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Handwerk

„Abwerbung ist für uns ein Problem“

Bauplatz gefunden – aber keinen Handwerker, der baut? Kann uns in der Region Kelheim drohen, warnt Obermeister Seidenschwand.
Von Martina Hutzler

Johann Seidenschwand leitet ein Hochbau- und Transportbeton-Unternehmen in Neustadt und ist Obermeister der Bauinnung Regensburg-Kelheim. Foto: Hutzler
Johann Seidenschwand leitet ein Hochbau- und Transportbeton-Unternehmen in Neustadt und ist Obermeister der Bauinnung Regensburg-Kelheim. Foto: Hutzler

Neustadt.Die Industrie boomt in und um Kelheim. Was bedeutet dies fürs Handwerk? Wir haben bei Johann Seidenschwand nachgefragt. Er leitet in Neustadt ein Hochbau- und Transportbeton-Unternehmen und ist Obermeister der Bauinnung Regensburg-Kelheim.

Johann Seidenschwand leitet ein Hochbau- und Transportbeton-Unternehmen in Neustadt und ist Obermeister der Bauinnung Regensburg-Kelheim. Foto: Hutzler
Johann Seidenschwand leitet ein Hochbau- und Transportbeton-Unternehmen in Neustadt und ist Obermeister der Bauinnung Regensburg-Kelheim. Foto: Hutzler

Viele Handwerksbetriebe in der Region klagen, dass sie keine Lehrlinge finden. Ist die Zukunft des Handwerks in Gefahr?

Auszubildende werden in der Tat immer weniger: In unserem Innungsbezirk sind die Zahlen um 30 Prozent gesunken. Speziell bei uns in der Bauinnung hat das viel damit zu tun, dass die Berufsschule für die Bauhandwerker von Regensburg nach Neumarkt verlagert wurde – auf Drängen der dort ansässigen Bauindustrie.

Mit welchen Folgen?

Lehrlinge aus dem Raum Neustadt, Abensberg konnten früher mit dem Zug gut die Regensburger Schule erreichen. Nach Neumarkt ist das eine Weltreise. Auch die immer stärkere Spezialisierung bei den Berufsschulen halten wir für den falschen Weg – anders als die Handwerkskammer. Die Mädels und Buben müssen dann bis zu 150 Kilometer fahren – das macht in dem Alter noch nicht Sinn.

Haben Sie genügend Azubis?

Wir haben zur Zeit je einen Lehrling im ersten und zweiten Lehrjahr, voraussichtlich stellen wir im Herbst noch einen ein. Das ist allerdings eher atypisch; vielleicht zählt bei uns im ländlichen Bereich das Handwerk noch etwas mehr als in Städten. Viele Kollegen betreiben sehr viel Werbung, gestalten ihr Ausbildungsangebot attraktiv – finden aber niemanden.

Sind eher Lehrstellen in der Industrie gefragt?

Die Industrie bildet ja nur vergleichsweise wenig aus! Die Ausbildungsquote [Anmerkung der Red.: Zahl der Azubis im Verhältnis zur Gesamt-Beschäftigtenzahl] liegt bei zwei bis drei Prozent – im Handwerk haben wir sieben bis acht Prozent! Firmen wie Audi übernehmen stattdessen fertig ausgebildete Facharbeiter aller Richtungen. Diese Abwerbung direkt nach der Lehre ist für uns ein großes Problem.

Warum können Sie die Leute nicht halten?

Wir zahlen in der Baubranche zwar mit die höchsten Sätze im Handwerk. Aber Firmen wie Audi oder BMW schütten halt im Schnitt noch zwei, drei Monatsgehälter jährlich zusätzlich aus. So was können wir uns einfach nicht leisten, weil wir das Geld beim Kunden gar nicht bekämen.

Der Kampf um Mitarbeiter wird schärfer – schlägt sich das für die Kunden bald in teureren Handwerkerrechnungen nieder?

