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Unwetter

In 20 Minuten stand das Wasser meterhoch

Ein Unwetter historischen Ausmaßes hinterlässt Spuren im Landkreis. Wasser und Schlamm und bedrohen Existenzen.
von Benjamin Neumaier und Roswitha Priller

Ein Blick aus dem Feuerwehrauto – dunkle Wolken und Land unter...
Ein Blick aus dem Feuerwehrauto – dunkle Wolken und Land unter... Foto: Pieknik

Adlhausen.Johann Schmatz hat seit mehr als 36 Stunden nicht geschlafen. Die Anstrengungen der vergangenen Stunden sind ihm anzusehen. Dazu hat die „Katastrophe“, die Sonntagnacht über ihn und sein Gut Schickamühle hereingebrochen ist, tiefe Furchen hinterlassen. „So schlimm war es noch nie. Wir hatten schon öfter Überschwemmungen, liegen ja in einem gefährdeten Gebiet, aber im Haus hatten wir das Wasser noch nicht.“

In Adlhausen stand der Matsch auch am Montagnachmittag noch knöcheltief.
In Adlhausen stand der Matsch auch am Montagnachmittag noch knöcheltief. Foto: Neumaier

Innerhalb von 20 Minuten verwandelt sich sein Hof in ein Unterwasserbiotop. Zwischen 80 und 100 Liter schüttet der Himmel aus. Das Wasser rollt wie eine Welle von den Hügeln von Gunzenhausen aus auf Schickamühle zu – und bringt viel Schlamm und sogar einen Stör aus einem Weiher eines benachbarten Bauern mit. „Wir konnten nur zusehen, wie das Wasser immer höher steigt“, sagt Schmatz. „Ich fühlte mich ohnmächtig, konnte absolut nichts tun.“ Bis zu einem Meter hoch stand das Wasser im Hof. Der 66-Jährige Hausherr alarmiert die Feuerwehr, dichtet die Haustür mit Decken und Teppichen ab, stemmt sich dagegen. „Aber das hat alles nichts genutzt – das Wasser hat sich seinen Weg gesucht.“

Der ist auch am Montag noch nachzuvollziehen. Schlieren um das Haus zeigen die Wasserhöhe an, Schlamm bedeckt den Hof und die Böden des Hauses, Holzbalken und Bretter aus dem Sägewerk der Schmatz liegen kreuz und quer rund um das Anwesen verstreut und die Zufahrtsstraße sowie die eigentlich kleinen Bächlein rund um das Gut sind überspült. „Wir konnten gar nichts retten, alles ist hinüber. Auch unseren Festsaal hat es erwischt. Da sollte am Freitag eine Hochzeit steigen“, klagt Schmatz und blickt hilfesuchend um sich. Auf 80 000 bis 100 000 Euro schätzt er den Schaden, zwei Wochen gibt er sich für die Aufräumarbeiten.

Johann Schmatz steht vor einem Scherbenhaufen. Er beklagt am Gut Schickamühle rund 100 000 Euro Schaden.
Johann Schmatz steht vor einem Scherbenhaufen. Er beklagt am Gut Schickamühle rund 100 000 Euro Schaden. Foto: Neumaier

Die erste Feuerwehr die bei Schmatz eintraf, kam um 21.45 Uhr, „das THW um kurz 24 Uhr. Die hatten dann Sandsäcke dabei. Hätten wir die früher gehabt, hätten wir zumindest das Haus vor großen Schäden bewahren können“, sagt Schmatz, der aber niemandem einen Vorwurf machen will: „Es hat den ganzen Landkreis getroffen, die Helfer hatten alle Hände voll zu tun. Und als sie da waren, haben sie super Arbeit gemacht.“

Einen Vorwurf richtet er allerdings an die Gemeinde Langquaid: „Seit 30 Jahren versuche ich, eine Lösung für das Wasserproblem zu finden –aber die Gemeinde blockt ab. Der Kanal ist zu klein, war am Sonntag zudem verstopft und daneben läuft um eineinhalb Meter erhöht die Gemeindeverbindungsstraße. Die wirkt wie ein Damm. Aber man nimmt mich in der Gemeinde nicht ernst.“ Für Schmatz ist der Schaden doppelt bitter, ist er gegen Elementarschäden nicht versichert: „Mich nimmt ja keine Versicherung, schließlich liege ich in einem gefährdeten Gebiet.

Das Wasserschloss in Adlhausen wurde von Matsch überflutet.
Das Wasserschloss in Adlhausen wurde von Matsch überflutet.Foto: Neumaier

Zum Versicherungsfall wird hingegen das Wasserschloss in Adlhausen. Das Erdgeschoss des gerade renovierten und frisch gestrichenen Anwesens wurde ebenfalls Opfer der Schlammfluten. Noch am Montagnachmittag steht man dort knöcheltief im Matsch, der Wassergraben gleicht einer Kloake, verschmutzte Teppiche liegen im Freien. Der Hausherr und seine Helfer räumen die Möbel aus dem Haus, es werden Fotos gemacht – für die Versicherung. Auch der Hausherr sagt, dass das Wasser nur unzureichend aus seinem Grundstück abfließen könne. Die Ablaufkanäle unter der Straße seien zu klein.

