge und Vertriebenen waren nicht nur wegen beschlagnahmten Wohnraums vielen nicht gerade willkommen?

Die Hauptprobleme auch mittel- und längerfristig waren in materieller Hinsicht Wohnung und Arbeit. Die größten Schwierigkeiten machte aber anfangs das Wohnungsproblem. Auf der Basis eines Alliierten Kontrollratsgesetzes kam es zu Zwangseinweisungen von Vertriebenen in Häuser und Wohnungen von Einheimischen. Und die hatten bis dahin oft selbst nicht in besonders großzügigen Verhältnissen gewohnt. Das Ganze hat unter dem Druck der amerikanischen Besatzungsmacht trotzdem relativ leidlich funktioniert, aber man sollte auch nicht vergessen, dass es dabei in manchen Fällen sogar zu Konflikten mit tödlichen Ausgang kommen konnte. Zum einen war auf Vertriebenenseite die Suizidrate hoch, aber wie in der „Vertriebenenkorrespondenz“, einer der bekanntesten Vertriebenenzeitungen, in den 1950ern nachzulesen ist, haben sich wohl auch Einheimische umgebracht, weil sie es nicht verkrafteten, dass Flüchtlinge in ihr Haus kommen.

„In manchen Fällen kam es sogar zu Konflikten mit tödlichen Ausgang.“

Prof. Kittel zur Zwangseinweisung von Vertriebenen in Häuser und Wohnungen von Einheimischen

Was veränderte sich durch die etwa zwei Millionen Vertriebenen in Bayern?

Wenn ein Land mit acht Millionen Einwohnern, wie Bayern 1945, plötzlich zwei Millionen Menschen aufnehmen muss, dann ändert sich eigentlich fast alles. In bis dahin rein katholischen Gegenden wie dem Landkreis Kelheim in Niederbayern gab es plötzlich Protestanten, in Mittel- und Oberfranken war es umgekehrt, da gab es auf einmal Katholiken. Bei der Ansiedlung konnte ja nicht auch noch auf konfessionelle Merkmale geachtet werden konnte. Vorbehalte gingen soweit, dass man etwa die jeweils anders Gläubigen nicht auf dem jeweiligen Friedhof bestatten wollte. Ich erinnere mich an einen Vorfall in Ostbayern, wo ein Totengräber sich weigerte, den ersten verstorbenen Protestanten auf dem katholischen Dorffriedhof zu beerdigen. Dort hat aber dann der katholische Pfarrer persönlich zum Spaten gegriffen.

Küche, Toilette und Co. waren längst nicht so wie heute – und mussten geteilt werden.
Küche, Toilette und Co. waren längst nicht so wie heute – und mussten geteilt werden. Foto: dpa

Was änderte sich auf anderem Gebiet?

Vor allem aber hat der Zustrom von fachlich teils sehr versierten Arbeitskräften etwa aus dem Sudetenland – dieses war im nördlichen Teil vergleichsweise gut industrialisiert – oder aus der schlesischen Metropole Breslau ganz entscheidend dazu beigetragen, dass sich Bayern nach 1945 von einem Agrarland zu einem der ersten Wirtschaftsstandorte weltweit entwickeln konnte.

Wie veränderten sich soziale und kulturelle Gegebenheiten?

So gut die Integration angesichts der Menschenmassen, um die es ging, insgesamt geklappt hat, gab es doch erhebliche Schattenseiten. Vor allem der gewerbliche und bäuerliche Mittelstand aus den alten preußisch-deutschen Reichsgebieten im Osten und im Sudetenland hat die Vertreibung – trotz des sogenannten Lastenausgleichs – zu einem großen Teil nicht überlebt. Denn je größer einst das Vermögen, ein desto geringerer Prozentsatz wurde ersetzt, sonst hätte der Staat das nicht bezahlen können. Diese Leute sind sozial abgesunken, wobei auch hier die bayerischen Zahlen aber zumindest noch günstiger sind als die bundesdeutschen. Ein kleiner Handwerksbetrieb ließ sich leichter neu gründen, als kapitalintensivere Unternehmen. Und wer einst als Bauer womöglich viel Land besessen hatte, hatte schlechte Chancen – abgesehen vom Finanziellen – neues zu erwerben. Für Bauern war es in der Regel unmöglich neuen Grund und Boden aufzutreiben. Ohne eine Bodenreform à la DDR mit Enteignungen im großen Maßstab ließ sich das nicht machen. So gingen viele als Ungelernte in die Industrie, weil sie sonst nirgends Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatten. So ist es kein Zufall, dass diese Gruppe Anfang der 1970er politisch mit die schwierigste Klientel bei der Anerkennung der Ostgrenzen war. Hinzu kam der normale Strukturwandel. Der ohnehin größere Betriebe, Verdrängung und Höfesterben bedeutete.

