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Interessenskonflikt

Wasserschutz weckt Widerstand

Viele Trinkwasser-Schutzgebiete sind veraltet und aus Experten-Sicht unzureichend. Doch ihre Erweiterung schränkt andere ein.
Von Martina Hutzler und Beate Weigert

Viele Trinkwasserschutzgebiete sind nach heutigem Wissensstand unzureichend.
Viele Trinkwasserschutzgebiete sind nach heutigem Wissensstand unzureichend. Foto: Harry Melchert/dpa

Kelheim.Trinkwasser – jedem total egal, weil selbstverständlich? Das stimmt so jedenfalls im Raum Painten seit mindestens zwei Jahren nicht mehr. So lange schon erregen sich dort die Gemüter an der geplanten Erweiterung des Wasserschutzgebiets. Übersteht der Plan das derzeitige Genehmigungsverfahren, dann würde ein zehn Mal größeres Areal als heute rechtskräftig: Das halbe Gemeindegebiet läge dann im Trinkwasserschutzgebiet, bestätigt Josef Schuhmann, Geschäftsleiter im Paintner Rathaus. Von der landwirtschaftlichen Nutzung über die Ausweisung von Bauland bis zur Erweiterung von Kläranlage oder Friedhof würde schwieriger.

Aber das sollte uns sauberes Grund- und Trinkwasser wert sein – finden diejenigen, die solche Schutzgebietsvorschläge erarbeiten. Zum Beispiel der Hydrogeologe Dr. Karl-Heinz Prösl, der unter anderem die Neuausweisung der Schutzzonen im Dürnbucher Forst, bei Bad Abbach und bei Neustadt wissenschaftlich begleitet hat. Er schlägt aus Prinzip große Schutzgebiete vor. Denn „in kleinen Zonen hat man keine Einflussmöglichkeiten auf die landwirtschaftliche Nutzung“. Prösl sieht aber auch eine Art „pädagogischen“ Effekt: „Wer in einem Trinkwasser-Einzugsgebiet lebt und agiert, muss wissen, dass es ein Trinkwasser-Einzugsgebiet ist!“ Das gelte für Landwirte genauso wie für Kommunen oder Straßenplaner.

Stand „Painten-Neulohe“

  • Die vom Zweckverband

    zur Wasserversorgung der Jachenhausener Gruppe eingereichten Antragsunterlagen zur Neuausweisung eines Wasserschutzgebietes für die Brunnen I und II „Neulohe“ lagen nach Auskunft des Kelheimer Landratsamts in der Zeit vom 21. April bis 20. Mai 2015 beim Markt Painten, der Stadt Hemau sowie den Landratsämtern Kelheim und Regensburg öffentlich zur Einsichtnahme aus. Die Einwendungsfrist endete am 3. Juni 2015.

  • Aufgrund eines Formfehlers

    – einer unvollständigen Bekanntmachung in Hemau – mussten die Unterlagen für das Vorhaben erneut ausgelegt werden. Die Einwendungsfrist hierfür endete am 15. März 2016.

  • Insgesamt gingen

    nach Auskunft der Landratsamts-Pressestelle 54 Einwendungen ein, wobei sich acht Einwender anwaltlich vertreten lassen.

  • Damit ist das Anhörungsverfahren

    in dem Wasserrechtsverfahren abgeschlossen. Nun werden die Einwände geprüft und zur Übermittlung entsprechender Stellungnahmen den zuständigen Fachstellen übermittelt.

  • Ein Erörterungstermin

    wurde bislang noch nicht anberaumt. (re)

Das derzeitige Erweiterungsverfahren in Painten-Neulohe wird nicht das einzige bleiben. „Rund 22 Prozent der Wasserschutzgebiets-Verordnungen in unserem Zuständigkeitsbereich sind älter als 20 Jahre, etwa 38 Prozent sind sogar älter als 30 Jahre“, erklärt Josef Goldbrunner vom Wasserwirtschaftsamt Landshut: Da sei es „sicher notwendig, das eine oder andere Schutzgebiet hinsichtlich Aktualität und Wirksamkeit zu überprüfen“.

Nachbarn klopfen bei Versorgern an

Hinzu kommt, dass Wasserversorger die Gewinnung da, wo sie noch in guter Qualität möglich ist, eher ausweiten. Zum einen, weil ihre eigene Kundenzahl mit wachsender Besiedlung steigt. Zum anderen klopfen „Wassergäste“ an. Der Zweckverband Wasserversorgung Hallertau (ZVWV) etwa liefert laut Geschäftsführer Alois Siebler bereits fast ein Drittel seines Wassers an Gemeinden außerhalb des Verbandsgebiets, die selbst keine neuen Brunnen bohren können.

Das erschließt den Wasserversorgern Einnahmequellen und womöglich auch Fördermittel, bestätigt Siebler. Andererseits müssen sie genügend aktive Brunnen vorhalten. Der ZVWV Hallertau im Süden des Landkreises hat aktuell acht Brunnen am Netz; nicht ausgeschlossen, dass ein weiterer hinzukommt. Wasserversorger müssten neue Standorte erkunden – ohne freilich ihren Nachbar-Verbänden ins Gehege zu kommen, sagt Geschäftsführer Siebler.