Am Sonntagabend hätten aber wohl auch größere nichts gebracht, sagt Wolfgang Steger, 2. Kommandant der Feuerwehr Adlhausen. Er kämpfte mit insgesamt 35 Mann gegen die Wassermassen und tonnenweise Schlamm: „Ich bin jetzt 30 Jahre bei der Feuerwehr, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt. Der Helchenbach ist zum Fluss geworden, der mitten durch unser Dorf geflossen ist. Das Wasser kam schneller, als wir es abpumpen konnten.“ auch Herrngiersdorf und Langquaid seien vom Unwetter stark betroffen gewesen, wusste Steger,

Aufräumarbeiten in Adlhausen
Aufräumarbeiten in Adlhausen Foto: Neumaier

Aber nicht nur im östlichen, auch im südlichen Landkreis hat das Gewitter eine verheerende Spur hinterlassen. Überschwemmte Straßen und Höfe, vollgelaufene Keller und verschlammte Anwesen finden sich vor allem um Kirchdorf. Ober- und Untermantelkirchen, Pickenbach und Allmersdorf waren betroffen, aber auch am Sonnenhang in Kirchdorf und in der Hauptstraße liefen Keller voll Wasser und die Straßen verwandelten sich in reißende Fluten. „Angefangen hat es am Sonntagabend mit einem Stromausfall und das Telefon war auch weg.“, sagte Schreinermeister Wolfgang Schrembs. „Dann fing im Sportheim bei jedem das Handy an zu läuten, weil daheim dringend Hilfe benötigt wurde.“

Die Freiwillige Feuerwehr Kirchdorf organisierte sich per Whatsapp, da wegen des Stromausfalls die Sirene nicht ging. „Die Feuerwehrler waren trotzdem schnell zur Stelle“, sagt der Einsatzleiter, zweiter Kommandant Michael Schiller. „Auch heute zum Aufräumen haben sich sieben Freiwillige freigenommen.“

Aufräumarbeiten in Allmersdorf
Aufräumarbeiten in Allmersdorf Foto: Priller

Bei Schrembs war der Keller vollgelaufen. „Das Wasser kam vom Kanal, obwohl wir ein Rückschlagventil haben“, erklärte Junior Sebastian Schrembs, der selbst bis in die Morgenstunden mit der Feuerwehr im Einsatz war. Alle Mitarbeiter des Betriebs helfen beim Aufräumen und Saubermachen, der Keller ist noch stark verschlammt, die Werkstatt und das Büro jedoch nicht betroffen.

Anders sah es bei der Firma Terradukt in Untermantelkirchen aus. Ein kleiner zehn Zentimeter tiefer Bach führt normalerweise durchs Firmengelände. Der hatte sich durch das Unwetter schlagartig in einen reißenden Strom verwandelt und Lagerräume, Werkstatt und auch das Büro unter Wasser gesetzt. „Wir haben bis um halb fünf Uhr morgens hier aufgeräumt und gearbeitet. Feuerwehr und Nachbarn haben geholfen“, erzählt Geschäftsführer Georg Lidl. „Um sechs Uhr morgens ging es dann mit den Mitarbeitern und Verwandtschaft weiter.“ Inzwischen ist der Bach wieder zurückgegangen und plätschert vor sich hin. „Innerhalb von zehn Minuten war alles voll. Das hatten wir hier noch nie. Mein 65-jähriger Vater hat nur von seinem Vater erzählt, dass der mal in Untermantelkirchen ein schlimmes Hochwasser erlebt hat.“ Mehrere Anwesen in Unter- und Obermantelkirchen sind dieses Mal stark betroffen, ein Jahrhundertereignis.

In Allmersdorf sind vor allem die Höfe auf der rechten Straßenseite von Eschenhart her kommend betroffen. Bei Hubert und Silke Zinner wird Matsch aus den Garagen und Lagerräumen geschaufelt. Auch der Garten ist verschlammt, die Wiese kaum betretbar. „Wir brauchen dringend einen Hochwasserschutz“, sagt Silke Zinner. Innerhalb von fünf Jahren habe es dreimal ähnlich stark geregnet. „Aber dieses Mal ist es so schlimm wie noch nie“, sagt ihre Mutter Hermine Hirthammer.

„Ich tat denen am liabsten die Schaufel in die Händ drucka.“

Hermine Hirthammer

Richtig erzürnt sind die Allmersdorfer, dass der Naturschutz dem Landratsamt offensichtlich wichtiger sei als die Einwohner. „Wir hätten ein Regenrückhaltebecken schräg hinter unserem Grundstück bekommen, aber dann haben sie dort eine seltene Schilfart gefunden und das Projekt wurde gestoppt“, berichtet Hirthammer. „Ich tat denen am liabsten die Schaufel in die Händ drucka.“ Die Nachbarschaft habe aber gut zusammengeholfen, erzählen die Allmersdorfer. „Ohne die Tauchpumpe von unserem Nachbarn hätte es noch schlimmer ausgeschaut“, so Zinner. Die Feuerwehren waren mit den vielen anderen Einsatzorten beschäftigt.

Auch in Tollbach hatte das Unwetter gewütet. „In den Hopfengärten kann man jetzt Schlauchboot fahren“, sagte Feuerwehrmann Stefan Reiser. Bis zu dreißig Zentimeter hoch stand hier der Matsch in den Lagern, Garagen und Ställen – auch die Keller waren voll. Die Nacht wurde in Tollbach ebenfalls durchgearbeitet. „Wenn das Zeug trocknet, kriegt man es gar nicht mehr weg.“, sagte Alois Landendinger. Die Tollbacher haben sich gegenseitig geholfen. „Wir haben hier eine Feuerwehr, allerdings ohne Fahrzeug. Aber jeder weiß, was zu tun ist“, so Landendinger. Die in Tollbach vorhandenen Regenrückhaltebecken hätten nach Meinung der Feuerwehrler schon längst wieder gewartet werden müssen. Den Starkregen konnten sie jedenfalls nicht auffangen.

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