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Flüsse

Viel Wasser, vier Männer, ein zäher Job

Wären sie nicht so motiviert, würden sich vier Überzeugungstäter aus Kelheim wie Sisyphos fühlen. Doch sie tun es nicht.
Von Beate Weigert

  • Die Abens hat es gut, sie darf nahezu überall natürlich fließen, Määnder und Kurven schlagen. Ihre Zuflüsse haben es da nicht so gut. Foto: Dr. Satzl/Archiv
  • Vom Schweinefutter zur bedrohten Art: die Bachmuschel. Ihre Population hat sich dank eines Artenschutz-Projekts erholt. Foto: VöF
  • So stellt sich Georg Maierhofer einen Bach vor. Er darf anladen und abgraben wo er will. Das Foto zeigt den renaturierten Wangenbach, westlich von Oberwangenbach. Foto: VöF
  • Unser Foto zeigt Ralf Thannemann vom Wasserwirtschaftsamt bei einer biologischen Gewässeruntersuchung. Foto: WWA
  • Keine Ausnahme: Viele Bäche sind schnurgerade, teils sogar verrohrt. Unser Foto zeigt den Empfenbach bei Unterempfenbach Foto: VöF

Kelheim.Wie Lebensadern ziehen sich größere und ganz kleine Gewässer durch den Landkreis Kelheim. Für viele Bürger sind sie aber erst ein Thema, wenn’s unangenehm wird, weil nach einem Starkregen zum Beispiel der Schlamm knöchelhoch im Keller steht.

Ein Biologe, zwei VöF-Mitarbeiter und ein Fischer kämpfen an gegen „aufgeräumte“ Natur, begradigte Flüsse und Bäche, Artensterben und andere von Menschenhand gemachte Probleme. Ihr Einsatz ist eine zähe Geschichte. Immerhin gibt’s kleine Lichtblicke.

Bertram Peters: Der Biologe

Solange der Bach hinterm Haus nicht gerade unangekündigt zusammen mit einer Schlammlawine zu Besuch kommt oder tote Fische an dessen Oberfläche treiben, werden einem Zustand und Probleme heimischen Gewässer nicht bewusst. Einer, der tagtäglich beruflich mit ihnen zu tun hat, ist Bertram Peters vom Wasserwirtschaftsamt (WWA) in Landshut. Er überwacht die Umsetzung der sogenannten „EU-Wasserrahmenrichtlinie“, kurz WRRL. Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich alles, was dazu beiträgt, dass sich der von der EU verordnete Zustand der Gewässer – von großen Flüssen wie der Donau bis hinunter zu kleinen Bächen wie den Abenszuflüssen – verbessert. Betroffen sind alle, die an einem Gewässer liegen. Einleiter, Triebwerksbetreiber, Landwirte und andere.

Bertram Peters: Der Biologe leitet beim Wasserwirtschaftsamt Landshut den Fachbereich „Technische Gewässeraufsicht“. Alles andere als eine trockene Materie.
Bertram Peters: Der Biologe leitet beim Wasserwirtschaftsamt Landshut den Fachbereich „Technische Gewässeraufsicht“. Alles andere als eine trockene Materie. Foto: WWA

Die Zuständigkeiten sind auf verschiedene Schultern verteilt. Das Wasserwirtschaftsamt ist für Gewässer 1. (z. B. Donau) und 2. Ordnung (z.B. Abens) zuständig, wie es im Behörden-Jargon heißt. Um die nächst kleinere Kategorie, Gewässer 3. Ordnung (z.B. die Abenszuflüsse, wie Sieg-, Perka- oder Elsendorfer Bach), müssen sich die Kommunen kümmern. Damit man überhaupt wusste, wo soll was verändert werden, stand bis 2009 im Landkreis eine Bestandsaufnahme an. Bis 2015 wurden für jedes Gebiet auf jedem Level Maßnahmenkataloge erarbeitet und erste Projekte umgesetzt.

Gewässergüte selbst checken

  • Kartendienst:

    Den Zustand der Gewässer im Landkreis Kelheim kann man über den Kartendienst Gewässerbewirtschaftung abfragen. Dieser Kartendienst steht jedem Interessierten zur Verfügung unter: www.lfu.bayern.de/wasser/wrrl/kartendienst/index.htm; Dort kann man den Landkreis sowie einzelne Flüsse bzw. Bäche auswählen und Infos finden.

