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Saal
Samstag, 18. August 2018 31° 3

Martyrium

Gedenkfeier am Saaler „Schicksalsberg“

Viele blickten mit Ex-Häftling Jakob Haiblum am KZ-Weg in dessen finsterste Stunden. Danach wurde der 93-Jährige geherzt.
Von Beate Weigert

  • Jakob Haiblum hat mit dem Ort des Grauens Frieden geschlossen: Am Ende der Gedenkstunde wurde eine Inschrift zum Gedenken an des KZ-Außenlagers Saal am Verbrennungsplatz mit Ex-Häftling Jakob Haiblum (2.v.li.) enthüllt. Mit im Bild Birgit Eisenmann, Saal Bürgermeister Christian Nerb und Landrat Martin Neumeyer (re.). Am Sonntag reiste der 93-Jährige zum Überlebendentreffen des KZs Flossenbürg. Foto: Weigert
  • Jakob Haiblum (2.v.li.) und Birgit Eisenmann verbindet inzwischen eine besondere Freundschaft. Foto: Weigert
  • Sylvia Kühnl und andere lasen berührende Zeitzeugenberichte vor. Foto: Weigert
  • Er kommt und geht in Freundschaft: Am Schluss gab es einige kleine Geschenke für Jakob Haiblum. Foto: Weigert
  • Sein Sohn Chaim (li.) begleitete den 93-Jährigen nach Saal. Foto: Weigert

Saal.Die Vögel zwitschern, die Bäume ringsum treiben aus, hier und da fliegt eine Hummel. Die Sonne strahlt vom Himmel. Idyllisch könnte man die Szenerie beschreiben. Und doch befindet man sich an einem Ort des Grauens. Im Wald hinter der Teugner Straße an der Rückseite des Saaler Ringbergs. Dort, wo hunderte KZ-Häftlinge ihren Tod fanden und nur wenige dem Horror entkamen.

73 Jahre ist es her, dass am 20. April 1945 das KZ-Außenlager Saal von den Nazis evakuiert worden ist. Einen Tag später trafen sich am Samstag viele, um an die Gräuel zu erinnern. In ihrer Mitte einer, der das alles überlebt hatte – Jakob Haiblum. Der Ex-Häftling, der vom 15. Februar bis 20. April in dem Lager inhaftiert war, kehrte einmal mehr zurück. Mit seinem Sohn reiste er eigens aus Israel an.

Früher Hölle, heute Freundschaft

Mehr Interessierte aus der Region als gedacht kamen ebenfalls. Kein freier Sitzplatz war am Ende zu ergattern. Vielen Älteren, aber auch Familien mit Kindern und einigen jungen Leuten war es ein Bedürfnis, bei der Gedenkfeier am Saaler „Schicksalsberg“, wie es ein Besucher formulierte, dabei zu sein.

Sehen Sie in unserem Video, was der Überlebende Jakob Haiblum berichtet:

Ex-KZ-Häftling Jakob Haiblum bei der Gedenkfeier in Saal Video: Beate Weigert

Auch wenn Jakob Haiblum mittlerweile mit Saal und vielen Bürgern ein freundschaftliches Verhältnis verbindet, war die Zeit im KZ-Außenlager die finsterste Hölle, die er erlebte. Bei der Gedenkstunde las Michaela Mader-Hampp, die vor vielen Jahren Mitglied der Katholischen Jungen Gemeinde war und bei einer „72-Stunden-Aktion“ mit den Mitstreitern, die ersten Gedenktafeln aufstellte, einen Brief von Haiblum vor, der die Zuhörer sichtlich bewegte:

Mehr Impressionen von der Gedenkfeier sehen Sie in unserer Bildergalerie:

Gedenkstunde KZ Saal mit Ex-Häftling Jakob Haiblum

„Im Lager wohnte ich im Block 2. In den drei Monaten meines Aufenthalts in Saal konnte ich mich kein einziges Mal waschen. Es gab Wasserhähne, aber aus ihnen floss so gut wie überhaupt kein Wasser. Toiletten waren auch nicht vorhanden. (...) Die Erdbunker waren für die Kranken vorgesehen. Auf dem Boden der Bunker wurde Stroh ausgebreitet. Jeder, der in den Erdbunker kam, wurde am Eingang gezwungen, seinen Mund zu öffnen. Denn die SS-Wachen suchten nach goldenen Zähnen, welche sie mit einer Hacke herausschlugen. Ich hatte Glück, meine Zähne waren noch nicht vergoldet.

