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Dialekt

Wos moanst? Ziegenkäse, oder?

Langquaider Kinder gehen unter die Mundart-Forscher. Bairisch ist nun keine Fremdsprache mehr für sie. Meistens, jedenfalls.
Von Beate Weigert

  • Ein Dipfescheißer, sprich ein Besserwisser, wird im Polnischen „Mondrala“ genannt. Fotos: Weigert
  • Herausgekommen ist das Wörterbuch „Migraboarisch“

Langquaid.Einen glatten Fünfer, also ein „Mangelhaft“, gab’s für einen Aufsatz. Das hat sich eingebrannt. Dabei hatte sich die Begründung der Lehrerin zunächst so lobend angehört. Der Drittklässler habe inhaltlich sehr gut und akkurat den Hopfen, seinen Anbau und dessen Ernte beschrieben, urteilte die Lehrerin. „Schade, leider hast du im Dialekt geschrieben“, so die abschließende Begründung für den Fünfer. Monika Kaltner geht noch in der Erinnerung an die Geschichte die Hutschnur hoch. „So etwas sollte eigentlich nicht unter Aufsätzen von Grundschülern stehen, denn jeder weiß, dass man sich im Dialekt besser ausdrücken kann. Dieses Kind hatte von da an immer Probleme mit Aufsätzen.“

Die 54-Jährige bricht eine Lanze für das Bairische. In der Offenen Ganztagsschule in Langquaid, die von Kai e. V. betreut wird, leitet sie einen Kurs zum Thema „Mundart wertvoll“. Dabei geht es nicht nur um bairischen Dialekt. Denn der Großteil der Kinder in der Gruppe hat seine Wurzeln gar nicht in Bayern, sondern in Polen, Kosovo, Mazedonien, Rumänien oder in Kasachstan. Tim ist die Ausnahme. Aber auch er spricht von Haus aus kein Bairisch. Weil’s die Eltern nicht kennen respektive können.

Kursleiterin Monika Kaltner kommt das ziemlich bekannt vor. Ihre Geschichte geht nämlich ähnlich. Ihre Eltern stammen aus Südmähren und Schlesien. Als Flüchtlinge und Vertriebene landeten sie in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in Bayern. Da die schlesische Oma bis zu ihrem Lebensende weder bairischen Dialekt sprach noch verstand, wurde daheim nur nach der Schrift gesprochen.

Mit Toleranz war’s nicht so weit her

Außerhalb sprach die gebürtige Landshuterin aber stets Mundart. Denn sie machte schnell die Erfahrung, dass sie ansonsten die Außenseiterin war. „Früher war’s mit der Toleranz nicht so weit her“, sagt Kaltner. Erst später, als immer mehr Hilfsarbeiter in den Raum Mainburg kamen, habe sich das geändert.

In Ton und Bild dokumentierten Klaudia, Tim und die anderen ihre Interviews.
In Ton und Bild dokumentierten Klaudia, Tim und die anderen ihre Interviews.

Kaltner selbst spricht Holledauer Dialekt. Aber sie kennt auch noch viele Ausdrücke aus einem weiteren Radius. Denn sie ist mit ihrer Familie mehrmals umgezogen. Aus diesen Umständen war bei ihr das Interesse für Kultur, Mundart und kulturelles Miteinander schon früh ausgeprägt – „haben meine Geschwister und ich doch nie so richtig dazugehört.“ Ihre Erfahrung: Es ist wichtig, die Mundart zu verstehen und zu sprechen wie da, wo man beheimatet ist.

Mit Oshe, Klodina, Viktoria, Stefan, Magdalena, Johanna, Klaudia, Tim und den anderen hat sie unter anderem Landrat Dr. Hubert Faltermeier, Bayerns Integrationsbeauftragten Martin Neumeyer und Langquaids Bürgermeister Herbert Blascheck interviewt, um herausfinden, ob die Bairisch können, ob sich ihr Dialekt im Lauf des Lebens verändert hat. Ein „Vokabeltest“ durfte nicht fehlen. Mit Worten wie „Odlgruam“oder „Iaxnschmoitz“ fühlten sie den Erwachsenen auf den Zahn. Auch wenn sie selbst manchmal die korrekte Aussprache ganz schön fuxte.

