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Abwasser

Sie fürchten weder Dreck noch Gestank

Klärwärter ist vielleicht kein Kinder-Wunschberuf. Für Sebastian Werner und Josef Schels ist er Alltag – und ein Traumberuf.
von Benjamin Neumaier

Klärwärter Josef Schels nimmt eine Wasserprobe aus dem Reaktor 2: Die Überprüfung der Inhaltsstoffe ist eine der wichtigsten Aufgaben im Kläranlagenbetrieb.
Klärwärter Josef Schels nimmt eine Wasserprobe aus dem Reaktor 2: Die Überprüfung der Inhaltsstoffe ist eine der wichtigsten Aufgaben im Kläranlagenbetrieb. Foto: Pieknik

Riedenburg.Sebastian Werner ist irritiert. Bei seinem täglichen Rundgang durch die Kläranlage Riedenburg scheppert und rumpelt es aus einer der Pumpen des Hebewerks, die das ankommende Abwasser – 850 000 Liter täglich – in die weiteren Stationen der Kläranlage pumpen. Der Ausfall einer Pumpe wäre zwar kein Supergau, aber die Pumpe zu zerlegen und zu reparieren „eine Mordsarbeit“. Werner organisiert sich Werkzeug, zerlegt die Pumpe und denkt schon an die komplizierte Reparatur, als plötzlich des Übels Grund aus der Pumpe fällt: der Kopf eines Schrubbers.

Heute ist in der Pumpstation alles in Ordnung – zwei Pumpen laufen, die dritte dient als Reserve, wird aber immer wieder im Wechsel mit anderen angeschaltet. Das Wasser fließt seinen Weg – in Richtung Kompaktanlage.

Sebastian Werner arbeitet seit 30 Jahren in der Riedenburger Kläranlage – seit 2003 in der neuen, davor 17 Jahre in der alten. Dass er dort einmal landen würde, hatte er sich während seiner Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker wohl nicht gedacht. Zunächst folgten Stationen in einer Brauerei und bei BMW. „Als die Stelle in der Kläranlage ausgeschrieben war, habe ich mich sofort beworben. Ich habe mir den Beruf spannend vorgestellt“, sagt er. „Und das ist er auch.“

Sebastian Werner überprüft den Phosphat-Gehalt im Klärwasser.
Sebastian Werner überprüft den Phosphat-Gehalt im Klärwasser. Foto: Pieknik

Werner ist ebenso Quereinsteiger wie sein Kollege Josef Schels – ein gelernter Elektriker. Beide haben den dreijährigen Lehrberuf als Fachkraft Abwassertechnik nicht gelernt – wie auch viele ihrer Kollegen im Landkreis. „Nach der erfolgreichen Bewerbung folgten ein 14-tägiges Praktikum in einer Lehr-Kläranlage, acht Tage Grundkurs im Tagungszentrum Rummelsberg – und dann ging es schon an die Arbeit“, sagt Werner. „Während der folgenden drei Jahre Arbeit war eine 14-wöchige Blockschulung integriert. Erst dann durfte ich mich Staatlich geprüfter Ver- und Entsorger Fachrichtung Abwasser nennen.“ Das ist bis heute seine Berufsbezeichnung.

Das Wasser ist mittlerweile in der Kompaktanlage, der ersten Reinigungsstufe angekommen. Dort wird das Abwasser mechanisch mit Feinrechen sowie Sand- und Fettfang gereinigt. „Alle Grobstoffe, die größer als vier Millimeter sind, werden herausgesiebt“, sagt Werner und: „Vorsicht, es riecht etwas. Hier rieche ich schon, ob die Anlage normal läuft und auch, wo das Wasser herkommt.“

Eheringe und Gebisse im Abwasser

Drinnen steht der Behälter mit den ausgefilterten Grobstoffen – die werden gepresst und entsorgt, Sand wird separat ausgefiltert und in eine Schubkarre gefüllt. Erkennbar ist im Müll beinahe nichts mehr, nur ein noch grob als Tampon erkennbares Bündelchen schimmert heraus. „Bevor 2003 diese neue Kläranlage hier gebaut wurde, haben wir die Grobstoffe noch händisch aus dem Rechen wegschaffen müssen. Da war alles dabei: Tampons, Feuchttücher, ganze Weißwürscht’, Gebisse, sogar Goldketten und auch Eheringe.“ Einmal hat Werner sogar einen Hundertmarkschein gefunden. Er hat ihn gesäubert, desinfiziert, getrocknet – „und dann habe ich mir davon eine Brotzeit gekauft“, sagt der 61-Jährige mit einem Grinsen.

Tägliche Arbeit in der Kläranlage Riedenburg

Heute läuft die Säuberung automatisch. Das nun mechanisch gereinigte Wasser wird in das Vorhaltebecken gepumpt. Dort ist die erste Station der SBR-Anlage, des „Sequencing-Batch-Reactors“ – dessen Kennzeichen ist die Reinigung in mehreren periodischen Schritten, also Sequenzen: Füllen, Belüften, Mischen, Sedimentieren, Leeren.“ 774 000 Liter passen ins Becken, in dem das Wasser aufgestaut wird, bevor es in die Reaktoren weitergeführt wird. „Bei Regen ist das Becken randvoll“, sagt Werner. Dann wird es alle sechs Stunden in die Reaktoren entleert, ansonsten alle acht Stunden. Dort beginnt die biologische Reinigung. Vereinfacht gesagt, wird das Wasser von Schlamm getrennt, Phosphate, Stickstoff oder Kohlenstoff mittels Chemikalienzugabe oder Bakterien entfernt. „Dazu wird Sauerstoff per Gebläse zugegeben. Manche Bakterien brauchen das, andere nicht“, sagt Werner. „Deshalb schaffen wir abwechselnd ein gutes Milieu, die Bakterien und Biomasse werden unter Stress gesetzt und arbeiten effektiv.“