In unserer interaktiven Grafik können Sie sehen, über welche Stationen sich der Saaler Gedenkweg erstreckt:

Im Winter drei Tage nackt liegen

Daraus kann man entnehmen, dass ich auch dem Erdbunker gewesen bin. Es war Winter, ich wurde krank. Ich hatte schrecklichen Durchfall. Die SS zwang mich, meine Kleidung auszuziehen. Drei Tage lang musste ich nackt auf dem Stroh schlafen und das mitten im Winter. Sie gaben uns zwar Decken, die aber nicht halfen. Sie bewegten sich von alleine, so verlaust waren sie. Kranke starben ununterbrochen. Wir mussten sie nach draußen schaffen, damit wir Platz zum Liegen hatten. Die Toten wurden auf dem Boden entlanggeschleift, bis zum Verbrennungsort der Leichen. Ein grausames Abbild! Ich sehe es noch heute vor mir, wie die toten Körper am Weg entlanggeschleift wurden. Ich selbst musste diese Arbeit auch verrichten.

Das Luftbild zeigt die Ausmaße des Saaler Lagers:

Nach drei Tagen meines Aufenthalts im Erdbunker floh ich dort und meldete mich zurück zur Arbeit. Wäre ich nicht geflohen, könnte ich Ihnen nicht mehr als Zeitzeuge dieser grässlichen Zeit dienen.“

„Dass ich nach 73 Jahren hier stehe, ist kaum zu glauben. Ich werde das Erlebte nie vergessen. Jeden Tag denke ich daran.“

Ex-KZ-Häftling Jakob Haiblum

Jakob Haiblum überlebte nicht nur zehn Lager. Und die schlimmste Zeit in Saal. Nach der Evakuierung des Saaler Ringbergareals wurde er auf den Todesmarsch nach Dachau geschickt. Als die Amerikaner wenige Tage nach der Ankunft dort das KZ befreiten, gaben sie jedem Häftling eine Dose Schweinefleisch und ein Brot. Ein Glück, dass er seine Dose Fleisch gegen ein Brot tauschte, so Haiblum. Viele, die das Fleisch nach so langer Auszehrung aßen, starben. Weil sie kein fettes Essen mehr gewöhnt waren.

„Jeden Tag denke ich daran“

„Ich habe viel Glück gehabt“, sagt der 93-Jährige. „Dass ich nach 73 Jahren hier stehe, ist kaum zu glauben.“ Aber auch, dass er das Erlebte nie vergessen werde. „Jeden Tag denke ich daran.“ In seiner Ansprache schilderte er, welch’ große Angst er anfangs hatte, „wieder hierher zu kommen“. Heute komme er gerne nach Saal. Er dankte den Saalern für ihre Freundschaft. Eine besondere verbindet ihn mit Birgit Eisenmann, der Frau, die die Gräuel im Lager hier erforscht hat. Sie sagt: „Die Besuche hier sind für Jakob kein Lebenselixier, aber so etwas ähnliches, ein kleines Stück Wiedergutmachung.“

Lesen Sie auch:Das Grauen lag vor der Haustür

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Oder:Frieden schließen mit dem Ort des Todes

Freundschaft und ein schreckliches Feld

  • Den Kontakt zu Jakob Haiblum

    (2.v.li.) stellte die gebürtige Saalerin Birgit Eisenmann (3.v.li.) her. Sie interviewte ihn für ihre Zulassungsarbeit als Realschullehrerin. Damit brachte sie viel Neues ans Licht und das Thema bekam wieder Aufmerksamkeit. Das war 2001. Seither kommt Haiblum nach Saal.

  • Mit seinem Sohn Chaim

    (li.) reiste Jakob Haiblum aus Israel an. Mit dem heute grünen Feld im Bildhintergrund verbindet er schreckliche Erinnerungen. Dort fanden sich einst Erdbunker. Dorthin brachte man die Kranken. Auch er war im Winter 1945 dort. Floh aber nach drei Tagen daraus, sonst hätte er das KZ nicht überlebt.

  • Sylvia Kühnl vom AK Heimatgeschichte

    , Michaela Mader-Hampp von den ursprünglichen Gedenkweg-Initiatoren, Gemeinderat Robert Fuchs, Schülerin Eva Hueber und Birgit Eisenmann lasen Zeitzeugenberichte vor. Das Bläserquartett Tritonus Brass und eine Didgeridoo-Gruppe umrahmten den Akt musikalisch.

  • Nach der Gedenkstunde

    überreichte Bürgermeister Christian Nerb Jakob Haiblum ein paar kleine Geschenke. Viele Saaler herzten Haiblum nach dem offiziellen Teil. „Wir stehen dazu, was damals gewesen ist“, sagt Bürgermeister Christian Nerb. Das freundschaftliche Verhältnis zu Haiblum „ist uns wichtig“. (re)

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  • JG
    Jutta Göller
    22.04.2018 13:08

    Sehr informativer, eindrucksvoller Bericht! Könnte vielleicht in der Überschrift der Genitiv (statt des Dativs) gesetzt werden: "Saal gedenkt des KZ-Schreckens"? Viele Grüße, Jutta Göller.

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