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Schicksal

„Ich bestimme, nicht der Schmerz“

Früher war Hans Beck aus Kelheim ein Adrenalin-Junkie. Bis der Gerüstbauer in die Tiefe stürzte. Nun ist er zurück im Leben.
Von Beate Weigert

Hans Becks Motto fürs neue Jahr: „Ich habe Lust aufs Leben und das lasse ich mir von den Schmerzen nicht versauen.“
Hans Becks Motto fürs neue Jahr: „Ich habe Lust aufs Leben und das lasse ich mir von den Schmerzen nicht versauen.“ Fotos: Weigert

Kelheim.Er war ein Baum, nichts konnte ihn umhauen. Einer, dem der Adrenalinkick nicht groß genug sein konnte. Ein Arbeitstag im Jahr 2002 veränderte sein Leben. Hans Beck stürzte von einem Gerüst in die Tiefe. Heute spricht er fast wie ein Mediziner darüber: „Ich habe mir einen Trümmerbruch am HWK7 zugezogen.“ Gemeint ist der siebte Halswirbel. In einer siebeneinhalbstündigen Not-OP war der verletzte Wirbel versteift worden. Er ist quasi nicht mehr vorhanden. Dann kam der gelernte Gerüstbauer auf Reha. Zunächst entwickelte sich den Umständen entsprechend alles relativ gut. Bis ihn vor eineinhalb Jahren unglaubliche Schmerzen zu plagen beginnen und der Unfall ihn wieder einholt. 2015 fand Beck einen Weg, sich dennoch die Freude am Leben nicht vermiesen zu lassen.

Er fühlte sich ausgeschlossen

Wenn es eine Schmerzskala von 0 bis 10 gibt, dann rangierten seine ständigen Begleiter im Bereich 9 bis 10. Hans Beck warf sich Schmerzmittel ein, konnte nicht mehr schlafen. Er wurde immer übellauniger. Seine Frau kommt nicht mehr an ihn heran. Sie konnte sich den Mund fusselig reden. „Doch die Worte kamen nicht richtig bei mir an“, sagt Hans Beck heute. Der frühere Adrenalin-Junkie, der leidenschaftlich gerne kickboxte und Fahrrad-Cross liebte, mied auf einmal seine Freunde, weil er ja eh nicht mehr mithalten bzw. überhaupt mitmachen konnte. Er fühlt sich ausgeschlossen.

„Ich kann nicht mehr Fußballspielen, nicht mehr Skifahren, ich kann dieses und jenes nicht, ich könnte ja blöd fallen.“

Hans Beck

Sein fünfter und sein sechster Halswirbel nahmen ihm ihre zusätzliche Arbeit wohl krumm, die sie für den Kollegen HWK 7 übernommen hatten.

Er hätte sein Leben wohl ewig weiterhin so durchgezogen, sagt der 54-Jährige. Doch irgendwann klappte das Verdrängen nicht mehr. Er fragte sich, was von seinem Leben bleibt, wenn er so weitermacht. Sich alles nur noch um die Schmerzen dreht. Und die negativen Gedanken in seinem Kopf Karussellfahren. „Ich kann nicht mehr Fußballspielen, nicht mehr Skifahren, ich kann dieses und jenes nicht, ich könnte ja blöd fallen.“ Hans Beck wirft ein, dass er sich bei all dem aber nie hätte selbst „wegrichten“ wollen.

Aber im Sommer 2015 ist er so tief unten, dass sich ein neuer Gedanke dazugesellt. „Er muss etwas machen, so geht es nicht weiter.“ Schon lange hat ihm seine Frau die Teilnahme an der Schmerztherapie in der Goldbergklinik vorgeschlagen. Jetzt ist er bereit dafür. Im Nachhinein sagt Hans Beck: „Das hätte ich viel früher machen sollen. Dann wäre vieles nicht so weit gekommen.“

Es gibt Dinge, die richtig lustig sind

Zwölf Tage verbringt er mit Gleichgesinnten. Auch eine 80-Jährige ist dabei. Die meisten sind wie er zwischen 40 und 60. Sie haben Termine mit Physiotherapeuten, Psychologen, Ärzten, machen Gymnastik, Wasserjogging, gehen Schwimmen oder zur Akupunktur. Eine Genusstherapeutin gibt Tipps. Außerdem malen sie Bilder, kneten Ton. Hans Beck spürt, dass es doch noch Dinge gibt, die er machen kann und die richtig lustig sind. „Wir haben so viel gelacht, wie seit vielen Jahren nicht.“ Keiner kapselt sich ab, die Gruppe macht viel aus, sie pusht.

