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Flüchtling

Mohammed kam, um anzupacken

Mohammed Mohammed Nur floh 2013 aus Eritrea. Viel hat der 29-Jährige seit 2016 erreicht. Doch manches lässt ihn hadern.
Von Beate Weigert

Der Eritreer Mohammed Mohammed Nur und seine Frau Rufeida Foto: Weigert
Der Eritreer Mohammed Mohammed Nur und seine Frau Rufeida Foto: Weigert

Rohr.Er will es aus eigener Kraft schaffen. Vieles hat Mohammed Mohammed Nur geschafft, seit wir uns vor fast drei Jahren das erste Mal begegnet sind. Damals wie heute treffen wir uns im Haus von Franz Spitzenberger in Rohr. Der pensionierte Schulleiter und seine Familie gaben mit anderen aus der Region Mohammed sprachlichen und kulturellen „Anschub“. Sie lernten mit dem Geflüchteten aus Eritrea Deutsch, brachten ihm die bayerisch-deutsche Kultur näher. Die Unterschiede waren so groß, „wie Himmel und Erde auseinander liegen“, sagte Mohammed 2016. Franz Spitzenberger war für ihn schnell zum Ersatz-Opa geworden. Diesmal bleibt ein Satz aus dem Gespräch besonders haften. „Opa, ich schaff’ das alleine“, sagt Mohammed irgendwann, als der Senior Hilfe anbietet.

Ein Beleg für seinen Ehrgeiz und seine Hartnäckigkeit sitzt neben ihm. Seine 21-jährige Frau Rufeida. Vor eineinhalb Jahren war es Mohammed gelungen, sie aus dem Sudan – dorthin war die junge Frau mit ihrer Familie aus Eritrea geflohen – nach Deutschland zu holen. Diese Tatsache ist auch für viele in der Flüchtlingshilfe Engagierte bemerkenswert, denn bislang ist der Familiennachzug nur äußerst wenigen geglückt. Abgesehen von Syrern. Für sie ist ein vereinfachter Nachzug möglich.

„Opa, das schaff’ ich alleine.“

Mohammed zu seinem Franz Spitzenberger

Mohammed versucht, immer stark zu sein, sagt er. Vieles macht er mit sich allein aus und versucht Probleme, möglichst allein zu regeln. Vor sechs Jahren floh der heute 29-Jährige aus Eritrea.

Mohammed, Rufeida und Franz Spitzenberger Foto: Weigert
Mohammed, Rufeida und Franz Spitzenberger Foto: Weigert

Vor drei Jahren arbeitete Mohammed im Rohrer Seniorenheim. Es gefiel ihm und den Menschen mit denen er zu tun hatte auch. Sie nannten ihn den „schwarzen Engel“. Der Ostafrikaner träumte davon, eine Ausbildung zum Krankenpfleger zu machen. Das tut er heute noch. Denn dass ein Medizin-Studium „nicht so leicht geht“, weiß er, seit er in Deutschland ist. Arzt wollte er schon als Kind werden. Aber auch als Krankenpfleger könne er seinem Land, sollte sich die politische Lage einmal ändern, etwas zurückgeben.

Probleme und ein Glücksmoment

Die Arbeit im Seniorenheim hat Mohammed schon lange nicht mehr. Er habe sie verloren, weil er für eine Ausbildung den Nachweis für den Deutsch-Sprachkurs, Niveau B2, brauchte. Vollzeit arbeiten und Sprachschule, das ging nicht. Zumal er damals kein Auto hatte, um nach Abensberg zu kommen. Für diese Entscheidung sei er von den Behörden „bestraft“ worden. Mit einer dreimonatigen Sperrzeit. Das war genau zu der Zeit, als Rufeida im August 2017 nach Deutschland kam.

