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Landkreis für GAU gerüstet – theoretisch

Vier Kernkraftwerke liegen zwischen 28 und 160 Kilometer entfernt vom Landkreis Kelheim – der Notfallplan wurde aktualisiert.
von Benjamin Neumaier

Das Kernkraftwerk Isar 2 – bei einer atomaren Katastrophe liegt der Landkreis Kelheim komplett in dessen Außensicherheitszone.
Das Kernkraftwerk Isar 2 – bei einer atomaren Katastrophe liegt der Landkreis Kelheim komplett in dessen Außensicherheitszone. Foto: Archiv-Satzl

Kelheim.Es war ein wunderbarer Frühlingssamstag, dieser 26. April 1986, erinnert sich ein Kollege. Der Löwenzahn stand schon voll in der Blüte, das Gras war saftig grün, der Frühsommer kündigte sich an. In Abensberg scheiterte der Haushalt an einer Wasserrutsche, das Kelheimer Fischerfest stand vor der Tür und der neue Vorstand des Kelheimer Yachtclubs war Thema in der Region. Dass an diesem Tag in 2000 Kilometer Entfernung eine Katastrophe passierte, bekam hier niemand mit.

Keine Gefahr für die Bevölkerung

Es dauerte drei Tage, bis die Medien am 29. April den kurzen Hinweis auf ein „Unglück in einem Atomkraftwerk in der Stadt Tschernobyl mit möglicherweise schweren Folgen“ brachten. Schon einen Tag darauf meldeten die Nachrichtenagenturen den GAU (Größter anzunehmender Unfall) in dem bis dahin völlig unbekannten Ort in der heutigen Ukraine:

Hier liegt Tschernobyl
Hier liegt Tschernobyl Grafik: MZ-Grafik

Der Kern eines der vier Reaktoren in dem sowjetischen Atomkraftwerk sei durchgeschmolzen, vermutlich am Samstag, zwei Menschen seien tot, aber Behörden zufolge bestehe für Bayerns Bevölkerung keine Gefahr.

Die Folgen waren aber weitreichend, sind teilweise in Schwammerln oder Wildschweinen auch im Landkreis Kelheim noch heute spürbar. Die bayerischen Behörden waren auf einen derartigen Fall nicht unbedingt vorbereitet.

Heute gibt es Pläne, Evakuierungs- und Sicherheitszonen – auch für den Landkreis. Denn mögliche Gefahren liegen nahe: Das Atomkraftwerk Isar 2 ist Luftlinie zwischen 28 und 68 Kilometer von den Landkreisgrenzen entfernt, Gundremmingen 104 Kilometer, der Forschungsreaktor in Garching knappe 40 Kilometer, der tschechische Meiler Temelin 160 Kilometer.

Ein GAU ist gerade in Zeiten von Terroranschlägen auch hierzulande nicht auszuschließen – dann greifen die Sicherheitspläne. Gerade bei einer Katastrophe in Isar 2 bei Niederaichbach liegt der Landkreis Kelheim komplett in der Außensicherheitszone um das Kraftwerk. Das bayerische Innenministerium gibt dann den Takt vor, die Regierung von Niederbayern und der Landkreis Landshut leiten die Maßnahmen, der Landkreis Kelheim unterstützt. Verantwortlich sind in diesem Fall federführend Rita Festl, Sachgebietsleiterin Katastrophenschutz am Landratsamt, Sachbearbeiter Jürgen Scherübl und Kreisbrandrat Nikolaus Höfler.

Klar umrissene Aufgabenverteilung

Alles läuft dann streng nach Protokoll ab. Die maßgebende Richtlinie – zum 1. Januar in Kraft getreten – trägt den kryptischen Namen „Richtlinien für die Erstellung objektbezogener Katastrophenschutz-Sonderpläne für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen sowie für Maßnahmen des Katastrophenschutzes bei kerntechnischen Unfällen.“ So lange der Name ist, so schnell muss in einem Katastrophenfall gehandelt werden.

Festl klärt auf: „Die Erstmaßnahmen in der direkten Umgebung des Kernkraftwerks übernimmt das Landratsamt Landshut und gibt diese dann an die Regierung von Niederbayern ab. Wir werden hinzugezogen, müssen unterstützen und haben klar definierte Aufgaben.“

Nikolaus Höfler, Rita Festl und Jürgen Scherübl (v. l.) koordinieren bei einem GAU die Maßnahmen im Landkreis.
Nikolaus Höfler, Rita Festl und Jürgen Scherübl (v. l.) koordinieren bei einem GAU die Maßnahmen im Landkreis. Foto: Neumaier

So greift der Notfallplan im Landkreis innerhalb der ersten 12 bis 24 Stunden vor allem in vier Punkten: „Notfallstationen werden eingerichtet, Verteilstationen geschaffen, Dekontaminationsplätze aufgebaut und Kaliumjodidtabletten an die Bevölkerung verteilt“, sagt Scherübl. „An den Notfallstationen wird Ersthilfe geleistet. In 18 Schritten werden vermutlich kontaminierte Personen versorgt – von erster Hilfe, über duschen, Beschaffung neuer Kleidung oder medizinischer Versorgung.“

Höfler ergänzt: „Gerade bei einer Explosion im Kraftwerk gibt es eine starke Staubentwicklung. Die radioaktive Staubwolke kann, je nach den Windverhältnissen, auch schnell den Landkreis erreichen.“ Nicht alle Personen könnten in den Notfallstationen, die im Landkreis in Mainburg und Abensberg in Turnhallen eingerichtet werden, versorgt werden. Deshalb gebe es auch die Dekontaminationsplätze. „Die Feuerwehr Bad Abbach ist technisch mit mobilen Dekontaminationsanlagen und Messgeräten darauf eingerichtet, die Feuerwehren im Landkreis geschult“, sagt Höfler. Strahlenschutzübungen oder Dekon-Übungen seien im festen Turnus vorgeschrieben. Die Dekontaminationsplätze sind mit ihren mobilen Waschstraßen aber vor allem auch für die Reinigung von Einsatzfahrzeugen und -geräten verantwortlich.