Migraboarisch

  • Mundart bewahren

    und junge Menschen für Mundart begeistern – das Projekt „MundART WERTvoll“ will beides.

  • Der Projektträger

    , der Verein Bayernbund e.V., will darüber hinaus die Liebe zur bayerischen Heimat und ihren Traditionen fördern, aber auch die Wertschätzung anderer (Regional-)Kulturen und ihrer Sprecher fördern und den Wert kultureller Vielfalt unterstreichen.

  • Seit Jahresbeginn

    leitete Monika Kaltner aus Mainburg zum zweiten Mal ein „Mundart wertvoll“-Schulprojekt im Landkreis Kelheim. Mit Langquaider Kindern übersetzt sie bairische Wörter für das Wörterbuch „Migraboarisch“ ins Polnische, Rumänische oder Albanische. Kaltner hält es für wichtig, dass Kinder da wo sie daheim sind, auch den Dialekt verstehen und sprechen können.

  • Am Donnerstag

    , 9. Juni, ist im Langquaider Schulhaus Abschlussfeier mit prominenten Ehrengästen. (re)

Klaudia kam erst im Alter von neun Jahren nach Langquaid. Das war vor gut drei Jahren. Im Hochdeutschen hört man ihr das nicht an. Sie spricht perfektes Deutsch. Und mittlerweile schleichen sich auch immer mehr bairische Begriffe ein, mit denen die 13-Jährige etwas anfangen kann. Einige hat sich auch schon ihren Eltern beigebracht. Da frägt die Mama zuhause: „Magst du ein Kracherl?“ Also eine Limo. Und wofür Wäsche-Glubberl gut sind, ist inzwischen auch allen klar.

Am Anfang sei das Bairische aber fast wie eine andere Sprache gewesen. Fremdsprache Bairisch? Ja, genau.

Wenn die MZ-Reporterin schon mal in der Dialekt-Forscher-Gruppe zu Besuch ist, kann sie ja auch gleich interviewt werden. Denken sich die „Laabertaler Mundartforscher“ in Langquaid. Flugs zücken sie Aufnahmegerät und Videokamera. So wie sie es bei allen Interviews getan haben.

Sprach der Opa Chinesisch mit mir?

Hm, mal sehen, welche Worte mir so einfallen. „Wisst ihr, was a Flins ist?“, versuche ich mich. Das hatte mich früher mein Opa immer gefragt.

Ich blicke in lauter fragende Gesichter und glaube mir vorstellen zu können, wie es Klaudia anfangs ergangen ist, wenn die anderen mit ihr Bairisch redeten. Ha?, fragt einer aus der Runde. Sehr gut, das ist ja schon bester Dialekt. Man hätte auch: „Wie bitte?“, entgegen können. Aber im Bairischen geht halt vieles viel kürzer.

„Host no an Flins?“ – Damit versuchte mein Opa herauszufinden, ob ich noch (Taschen-)Geld, sprich Flins, besaß. Gut, zweiter Versuch: „Zeeankaas.“ Der zweite Teil des Worts scheint leicht. Kaas meint Käse. Absolut richtig. Die Reporterin wiederholt das Wort ein paar Mal. Auf einmal schnellt ein Arm hoch. „Das ist Ziegenkäse, oder?“ Also, essen möchte ich das Ganze nicht, schiebe ich als Tipp hinterher. Es ist eher was Ekliges. Die Kinder grübeln weiter.

In der Zwischenzeit verrät Klaudia, dass ihre Heimat, da ist, wo sie zuhause ist: in Langquaid. Für ihre Eltern sei es eher da, wo sie herstammten. Also, Polen. Dort heißt Heimat „Dom“. Bei Tim, dem Jungen mit bairisch-berlinerischen Wurzeln, ist Heimat da, wo die Menschen sind, die er liebt. Das könne auch bei der Verwandtschaft in Köln sein. „Die sind viel offener und lustiger als die Leute hier.“

Mittlerweile haben sich die Langquaider Schüler ins Bairische reingehört. Mit vielen Begriffen können sie etwas anfangen. Sie fühlen sich angekommen. Auch wenn neue Wörter Forscherdrang bei ihnen auslösen. Kaltner, die das Projekt auch schon in Mainburg durchgeführt hat, erinnert sich, dass türkische Kinder nach dem Besuch der Verwandtschaft im Ruhrgebiet erklärten: „Die sprechen gar nicht Deutsch da oben.“ Anderer Dialekt, andere (Fremd-)Sprache.