Und kulturell...?

.... ist vor allem auch zu beklagen, dass z.B. die wunderbaren ostdeutschen Dialekte – auch wegen der gezielt zerstreuten Ansiedlung der Vertriebenen durch die Besatzungsmacht – doch weitgehend verloren gegangen sind.

Stichwort Integration: Wie lange dauerte es Ihrer Ansicht nach bis die Einheimischen und die neuen Mitbürger zusammengewachsen waren?

Nach dem Heiratsverhalten oder der Mitgliedschaft in Vereinen war das doch ein erfreulich rascher Prozess. Fakt ist aber auch, dass die Vertriebenen noch Jahrzehnte nach 1945 etwa beim Immobilienbesitz um Längen hinter den Einheimischen zurücklagen. Und Neid und Missgunst wegen vermeintlicher Vorteile der Vertriebenen durch den Lastenausgleich gab es auch noch länger. Doch lässt man politische Sonntagsreden außen vor, so haben die Vertriebenen als Gesamtgruppe 1:1 den sozialen Status der Einheimischen nie erreicht. Die Unterschiede sind signifikant. Auch wenn die Vertriebenen andererseits nicht die „Verdammten dieser Erde“ blieben. Es gab viele Erfolge und viele erarbeiteten sich auch Immobilienbesitz. Sie waren bildungsorientiert. Das war ihr Pfund. Und aufstiegsorientiert. Viele, die noch ein Stück fleißiger waren als die Einheimischen holten gut auf, aber weitem nicht zu 100 Prozent.

„Die Vertriebenen als Gesamtgruppe 1:1 den sozialen Status der Einheimischen nie erreicht.“

Was hat es mit der Bezeichnung „Bayerns vierter Stamm“ auf sich?

Der Ausdruck hat sich schon in den 1950er Jahren – von der Spitze des Staates befördert – durchgesetzt, auch in Würdigung der Aufbauleistungen der Ostdeutschen. In gewisser Weise waren die Ostvertriebenen hier ein Ersatz für die bayerischen Pfälzer, die uns ja nach 1945 abhandengekommen sind. Mit dem vierten Stamm sind gemeinhin die Sudetendeutschen gemeint. Bayern übernahm in den 1950ern die Patenschaft über die Sudetendeutschen. Im Zusammenhang damit stand sicher die Würdigung ihres Beitrags zum wirtschaftlichen Aufbau Bayerns. Doch genauso hätte man die Schlesier zum fünften Stamm erklären können. Doch das stand nie zur Diskussion.

Konnten sich die Sudetendeutschen als Mehrheit besser verkaufen, lauter schreien?

Das Sudetenland lag ja schon seit 1918 im „Ausland“ (Anm. d. Red. in der Tschechoslowakischen Republik). In dieser Situation mussten die Sudetendeutschen immer schauen, wo sie bleiben. Sie hatten also gelernt, sich in einem als fremd empfundenen Staat zu behaupten, eigene Rechte einzufordern, kämpferisch zu sein, dass hatten die Deutschen in Schlesien oder Ostpommern nicht. Die verließen sich mehr auf Väterchen Staat. Sie waren es weniger gewohnt, um ihre Rechte zu kämpfen. Das merkte man auch nach 1945. Sie gründeten oft auch erst später ihre Landsmannschaften.

Hatte die große Zahl der „Vertriebenen“ Einfluss auf die politische Landschaft in Bayern?

Letztlich erstaunlich wenig, und zwar wohl auch, weil es in den Jahren nach 1945 ein Verbot für Vertriebenenparteien gegeben hatte. Aus dem später auch in Bayern aktiven Block der Heimatvertriebenen sind dann erst in den 1960er Jahren viele zur CSU gestoßen. Höher war aber sicher die Bedeutung der selbstbewussten sudetendeutschen Sozialdemokratie für die Bayern-SPD, die nach 1945 Ortsvereine auch in der bisherigen SPD-Diaspora mitaufbauen half.

Vor allem Kinder Vertriebener haben sich in vielen Fällen massiv angepasst, ja überangepasst, um nicht gehänselt zu werden. Sie versuchten nicht aufzufallen, steckten zurück, sagt Prof. Kittel.
Vor allem Kinder Vertriebener haben sich in vielen Fällen massiv angepasst, ja überangepasst, um nicht gehänselt zu werden. Sie versuchten nicht aufzufallen, steckten zurück, sagt Prof. Kittel. Foto: dpa

Ihre Meinung zu Eingliederung und Aufbauleistungen der Vertriebenen?

