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Auf die Größe kommt’s nicht an

Feuerwehr-Stützpunkt oder kleine Ortswehr: Beide sind wichtig, beide haben ihre Aufgaben, keiner kann ohne den anderen.
Von Claudia Pollok

  • Ein Teil der Hallen in Neustadt
  • Hier ruhen sich die Neustädter aus
  • Hier kommen die Niederumelsdorfer zusammen

Neustadt.Jürgen Bucher ist seit 1998 1. Kommandant bei der Freiwilligen Feuerwehr Neustadt. Die Feuerwehr ist sein Leben. Als hauptamtlicher Gerätewart der Stadt Neustadt ist er in der Früh meist der erste am Stützpunkt und schließt die Türen auf. Sein regulärer Arbeitstag geht von acht bis um 17 Uhr – Einsätze nicht dazu gezählt. Diese macht der 42-Jährige ehrenamtlich in seiner Freizeit. Ohne eine Familie, die hinter seinem Engagement steht, geht das nicht. Doch Buchers Frau und Kinder unterstützen ihn sehr und sind selbst bei der Feuerwehr.

Die Retter: FFW Neustadt

Eine typische Woche von Bucher verläuft im Takt der Feuerwehr. Etwa jeden zweiten Tag rückt er mit seinen Kollegen aus. Klingelt der Alarm, fährt er als Erster los und ordert vom Unfall- oder Brandort die richtigen Fahrzeuge und Geräte. Überregionale Großeinsätze gebe es im Jahr höchsten zwei oder dreimal, sagt Bucher. Was zugenommen hat, seien aber die Alarmierungen aus der Bevölkerung: Neben Bränden halten Wespennester und Ölspuren die Feuerwehrmänner auf Trapp.

Die Einsatzzentrale der Neustädter
Die Einsatzzentrale der Neustädter

Gibt es keine Einsätze bestimmen die Übungen und Treffen den Rhythmus seiner Woche. Montag trifft sich die Jugendgruppe, jeden zweiten Dienstag die 40-köpfige Mannschaft des 1. Löschzugs, jeden zweiten Donnerstag die Truppe des 2. Löschzugs. Bucher ist zwar nicht überall dabei, erstellt und taktet aber die Übungen. Und da wird kein Tag ausgespart: Mittwochs ist die Atemschutz-Übung an der Reihe und im Winter gehen die Aktiven und die Jugendlichen freitags in den Unterricht. Die Bootsführer trainieren samstags. Und selbst sonntags treffen sie sich bei der Feuerwehr: dann aber zum Frühschoppen.

Städte finden wenig Quereinsteiger

Das Gemeinschaftsgefühl in Neustadt ist sehr groß, sagt Bucher. Viele der aktiven Feuerwehrleute fahren nach der Arbeit auch auf einen Sprung ins Feuerwehrhaus, wenn es keinen Einsatz oder Übungen gibt. Sie treffen sich im Gemeinschaftsraum auf einen Plausch oder zu einem Kaffee. Trotzdem sieht Bucher in Sachen Gemeinschaft einen Vorteil bei den kleineren Stützpunkten. Natürlich sei Neustadt keine Großstadt, aber andere Freizeitangebote stehen in Konkurrenz zu ihnen. Quereinsteiger gebe es kaum, sagt der Kommandant. Auf dem Dorf schaut das ganz anders aus:

„Ist dort schon der Vater oder der Bruder bei der Feuerwehr, ist ganz klar, dass man selber auch mitmacht“, sagt Bucher. Ein Beispiel: Zu der Großgemeinde Neustadt gehören zwölf kleine Feuerwehren in der Umgebung. In Eining engagieren sich etwa 50 aktive Feuerwehrleute ehrenamtlich – im Vergleich dazu sind es in der großen Feuerwehr Neustadt nur 40 mehr, also rund 90.

Die Auswahl an Fahrzeugen ist riesig

Der Vorteil eines großen Stützpunktes sind die vielen Fahrzeuge und Geräte, mit denen sie anderen Wehren zur Hilfe kommen können. Bucher bemüht sich aber stark, auch seine zwölf Feuerwehren in den umliegenden Ortsteilen gut auszustatten. „Ich sitze schließlich am Hebel und mache die Bestellungen“, sagt der Kommandant. Die Feuerwehr in Neustadt hat allein schon zehn Wägen und drei Boote: Darunter sind zum Beispiel ein Tank-Löschfahrzeug, das 5000 Liter Wasser transportieren kann und eine Drehleiter, die nicht jede Feuerwehr hat, erklärt Bucher. Die zwölf Feuerwehren der Großgemeinde haben dagegen gemeinsam nur neun Fahrzeuge.

