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Belastend

Unsere riskanten Feldversuche mit Wasser

Intensive Landnutzung belastet im Kreis Kelheim immer mehr das Grundwasser. Aufbereiten oder Ausweichen hilft nur fürs Erste.
Von Martina Hutzler

Nitrat und Pflanzenschutzmittel belasten zunehmend das Grundwasser. Hauptverursacher ist intensive Landbewirtschaftung.
Nitrat und Pflanzenschutzmittel belasten zunehmend das Grundwasser. Hauptverursacher ist intensive Landbewirtschaftung. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Kelheim.Noch ist der Genuss weitgehend ungetrübt. Aber sauberes Trinkwasser ist längst nicht mehr selbstverständlich. Der Aufbereitungsaufwand und damit die Kosten steigen, auch für die Wasserversorger im Landkreis Kelheim.

Nitrat: Zu viel des Guten wandert abwärts

Nitrat und Nitrit sind die Sorgenkinder im deutschen und europäischen Grund- und Trinkwasser. Es sind Stickstoff-Verbindungen, und an sich wichtige: Pflanzen brauchen sie zum Wachsen. Deshalb düngen Landwirte – Gülle, Klärschlamm und mineralischen „Kunstdünger“. Aber leider oft zu viel des Guten. Und weil Nitrat sehr gut wasserlöslich ist, transportieren die Niederschläge dieses Zuviel nach unten, ins Grundwasser.

Anders als Pflanzen können wir Menschen mit Nitrat nichts anfangen. Im Gegenteil behindert es den Körper, Jod aufzunehmen – was die Schilddrüse gefährdet. Gefährlich ist aber vor allem das Nitrit. Wir nehmen es direkt aus dem Wasser auf; außerdem kann im Körper Nitrat zu Nitrit umgebaut werden. Dort stört es unser Blut dann, Sauerstoff zu transportieren – das kann Gehirn, Herz und andere Organe schwer schädigen; vor allem bei Säuglingen. Und aus Nitrit können im Magen Nitrosamine entstehen; sie gelten als krebserregend.

Daher darf deutsches Trinkwasser pro Liter höchstens 50 Milligramm Nitrat enthalten. Die 17 im Kreis Kelheim aktiven Wasserversorgungsunternehmen (WVU) halten den Grenzwert ein. Der Zweckverband Hallertau etwa kommt ihm aber schon bedenklich nahe, mit bis zu 40 mg je Liter. Und einige Wasserversorger, die im Kreis Kelheim tätig sind, müssen bereits Wasser aus verschiedenen Brunnen oder Quellen mischen, um unterm Strich die Belastung zu senken.

Derzeit haben laut Wasserversorgungsbilanz (WVB) vier Landkreis-Versorger Qualitätsprobleme im Rohwasser (vor Aufbereitung/ Mischung), nämlich Nitratwerte über 37,5 mg je Liter an einer oder mehreren Wasserfassungen. Gerade im Hopfenland zeige Grundwasser eine „massive Belastungen durch die Intensivbewirtschaftung“, mit bis zu 200 mg je Liter, berichtet Josef Goldbrunner, Trinkwasser-Experte am Wasserwirtschaftsamt Landshut. Auch wenn nicht alle Grundwasserschichten zur Trinkwassergewinnung dienen: Beunruhigen muss das die WVU allemal.

Eine Frage der Definition

  • Grundwasser

    Niederschlagswasser sickert in den Boden und das darunterliegende Gestein ein. Sobald es die darin vorhandenen Hohlräume zusammenhängend füllt, spricht man von Grundwasser.

  • Trinkwasser

    Mit Ausnahme der Talsperre Frauenau (Oberflächenwasser) wird Niederbayerns Trinkwasser aus Grundwasser gewonnen. Dazu wird aus Brunnen und Quellen Rohwasser gewonnen. Je nach dessen Beschaffenheit wird es aufbereitet, um die Qualitätsvorgaben der Trinkwasser-Verordnung zu erfüllen.

  • Versorgungsstruktur

    Lieferanten unseres Trinkwassers sind Kommunen, Wasserzweckverbände und Stadtwerke, allgemein als Wasserversorgungsunternehmen bezeichnet. Im Kreis Kelheim gibt es 15 WVUs, die selbst Grundwasser fördern und aufbereiten.

  • Begriffe

    Gewonnen wird das Rohwasser an Wasserfassungen, also Brunnen und Quellen. Ein oder mehrere Brunnen/Quellen, die ein zusammenhängenden Grundwasservorkommen nutzen, bilden die Wassergewinnungsanlage. Als Wasserversorgungsanlage bezeichnet man ein komplettes System aus Förderung, Speicherung, Transport und Verteilung von Wasser. Große WVUs haben oft mehrere solcher selbständiger Systeme. (hu)

Hier und bei Hohenthann laufen Versuche, Wasserschutz und Landnutzung unter einen Hut zu bringen – auch darüber werden wir im Rahmen der Themenwoche noch berichten. Experten wie der Veldener Hydrogeologe Dr. Karl-Heinz Prösl sind allerdings skeptisch. „Am einfachsten wäre es, an wichtigen Stellen die intensive Landwirtschaft runterzufahren“, sagt Prösl – aber das sei wohl kaum durchsetzbar.

