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„Mona“ hilft, wenn Retter Hilfe brauchen

Hinter feuersicherer Kleidung steckt ein Mensch. Und der braucht manchmal selbst Hilfe – jemanden, um über Erlebnisse zu sprechen.
Von Heiner Stöcker

Die Helfer von Mona sind rund um die Uhr verfügbar, um Opfern und Hinterbliebenen zur Seite zu stehen.
Die Helfer von Mona sind rund um die Uhr verfügbar, um Opfern und Hinterbliebenen zur Seite zu stehen. Foto: Mona

Kelheim.Die achtköpfige Gruppe aus Neustadt an der Waldnaab ist ausgelassen und fröhlich. Auf dem Rückweg von einem gelungenen Ausflug ins Kloster Weltenburg und den Biergarten wird geschäkert und gescherzt. Vom Bahnhof in Saal aus will sich die Gruppe auf den Heimweg in die nördliche Oberpfalz machen. Ein Unglück macht aus dem Ausflug in der Erinnerung der Beteiligten eine Tragödie.

„Den Knall hat man im Umkreis von mehr als einem halben Kilometer gehört“, sagt Holger Czech. Der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Saal war an diesem 18. September 2010 der Einsatzleiter und einer der ersten am Unfallort. Bis heute hat er die Bilder im Kopf. „So was prägt sich ein. Das vergisst man nicht.“

Warum der 22-jährige Mann die Schienen überquerte und auf den Kesselwagen im Bahnhof kletterte, ist bis heute nicht endgültig geklärt. War es Übermut in Kombination mit Alkohol, wollte er ein Foto von der Gruppe machen? Fest steht: Die Aktion kostete sein Leben. „Es kam zum Spannungsüberschlag von der Oberleitung“, sagt Czech. 16 000 Volt trafen den jungen Mann – er verbrannte an Ort und Stelle. „Er lag auf dem Waggon, stand in Flammen und wir konnten nicht hin, ohne nicht selber Gefahr zu laufen einen Stromschlag zu bekommen.“

Das sei schlimm gewesen für ihn und seine Feuerwehrkameraden. Aber nicht so schlimm, wie die Szenen am Bahnsteig. „Da standen ja noch die Freunde und Verwandten des Opfers. Die haben geschrien, geweint – wir mussten sie teilweise davon abhalten ihrerseits auf den Waggon zu klettern. Das war hart.“ Minuten vergingen, bis die Bahn den Strom abschaltete, die Feuerwehr löschen konnte.

Bettina Manglkramer und Herbert Pügerl bei einer Übung.
Bettina Manglkramer und Herbert Pügerl bei einer Übung. Foto: Mona

Solche Einsätze belasten. Sie belasten die Angehörigen. Sie belasten die Einsatzkräfte. Aus diesem Grund gibt es im Landkreis Kelheim „Mona“. „Mitarbeiter des Kriseninterventionsdienstes Mona – Mobile Organisation Notfallseelsorge und Anschlussdienste – kümmern sich während und nach schwierigen Rettungseinsätzen um Notfallopfer, Beteiligte und Helfer, sobald besondere Umstände dies erfordern“, heißt es auf der Homepage der ehrenamtlichen Organisation. Mitarbeiter der Mona kümmerten sich in der Folge um die verbliebenen Mitglieder der Gruppe am Saaler Bahnsteig.

Kontakt herstellen

„So was ist unsere originäre Aufgabe. Wir stellen primär den Kontakt zwischen den an der Unfallstelle Zurückgebliebenen und deren Familien Daheim her“, sagt Erich Stauber. Er ist Leiter und Gründungsmitglied der Mona. „Die Familien und Angehörigen sind ein soziales Netz, das die Hinterbliebenen erst einmal auffangen kann.“ In diesem Jahr sind es 20 Jahre, in denen die Organisation im Landkreis wirkt.

Die Freiwilligen sind nicht nur als Kriseninterventionsdienst (KID) direkt am Ort des Geschehens dabei. In den Tagen und Wochen danach übernehmen sie nachsorgende Anschlussdienste, „um Ruhe und Struktur in eine Chaosphase zu bringen“, sagt Erich Stauber.

MONA im Kurzportrait

  • Gründung:

    Seit 1995 steht die Freiwilligenorganisation MONA Tag und Nacht bereit, wenn Menschen sich durch Unglücksfälle völlig ausgesetzt fühlen, selbst funktionierende Familien überfordert sind – die heile Welt für Betroffene zusammenbricht. Die Gruppe im Landkreis Kelheim hat momentan 15 Frauen und Männer, mit einer gründlichen Ausbildung. Nach 80 Stunden Schulung in Theorie und 50 Stunden Praxis sind sie vom Roten Kreuz zertifizierte Kriseninterventionshelfer.

  • Einsätze:

    Pro Jahr werden sie von Polizei und Feuerwehren rund 150 Mal zu Einsätzen hinzugerufen. So ein Einsatz dauert 30 Minuten bis sechs Stunden. Die Anfahrt, in den vergangenen 19 Jahren inzwischen gut 50 000 Kilometer, erledigen die Helfer mit dem eigenen Auto und auf eigene Rechnung. MONA finanziert sich ausschließlich aus Spenden; vom Landkreis oder der Stadt Kelheim kommen keine Zuschüsse.

