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Per Handy orten Stalker ihre Opfer

Am Tag der Kriminalitätsopfer berichtet Josef Doni vom Weißen Ring, wie Stalking und häusliche Gewalt die Kelheimer belasten.
Von Beate Weigert

Oft sind es ehemalige Lebens- oder Ehepartner, die insbesondere Frauen verfolgen und belästigen. Aber auch Männer sind vor Stalking nicht gefeit.
Oft sind es ehemalige Lebens- oder Ehepartner, die insbesondere Frauen verfolgen und belästigen. Aber auch Männer sind vor Stalking nicht gefeit.

Kelheim.Wenn Josef Doni eines weiß, dann, dass es immer auch einen Fall gibt, der in kein Muster passt. Doni ist der Kelheimer Außenstellenleiter des Vereins Weißer Ring. Als solcher betreut er Menschen, die Opfer geworden sind. Der heutige Mittwoch ist für den pensionierten Maschinenbauingenieur ein besonderer Tag. Heute ist der Tag der Kriminalitätsopfer.

Die stehen eigentlich nie im Blick der Öffentlichkeit und doch gibt es sie – auch im Landkreis Kelheim. Neben Fällen von häuslicher Gewalt beschäftigten Doni und seine Mitstreiter im vergangenen Jahr am häufigsten Stalking-Opfer. Meist werden Frauen von Männern, etwa ihrem Ex-Partner verfolgt. Ein aktueller Fall, der nicht ins Muster passt, ist ein Familienvater aus dem Landkreis. Er arbeitet im Öffentlichen Personennahverkehr. Die Frau, die ihm Briefe schreibt, in seiner Firma anruft und bei ihm Zuhause vor der Tür steht, kennt er nicht einmal. Keiner weiß, warum sie sich auf ihn fixiert hat und ihm sogar droht, seinem Kind etwas anzutun, sagt Doni.

Jede Belästigung dokumentieren

Er berät den Mann, wie auch einige verfolgte Frauen. Er gibt Tipps, wie sie sich verhalten sollen. Oberste Regel: Alle Vorfälle dokumentieren. „Am besten in einer Art Tagebuch. Zudem solle man Fotos mit dem Handy machen, wenn einem aufgelauert werde. Auch Anrufe, SMS oder Chat-Nachrichten solle man festhalten. So untermauere man seine Glaubwürdigkeit bei Anzeigen und vor Gericht.

Darüber hinaus sollten sich die Stalking-Opfer keinesfalls zurückziehen, sondern ihre Umgebung, den Arbeitgeber und auch Kollegen informieren.

Ob Telefon-Terror, Briefe oder das Auflauern vor der Wohnung - Stalker können ihren Opfern das Leben zur Hölle machen. Josef Doni rät: Alles, zu dokumentieren.
Ob Telefon-Terror, Briefe oder das Auflauern vor der Wohnung - Stalker können ihren Opfern das Leben zur Hölle machen. Josef Doni rät: Alles, zu dokumentieren. Foto: Angelika Warmuth/dpa

Wer von seinem Stalker angesprochen werde, solle laut werden, damit andere es mitbekommen. Ist der Stalker bekannt, könne man beim zuständigen Zivilgericht eine Unterlassungsverfügung oder ein Belästigungs-, Näherungs- oder Kontaktverbot beantragen. Bei der Polizei könne man sich über technische Schutzmaßnahmen wie Wohnungssicherung sowie über Voraussetzungen für telefonische Fangschaltung oder Geheimnummern informieren.

Je früher man Maßnahmen zum Schutz des Opfers und zur Strafverfolgung ergreife, desto eher werde der Stalker Belästigung, Verfolgung und Bedrohung einstellen, sagt Doni. Viele Verfolgte wunderten sich oftmals, wie ihnen ihre Stalker zum Einkaufen in andere Städte oder auch zu einmaligen Aktivitäten folgen könnten. „Via Handyortung ist das heutzutage sehr leicht, viele Opfer dächten nur nicht daran“, sagt Doni.

Einer jungen Frau zahlte der Verein zuletzt sogar einen Zuschuss, damit sie in eine andere Stadt umziehen konnte.