Pflanzenschutzmittel: Wasser hat ein langes Gedächtnis

Auch Pflanzenschutzmittel (PSM) sind Folge des Konflikts zwischen Landnutzung und Wasserschutz. Auch hier gilt im Kreis Kelheim: Das Trinkwasser bleibt zwar deutlich unter den maximal erlaubten 0,5 Tausendstel Gramm (Mikrogramm) je Liter. Aber im Rohwasser messen laut Wasserversorgungsbilanz (WVB) bereits vier Versorger bedenkliche PSM-Werte, über 0,075 Mikrogramm. Besonders alarmierend ist die Lage wiederum in der Hallertau: Hier ergaben laut Josef Goldbrunner Grundwasser-Sondertests „Spitzenwerte von bis zu 91 Mikrogramm je Liter“!

Derzeit sind es bei uns wenn, dann das Pestizid Atrazin und sein Abbau-Produkt Desethyl-Atrazin (DA) im Trinkwasser nachweisbar. Für 2015 bzw. 2014 melden die Wasserzweckverbände Jachenhausen, Viehhausen-Bergmatting, Hohenschambach und die Stadtwerke Kelheim und Neustadt eine Belastung mit beidem oder nur mit DA; aber mit Werten bis zu 0,09 Mikrogramm ist der Grenzwert überall unterschritten.

Atrazin ist hierzulande seit 25 Jahren verboten. Vielleicht hortet mancher noch Bestände – aber im Wesentlichen stammt die heutige Wasserbelastung aus dem einst legalen Einsatz – ein Beweis für das lange Gedächtnis unseres Grundwassers. Und für die eher kurzsichtige Risikoabschätzung durch den Menschen: „Beim Atrazin hat es anfangs auch geheißen, es gelangt nicht ins Grundwasser“, erinnert Dr. Prösl…

Aber unverdrossen wiederholen wir das „Experiment“ derzeit mit Terbuthylazin: Es ist das – erlaubte – Nachfolgeprodukt für Atrazin. Und wird, laut WVB, „mittlerweile am häufigsten im Grundwasser in Bayern nachgewiesen“, zusammen mit seinem Desethyl-Abbauprodukt. Besonders gefährlich sei das für den nördlichen Kreis Kelheim wegen der sehr durchlässigen Karstböden: „Im Markt Essing wurde TBA bereits in einer Konzentration von 0,06 Mikrogramm je Liter im Grundwasser nachgewiesen“. In solchen „grundwassersensiblen Gebieten“ rät die WVB von einer Verwendung ab. Aber das ist eben nur eine Empfehlung. Es gibt zwar ein „Terbuthylazin-Verzichtsprogramm Jura-Karst“. Ob es hilft, sei aber „nur schwer quantifizierbar“, sagt Josef Goldbrunner.

Zumindest will der Freistaat seinen Kenntnisstand aktualisieren. Derzeit müssen die WVU ihr Trinkwasser auf im Schnitt ein Dutzend PSM testen lassen. Aber „diese spiegeln nicht mehr das in der Land- und Forstwirtschaft heute eingesetzte PSM-Wirkstoffspektrum wieder“, sagt Josef Goldbrunner. So werde etwa noch kaum auf Glyphosat getestet (bislang ohne messbare Belastung). Deshalb wurde nun ermittelt, welche Feldfrüchte in welchem Trinkwasser-Einzugsgebiet jeweils vorrangig angebaut werden und welche Pestizide daher zu erwarten sind. Heraus kamen rund 60 bis 90 Wirkstoffe, die die WVU ab heuer gezielt untersuchen lassen sollen.

Sonstige Belastungen: Trübsal und Arzneien

Vor allem in den Karstgebieten im Kreis Kelheim wird Rohwasser oft arg trüb nach oben gefördert; nach Hochwässern sind oft auch Wasserfassungen nahe an Flüssen betroffen. Hier steuern Wasserversorger mit Filtertechniken gegen. Dies insbesondere, weil zum Beispiel im Kreis Kelheim rund die Hälfte der Versorger das Trinkwasser auch entkeimen – meist vorsorglich, teils wegen tatsächlicher mikrobieller Belastung. Bei zu großer Trübung würde die Entkeimung durch UV-Licht nicht funktionieren.

Derzeit noch kein allzu großes Problem sind Arzneimittelrückstände, berichtet die WVB: In Grundwässern seien sie bisher nur bei Abwasser-Einfluss festgestellt worden, etwa bei Leckagen. Entsprechend wurden menschliche und tierische Medikamente auch im Trinkwasser „bislang nur in Einzelfällen und in sehr niedrigen Konzentrationen gemessen. Aus Vorsorgegründen sollte jedoch einer weiteren Zunahme dieser Stoffe im Boden und Grundwasser entgegen gewirkt werden“, mahnt die WVB.

Was jetzt zu tun wäre: Langfristig an die Ursachen ran

Wichtiger als kurz- und mittelfristige Technik wäre langfristige Ursachenbekämpfung – zuvorderst in der Landwirtschaft, mahnt das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Es empfiehlt Ausgleichszahlungen der Wasserversorger an Bauern, die das Düngen einschränken, sowie freiwillige Vereinbarungen zur Nitratverringerung und staatliche Beratungs- und Förderprogramme. Dennoch scheint vielerorts noch Wunschdenken zu bleiben, was die WVB als „Handlungsempfehlung“ nennt: „In Gebieten intensiver landwirtschaftlicher Nutzung ist eine flächendeckende grundwasserschonende Landbewirtschaftung auch außerhalb von Schutzgebieten anzustreben“. Klar ist aber schon: Auch das wird seinen Preis haben.

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