Auch der Weg von einem Feuerwehrauto zum nächsten ist in Neustadt länger als bei kleineren Stützpunkten, bei denen alle Wagen in einer Garage stehen: Auf dem Gelände gibt es nämlich gleich drei Hallen: Eine Haupthalle mit acht Stellplätzen, eine kleinere mit vier und die Katastrophenschutz-Halle, in der etwa 80 000 Standsäcke und andere Geräte aufbewahrt werden.

Eine so große Anlage wie in Neustadt bietet auch Platz für Außergewöhnliches. Zum Beispiel das Gartenhäuschen zwischen Feuerwehrhaus und Hof. Die überdachte Pergula besteht aus einer Bar, einem Ofen, einem Grill und Sitzplätzen. Bucher und seine Kollegen haben die Mauer des Häuschens mit der gesamten Front eines ausrangierten Feuerwehrautos verzieht – ein echter Blickfang für jeden der ins Feuerwehr-Gebäude kommt. „An Samstagen basteln wir immer weiter am Häuschen“, erzählt er. Aber auch die Vergangenheit nimmt in der Feuerwehr Neustadt einen großen Raum für sich in Anspruch: Bucher spaziert gerne durch das Museumszimmer, in dem alte Feuerwehr-Uniformen, Schläuche und Pumpen ausgestellt sind.

Bei so viel Einsatz gibt es natürlich auch mal einen Durchhänger bei den Ehrenamtlichen, doch bei Notfällen sind immer alle da. Beim Hochwasser 1999 war das so, erinnert sich Bucher. Da haben sogar die Kollegen aus Kelheim und Abensberg bei ihnen in der Zentrale mitgeholfen um seine Kollegen zu entlasten. Buchers Fazit: „Ob aus einer großen oder kleinen Feuerwehr, wenn’s drauf ankommt, sind wir doch alle eins!“

Johannes Datzmann ist 27 Jahre alt und 1. Kommandant in der Freiwilligen Feuerwehr in Niederumelsdorf. Mit 14 Jahren ist er in die Jugendgruppe eingetreten. Die Feuerwehr ist für ihn Beruf und Hobby gleichzeitig.

Die Retter: Feuerwehr Niederumelsdorf

Denn der junge Mann ist hauptberuflich bei der Berufsfeuerwehr in Landshut. Dort arbeitet er im 24-Stunden-Schichtdienst. Seine Freien Tage und den Feierabend verbringt Johannes Datzmann in der Freiwilligen Feuerwehr in Niederumelsdorf.

Die Ortsfeuerwehr ist als erstes da

Mit ihm engagieren sich noch 45 weitere Männer und fünf Frauen in der aktiven Mannschaft. Das ist für eine kleine Ortsfeuerwehr sehr viel. Daran ist gut zu sehen, dass die Feuerwehr auf dem Land noch einen hohen Stellenwert hat. Wenn Datzmann zum Beispiel in München erzählt, dass er Feuerwehrmann sei, sind alle immer erstaunt, berichtet er: „Für Städter ist es oft selbstverständlich, dass die Feuerwehr kommt, wenn sie 112 wählen. Die Leute denken aber nicht darüber nach, dass diese Feuerwehr aus Ehrenamtlichen besteht.“

In Niederumelsdorf ist das anders: „Die Einwohner wissen es zu schätzen, dass eine Feuerwehr in ihrem Ort ist und unterstützen uns sehr“, sagt der Kommandant. Jeder kennt hier jeden. In vielen Familien sind gleich mehrere Mitglieder bei der Feuerwehr. „Es kommt oft vor, dass Vater und Sohn oder beide Ehepartner bei uns sind“, erzählt Datzmann.

Das ist auch die große Stärke einer Ortsfeuerwehr. Sie kennt sich in ihrem Dorf am besten aus und ist als erstes bei der Unfallstelle, der Ölspur oder dem brennenden Gebäude. In Niederumelsdorf können vor allem die landwirtschaftlichen Höfe zur Gefahr werden, da sie nah aneinander gebaut sind. Die Ortsfeuerwehr muss deshalb schnellstmöglich dafür sorgen, dass das Feuer nicht auf das Gebäude überspringt, erklärt der Kommandant. Insgesamt rückt die Feuerwehr Niederumelsdorf etwa zwei Mal im Monat aus, im Jahr ungefähr 25 Mal schätzt Datzmann.