Die Integration ist insgesamt erstaunlich gut gelungen, aber auch nur deshalb, weil die deutschen Ostvertriebenen sich als anpassungsfähig, teilweise bis hin zur Selbstverleugnung erwiesen haben, nach dem Motto: „Wenn wir nur nicht lästig fallen“. Vor allem Kinder Vertriebener haben sich in vielen Fällen massiv angepasst, ja überangepasst, um nicht gehänselt zu werden. Sie versuchten nicht aufzufallen, steckten zurück. Das spiegelt sich auch darin wieder, dass Vertriebene in den Parteien unterrepräsentiert waren. Sicher sie hatten mit dem materiellen Wiederaufbau genug zu tun. Doch der Vertriebenenanteil im bayerischen Parlament war deutlich niedriger als es dem Bevölkerungsanteil entsprochen hätte. Vielfach wählten Vertriebene auch Hiesige aus Anpassungsgründen. Auch Vertriebene als Bürgermeister oder Landrat musste man lange mit der Lupe suchen. Aber ja, das Zusammenwachsen ist trotzdem gut geglückt. Vor allem auch, weil es nach einem totalen Krieg, der in der Weltgeschichte nicht seinesgleichen hat, eine positive wirtschaftliche Entwicklung gab, die völlig einzigartigen Charakter hatte.

Wie lange spielte die Bezeichnung Vertriebene in der BRD eine Rolle?

Eine wichtige Zäsur kam 1969. Damals wurde das Vertriebenenministerium in Bonn aufgelöst. Auf Landesebene war in Bayern beim Arbeitsministerium zeitweilig ein Vertriebenen-Staatssekretär angesiedelt. Theodor Oberländer hatte das Amt inne. In den frühen 1970ern markierten dann die Ostverträge und die Grenzanerkennung eine weitere Zäsur.

Es gab und gibt auch verschiedene Landsmannschaften? Welchen Sinn hatten diese? Hat sich deren Berechtigung heute erledigt? Oder erledigt sie sich von selbst, weil die betroffene Generation „ausstirbt“?

Die Landsmannschaften wird es weiter geben, weil sie bis heute wichtige Aufgaben im kulturellen Bereich, im Bereich der Völkerverständigung oder auch der Betreuung von Flüchtlingen und Spätaussiedlern haben; man denke hier nur an die richtungsweisende Politik der Sudetendeutschen Landsmannschaft innerhalb der aktuellen deutsch-tschechischen Beziehungen.

Auch heute sind Wohnraum und Arbeit zentrale Probleme. Hinzu kommen viel größere Unterschiede sprachlich, kulturell und religiös, sagt Prof. Manfred Kittel.
Auch heute sind Wohnraum und Arbeit zentrale Probleme. Hinzu kommen viel größere Unterschiede sprachlich, kulturell und religiös, sagt Prof. Manfred Kittel. Foto: Oliver Mehlis/dpa

Haben Vertriebene von damals und Flüchtlinge von heute etwas gemeinsam?

Soweit die heutigen Flüchtlinge ihre Heimat wirklich gezwungenermaßen verlassen, gibt es da im Seelenhaushalt sicher eine wichtige parallele und verbindende Erfahrung. Andererseits macht es einen fundamentalen Unterschied hinsichtlich der Integrationschancen, dass die Migranten heute sprachlich-kulturell-religiös überwiegend aus völlig anderen Welten kommen als seinerzeit die deutschen Vertriebenen und auch ganz überwiegend beruflich schlechter qualifiziert sind. Da muss man ehrlich sein. Und spätestens nach den schrecklichen Anschlägen in Ansbach und Würzburg hinterlässt das Flüchtlingsvergleichen bei mir, offen gestanden, auch einen ziemlich faden Beigeschmack, weil ähnliche Anschläge auf die Aufnahmegesellschaft aus dem – viel größeren – Kreis der deutschen Heimatvertriebenen nach 1945 einfach zu keinem Zeitpunkt verübt worden sind, ja im Grunde undenkbar gewesen wären.

„Es wird unsere bundesdeutsche Gesellschaft, so fürchte ich, vor die größte Zerreißprobe ihrer Geschichte stellen.“

Prof. Kittel über die Situation heute

Gibt es Forschungserkenntnisse, wie lange es dauert, Migranten zu integrieren?

Das hängt – etwa nach den einschlägigen Forschungsergebnissen des Oxforder Ökonomieprofessors Paul Colllier – wesentlich auch von ihrer kulturellen Nähe oder Ferne zur Aufnahmegesellschaft ab. Insofern wird das heute, man denke nur an die nach Jahrzehnten noch bestehenden türkischen oder arabischen Parallelgesellschaften in manchen deutschen Großstädten, deutlichst länger dauern als bei den deutschen Heimatvertriebenen, und es wird unsere bundesdeutsche Gesellschaft, so fürchte ich, vor die größte Zerreißprobe ihrer Geschichte stellen.

Alle Teile der Themenwoche „Vertrieben, geflüchtet – alles auf Anfang“ gibt es hier.

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