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NS-Zeit

Heilsame Suche in unheilvoller Historie

Was geschah mit dem Widerstandskämpfer Jan van Boeckel? Seine Nichte Wendy fand letzte Spuren von ihm – auch in Saal.
Von Martina Hutzler

Jan van Boeckel im Jahr 1943, kurz bevor er sich dem belgischen Widerstand anschloss.
Jan van Boeckel im Jahr 1943, kurz bevor er sich dem belgischen Widerstand anschloss. Foto: Familie van Boeckel

Saal. Es war wie eine offene Wunde, für die ganze Familie: Was genau ist mit Jan passiert, mit dem Sohn, Bruder, Onkel, der sich 1943 im niederländischen Haarlem nicht den deutschen NS-Besatzern beugen wollte und dies mit dem Leben bezahlte? Wendy, Jans Nichte, hat diese schwärende Wunde keine Ruhe gelassen: Sie hat akribisch nachgeforscht, um Jans letzte Lebensjahre zu rekonstruieren. Diese Spurensuche brachte sie schließlich auch ins niederbayerische Saal: Das dortige Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg ist die letzte Station von Jan van Boeckel. Auf dem Transport von dort nach Dachau stirbt er.

Das Nazi-Geheimprojekt „Ring-Me“ in Saal
Das Nazi-Geheimprojekt „Ring-Me“ in Saal Foto: Ausschnitt aus einem Luftbild der US-Air Force (1945)

Als sie etwa sieben Jahre alt war, hat sie ein Foto ihres Onkels gesehen, erzählt die heute 50-jährige Wendy bei einem Besuch in Saal. Ihre Fragen damals blieben unbeantwortet „Meine Mutter wollte nicht so dran erinnert werden“. Umso mehr hat es seither in Wendy gearbeitet: Was ist mit Jan passiert? Vor gut einem Jahr brach sie auf zur „Reise ins Ungewisse“. Sie hat in Holland, Belgien und quer durch Deutschland die Spur ihres Onkels Jan verfolgt, den die Nazis als so genannten „Nacht und Nebel-Häftling“ in die Vergessenheit verbannen wollten. Auf ihrem Internet-Blog „Die Suche nach Jan van Boeckel“ setzt „mogromo“, wie sich Wendy als Bloggerin nennt, dem Widerstandskämpfer ein Denkmal.

Beim Hitlergruß reichte es Jan

Jan, 1923 im niederländischen Breda geboren, mochte keine gemeinsame Sache machen mit den Deutschen. Die hatten 1940 Holland besetzt und begannen auch hier mit der systematischen Verfolgung und Deportation von Juden und niederländischen Aufständischen. Junge Männer wurden zum Arbeitsdienst N.A.D. gezwungen. Längere Zeit weigerte sich Jan. Dann musste auch er seine Familie in Harlem bei Amsterdam verlassen und in ein NAD-Camp einrücken. Als die Nazis auch noch den Hitlergruß von ihm verlangten, weigerte sich Jan endgültig – und musste abtauchen, schildert Wendy, was sie mit Hilfe von Familienangehörigen und einem kleinen Tagebuch ihres Onkels herausfand.

Die Niederländerin, die berufs- und familienbedingt zwischen Amsterdam und Frankfurt pendelt, heftete sich weiter an die Fersen des Onkels, der sich 1943 dem Widerstand gegen die Nazis anschloss. Sie folgte seinem damaligen Weg über Maastricht ins belgische Lüttich, fand mit Theo einen Freund und Weggefährten Jans.

In den Ardennen verhaftet

Beide schlossen sich der „FI“ an, der von Kommunisten gegründeten belgischen Unabhängigkeitsfront. Die FI publizierte im Untergrund, organisierte Sabotageakte gegen die Besatzer – und versteckte in der „Organisation Socrates“ junge Holländer, die sich dem Arbeitsdienst verweigert hatten. So auch Jan und Theo, die bei einer FI-Gruppe in den Ardennen Aufnahme fanden. Theo kehrte dann nach Lüttich zurück; er überlebte die Kriegsjahre im Untergrund. Jan fand Unterschlupf in einem Lager bei Bértogne, nahe einer alten Wassermühle. Im Mai 1944 wurden die Widerstandskämpfer dort entdeckt und verhaftet Bei ihren Archiv-Recherchen fand Wendy die Verhörprotokolle der „Gestapo“ mit Jan van Boeckel.