Sie lebten im Rohrer Asylbewerberheim, teilten sich ein Zimmer. Sechs bis sieben andere Männer lebten auf demselben Flur. Am 11. Oktober 2017 fand sich ein Behördenbrief in der Post. Darin hieß es, dass bis zum 21. das Erdgeschoss der Unterkunft geräumt würde. Ein Mann aus dem Erdgeschoss würde dann in ihrem Zimmer im ersten Stock miteinquartiert. „Dem Amt war egal, was wir machen, was aus uns wird.“

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Rufeida erzählte er nichts davon. „Erst als ich eine Lösung hatte“, so Mohammed. Die war nicht leicht, denn „es gibt Leute, die nicht wollen, dass auch Ausländer einziehen“. Zum Glück fand sich ein anderer Weg. Mohammed kam zugute, dass er gut vernetzt ist, viele Rohrer inzwischen kennt. Denn selbst einen Mietvertrag zu unterschreiben, klappte nicht.

Aus diesen Ländern, stammen die Geflüchteten, die aktuell im Kreis Kelheim leben:

Stattdessen sind Mohammed und Rufeida nun Untermieter einer Rohrerin, die sich als Flüchtlingshelferin engagiert. Sie mietete eine Vier-Zimmer-Wohnung an, die sich das Paar mit einer anderen dreiköpfigen Familie aus Eritrea nun teilt. Küche, Bad und Toilette nutzen sie gemeinsam. Das ist nicht immer leicht, vor allem, weil sich das WC im Bad befindet, „aber es ist gut, Opa“, sagt Mohammed. Man müsse sich eben absprechen und immer sehen, dass man eine Lösung finde. Und wenn mal Streit in der Luft liegt, „seine Gefühle zurückhalten“.

Inzwischen hat der 29-Jährige eine neue Arbeit bei einer Firma in einer Nachbargemeinde. Er ist froh darum. „Es ist eine gute Arbeit“, sagt Mohammed. Er fährt Gabelstapler, verlädt Steine, Zementsäcke und andere Baustoffe. Er arbeitet 40 Stunden die Woche. An die Zeiten von 7 bis 16 Uhr hat er sich inzwischen gewöhnt.

Der Eritreer Mohammed Mohammed Nur und seine Frau Rufeida Foto: Weigert
Der Eritreer Mohammed Mohammed Nur und seine Frau Rufeida Foto: Weigert

Ein kleines Manko hat der Job allerdings. Während er die Aufträge abarbeitet und auf dem Gabelstapler sitzt, muss er kaum mit anderen reden. Mohammed hat das Gefühl, dass er die Sprache wieder ein wenig verlernt.

Stolz ist er auch auf den Führerschein und dass er, seit Montag ein gebrauchtes Auto sein Eigen nennt.

Ein Auto, ein Stück Freiheit

Er hat es einer Ex-Arbeitskollegin aus dem Altenheim abgekauft. Denn ohne Auto „kommt man aus Rohr nicht raus“. Die öffentlichen Busse fahren nur zwei-, dreimal am Tag. Mohammed und Rufeida freuen sich darauf, dass sie jetzt am Wochenende auch mal Ausflüge unternehmen können. Nach Weltenburg zum Beispiel. Das würde die 21-Jährige vielleicht auch ein wenig ablenken. „Es ist gut hier“, sagt sie. Doch ihre Familie vermisst sie sehr. Gerne würde sie diese im Nordsudan besuchen. Doch mit immer nur für sechs Monate gültigem Aufenthaltstitel könne sie kein Visum bekommen.

Aufenthaltsstatus und Verunsicherung

  • Anerkennung:

    Mohammed ist mittlerweile ein anerkannter Flüchtling. In der Regel haben alle Eritreer wegen der politischen Lage in ihrer Heimat Flüchtlingsschutz.

  • Niederlassungserlaubnis:

    Nach fünf Jahren in Deutschland kann Mohammed eine unbefristete Niederlassungserlaubnis beantragen. Die Hürden dafür sind hoch. Geprüft werden Integrationsanstrengungen, kann der Antragsteller sein Leben allein finanzieren, ist er straffrei etc.

  • Aufenthaltstitel:

    Aktuell wird Mohammed alle sechs Monate von der Ausländerbehörde aufgefordert, aktuelle Unterlagen einzureichen. Diese gehen weiter ans BAMF. Immer für sechs Monate gibt es einen Aufenthaltstitel, dieser ist quasi das Ausweispapier. Weil Mohammed zwecks seines Schutzstatus’ keine Abschiebung fürchten muss, nennen Experten die sechsmonatigen Aufenthaltstitel auch Fiktionsbescheinigung. Nur wenn triftige Gründe dagegen sprächen, würde ein Aufenthaltstitel nicht verlängert.

