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Aus der Garage zum Global Player

Seit 50 Jahren gibt es die Neustädter Firma IntertecHess. Dabei wollte sich der Firmengründer gar nicht selbstständig machen.
Von Jochen Dannenberg

  • Schutzkästen von IntertecHess (im Bild Firmengründer Dr. Martin Hess) können klein wie ein Koffer, aber auch groß wie eine Garage sein.Fotos: Dannenberg
  • Auch handwerkliche Arbeit ist bei IntertecHess gefragt.

Neustadt. 300 Mitarbeiter, Niederlassungen auf der ganzen Welt – das ist IntertecHess, das Lebenswerk des 90-jährigen Dr. Joachim Hess. In Kurzfassung. Dabei hatte der studierte Maschinenbauer, der auch Chemie studiert hat, einst als Angestellter begonnen. Und eigentlich hatte er sich gar nicht darum gerissen, Unternehmer zu werden. Hess stammt zwar aus einer Familie mit einer eigenen Firma, hatte dabei aber auch erleben müssen, welche Risiken die Selbstständigkeit mit sich bringt. In der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre geriet das elterliche Unternehmen in Schwierigkeiten. Die Familie siedelte in der Folge von Luckenwalde in Brandenburg nach Essen, mitten ins Ruhrgebiet, um. Hess machte Abitur und wurde anschließend zur Wehrmacht eingezogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er in Braunschweig.

Weichenstellungen

Später arbeitete er als technischer Leiter bei der Ruhrgas in Dorsten. „Da war ich 36, 37 Jahre alt und hätte die gleiche Tätigkeit bis an mein Lebensende machen können“, erzählt Hess. Doch er wollte nicht, suchte was Neues und kam so zur Eni, dem italienischen Erdöl- und Energiekonzern. Die Eni wollte eine Raffinerie in Bayern bauen und Hess sollte einen geeigneten Standort finden. Seine Wahl fiel auf Ingolstadt, denn dort gab es qualifizierte Arbeitskräfte sowie Schulen und Kindergärten für die Familien der Mitarbeiter. Andere Unternehmen zogen nach und so entstanden die Raffinerien in Neustadt und Vohburg.

Alles lief gut, bis Eni-Chef Enrico Mattei einem Attentat zum Opfer fiel. „Damit war der Schwung raus.“ Die Raffinerie in Ingolstadt wurde zwar 1964 fertig, aber die Pipeline, die das Öl über die Alpen bringen sollte, nicht. Dafür setzte ein Hauen und Stechen um die Nachfolge Matteis bei Eni ein, Joachim Hess zog die Konsequenzen. „Das war der Anlass, mich selbstständig zu machen.“

Hess entwickelte in seinem Büro in Ingolstadt u.a. Antriebe für Schiffe und einen Katalysator für Zweitakt-Pkw-Motoren. Das war Mitte der sechziger Jahre. Als der Tüftler jedoch merkte, dass er mit seiner wegweisenden Erfindung, dem Katalysator, gegen die Platzhirschen der Branche keine Chance hatte, und, wie er selbst sagt, „zwischen die Mühlsteine geriet“, dachte er nach. Hess erkannte, dass es wichtig ist, dauerhaft Einnahmen zu haben und erinnerte sich an die „verrosteten Kisten aus meiner Vergangenheit“.

Damit meint er jene Transmitter, die in den fünfziger Jahren auf den Markt gekommen waren. Sie setzten in Industrieanlagen Messungen in Signale um. Allerdings mussten die dafür notwendigen hochwertigen, empfindlichen Geräte geschützt werden. Die Kisten aus Blech hatten sich – weil rostanfällig – als untauglich erwiesen. Die Alternative des gebürtigen Luckenwalders: Behälter aus Polyester, der mit Glasfasern verstärkt ist.

180 Mitarbeiter in Neustadt

Die Idee entwickelte Hess immer weiter. Die Herstellung wechselte von der handwerklichen zur industriellen Produktion. Immer neue Ausstattungsdetails wurden entwickelt. Anfangs wurde in der Doppelgarage des Wohnhauses in Ingolstadt produziert und der Chef fuhr noch selbst zu den Kunden, um seine Produkte zu verkaufen. Als die Produktion wuchs, kaufte er einen Betrieb in Neustadt und expandierte weiter.

Heute sind die Schutzkästen aus Neustadt weltweit im Einsatz und die Firma beschäftigt 300 Mitarbeiter, davon 180 in Neustadt. Sohn Martin ist längst in die Fußstapfen seines Vaters getreten, dennoch ist der Senior mindestens einen Tag pro Woche im Betrieb. Online ist er ständig präsent.

Gefragt, wie der Erfolg möglich wurde, wie die persönliche Bilanz anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Firma, das an diesem Freitag gefeiert wird, ausfällt, antwortet der Unternehmensgründer zurückhaltend. „Erstmal muss man die Idee haben. Dann war unser Produkt eine von Anfang an ausgereifte Lösung“, stellt Hess fest. Das allein reiche jedoch nicht. Es brauche auch Wissen und Mut und eine „tolle Frau, die auch in schwierigen Zeiten zu einem steht“. Wichtig seien auch die Kinder gewesen. Sie hätten immer mitgeholfen.

Würde er sich noch einmal selbstständig machen? „Ich wollte mich nie selbstständig machen. Es war ein Reifeprozess.“ Zu diesem Reifeprozess gehörte auch die Einsicht, dass man auch als Angestellter in einer Weltfirma keine Sicherheit hat. Wichtig, betont der 90-Jährige, sei in all den Jahren vor allem seine Frau gewesen. „Wir sind seit 63 Jahren verheiratet.“ Sie ist Diplom-Physikerin und da wurden manche fachlichen Probleme kurzerhand am Küchentisch diskutiert. Dort, scherzt Dr. Hess, können auch die Gesellschafterversammlungen stattfinden. Alle Firmenanteile befinden sich in Familienbesitz.

Kommentar

Vorbild

Es sind Lebensläufe wie die von Dr. Joachim Hess, die zeigen, dass eine gute Ausbildung eine wichtige Grundlage für beruflichen Erfolg ist. Ein Lebenslauf...

Weltweit im Einsatz

  • Systeme:

    IntertecHess ist Lieferant für Systeme, die Schutz für hochempfindliche Feldinstrumentierung bieten.

  • Schutz:

    Gegründet wurde das Unternehmen 1965 von Dr.-Ing. Joachim Hess, der das Problem der unzureichenden Schutzeinrichtungen für elektronische Geräte im Engineering erkannte.

  • Weltweit:

    Heute sind über eine halbe Million Schutzsysteme des Neustädter Unternehmens weltweit im Einsatz, um Instrumente, Analysegeräte, Mobilfunk- und Radargeräte, Signalanlage oder Transmitter zum reibungslosen Betrieb zu verhelfen.

  • Standorte:

    20 Patente sind auf das Unternehmen eingetragen. Produktionsstandorte gibt es in Belgien, Kanada, Deutschland, Großbritannien, Niederlande und USA.

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