Von Lüttich aus verschleppten die Nazis den 21-Jährigen nach Deutschland, als „Nacht und Nebel-Gefangener’“. Was das ist, erklärt der „ITS“ (International Tracing Service), ein Dokumentationszentrum über NS-Verfolgung und die befreiten Überlebenden: „Seit Dezember 1941 wurden Regimegegner in besetzen Gebieten gemäß des sogenannten ,Nacht- und Nebel-Erlasses’ ohne Strafverfahren nach Deutschland deportiert, mit der strengen Auflage, dass ihre Familien keinerlei Informationen über das weitere Schicksal erhielten. Dieses spurlose Verschwinden sollte der Abschreckung dienen.“

Wendy zusammen mit dem einstigen KZ-Häftling Jakob Haiblum am neuen Gedenkweg in Saal, der das Grauen im KZ-Außenlager Saal darstellt.
Wendy zusammen mit dem einstigen KZ-Häftling Jakob Haiblum am neuen Gedenkweg in Saal, der das Grauen im KZ-Außenlager Saal darstellt. Foto: hu

Über Köln und Bayreuth wurde Jan ins Zuchthaus nach Ebrach geschafft. Wie Wendy mittlerweile weiß, hat ihre Oma, also Jans Mutter, nach Kriegsende mit vielen Mitgefangenen Jans Kontakt aufgenommen, um herauszufinden, was mit dem Sohn geschehen war. Als russische Truppen näher rückten, trieben die Nazis die Gefangenen weiter. Jan wurde ins Konzentrationslager Flossenbürg deportiert und von dort ins Außenlager Saal. „Am 15. Februar kam er in Saal an“, mit ihm zwei weitere Niederländer – drei Monate später war er der einzige von den Dreien, der noch lebte. Aus Gesprächen mit Jakob Haiblum, einem jüdischen KZ-Häftling, der das Saaler und neun weitere Lager überlebt hat, weiß Wendy von den grauenvollen Umständen, die gerade in Saal herrschten.

Jans letzte Station

  • Das Lager

    Am Ringberg bei Saal haben die Nazis erst Zwangsarbeiter schuften lassen, dann, ab November 1944 auch mehr als 700 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Flossenbürg. Ihre todbringende Aufgabe war es, Stollen in den Berg zu treiben, wo das NS-Regime die vermeintliche „Geheimwaffe Me“ produzieren wollte.

  • Der Überlebende

    Hunderte Zwangsarbeiter und Häftlinge sind durch die schwere und gefährliche Arbeit sowie die miserable Unterbringung und Versorgung ums Leben gekommen. Einer der Überlebenden ist der heute 91-jährige Jakob Haiblum.

  • Aufeinandertreffen

    Sie haben einander wohl nicht gekannt – aber Jakob Haiblum und Jan van Boeckel sind zeitgleich ins KZ-Außenlager Saal verschleppt worden: „Sie waren schon im KZ Flossenbürg im selben Block elf und kamen im selben Zug nach Saal, am 15. Februar“, hat Jans Nichte Wendy bei ihrer aufwendigen Recherche herausgefunden.

  • Erinnerung

    Für Wendy war die Begegnung mit Jakob eines der Schlüsselerlebnisse ihrer Spurensuche: „Wenn Du mit ihm redest, hörst Du aus erster Hand, wie es damals war. Was er mitgemacht hat, hat mein Onkel auch mitgemacht“. An das Grauen erinnert auch ein neuer Gedenkweg, der im Juli 2016 eingeweiht wurde. (hu)

Weil die Amerikaner heranrückten, evakuierten die SS-Schergen auch das Saaler Außenlager. Zunächst fand Wendy einen belgischen Häftling von damals, der sich zu erinnern glaubte, dass Jan vor der Evakuierung starb. Dann machte sie einen weiteren Belgier ausfindig, der bestätigte: „Jan saß im Zug neben mir.“ Die Häftlinge waren – im kältesten Winter – in offene Zugwaggons getrieben und ohne Nahrung auf die Fahrt nach Dachau geschickt worden. Diese letzte Tortur überlebte Jan nicht mehr: „Er ist vermutlich unterwegs gestorben und in einem Massengrab beigesetzt worden.“

Jetzt, nach über einem Jahr der Spurensuche, glaubt Wendy, „dass ich alles gefunden habe, was zu finden ist“. Aus ihren Blog-Einträgen, die eine Biografie von Jan und eine Chronik ihrer Suche zugleich sind, will sie ein Buch schreiben. Damit die Wunde in der Familiengeschichte verheilen kann, auch wenn die Narbe bleibt.

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