  • „Fach-Chinesisch“:

    Begriffserklärungen zum Kartendienst: Makrozoobenthos = die Gesamtheit der im Gewässer lebenden Organismen, die sich mit bloßem Auge erkennen lassen (z.B. Schnecken, Muscheln, Wasserkäfer, Wasserwanzen, Insektenlarven, Egel); Art und Menge der in einem Gewässer vorhandenen Arten geben Auskunft über dessen aktuellen Zustand.

  • Saprobie = der Ausdruck für die organische Belastung in einem Gewässer. Früher Grundlage für die sog. Gewässergütekarte.

  • Makrophyten = alle Wasserpflanzen außer den Algen

  • Degradation = Kann man vereinfacht mit Gewässerstruktur beschreiben.

  • Phytobenthos = Auf Steinen im Gewässer wachsende Algen

  • Phytoplankton = Im Gewässer schwimmende Algen

  • Anmerkung: Makrophyten, Phytobenthos und Phytoplankton geben Aussagen zur Nährstoffbelastung in einem Gewässer. (re)

Die WWAs kümmern sich um strukturelle Veränderungen – dazu zählt neben vielem anderen das Aufbrechen starrer Uferlinien, das Erzeugen von Strömungen oder das Wiederherstellen der Durchgängigkeit, etwa an Wehren mittels Fischtreppen. Handlungsbedarf sieht Bertram Peters bei Letzterem etwa am Teugner Mühl- und am Feckinger Bach. Die Kollegen von der Landwirtschafts-Verwaltung sorgen dafür, dass weniger Einträge, sprich Humus, von Feldern in den Fließgewässern landen mit Projekten wie „Boden:ständig“ und dass auch Nährstoffe wie Stickstoff und Pflanzenschutzmittel reduziert werden.

Erste Ergebnisse wurden Ende 2015 an die EU gemeldet und Verlängerung bis 2021 beantragt. Bis dahin soll umgesetzt sein, was die größte positive Wirkung verspricht, so Peters. Alles in allem stehe seine Behörde, die auch für die Kreise Landshut und Dingolfing-Landau zuständig ist, im Vergleich sehr gut da. Für fast 80 Prozent aller Gewässer, die relevant sind, gibt es einen „Masterplan“, sprich ein Umsetzungskonzept. Ein Teil ist bereits erledigt. Das habe auch damit zu tun, dass das Interesse der Gemeinden, etwas zu verändern, sehr groß sei.

Doch was sich so positiv anhört, ist ein zähes Geschäft. Oft prangt hinter der tatsächlichen Zielerreichung ein „Unwahrscheinlich“. Denn Verändern geht nur mit dem Einverständnis des Eigentümers oder mit dem entsprechenden Grundbesitz. „Ohne kann man kaum etwas machen“, sagt Peters. Seine Arbeit vergleicht er dennoch nicht mit Sisyphos. Es bleibt eine zweite Fristverlängerungsoption bis 2027. Ob dann Sanktionen drohen, weiß derzeit niemand. Das wäre wie der Blick in eine Glaskugel, sagen Insider.

Manfred Beck: Der Vorsitzende des Kreisfischereivereins setzt sehr auf die Natur, sprich, auf natürliche Reproduktion. Mit reinem Fischbesatz lässt sich die Artenvielfalt nicht halten, so sein Credo.
Manfred Beck: Der Vorsitzende des Kreisfischereivereins setzt sehr auf die Natur, sprich, auf natürliche Reproduktion. Mit reinem Fischbesatz lässt sich die Artenvielfalt nicht halten, so sein Credo. Foto: Pieknik

Manfred Beck, der Fischer:

Gefräßige Gegner treiben Manfred Beck, den Vorsitzenden des Kelheimer Kreisfischerei-Vereins, am meisten um. Jedes Gewässer hat in der Hinsicht „separate“ Probleme, erklärt der Ihrlersteiner, der seit 2014 im Amt ist. Allein jeder der geschätzt etwa 1000 Kormorane in der Region verspeist laut Beck täglich mindestens 500 Gramm Fisch.

Unter der Wasseroberfläche hocken unterschiedliche Grundelarten wie die Schwarzmundgrundel. Die zehn bis 15 Zentimeter lang werdenden Brackwasserfische reisten als „blinde Passagiere“ in Ballasttanks von Frachtschiffen donauaufwärts. Je nach Größe legen sie unbändigen Appetit auf Laich, kleine Fische und Fisch-Nährtiere wie Flohkrebse oder die Larven von Eintagsfliegen an den Tag. In Donau und Main-Donau-Kanal bewegt sich die Grundel bereits stromaufwärts in Richtung Neustadt/Vohburg.