Hier telefonieren die Nierderumelsdorfer
Hier telefonieren die Nierderumelsdorfer

Bei Großeinsätzen ordern sie über die Leitstelle in Landshut Verstärkung. Das war zum Beispiel im August 2013 so: Da hat ihnen unter anderem die Feuerwehr Neustadt geholfen, einen Großbrand auf einem Hof zu löschen. Die Feuerwehr Neustadt hat ein Tanklöschfahrzeug, das 5000 Liter fasst, und eine Drehleiter. Die Feuerwehr Niederumelsdorf nur ein Feuerwehrauto. „Bei Einsätzen muss der Großteil unserer Feuerwehrleute mit ihrem eigenen Auto zum Unfallort fahren“, erklärt Datzmann. Das sei nicht immer einfach, besonders wenn sie mit schmutziger Kleidung oder Spezialausrüstung nach dem Einsatz wieder zurück fahren. Außerdem können bei einem Einsatz, bei dem 35 Leute ausrücken, nicht alle direkt bei der Unfallstelle oder dem brennenden Gebäude parken. Oft lassen sie ihre Autos einen Kilometer entfernt stehen und laufen zum Unglücksort, berichtet der Kommandant. Deshalb ist er froh, wenn die Kollegen seine Mannschaft mit Spezialgeräten unterstützen kommen. Die Einsatzführung bleibt bei Großeinsätzen aber stets bei ihm und seiner Truppe. Da die Niederumelsdorfer den Ort am besten kennen, können sie den andern sagen, wo sie am schnellsten Wasser aus Seen oder Bächen abpumpen können und wie das Gebäude aufgebaut ist“, sagt Datzmann. Übungen finden in Niederumelsdorf nicht wöchentlich statt. An einem Sonntag im Monat treffen sich die Feuerwehrleute um den Löschaufbau oder die Wasser-Entnahme aus offenen Gewässern zu üben. Jeden vierten Dienstag findet die spezielle Atemschutz-Übung statt.

Zwei Fragen an...

  • Kreisbrandrat Nikolaus Höfler: Welche Bedeutung haben „große“ Stützpunkte und „kleine“ Feuerwehren in der Fläche?

    „Nur so schaffen wir es die gesetzlich verankerte Hilfsfrist von zehn Minuten zu gewährleisten. Klar, die Großen haben mehr Gerät. Aber das steht an Stützpunkten. Es braucht Zeit die zu mobilisieren. Die Kleinen sind dann schon da.“

  • Und im Verbund? Wie spielen Große und Kleine zusammen?

    „Die Ortswehren sind vor allem eines: ortskundig. Sie wissen wo was ist, Sie geben der Einsatzleitung oft entscheidende Hinweise. Gerade die kleinen Wehren sind in ihrer Bedeutung nicht hoch genug zu loben. Denn sie sind es, die meist als erste am Einsatzort sind, eine Linie gegen Feuer errichten, erste Hilfe leisten, den Gefahrenbereich absichern, Wasserversorgung aufbauen, den Verkehr umleiten und vieles mehr.“

Hier trainieren die Niederumelsdorfer in leerstehenden Gebäuden oder Lagerhallen, wie sie bei schlechter Sicht im Rauch Brände löschen und Menschen bergen. Fünf Jugendliche üben mit ihnen gemeinsam. Diese machen die gängige Jugendausbildung, doch eine extra Gruppenstunde gibt es in Niederumelsdorf nicht.

Zum Vereinsleben in Niederumelsdorf gehören der Stammtisch und der DVD-Abend im Gemeinschaftsraum und Grillfeste und Besuche bei anderen Feuerwehren im Sommer. Gern gesehener Gast im Feuerwehrhaus ist Ehrenkommandant Michael Lendner senior.

Eine eingeschworene Gemeinschaft

Der 83-jährige Rentner war viele Jahre lang leitender Kommandant und schaut auch heute noch regelmäßig in der Feuerwehr vorbei oder guckt bei Übungen zu. Dabei hat er für alle immer einen lustigen Spruch auf Lager, erzählt Datzman. Er ist aber nicht der einzige, der gern auf einen Plausch bei ihm vorbeischaut. Als der Kommandant vor dem Feuerwehrhaus steht, schlendern immer wieder ältere Herren und Nachbarn am Gelände vorbei und plaudern mit ihm über den letzten Brand – das Gemeinschaftsgefühl in Niederumelsdorf ist spürbar.

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