„Wir blödelten, wir waren ein verrückter Haufen. Es war einfach eine schöne Zeit, so als ob wir uns schon länger kennen würden“, sagt Beck im Rückblick. Zum Abschluss haben sie sogar miteinander Pizza gegessen, Wein und Aperol Sprizz getrunken. Für Ärzte und Therapeuten gab’s Geschenke. „Wir waren einfach happy.“

Mittlerweile haben sich alle für ein fünftägiges Auffrischungsseminar angemeldet. Im Juni 2016 sehen sie sich wieder. Schon im Januar wollen sie aber mal essen gehen, und überhaupt in Kontakt bleiben.

So eine Gruppe in der die Chemie von Anfang an zwischen allen stimmte, hatte man wohl auch im Krankenhaus noch nicht gesehen, das verriet die Oberärztin zum Abschied.

Klar, sie hörten am ersten Seminartag von ihr, dass keiner schmerzfrei die Klinik verlassen werde. Bei den einen sei Linderung möglich, bei den anderen müsse man schauen, was sich medikamentös einstellen lasse.

In seinem Kopf habe sich in diesen Tagen dennoch alles „um 60 Prozent“ gebessert, sagt Hans Beck heute. Klar, mit Kickboxen und anderem Extrem-Sport wird das nichts mehr. Aber es gibt noch so viel anderes.

Inzwischen arbeitet er als Fernfahrer. Für ihn die „einzige Alternative“, weil er nicht mehr schwer heben darf. Dass er die ganze Woche unterwegs ist, gehört dazu. In der Freizeit will er nun neue Dinge angehen. „Ich will wieder anfangen zu fotografieren und mehr leichten Sport machen.“ Walken und Schwimmen zum Beispiel. Außerdem gibt es ein neues Familienmitglied. Schäferhund-Labrador-Mischling Charly holte er aus dem Tierheim. Mit ihm geht er spazieren. Vieles hat sich „gedreht“ in den vergangenen sechs Monaten.

„Ich bin positiv gestimmt. Auch wenn Schmerzen im Bereich sechs bis sieben weiterhin ständig dazu gehören. Doch für mich ist das eine Wohltat.“

Hans Beck

Das Wichtigste: Nichts aufschieben

„Ich bin positiv gestimmt“, sagt der Kelheimer. Auch wenn Schmerzen im Bereich „sechs bis sieben“ weiterhin ständig dazu gehören. Doch für ihn ist das eine Wohltat, sagt Beck. Er wird weiter mit dem Schmerz leben müssen. Aber er bestimmt nicht mehr sein Leben. „Der Bestimmer bin ich.“

Das wichtigste sei nichts aufzuschieben wegen der Schmerzen, sondern zu sagen: „Ich habe Lust darauf, und das lasse ich mir von den Schmerzen nicht versauen.“

2016 werde in jedem Fall besser, sagt Beck. Er will sich vom Schmerz nichts mehr verbieten lassen. Das Handicap Schmerz habe nur, wenn er es zulasse. Aber nun sei er derjenige, der die Regeln macht. Ist schönes Wetter und er hat Lust sich ins Cabrio zu setzen, dann macht er das. Gassigehen mit Charly ebenso. Nur so lasse sich der Schmerzkreisel durchbrechen.

Leid tue ihm, dass er seiner Frau so eine schwere Zeit bereitete. Aber jetzt läuft es auch in der Beziehung wieder besser. Die Schmerztherapie habe ihn ganz weit nach vorne gebracht, sagt Beck. Vor allem vom Kopf her.

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