Mit Unterwasserkameras dokumentierten die Fischer erschreckend schrumpfende Bestände, sagt Beck. Wie ein „Staubsauger“ verschlingt die Grundel das, was auch bei hiesigen Arten auf dem Speiseplan stünde. Allen Arten, die in Bodennähe laichen, macht sie das Leben schwer, weiß der Chef der Kreisfischer.

Obendrein macht sie ihnen ihren Lebensraum streitig. Weil der Eindringling selbst keine Schwimmblase hat, „hopst“ er zwischen Steinen und Boden herum. Um ihm sein Leben so unbequem wie möglich zu machen, lösen die Fischer, wo es geht, Steinschüttungen am Ufer auf. Ihre zweite Hoffnung: Dass sich die einheimischen Raubfische Barsch, Zander und kleinere Welse so vermehren, dass der Grundel Einhalt geboten wird. Ihre Haupt-„Biowaffe“ ist der Flussbarsch. Dessen Entwicklung stimmt Beck optimistisch, „dass sich die Natur selbst stabilisiert“.

Der Perkabach ist eine „Kinderstube“: Kürzlich wurden 4000 winzige Bachforellen von den Kreisfischern ausgesetzt.
Der Perkabach ist eine „Kinderstube“: Kürzlich wurden 4000 winzige Bachforellen von den Kreisfischern ausgesetzt.Foto: Pieknik

Chemisch gesehen ist die Wasserqualität von Donau, Abens und ihren Zuflüssen „ganz okay“, findet der 58-Jährige. Welten liegen zwischen heute und den Zeiten, als etwa noch die „alte“ Zellstofffabrik in Kelheim existierte und Abwässer ungeklärt in die Donau eingeleitet worden sind.

Heute sind es eher die Strukturen im Wasser, die problematisch sind. Donau und Kanal sind stark verbaut. An einzelnen Stellen versuchen sie gegenzusteuern. So wurden etwa oberhalb von Staubing befestigte Uferstreifen aufgelöst, neue Flachwasserzonen angelegt. Das wärmere Wasser dort ist ideal zum Laichen.

Die Abens hat ein Schlammproblem. Vor allem bei Starkregen spült es von den Feldern viel Humus ein. Natürliche Kiesbänke werden erst zugedeckt. Mit der Zeit verhärtet die Oberfläche. Nasen, Barben oder Bachforellen, die im Kies laichen, sind „ausgesperrt“.

Deshalb rüsten die Fischer zusammen mit dem Wasserwirtschaftsamt auch hier nach. Erste Hilfe-Maßnahmen sind etwa Wurzelstöcke oder anderes Totholz im Wasser. Sie tragen dazu bei, dass sich die Fließgeschwindigkeit verändert, dass kleine Strudel entstehen. Der Kies bleibt dann quasi unbehelligt, der Schlamm kann sich nicht absetzen.

Georg Maierhofer: Seit September 2015 soll der 51-Jährige als „Kümmerer“ entlang der Abenszuflüsse die Umsetzung der Projekte zur EU-Wasserrahmenrichtlinie vorantreiben.
Georg Maierhofer: Seit September 2015 soll der 51-Jährige als „Kümmerer“ entlang der Abenszuflüsse die Umsetzung der Projekte zur EU-Wasserrahmenrichtlinie vorantreiben. Foto: Weigert

Georg Maierhofer, der Netzwerker:

Manchmal kommt Georg Maierhofer vom VöF der Zufall zu Hilfe. Am Siegbach zum Beispiel. Da hatte er ein Treffen mit einigen Ansprechpartnern bei der Drahtmühle. Man dachte über eine Fischtreppe nach, um der Bachforelle über einen für sie unüberwindbaren Absturz zu helfen. Wenig später stellte sich heraus, dass der Siegenburger Bürgermeister nur wenige Meter weiter einen ähnlichen Termin hatte. Der Markt denkt für besseren Hochwasserschutz bei den Mühlen über ein mäanderndes Umgehungsgerinne nach, um dem Bach mehr Raum zu geben. Für die Forellen brauchte es damit an der Stelle gar keine Fischtreppe, um den Abschnitt „durchgängig“ zu machen, wie die Fachleute sagen. Die Forelle ist nur ein Bild für die Leute, damit sie sich vorstellen können, worum es geht, sagt Maierhofer. Das Thema betreffe auch unzählig viele wichtige Kleinlebewesen, die es für einen guten ökologischen Zustand braucht.