Sonn- und Feiertage gibt es nicht

Das tun Werner und Schels auch. Sonn- und Feiertage gibt es nicht. Die Anlage bedarf täglicher Überprüfung und Wartung. Und nicht nur die: Die Klärwärter sind für 36 Pumpstationen und einige Klärteiche verantwortlich. „Unser Beruf ist eine Mischung aus Mechaniker, Elektriker, Biologe, Landwirt und Chemikant“, sagt Josef Schels, packt die lange Schöpfkelle und marschiert zum Reaktor. Dort entnimmt er einige Liter vom gerade aktiv gereinigten Wasser und marschiert zurück zum Büro. Im dortigen Labor erhitzt er das Wasser – je nach Vorgabe auf 148 oder 160 Grad – schüttelt die Probe, lässt sie abkühlen und setzt Chemikalien zu. Dann wartet er auf die Verfärbung. Rosa, grün oder hellblau schimmert es aus den Röhrchen „und jede Farbe hat ihre Bedeutung“, sagt Werner. „Passt.“ Getestet werden Zulaufwasser, das Wasser in den Reaktorbecken und das gereinigte Ablaufwasser – teils täglich, spätestens alle acht Tage. „Mehr, als vorgeschrieben ist“, betont Schels.

Während die beiden im Labor ihren Dienst tun, ist das Wasser durch die Schlammeindickung gelaufen und nach dem so genannten Dekanter, der nur sauberes Wasser ohne Einschwebungen durchlässt, am Ablauf angekommen. Dort fließt wieder in die freie Natur. „Naja, also fast – in den Main-Donau-Kanal“, sagt Werner.

Die Wasserproben werden im eigenen Labor untersucht.
Die Wasserproben werden im eigenen Labor untersucht. Foto: Pieknik

Diesen Durchlauf verfolgen er und Schels täglich – zusätzlich zu Wartungsarbeiten, Tages-, Wochen-, Monats- oder Jahresprotokollen, Updates des EDV-Systems, Rasenmähen, Bäume schneiden, Klärschlammentsorgung, Felduntersuchungen, Anträgen an Behörden und Gebäudepflege. „Ich könnte mir keinen schöneren Beruf vorstellen“, sagt Werner. „Er ist abwechslungsreich und fordert Eigenverantwortung. Man braucht gesunden Menschenverstand, technisches Verständnis und Organisationstalent. Ich kann es nur empfehlen.“ Allerdings dürfe man Dreck und Gestank nicht fürchten, „auch wenn die weit verbreitete Meinung, dass wir in der Sch... und ständigem Gestank arbeiten, nicht stimmt. Drei bis höchstens fünf Prozent des Abwassers sind Fäkalien“, sagt Werner.

Ein sehr wichtiger Beruf

Das Bild des Klärwärters hätte er in der Öffentlichkeit gerne geradegerückt: „Es ist ein sehr wichtiger Beruf – ohne uns wäre die Natur schlecht dran, könnte die Reinigung des Wassers nicht leisten. Deshalb wünsche ich mir mehr Respekt und Verständnis und auch, dass die Leute nur in die Toilette werfen, was da auch reingehört. Das ist neben Fäkalien nur Klopapier – dann wäre das Geruchsproblem, das hin und wieder unweigerlich auftaucht, weitestgehend nicht existent.“

Das Wasser ist mittlerweile wohl schon im Main-Donau-Kanal angekommen – sauber. Und zurück im natürlichen Kreislauf. Das passiert in Riedenburg jährlich mit etwa 440 Millionen Litern Wasser. Damit ist die Anlage nahe an ihrem Limit. „Es geht schon noch was, die Anlage läuft super“, sagt Werner. Zumindest solange die Pumpen laufen und sich nicht wieder ein Schrubber in die Riedenburger Kläranlage verirrt.

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Auf 12 000 Einwohner ausgelegt

  • Kläranlage Riedenburg:

    Die Kläranlage Riedenburg ist ausgelegt für 12 000 Einwohnergleichwerte (EWG) und arbeitet im SBR/Anhalte-Verfahren (sequencing batch reactor). Das biologisch gereinigte Wasser wird in den Main-Donau-Kanal abgeleitet. Die hierbei vorgegebenen Grenzwerte für Chemischen Sauerstoffbedarf (CSB), Biochemischen Sauerstoffbedarf (BSB), Ammonium-Stickstoff, Stickstoff, Phosphor und abfiltrierbare Stoffe können durchgehend eingehalten werden. Regelmäßige Analysen erfolgen im betriebseigenen Labor sowie durch das Wasserwirtschaftsamt Landshut.

  • Verwertung Klärschlamm:

    Der anfallende Klärschlamm wird derzeit bei Einhaltung der vorgeschriebenen Grenzwerte saisonal in der Landwirtschaft verwertet , ansonsten gepresst und verbrannt. Im Zulauf anfallendes Rechengut wird vorschriftsgemäß entsorgt. Hin und wieder im Umfeld der Anlage auftretende Gerüche entstehen durch die Zwischenlagerung von Klärschlamm bis zur nächsten, witterungsabhängigen Ausbringungskampagne.

  • Behältervolumina:

    Vorlagebehälter: 744 Kubikmeter; zwei SBR-Reaktor mit je 2881 Kubikmeter; Ausgleichsbehälter 446 Kubikmeter; zwei Schlammstapelbehälter mit je 1727 Kubikmeter;

  • Zur Kläranlage gehören ferner:

    32 Pumpstationen, fünf Regenbecken, vier Klärteichanlagen sowie zwei Ortskläranlagen, die ebenfalls von den Klärwärtern gewartet werden.

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