Nun wollen sie beim Abschlussfest am Donnerstag auch den „Zeeankaas“ einbauen. Den geladenen Promis, wollen sie einen Ziegenkäse vorsetzen und dann wissen was für ein bairisches Wort sich aus lautmalerischer Sicht dahinter verbergen könnte. Pssst, es ist nicht gerade lecker: So nennt man Stinkefüße, sprich Fußschweiß.

Projektleiterin Monika Kaltner im Interview:

Monika Kaltner
Monika Kaltner

Wer Bairisch kann, gehört dazu

Projektleiterin Monika Kaltner aus Mainburg spricht Holledauer Dialekt. Das war aber nicht immer so. Als Kind sprach sie zunächst Hochdeutsch und fand sich deshalb schnell in der Rolle der Außenseiterin wieder. Im Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen in Mainburg und Langquaid.

Richtet sich das Projekt nur an Kinder?

An Kinder und Jugendliche und durch die Interviews auch an die Erwachsenen.

Haben Sie bestimmte Kinder im Fokus?

Nein, das Projekt richtet sich an alle heimischen und zugezogenen Jugendlichen.

Gehen diese anders mit Mundart um?

Ja! Meine Beobachtung ist, dass die Toleranz und Akzeptanz des Andersseins bei Kindern und Jugendlichen höher ist. Und man will ja dazugehören!

Wie gehen Kinder mit Migrationshintergrund mit bairischer Mundart um?

Sie übernehmen unbewusst den jeweiligen „heimischen“ Dialekt, sie verstehen ihn sehr gut, sprechen aber – Ausnahmen bestätigen die Regel – nach der Schrift.

Was bringt den Kindern das Projekt?

Sie bekommen ein Gespür für die Sprache, finden es toll, den Dialekt zu erforschen und Gemeinsamkeiten zu finden. Auch in den Herkunftsländern gibt es meist verschiedene Dialekte.

Sie haben das Projekt im vergangenen Jahr schon mal in Mainburg durchgeführt. Was waren die Erkenntnisse?

Kinder aus 24 Nationen besuchen die Hallertauer Mittelschule. Das bedeutet: Sprachverwirrung auf dem Pausenhof. Elf „Holledauer Spürnosn“ machten mit. Unter anderem haben wir die zusammengetragenen Wörter ins Türkische übersetzt. Ansonsten haben die Jugendlichen sehr viel über Vereine, Firmen und Familien unterschiedlichster Herkunft kennengelernt und erfahren. Besonders die Zugezogenen haben meist keinen Bezug zum Bürgermeister, Landrat oder zu unserer Regierung.

Gab es bei den Interviews diesmal auch lustige Begebenheiten?

Als wir den Langquaider Bürgermeister Blascheck befragten, sagte der zur Frage „Sprechen Sie mit Ihren Kollegen im Rathaus Bairisch?“ „Selbstverständlich, mia san a bayerisches Rathaus, die Amtssprache ist Bairisch und darüber hinaus sprechen wir auch Fremdsprachen, unter anderem Bairisch!“

Was würden Sie sich in Bezug auf Dialekt und Schule wünschen?

Für das Überleben der heimischen bairischen Mundarten, aber auch der kulturellen Vielfalt, sollte in den Schulen viel mehr Augenmerk auf Dialekt(e) gerichtet werden. Bei einer Veranstaltung im Landtag etwa spielte eine Jugendkapelle aus dem Oberland. Da waren Musiker aus verschiedenen Ländern unserer Erde dabei – bunt eben! Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen für das Schulleben diese Chance der Integration, des kulturellen Miteinanders und die bunten Kulturen untereinander fördern und fordern! Nur wer seine (neue) Heimat lieben gelernt hat, besitzt die Akzeptanz gegenüber fremden und anderen Kulturen und kann Verständnis fürs Anderssein aufbringen.

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