Verteilstationen Abensberg und Mainburg

An den Verteilstationen in Abensberg und Kelheim wird für die Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld der Kernkraftwerke – 20 Kilometer – eine Erstaufnahmeeinrichtung geschaffen. „Die müssen in sechs bzw. 24 Stunden mindestens 60 Kilometer vom Unfallort entfernt eine vorübergehende Unterkunft finden“, sagt Festl. Hier werden sie verpflegt und können übernachten. Dann werden die Evakuierten in Aufnahmegebiete außerhalb des 100 Kilometer-Radius weitervermittelt.“ Im Landkreis muss die Unterbringung von 1400 Personen möglich sein. Festl ergänzt: „Nach den alten Bestimmungen hätten wir Evakuierte sogar fest aufnehmen müssen. Da waren die Sicherheitszonen weit kleiner.“

Leistungsstärkster Reaktor

  • Isar 2:

    Das Atomkraftwerk Isar 2 liegt in unmittelbarer Nähe der bayerischen Gemeinden Essenbach und Niederaichbach, 14 km von Landshut in Bayern entfernt – direkt neben dem älteren Reaktor Isar 1, der 2011 abgeschaltet wurde. Eigentümer des Druckwasserreaktors sind zu 75 Prozent die E.ON Kernkraft GmbH und zu 25 Prozent die Stadtwerke München.

  • Betrieb:

    Isar 2 wurde am 15. Januar 1988 in Betrieb genommen. Der Reaktor produzierte 2013 zwölf Milliarden Kilowattstunden Strom und war damit, wie schon in den Vorjahren, leistungsstärkster Reaktor der Welt.

  • Vom Netz:

    Ende 2022 soll der Reaktor vom Netz genommen werden. Für die Bevölkerung stellt das AKW also noch zehn Jahre ein Risiko dar: Der Standort liegt in der Einflugschneise der Münchner Flughafens. Am 30. März 1988 wäre es nach dem Absturz eines französischen Kampfflugzeugs in zwei Kilometer Entfernung vom AKW beinahe zu einer Katastrophe gekommen. Wie im Oktober 2010 bekannt wurde, gibt es im Falle eines GAU keine Evakuierungspläne für die Umgebung.

  • Störungen:

    Seit Betriebsbeginn wurden 85 meldepflichtige Ereignisse registriert. So fiel im Juli 2011 eine Kühlpumpe aus und am 7. August 2012 wurde Trinkwasser durch die hochgiftige Chemikalie Hydrazin verunreinigt. Am 17. April 2014 wurde Isar 2 wegen einer „Blockschutzauslösung aus dem Bereich eines Maschinentransformators“ vorübergehend vom Netz genommen.

  • Abriss bis 2047:

    Der Abriss beider Einheiten soll 2047 abgeschlossen sein. (Quelle: www.de.atomkraftwerkeplag.wikia.com)

Für die Landkreis-Bevölkerung spielt der neue 100 Kilometer-Radius rund um Isar II eine tragende Rolle – bei der Verteilung der Kaliumjodidtabletten. „Dadurch wird die Aufnahme von radioaktivem Jod und die Anreicherung in der Schilddrüse verhindert“, sagt Festl. Die Ausgabe an die gesamte Bevölkerung – per Rundfunk angekündigt – folgt unmittelbar nach dem Katastrophenfall. Die Tabletten werden in Neustadt und Bad Abbach angeliefert und von dort von der Feuerwehr verteilt. „Erhältlich sind sie in jedem Feuerwehrgerätehaus und in jeder Apotheke – innerhalb der ersten 12 Stunden“, sagt Festl.

Eine Gesamtaufgabe

Dass die Bevölkerung dabei in Panik gerate, kalkuliert Höfler ein – „denn das wäre ganz normal. Da sind dann die Medien gefragt, deeskalierend zu wirken.“ Auch per Megafon oder Lautsprecher werde von Feuerwehren oder THW gewarnt, wohl ein Bürgertelefon geschaltet. Sämtliche Hilfsdienste wie BRK, THW oder Feuerwehr würden alarmiert, ein Führungsstab am Landratsamt eingerichtet, Hilfe von außen angefordert. „Es wäre eine Gesamtaufgabe, nicht nur der betroffenen Landkreise, sondern ganz Bayerns oder Deutschlands“, sagt Festl. „Wir im Landkreis könnten nur unsere Maßnahmen koordinieren.“

Danach endet die Richtlinie. Einen Plan für eine mögliche weitere Evakuierungsstufe des 100-Kilometer-Radius oder gar noch weiter , gibt es nicht. „Das macht auch Sinn“, sagt Höfler. „Die Vorausplanungen müssen sich in einem vernünftigen Rahmen halten. Alles andere ist nicht zielführend.“ Die Wolke könne man „sowieso nicht aufhalten“, sagt Festl und Scherübl fügt an: „Was bei einer Katastrophe wirklich passiert und nachfolgt, ist nicht zu vorherzusehen.“

Das war es in den Folgetagen des 26. April 1986 auch nicht – „aber jetzt wären wir zumindest darauf vorbereitet“, sagt Festl.

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