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Themenwoche

Großer Druck gehört für sie zum Geschäft

Tausende Jobs im Kreis hängen an der Auto-Zulieferindustrie. Noch geht’s ihr gut – doch das Damoklesschwert ist nicht weit.
Von Beate Weigert

  • In der Zulieferer-Branche steckt Bewegung: Bei SMP (Foto) in Schwaig läuft es aktuell gut, der Konzern Samvardhana Motherson Group investiert in großem Umfang in die Zukunft. Etwa fünf Kilometer weiter firmiert das bisherige Werk von Johnson Controls nun unter chinesischem Namen.Foto: Pieknik
  • Auch Audi zählt zu den Großabnehmern. Foto: obs/Audi AG
  • Für viele Zulieferer ist BMW der Hauptkunde. Foto: Armin Weigel/dpa
  • Anton Simon, SMP-Werkleiter in Schwaig Foto: SMP

Kelheim.„Sie prosperiert“, „sie steht sehr, sehr gut da“, „die Auftragslage ist aktuell sehr gut“. Die Rede ist von der Auto-Zulieferer-Industrie im Landkreis Kelheim. Sie ist die größte Branche mit Tausenden von Beschäftigten. Die Meinungen sind einhellig. Egal, ob man den Werksleiter des größten Arbeitgebers in der Region Anton Simon von SMP (früher Peguform) in Schwaig befragt oder Gewerkschaftssprecher von IG Metall und IG BCE. Die Einschätzungen zur zur Ist-Situation im „Auto-Landkreis“ Kelheim klingen ähnlich.

Die MZ-Themenwoche

  • Die Lokalredaktion

    der MZ-Ausgabe für den Landkreis Kelheim startet mit dieser Ausgabe in die Themenwoche. Überschrieben ist sie mit dem Titel „Zukunft der Arbeit – Arbeit der Zukunft. Was uns im Landkreis Kelheim erwartet“.

  • Ausführlich beleuchten

    die Reporter wichtige Aspekte von der Industrie bis zum Handwerk. Wie geht es den Firmen bei der Nachwuchssuche, wie steht’s um den viel zitierten Fachkräfte-Mangel? Wie familienfreundlich sind die Unternehmen? Welche Chancen haben Menschen aus Randgruppen? Wo sehen sich die Jungen selbst in Zukunft?

  • Aber auch heimliche (Welt-)Marktführer

    haben ihren Sitz im Landkreis. Wir stellen sie exemplarisch vor.

  • Weitere Themen:

    Wie international und digital ist der Landkreis Kelheim? Was braucht es für die Zukunft?

Das Schlaglicht auf diesen bildet den Auftakt zur MZ-Themenwoche „Zukunft der Arbeit – Arbeit der Zukunft im Landkreis Kelheim“. Am Montag beleuchtet die Kelheimer Lokalredaktion die Zulieferer-Industrie.

IHK-Gremiumsvorsitzender Michael Gammel
IHK-Gremiumsvorsitzender Michael Gammel Foto: Gammel

Wenn es kracht, wird es schwierig

Generell steht sie im Landkreis Kelheim aktuell sehr gut da. Und dennoch wollen viele, die mit der Branche zu tun haben oder direkt aus ihrem Dunstkreis stammen, sich nicht öffentlich dazu äußern, Einschätzungen formulieren.

Niemand bestreitet, dass die Abhängigkeit im Landkreis von der Automobilbranche sehr groß ist. „Wenn etwas passiert, wäre dies sehr schwierig zu kompensieren“, ist sich etwa Michael Gammel, der Vorsitzende des IHK-Gremiums im Landkreis Kelheim, sicher. Froh ist er, dass es hier keine reine Monostruktur gibt wie etwa im Großraum Ingolstadt. Denn auch Maschinenbauer, Elektroindustrie, Heizungs- und Klimabau etwa bei Wolf in Mainburg oder chemische Industrie spielen eine wichtige Rolle.

Neustadts Bürgermeister Thomas Reimer
Neustadts Bürgermeister Thomas Reimer Foto: Archiv

Einer, der um die Auswirkungen weiß, wenn doch etwas passiert, ist Neustadts Bürgermeister Thomas Reimer. Die große Abhängigkeit seiner Kommune, die bei es bei gut 13 000 Einwohnern auf etwa 4000 Arbeitsplätze bei den Zulieferern bringt, hat sich schon mehrfach gezeigt; zuletzt in der Krise 2009. Wie es der Branche geht, kann Reimer in den kommunalen Haushalten nachlesen. An der Gewerbesteuer. Sie schwankte allein in den 2000er Jahren zwischen 3,7 und zehn Millionen Euro.

In die Zukunft blickt Reimer mit Spannung, aber auch mit Sorge. „Denn ich habe gelernt, dass die Einschläge sehr schnell kommen.“ Innerhalb von sechs Monaten könne sich die Lage ins Gegenteil verkehren.

