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Automatisierung

Roboter rollen an – Gefahr und Chance

Bis zu 60 Prozent der Jobs in Deutschland könnten von Automatisierung bedroht sein. Aber: Es entstehen auch neue – andere.
Von Martina Hutzler

Wie man es auch dreht und wendet: Roboter erobern unsere Welt – hier  „PR2“ vom Technologie-Zentrum Informatik der Uni Bremen, der gerade einen  Pfannkuchen wendet.
Wie man es auch dreht und wendet: Roboter erobern unsere Welt – hier „PR2“ vom Technologie-Zentrum Informatik der Uni Bremen, der gerade einen Pfannkuchen wendet. Foto: dpa

Kelheim.18 Millionen: So vielen Arbeitsplätzen in Deutschland droht in Zukunft die „feindliche Übernahme“ durch Roboter, schätzen Ökonomen. Damit wären hierzulande die Jobs von fast 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtig oder geringfügig Beschäftigten bedroht – jedenfalls die Jobs in ihrer jetzigen Form. Und das gilt keineswegs nur dort, wo man sich üblicherweise Roboter vorstellt; große Industriehallen etwa.

Basis dieser Prognose ist die Studie „Die Zukunft der Arbeit“ (2013) von Carl Benedikt Frey und Michael Osborne. Die Wissenschaftler von der Oxford University haben die Wahrscheinlichkeit einer „Roboterisierung“ des Arbeitsmarktes in den USA bis Mitte der 2030er-Jahre untersucht. Auf dieser Basis haben andere Forscher nachgezogen und ähnliches für Europa und Deutschland angestellt. So kommen die Ökonomen der Ing. DiBa-Bank, Carsten Brzeski und Inga Burk, zu den eingangs genannten 59 Prozent der deutschen Arbeitsplätze, die „in ihrer jetzigen Form von der fortschreitenden Technologisierung bedroht“ seien. Eine Studie des Ökonomen Jeremy Bowles sieht immerhin für gut 51 Prozent der Arbeitsplätze hierzulande die Gefahr, dass sie sich binnen der nächsten 20 Jahre durch Automatisierung erübrigen.

Gerade im Büro sind viele ersetzbar

Glaubt man den Wissenschaftlern, sind es gerade der klassische Sachbearbeiter oder die Sekretärin, deren Tagwerk künftig auch Maschinen erledigen könnten. Brzeski und Burk haben 26 verwandte Berufe im Büro betrachtet. Ihre Schätzung: Sie sind mit 86-prozentiger Wahrscheinlichkeit von Automatisierung bedroht. Wird aus der Wahrscheinlichkeit die Wirklichkeit, könnten drei der derzeit 3,5 Millionen Beschäftigten in diesen Bereichen nach Hause gehen. Damit liegen sie nur knapp vor den Hilfsarbeitern (85 Prozent Automatisierungs-Wahrscheinlichkeit); hier wären 3,26 von 3,8 Millionen Beschäftigte betroffen.

Auch im  Pflegesektor wird bereits mit Robotern experimentiert: Der Roboter CARE-O-bot vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung reicht ein Getränks;
Auch im Pflegesektor wird bereits mit Robotern experimentiert: Der Roboter CARE-O-bot vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung reicht ein Getränks; Foto: dpa

Am wenigsten besorgt sein müssen, laut Ing.DiBa-Untersuchung, Führungskräfte und Akademiker, deren Berufe gerade mal zu elf bzw. zwölf Prozent automatisierbar sind. Ansonsten aber bleibe kaum ein Sektor von der schleichenden Eroberung durch Roboter verschont.

Natur und Automatisierung? Auch schon kein Widerspruch mehr: Landwirt Georg Mayerhofer setzt an Steilhängen wie hier in Oberndorf eine ferngesteuerte Mähraupe ein.
Natur und Automatisierung? Auch schon kein Widerspruch mehr: Landwirt Georg Mayerhofer setzt an Steilhängen wie hier in Oberndorf eine ferngesteuerte Mähraupe ein. Foto: Hutzler

Bei Dienstleistern und im Verkauf etwa sind laut den Bank-Ökonomen in gut zwei Dritteln der Berufe Maschinen einsetzbar. Dazu zählt die Drohne, die den Post- und Paketzusteller ersetzt; dazu zählt der Roboter, der in der Lagerhalle anstelle des Menschen herumflitzt. Dazu zählt bereits eingesetzte Technologie wie das vom Kunden bediente Bezahlterminal anstelle der Supermarkt-Kassiererin; dazu zählt auch eher Futuristisches wie Roboter im Hotelservice oder in der Pflege.