  • Verunsicherung:

    Nichtsdestotrotz empfinden viele Flüchtlinge diese Behördengänge als Verunsicherung. Eine Insiderin weiß, dass sie den Interviews beim Antrag auf Asyl ähneln bzw. so empfunden werden.

Die politische Lage in Eritrea hat sich seit 2016 nicht groß verändert. Nach wie vor hält Diktator Isayas Afewerki die Macht allein in Händen. Zwar habe sich die Lage zu Nachbar Äthiopien entspannt. Dafür habe sich das Verhältnis zum Sudan verschlechtert, so Mohammed. Eine Demokratisierung ist nicht in Sicht. Deshalb könne er auch nicht einfach seinen Vater in Eritrea zu den Behörden schicken, um seinen mittleren Schulabschluss bestätigen zu lassen. Das würde die Familie in Gefahr bringen.

Mohammed hat entschieden, dass es einen anderen Weg geben muss, um in Deutschland eine Ausbildung zu machen. Er könnte bei der VHS in Kelheim einen Vorbereitungskurs für den Abschluss machen und die Prüfung nachholen. Doch wie er seine Arbeit und die Schule unter einen Hut bringen soll, weiß er noch nicht.

Themenwoche

Für Mohammed ist Franz der Ersatz-Opa

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Doch eigentlich will er nicht nur arbeiten, sondern eine Ausbildung machen. Mit einem Rohrer lernt er gerade für den Sprachkurs C1. Doch manchmal fehlen ihm die Motivation und die Lust am Lernen, auch wenn die Kurse bislang einfach für ihn waren, er schnell lernte und immer der Beste im Kurs war. „Ich verliere den Mut“, sagt Mohammed. Er zweifelt, ob es sich rentiert, dass er die Prüfung nachmachte. Er hadert und ist manchmal einfach nur müde.

Doch wenn er keine Lösung findet, „bin ich fertig“. Als er nach Deutschland gekommen war, war für ihn der Antrieb, dass er eine Ausbildung machen wollte, um „mein Leben zu verbessern“. Und er wollte, dem Land, „das mich aufgenommen hat, zeigen, dass ich lerne und etwas zurückgebe“. Doch die Schritte sind schwieriger, als er es erwartet hatte.

„Ich hoffe, dass es bei den Behörden einen Unterschied gibt, zwischen denen die nichts tun und denen, die ihr Bestes geben. Wer wagt, der gewinnt doch, oder?“

Mohammed Mohammed Nur

Auch Rufeida würde gerne eine Ausbildung machen, sagt sie, „aber dafür muss ich gut Deutsch sprechen“. Den ersten Kurs hat sie erfolgreich absolviert. Sie geht einkaufen, und „weiß genau, was die Sachen kosten“, sagt Mohammed. Sie fährt mit dem Bus nach Kelheim oder Abensberg. „Sie hat das Wort und das Recht“ bei ihnen zuhause, sagt Mohammed. Kurz vor seiner Flucht war er von der Familie verheiratet worden. Doch seine Frau hinter sich zu lassen, kam für Mohammed nicht infrage. „Ich liebe meine Frau“, sagt er.

Dass manche Deutsche auf Flüchtlinge neidisch oder nicht gut zu sprechen sind, könne er verstehen. Vielleicht würde er an ihrer Stelle genauso denken, sagt Mohammed.

Doch er weiß auch, wie es sich auf der anderen Seite anfühlt.„Viele sind total fertig, weil sie nicht wissen, wie lange sie bleiben können“. So gehe es ihm auch, immer nur einen Horizont von sechs Monaten vor Augen zu haben. Das entmutige einen. Mohammed hofft darüber hinaus, dass die deutschen Behörden Einsatz honorieren, dass sie einen Unterschied machen, zwischen denen die nichts tun und denen, die ihr Bestes geben. „Wer wagt, der gewinnt doch?“

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