Aktuell sehe ich das noch nicht. Die Betriebe stehen ja im Wettbewerb: Wenn drei einsehen, dass man die Leute noch besser bezahlen muss, um sie zu halten – dann gibt es bisher immer noch ein, zwei Betriebe, die das nicht einsehen und deshalb billiger anbieten können. Aber auch wenn es als Arbeitgeber natürlich schwierig ist, das zu sagen: Die Tarif- und Sozialleistungen müssen noch besser werden. Also wird das Jahr X kommen, wo die Kosten für Handwerkerleistungen definitiv steigen.

Findet der Häuslebauer womöglich irgendwann gar keinen Handwerksbetrieb mehr?

So eine Entwicklung sehe ich schon. Die meisten Betriebe haben einen hohen Anteil an Arbeitnehmern ab 50 aufwärts. Wenn die in den nächsten Jahren in Vor-/Ruhestand gehen – mit wem füllen wir dieses riesige Loch? Unser Innungsbezirk hat 140 Mitgliedsbetriebe, dazu gibt es etwa 100 weitere Betriebe. Alle zusammen haben aktuell gerade mal 80 Azubis im ersten Lehrjahr – für fünf Berufe: Maurer, Zimmerer, Betonbauer, Estrich-, Fliesenleger!

In Berufen wie Betonbauer fehlt zunehmend der Nachwuchs.
In Berufen wie Betonbauer fehlt zunehmend der Nachwuchs. Foto: dpa

Wie wäre es mit ausländischen Fachkräften?

Unsere Innung hat 2014 drei Tage lang versucht, im rumänischen Sibiu Fachkräfte anzuwerben, als fest angestellte Mitarbeiter für unsere Betriebe. Einer hat es tatsächlich versucht, aber das ist nach drei Monaten gescheitert. Wir haben das Thema jetzt auf Eis gelegt. Bei den Chamer Kollegen war es ähnlich, mit spanischen Mitarbeitern. Eigentlich bräuchte man einen „Kümmerer“, der die Leute betreut.

Rechnen Sie im Handwerksbereich mit Fusionen und steigenden Betriebsgrößen?

Eher nicht. Jeder Handwerker legt Wert auf seine eigene Betriebsphilosophie – die wäre bei einer Fusion dahin. Da übergibt man eher den Betrieb komplett. Das wird aber immer schwieriger. Oft will man es ja den eigenen Kindern nicht antun.

Wieso das denn?

Wenn ich mich nehme: Ich bin Bauingenieur, habe aber mehr mit Verwaltungskram zu tun, als ich mich um meine Baustellen kümmern kann. Zum Beispiel soll ich jeden Monat zehn, fünfzehn Statistiken für irgendwelche Ämter ausfüllen! Und dann kommt noch die EU mit immer neuen Regelungen, die wir in Deutschland immer besonders exakt umsetzen…

Wie bewerten Sie den Arbeitsmarkt im Kreis Kelheim?

Wir sind hier schon sehr gut aufgestellt: viele Arbeitsplätze, sehr breitgefächert, in Industrie, Handwerk, auch im Tourismus. Und wir haben noch genügend handwerkliche Betriebe. Aber in der Industrie hängen wir meiner Meinung nach zu sehr an der Automobil- und Zuliefer-Industrie.

Würden Sie von Neuansiedlungen abraten?

Warnen nicht. Aber man müsste sich mit Blick auf die demografische Entwicklung schon überlegen, wo so etwas sinnvoll und möglich wäre. Zumal der Mitarbeitermangel im Handwerk auch für die öffentliche Hand zum Problem wird.

Inwiefern?

Öffentliche Auftraggeber fordern immer kürzere Bauzeiten. Wie wollen Sie das gerade als kleinerer Betrieb bewerkstelligen, wenn Sie keine Fachkräfte bekommen? Hinzu kommt bei öffentlichen Aufträgen: Geplant wird lange – gebaut werden soll dann ganz schnell. Aber wenn ein großer Auftrag im März erst erteilt wird, und im Mai soll es losgehen – dann wäre mein Betrieb falsch aufgestellt, wenn ich so kurzfristig noch so viel freie Kapazitäten hätte.

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