Eine Frau beobachtet durch eine geschlossene Jalousie nach einem Stalking-Anruf die Straße vor ihrem Haus.
Eine Frau beobachtet durch eine geschlossene Jalousie nach einem Stalking-Anruf die Straße vor ihrem Haus. Foto: Jens Büttner/dpa

Dem Opfer Wohnung überlassen

Auch häusliche Gewalt beschäftigt die Ehrenamtlichen des Weißen Rings. Pauschal könne man es nicht sagen, aber das Kelheimer Team betreue viele Frauen mit Migrationshintergrund. Als Außenstehender wundere man sich häufig, warum Frauen, die geschlagen, gedemütigt oder vergewaltigt werden, oft über viele Jahre wegen der Kinder bei ihrem Partner blieben. Nicht selten seien es zehn bis 15 Jahre. „Sie werden es nicht glauben, aber diese Frauen haben Schuldgefühle, weil es ihnen so lange eingetrichtert worden ist, dass es ihre Schuld ist, irgendwann sind sie schwer psychisch angeschlagen.“

In einem Fall, den Doni betreute, wurde der Frau deswegen keine Opferentschädigung zugesprochen. Argument: Sei wäre freiwillig geblieben.

Problematisch sei es für Betroffene günstige Wohnungen zu finden, weil die praktisch im Landkreis nicht in ausreichender Zahl vorhanden sind. Jedoch könne man per Gericht neben Schutzanordnungen erreichen, dass einer Frau – selbst wenn der aggressive Mann der Mieter ist – die Wohnung zumindest für bis zu sechs Monate zu überlassen ist.

Das sollten Opfer wissen

  • Onlineberatung:

    Seit Mitte 2016 bietet der Weiße Ring auch eine anonyme Onlineberatung an. Bislang registrierten die Helfer dort laut Josef Doni einen ungewöhnlich hohen Anteil von Männern. Ebenfalls anonym erreichen Hilfebedürftige täglich von 7 bis 22 Uhr die Helfer des Opfertelefons. Die Nummer lautet: 116 006. Kontakt zum Weißen Ring Kelheim: Tel. (0 94 41) 22 98 oder E-Mail: WR-AS-Kelheim@t-online.de.

  • Mitstreiter:

    Josef Doni, der Leiter des Weißen Rings in Kelheim, sucht Ehrenamtliche, die ihm, seiner Frau und einer Mainburgerin unter die Arme greifen. Viele Voraussetzungen gebe es nicht. „Man sollte Zeit mitbringen und schon eine gestandene Frau oder ein gestandener Mann sein“, denn die Arbeit sei psychisch anspruchsvoll. Willkommen wären auch jüngere Mitstreiter.

  • Herausforderungen:

    Fälle, die gar keine Fälle sind, aber dennoch nicht leicht zu handeln sind, erleben die Helfer immer wieder mit psychisch Kranken, die glaubten Opfer zu sein. Des Öfteren eröffneten ihnen Menschen aus dem Landkreis, dass sie bestrahlt oder verfolgt würden oder dass sie Stimmen hörten. „Da können wir den Betroffenen nur raten, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagt Doni.

  • Begleitung:

    Was viele Bürger nicht wüssten, ist, dass jeder zu einer polizeilichen Befragung sowie zu Terminen bei Staatsanwaltschaft oder Gericht, neben einem Anwalt auch eine vertraute, neutrale Person vom Weißen Ring als Begleitung mitbringen könne, sagt Doni. Auch wenn dies zum Beispiel von der Polizei nicht so gern gesehen werde. (re)

Wenn Stiefpapa zudringlich wird

Zwei Fälle von Kindsmissbrauch begleitete der Weiße Ring Kelheim 2016 ebenfalls. Oft passiere es in der Pubertät, dass etwa ein Stiefvater oder Partner der Mutter die heranwachsenden Töchter ins Visier nimmt. Doni kennt einige Fälle, wo die Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft eingestellt wurden, „weil der 100-prozentige Beweis fehlte“. Für die Opfer sei das sehr schlimm, wenn ihnen nicht geglaubt wird.

Die Palette der Arbeit ist noch größer. Menschen, die unverschuldet zusammengeschlagen oder eine Frau, die vergewaltigt worden ist, suchten ebenfalls Hilfe. Pech hatte eine Frau, die sich zwar von ihrem Partner, aber nicht von dessen Cannabis-Zucht trennte. Der Mann zeigte sie an und nun gilt sie als Täterin. Täter sind aber nicht die Klientel des Weißen Rings.

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