„Ersetzt wird Tätigkeit, nicht Beruf“

Das Bundes-Arbeitsministerium hat heuer das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) darauf angesetzt, die US-Studie zu hinterfragen und auf den deutschen Arbeitsmarkt zu übertragen. Gemäß Frey/Osborne-Kriterien „arbeiten derzeit 42 Prozent der Beschäftigten in Deutschland in Berufen mit einer hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit“, errechnet das ZEW. Wichtig sei aber zu bedenken: Roboter ersetzen in erster Linie Tätigkeiten und nicht gleich ganze Berufe.

Der Roboter „PART4you“ arbeitet bei Audi Ingolstadt mit Menschen-Kollegen.
Der Roboter „PART4you“ arbeitet bei Audi Ingolstadt mit Menschen-Kollegen. Foto:obs/Audi AG

Deshalb dürfe man aus der technischen Möglichkeit, Arbeiten zu automatisieren, nicht unmittelbar auf den Wegfall des zugehörigen Arbeitsplatzes setzen: „Die Beschäftigten können die gewonnenen Freiräume nutzen, um andere, schwer automatisierbare Aufgaben auszuüben“, lautet die Devise Hoffnung. Außerdem vermuten die ZEW-Forscher, dass ihren US-Kollegen Frey und Osborne und deren Informationsgebern der Technik-Gaul durchgegangen sei: Experten neigten „typischerweise zur Überschätzung technischer Potenziale“, argwöhnt das Team um Prof. Dr. Holger Bonin. Es erinnert ferner, dass der technischen Machbarkeit von Automatisierung dann doch noch „gesellschaftliche, rechtliche und ethische Hürden“ entgegenstehen. Übersetzt heißt das: Widerstandslos wird wohl keine Gesellschaft in die Massenarbeitslosigkeit wandern.

Zu einer solchen muss es auch gar nicht kommen, raten Forscher von Panikmache ab. Sie erinnern, dass auch frühere technologische Revolutionen – von der Erfindung von Dampfmaschine und Auto bis zur heutigen Industrialisierung – zwar einerseits viele Jobs vernichtet haben. Aber andererseits entstanden daraus auch wieder ganz neue Jobs. Ein Beispiel: Mit Zug und Auto wurden Kutschenfahrer überflüssig; aber es brauchte eben künftig Zugführer, Lkw- und Taxifahrer und viel weiteres Personal.

Auf neue Jobs setzen auch Wirtschaftsvertreter vor Ort. Automatisierung und „Industrie 4.0“ – nein, „davor habe ich gar keine Angst“, bekräftigt Michael Gammel“, Vorsitzender des Industrie- und Handelskammer-Gremiums im Landkreis: „Die Arbeitswelt wird neue, ganz andere Leistungsbilder brauchen.“ Zum einen diejenigen, die unter anderem die „Industrie 4.0“ überhaupt erst weiterentwickeln. Zum anderen sei mittlerweile der gesamte soziale Bereich in Sachen Arbeitsanfall „ein Fass ohne Boden“. Gammel ist sicher, „für jedes Geschick, das jemand hat, wird es auch künftig Arbeit geben.“

Einig ist man sich allerdings in Forscherkreisen: Je geringer die Qualifizierung und der Verdienst eines Arbeitnehmers, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sein Job durch Automatisierung wegfällt. Und auch für Jobs, die in Folge der Automatisierung neu entstehen, gilt laut ZEW: „In der Tendenz sind [sie] anspruchsvoller als Arbeitsplätze, die wegrationalisiert werden. Mehr und bessere Qualifizierung ist daher eine gute Vorsorge“.

„Auf Qualifizierung setzen“

Das kann Willi Dürr nur unterschreiben. Als Kelheimer Kreisvorsitzender beim Deutschen Gewerkschaftsbund und Diözesanvorsitzender der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) sieht er gerade diese und ähnliche Organisationen gefordert, die industrielle Revolution „4.0“ aufmerksam zu begleiten und hartnäckig auf die Weiterqualifizierung von Beschäftigten in allen Sparten zu drängen. Da dürfte ihn freuen, dass genau dies auch eine Erkenntnis des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung ist. Der ZEW-Rat an die Politik lautet: Weiterbildung und Umschulung fördern, ebenso die betriebliche Fortbildung und Qualifikation sowie das „lebenslange Lernen“.

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