  • Interkulturell:

    Seit einigen Jahren gibt es in Mona das Projekt „Birlik“ (=Zusammenhalt). Drei türkische Mitbürger – Leiter ist Sezgin Balaban – kümmern sich um Betroffene aus dem islamischen Kulturkreis. Es war die erste Hilfsorganisation dieser Art in Deutschland. Im MONA-Logo steht neben dem roten Kreuz der rote Halbmond.

  • Alarmierung:

    MONA wird von den Einsatzkräften vor Ort (Rettungsdienst, FFW, Polizei), in Ausnahmefällen auch Privatpersonen angefordert. Allerdings erfolgt die Alarmierung selbst immer über die Integrierte Leitstelle Landshut (Notruf 112 ). Hier wird jeder Einsatz zeitlich erfasst und computergestützt dokumentiert.

  • Weitere Informationen:

    www.monaonline.de ;

  • Kontakt:

    info@monaonline.de

Rund zwei Wochen nach dem Einsatz in Saal rückten Mona-Mitarbeiter noch einmal aus – in den Schulungsraum der Feuerwehr Saal. „Wir haben das Gespräch gesucht“, sagt Kommandant Holger Czech.

Herbert Pügerl
Herbert Pügerl Foto: Mona

„Wenn man mal ein, zwei Nächte nach einem belastenden Einsatz schlecht schläft, ist das normal“, sagt Herbert Pügerl. Zusammen mit Bettina Manglkramer ist er einer von zwei Mona-Mitarbeitern, die die Zusatzausbildung Einsatzkräftenachsorge (CISM – Critical Incident Stress Management) absolviert haben, und für die Einsatzkräftenachsorge zuständig sind. „Wenn sich der Zustand aber nicht ändert, wenn man leicht reizbar ist, aufgewühlt über einen längeren Zeitraum, dann können das Anzeichen sein, dass da mehr dahinter steckt. Dass man selber nicht mehr damit klar kommt“, sagt Pügerl. Eine Posttraumatische Belastungsstörung zum Beispiel ist eine psychische Erkrankung die Einsatzkräfte in extremen Stresssituationen aber auch Soldaten im Einsatz treffen kann. Einer PTBS gehen definitionsgemäß ein oder mehrere belastende Ereignisse von außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Ausmaß (Trauma) voran. Dabei muss die Bedrohung nicht unbedingt die eigene Person betreffen, sondern sie kann auch bei anderen erlebt werden. Die PTBS geht mit unterschiedlichen psychischen und psychosomatischen Symptomen einher. Häufig kommt es zum Gefühl von Hilflosigkeit, sowie durch das traumatische Erleben zu einer Erschütterung des lst- und Weltverständnisses. Eine Posttraumatische Belastungsstörung entsteht weder aufgrund einer erhöhten psychischen Labilität, noch ist sie Ausdruck einer psychischen Erkrankung. „Es kann jeden treffen“, sagt Pügerl. Eine wesentliche Rolle spiele die Tagesform. „Jeder Mensch hat eine individuelle Belastungsgrenze. Selbst normale Einsätze, die einem sonst nichts ausmachen, können an einem ’stressigen‘ Tag zu viel sein“, sagt Herbert Pügerl.

Vorbelastung zählt mit

Es komme darauf an, was der Retter schon in den Einsatz mitbringe. „Ärger im Job, Stress in der Familie, Sorgen und Ängste – die schrauben die Grundbelastung schon mal nach oben. Und dann kommt der Einsatz dazu und die Belastungsgrenze wird überschritten.“

Dieses Wissen – dass jeder Retter auch Trauma-Opfer werden kann, dass es nichts mit Schwäche zu tun hat, über das zu reden, was einen bewegt – ist noch nicht bei allen Feuerwehrleuten angekommen. Aber bei vielen. Und das ist im Landkreis auch und vor allem ein Verdienst der Mona. Schon in der Grundausbildung lernen zum Beispiel Feuerwehrleute heute die Organisation kennen.

Bettina Manglkramer
Bettina Manglkramer Foto: Mona

„Wenn wir dann zu einer Feuerwehr oder einer anderen Organisation zum Gespräch gerufen werden, entscheiden wir individuell, wie wir das Gespräch eröffnen“, sagt Bettina Manglkramer. „Es kommt darauf an, ob wir die Leute zum Beispiel schon kennen – so wie im Beispiel von Saal.“ Aber normal ist es nicht, dass ein Kriseninterventionsteam so nah am eigenen Standort eingesetzt wird.

„Die Einsatzkräftenachsorge sollte eigentlich immer von außen kommen“, sagt Erich Stauber. „Wenn jetzt zum Beispiel die Feuerwehr Kelheim was hat, dann ist es vielleicht besser oder erwünscht, es kommt jemand von Außen – von Regensburg beispielsweise. Eher weiter weg, als näher dran.“ Grund sei einfach, weil sich Betroffene leichter einem Fremden öffnet, von dem sie wissen, dass sie ihm bei einem anderen Einsatz nicht zufällig über den Weg laufen. „Bei der Feuerwehr Niederumelsdorf zum Beispiel waren wir schon tätig. (Anm.d.Red.: Im vergangenen Jahr war der Kommandant der Wehr während eines Einsatzes gestorben.) Aber da sind wir hier vom BRK-Stützpunkt in Riedenburg ja auch eher weit weg.“

Saal war eine Ausnahme. „Uns hat das Gespräch mit Mona geholfen“, sagt Holger Czech. Einfach das rauslassen, was einen belastet, die Bilder, die Eindrücke... „So ein offenes Gespräch befreit. Es hilft schwere Situationen zu verarbeiten.“

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