Auch wenn es ihr gerade gut geht: Dass die Branche einem strengen Preisdiktat der großen Autobauer unterliegt, ist kein Geheimnis. „Preisdruck ist in der Automobilbranche typisch und gehört ,zum Geschäft’“, sagt daher auch Dr. Andreas Böhm, der Leiter Automotive bei „Bayern Innovativ“, der bayerischen Gesellschaft für Innovation und Wissenstransfer.

Jürgen Scholz, IG Metall
Jürgen Scholz, IG Metall Foto: IG Metall

Dennoch könne man nicht mit der Gießkanne über die ganze Branche gehen, findet Jürgen Scholz, der 1. Bevollmächtigte der IG Metall Regensburg, die auch für einen Großteil der Region Kelheim zuständig ist. Die Großen der Branche wie Continental oder Schäffler verdienten gutes Geld. „Beim Zulieferer vom Zulieferer vom Zulieferer wird es eng.“

Um sich neue Aufträge zu sichern, steht etwa ein Drittel der Unternehmen immer wieder bei Scholz und seinen Kollegen auf der Matte. Ob sich nicht auf dem Posten „Personal“ noch etwas machen lasse. „Ohne kommen wir nicht hin“, bekommen Scholz und seine Kollegen in „regelmäßig unregelmäßigen“ Abständen dann zu hören. Sogar Riesen wie Continental in Regensburg haben das schon versucht.

Derartige Fragen löse man bei der IG Metall „sehr beteiligungsorientiert“. Und es gelte immer herauszufinden, ob eine Firma dann „ohne Rücksicht auf Verluste zusperrt“ oder es doch noch eine andere Lösung gibt.

Bayernweit gibt es laut „Innovations-Moderator“ Bayern Innovativ etwa 1000 Betriebe, die zur Zuliefererindustrie gehören. Die konkrete Anzahl der im Landkreis Kelheim angesiedelten Betriebe ist genauso schwer zu fassen wie die Zahl der Beschäftigten.

Denn die Datenlage dazu ist veraltet und unvollständig: Es werden nur Teilbereiche erfasst. Um die 20 Unternehmen im Landkreis sind wohl im engeren Sinne Zulieferer. Aber die Wertschöpfungskette ist wesentlich länger. Viele kleinere Firmen sind ansässig, die wiederum Zulieferer versorgen. Von der Struktur her überwiegt laut Dr. Andreas Böhm mit leichtem Vorsprung der lokal verankerte, inhabergeführte Betrieb vor dem regionalen „Satelliten“ von Weltunternehmen.

Wer Krisen leichter bewältigen kann, lässt sich für Böhm nur pauschal sagen. Den globalen Konzernen ordnet der Branchen-Experte einen „längeren Atem“ zu. Inhabergeführte Betriebe können aber womöglich kreativere, schnellere und unkonventionellere Wege einschlagen.

Dass Dellen oder Krisen über kurz oder lang auch wieder auf den Landkreis Kelheim zukommen, ist sicher. „Zuliefer kommen und gehen“, sagt IG Metall-Mann Scholz. Das Verschwinden des Autositze-Fertigers Faurecia in Bad Abbach 2010 etwa sei „symptomatisch“ für die Branche.

Auch der Autohimmel- und Innenausstattungsfertiger Antolin in Elsendorf musste zusperren. Zwar montiert dort mittlerweile Magna International Karosserieteile. Doch mit weniger Beschäftigten als früher.

Johnson Controls gibt’s nicht mehr

Ganz aktuell musste sich das Neustädter Werk von Johnson Controls neu orientieren. Denn der US-amerikanische Mutter-Mischkonzern beschloss, sich aus der Automobilbranche zurückzuziehen. Dank eines Joint Ventures mit dem chinesischen Konzern Yanfeng Automotive geht man in Neustadt optimistisch in die Zukunft. Seit Anfang Juli firmiert das Ex-Johnson Controls-Werk unter dem Namen „Yanfeng Automotive Interiors GmbH & Co. KG“.

Laut Auskunft der Pressestelle gehört es damit nun zum weltweit größten Zulieferer für Fahrzeuginnenraum-Komponenten. Die rund 730 Mitarbeiter dürften über die Entscheidung nicht unglücklich sein, sagt Markus Hautmann von der zuständigen Gewerkschaft IG BCE.

Markus Hautmann von der IG BCE
Markus Hautmann von der IG BCE Foto: IG BCE

Sie fertigen vorwiegend für BMW Türverkleidungen und Armauflagen. Durch den Zusammenschluss – die Chinesen mit Sitz in Shanghai halten künftig mit 70 Prozent den Mehrheitsanteil, Johnson Controls 30 Prozent – will man laut Yanfeng-Presseabteilung „von der Erschließung neuer Wachstumsmöglichkeiten und neuer Märkte“ profitieren. Werkleiter bleibt wie bisher Lorenz Hinterreiter. SEite 26 & 27

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