Weil „immer irgendwo etwas parallel läuft“, bekommt der per Pilotprojekt finanzierte „Kümmerer“ Maierhofer das idealerweise mit und erreicht, dass die Beteiligten möglichst oft auf denselben Zug aufspringen und „man nicht alles neu erfinden muss“. Wichtiger Teil seines Jobs ist es, alle Betroffenen entlang der Abenszuflüsse zusammenzubringen.

Unser Foto zeigt einen Absturz bei der Drahtmühle nahe Siegenburg. Ihr Besitzer ist jedoch motiviert, etwas zu ändern.
Unser Foto zeigt einen Absturz bei der Drahtmühle nahe Siegenburg. Ihr Besitzer ist jedoch motiviert, etwas zu ändern. Fotos: VöF

Damit etwas vorwärtsgeht, will er sich auf die Bereiche konzentrieren, „wo die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass man etwas machen kann, und wo Veränderung nottut“. Nöte gibt es viele. Denn im Gegensatz zur Abens, die weitgehend natürlich fließen darf, viele Kurven und Mäander schlägt, sind ihre meisten Zuflüsse begradigt, an vielen Stellen verrohrt. Teils wurden sie bis zu zweieinhalb Meter unter die Erde verlegt. Bei Starkregen saust das Wasser in kürzester Zeit – wie in einer Regenrinne – auf die Abens zu.

Pläne liegen eigentlich so gut wie überall in der Schublade. Planer Anton Pirkl hat diese in unzähligen Gemeinderatssitzungen im Landkreis in den vergangenen Jahren vorgestellt.

Schön ist es für Maierhofer, wenn Anlieger so aufgeschlossen sind wie der Besitzer der Drahtmühle. Denn auch er merkt: Landwirtschaftliche Flächen werden immer seltener für ökologische Maßnahmen zur Verfügung gestellt. Leichter ist es dort, wo die Gemeinden Flächen besitzen oder sie etwas Adäquates zum Tausch anbieten können.

Es gibt auch kleine Veränderungen, die sich ohne Zugang zu Ufergrundstücken umsetzen lassen. „Störsteine“ oder Totholz etwa bringen Leben ins Wasser. Denn meist fließen die begradigten Bäche in ein und dem selben Tempo dahin, Strudel etc. gibt es kaum mehr. Oft reichen zudem Monokulturen wie Mais oder Hopfen bis an die Bäche heran. Uferbereiche mit Schilf oder typischem Auengehölz wie Erle oder Trauerkirsche sind selten. Dabei wären sie wichtige Schattenspender und Lebensgrundlage für Forellen, Flusskrebse und Co. Auch Absetzmulden wären an vielen Stellen wichtige Medizin für die Bäche. Sie fangen durch Regen eingespülten Humus ein. Und wenn sonst gar nichts geht, würde ein kleiner Uferschutzstreifen „schon viel bringen“, sagt Maierhofer. Er hat noch viel zu tun. Und das alles in Teilzeit.

Andreas Ehlers: Der Dipl.-Ing. Landespflege ist beim VöF für Arten-, Biotopschutz und Gewässerpflege zuständig. Von der Beschaffung der Gelder bis zur praktischen Organisation der Arbeiten.
Andreas Ehlers: Der Dipl.-Ing. Landespflege ist beim VöF für Arten-, Biotopschutz und Gewässerpflege zuständig. Von der Beschaffung der Gelder bis zur praktischen Organisation der Arbeiten. Foto: VöF

Andreas Ehlers, der Artenschützer:

Früher gab es sie sprichwörtlich zum Schweinefüttern, schaufelweise wurde sie, um das Borstenvieh zu sättigen, aus hiesigen Fließgewässern geholt. Die Rede ist von der Bachmuschel. So war sie auch im Sallingbach, der sich über knapp zehn Kilometer, von Ursbach bei Rohr durchs tertiäre Hügelland windet und bei Abensberg in die Abens mündet, in Massen vorhanden, sagt Andreas Ehlers vom Landschaftspflegeverband VöF.

Mitte der 1980er war nur mehr im untersten Teil ein Restbestand übrig. Unter anderem machten der Bachmuschel künstliche Düngemittel den Garaus. Der damals noch junge VöF brachte 1987 ihr zur Rettung Bayerns allererstes Arten- und Biotopschutzprojekt ins Laufen. Mittlerweile ist die Bachmuschel eine streng geschützte Art.