Das größte Problem der Wasserversorger – wenn nicht heute, dann künftig: Die Nitrat- und Nitrit-Belastungen im Wasser. Foto: Pieknik
Das größte Problem der Wasserversorger – wenn nicht heute, dann künftig: Die Nitrat- und Nitrit-Belastungen im Wasser. Foto: Pieknik

Denn allen droht als größtes Problem die Nitratbelastung. Basierend auf Pegelbohrungen in der Hallertau, in sieben bis 60 Metern Tiefe, rechnet Siebler damit, dass in seinem Verbandsgebiet in den nächsten 10 bis 20 Jahren vier weitere Brunnen die zulässige Nitrat-Obergrenze von 50 Milligramm je Liter überschreiten werden – dann müssten sie vom Netz. Dagegen müsse man dringend etwas tun, denn „das können wir unseren Nachfahren nicht antun“, findet Alois Siebler. Ein erster Schritt sei das angestrengte Pilotprojekt zum ressourcenschonenden Hopfenbau.

Fürs Erste sind für den Verband die zwei neuen Tiefbrunnen im Grafendorfer Forst samt neuem Wasserwerk „wie ein Sechser im Lotto“: Das Wasser aus dem Wald enthält gerade mal 3,5 bis 4 mg/l Nitrat. Doch nicht überall in der Hallertau könne man Brunnen bohren; Quellwasser scheide wegen der Pflanzenschutzmittel-Belastungen aus. Und auch das Aufbereiten von Trinkwasser habe Grenzen.

„Warum das neue Schutzgebiet in Painten-Neulohe nötig ist, hat bisher keiner den Bauern erklären können.“

BBV-Kreisgeschäftsführer Alois Schweiger

An der Notwendigkeit von Grund- und Trinkwasserschutz will Alois Schweiger, Kreis-Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands, nicht zweifeln. Es gehe aber um die Verhältnismäßigkeit, sagt er, etwa mit Blick auf das laufende Erörterungsverfahren für einen neuen Brunnen in Weltenburg. Dort sei geplant, viele Flächen von organischer Düngung auszunehmen. Ein komplettes Verbot für Gülle, Mist oder Substrat aus Biogasanlagen? Nein, „das kann ich mir nicht vorstellen“, so Schweiger.

Akzeptabel für beide Seiten hält er stattdessen eine freiwillige Düngebeschränkung. Als Beispiel führt der BBV-Geschäftsführer den Abensberger Ortsteil Baiern an, wo das seit Jahren klappe. Damit könnten Wasserversorger bei Landwirten die Bereitschaft zur Zusammenarbeit fördern.

Bauern setzen auf Freiwilligkeit

In Neulohe dagegen hat man sich nach Schweigers Worten völlig überrannt gefühlt vom Plan, das Schutzgebiet zu vergrößern. Schließlich hätten Landwirte mit dem Wasserzweckverband Jachenhausener Gruppe bereits einen freiwilligen Weg eingeschlagen hatte, prämiert sogar mit Auszeichnungen von Landwirtschafts- und Umweltministerium. Im Falle gravierender Mängel hätte man die freiwilligen Maßnahmen erweitern können, findet Schweiger. „Warum stattdessen das neue Schutzgebiet nötig ist, hat bisher keiner den Bauern erklären können“, kritisiert er.

Eine Antwort hat Josef Goldbrunner vom Wasserwirtschaftsamt: „Die Festsetzung wirksamer Wasserschutzgebiete ist im Wasserrecht zwingend vorgeschrieben für Gewinnungsanlagen der öffentlichen Wasserversorgung.“ Ihm ist freilich klar, dass dies „zwangsläufig zu Konflikten mit konkurrierenden Nutzungen“ wie Landbau oder Rohstoff-Abbau führt. Diese müsse man eben erörtern.

„Jeder will einwandfreies Trinkwasser, aber nur wenn er selbst nicht eingeschränkt wird.“

Josef Goldbrunner, Wasserwirtschaftsamt Landshut

Der Schutz scheitert oft am Geld

Ohnehin ziehe bei solchen Verfahren der Wasserschutz oft den kürzeren, bedauert Hydrogeologe Dr. Prösl: Den qualitativen Schutz durch Bewirtschaftungsauflagen hält er für unzureichend, weil die Mittel für Ausgleichszahlungen an Bauern fehlen. „Wir wüssten, wie es funktionieren würde. Aber die Umsetzung geht eben sofort ins Geld“.

Auf „gegenseitiges Einvernehmen“ zwischen Wasserversorgern und Bauern hofft Christa Bögeholz, Geschäftsstellenleiterin der Jachenhausener Gruppe, zu der das Brunnenfeld Neulohe gehört. Auch die Wasserversorger wollten die Lage für Landwirte nicht unnötig erschweren. Freiwilliger Landtausch könnte eine Option sein, schlägt sie vor. Ferner müssten sich die Wasserzweckverbände untereinander besser vernetzen, austauschen, zusammenarbeiten. Dringend nötig seien auch wissenschaftlich begleitete Projekte wie das zum „Trinkwasserschutz Oberpfälzer Jura“.

Trotzdem wird das Ringen um Trinkwasser-Schutzgebiete weitergehen, ist Josef Goldbrunner vom Wasserwirtschaftsamt überzeugt; er erwarte nicht, „dass die Festsetzungsverfahren einfacher werden. Jeder will einwandfreies Trinkwasser – aber nur, wenn er selbst nicht eingeschränkt wird.“

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