Das, womit Andreas Ehlers es täglich zu tun hat, lässt sich aber nicht simpel in schwarz oder weiß, in gut oder schlecht einordnen. Wie der Zustand der Abenszuflüsse im Landkreis Kelheim sei, lautete die Einstiegsfrage der Reporterin. Doch das Thema und alle seine Facetten sind sprichwörtlich fließend, man könnte auch sagen uferlos.

Zum einen könne sich alle paar Meter oder Kilometer der Zustand ändern. Zum anderen könne, was für die Bachmuschel gut ist, für andere Arten eben schlecht sein. Mit den Maßnahmen, die man zur Verbesserung der Gewässer anstrengen kann, ist es genauso. Was für das Erreichen eines Ziels gut sei, müsse nicht für ein anderes gelten. Und Ziele, die gibt es „säckeweise“ im Arbeitsuniversum des 51-Jährigen. Noch eins macht Ehlers deutlich: Wenn ein Gewässer auf den ersten Blick für den Laien toll aussieht, heißt es nicht automatisch, dass es auch „toll“ darum bestellt ist.

Möglicherweise gibt es an einigen Stellen massive Erosionen, eventuell spielen Herbizide und andere unsichtbare Einträge von Äckern, die womöglich Kilometer entfernt liegen, eine Rolle. Aber natürlich gibt es Grundlegendes, was einen „funktionierenden“ Bach ausmacht: Er sollte zum Beispiel nicht schnurgerade sein, sondern sich selbst seinen Weg bahnen dürfen. Sprich: hier Land abgraben, andernorts anlanden.

Deutsche Gründlichkeit

Das ist einer der Punkte, die der Mensch in der Vergangenheit den Gewässern verboten hat. Im Zuge des „Reinlichkeitsgedankens“ rückte man dem „bösen Bach“, der hier und da womöglich über die Ufer trat, mit Steinen, Beton oder Rohren zuleibe. Man versteinerte hier, begradigte dort. „In dem Glauben, dass dann alle zufrieden sind. Aber das stimmt nicht“, sagt Ehlers. Jedes Fließgewässer, das begradigt ist, wird kürzer, schneller und in der Folge auch tiefer.

In den vergangenen Jahren hat sich im 16 Quadratkilometer großen Projektgebiet Sallingbach einiges getan. Die dominierende intensive landwirtschaftliche Nutzung wurde durch Ankauf und Tausch von Flächen zurückgesetzt. Das ist ganz wörtlich zu verstehen. Denn wurden Äcker und auch Wiesen früher bis in den letzten Winkel genutzt, gibt es mittlerweile eine Art Pufferzone. Es gelang am gesamten Ufer des Sallingbachs, Acker- in Grünland umzuwandeln. Wo nicht angekauft oder getauscht werden konnte, gibt es immerhin fünf bis zehn Meter breite Uferrandstreifen. Statt intensiver wird von den „Kümmerern“, die Ehlers engagiert, extensive Grünlandbewirtschaftung gepflegt. Ohne Dünger, versteht sich. Der VöF stemmt sich gegen den Trend. Denn weil immer weniger Kühe in den Ställen im Landkreis stehen, wurden und werden immer mehr Wiesen zu Ackerland.

Trotzdem noch kein „Paradebach mit Stern“

Zur Kunst von Andreas Ehlers Job gehört es auch, Landwirte zur freiwilligen Teilnahme an ökologischen Schutzmaßnahmen zu bewegen. Doch in Zeiten, wo wieder jeder Quadratmeter Fläche gefragt ist, um mit anderen Betrieben Schritt zu halten, und die Zinsen gleich null sind, will kaum einer ein Stück Land abtreten, geschweige denn verkaufen.

Ohne das Sallingbach-Projekt gäbe es heute wohl keine Bachmuschel mehr, sagt Ehlers. Bei der jüngsten Kartierung wurde eine deutliche Bestandszunahme mit relativ vielen jungen Muscheln festgestellt. An die 2000 bis 3000 Tiere sollen es sein. Neue Abschnitte im Bachoberlauf haben sie zwar noch nicht erobert. Dennoch sind das gute Nachrichten: Mehr Bachmuscheln bedeuten, dass das Ökosystem Sallingbach zumindest im unteren Teil vielfältiger geworden ist. Mehr Arten, bessere Struktur. Denn die Muschel lebt nur dort, wo Mitbewohner und Einrichtung stimmen. Für Ehlers eine Entwicklung, die „ganz passabel“ ist.

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