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Holzschädling

Kettensäge nimmt Kampf gegen Käfer auf

Kelheimer Hafen als Hochsicherheits-Trakt: Die Wirtsbäume des Asia-Laubholzbocks werden gefällt. Und das ist erst der Anfang.
Von Martina Hutzler

Nach Vorgabe der Forstwissenschaftler zerlegt der städtische Waldarbeiter Manfred Westermeier einen der befallenen Baumstämme.
Nach Vorgabe der Forstwissenschaftler zerlegt der städtische Waldarbeiter Manfred Westermeier einen der befallenen Baumstämme. Foto: Hutzler

Kelheim. Großes Aufgebot für einen gefährlichen Winzling: Unter aufwendigen Sicherheitsbestimmungen haben am Mittwoch Zwei- und Vierbeiner mit dem Fällen, Untersuchen und Häckseln derjenigen rund 20 Bäume begonnen, die mutmaßlich vom „Asiatischen Laubholz-Bockkäfer“ (ALB) befallen sind. In den Tagen zuvor bekamen der Kelheimer Stadtrat und der Saaler Gemeinderat eine Vorstellung davon, welch drastische Auswirkungen der Fund des eingeschleppten Holzschädlings in den nächsten Jahren auf Garten- und Waldbesitzer im Umkreis des Hafens haben wird.

Im April hatte ein Mitarbeiter des Abensberger Amts für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten (AELF) bei einer Kontrolle Fraßspuren des Käfers und seiner Larve in Alleebäumen in der Hafenstraße entdeckt entdeckt. Im Labor hat sich bestätigt: Es ist der ALB, der wohl per Schiffscontainer, in Verpackungsholz, als blinder Passagier aus Asien ankam. Hierzulande nutzt er als Kinderstube für Eier und Larven die meisten wichtigen Laubbaum-Gattungen – von Obstbäumen über Ziersträucher bis zu Holzlieferanten wie Buche, Linde, Esche. Befallene Bäume sterben nach einigen Jahren ab. Deshalb und weil der ALB hier kaum natürliche Feinde hat, will man EU-weit mit aller Macht verhindern, dass er in Europa heimisch wird.

Larven machen sich schon startklar

Und deshalb arbeiten die städtischen Waldarbeiter Manfred Westermeier und Sebastian Schmid an diesem Mittwoch in der Hafenstraße quasi wie im Hochsicherheitsbereich. Anweisungen geben die Mitarbeiter der Landesanstalten für Landwirtschaft und für Wald/Forstwirtschaft (LfL / LWF). Alle befallenen Bäume werden umgesägt. Stämme und Äste werden auf Meterstücke zusammengesägt, manche zu noch kleineren Stücken, und manche probehalber gleich halbiert. Siehe da: Schon zeigt LfL-Fachmann Ambros Köppl ein Scheit her, aus dem eine dicke Made kriecht.

Diese Larve vom Asiatischen Laubholz-Bockkäfer hat sich schon dick und rund gefressen: Sie hätte sich bald verpuppt und wäre dann zum flugfähigen Käfer geworden.
Diese Larve vom Asiatischen Laubholz-Bockkäfer hat sich schon dick und rund gefressen: Sie hätte sich bald verpuppt und wäre dann zum flugfähigen Käfer geworden. Foto: Hutzler

Drei Zentimeter lang etwa, gut bleistiftdick – „die ist schon kurz vor der Verpuppung“, schätzt der fürs Kelheimer Befallsgebiet zuständige Forstwissenschaftler von der LfL. Höchste Zeit also für die Fällaktion, ehe eine weitere Käfer-Generation flügge geworden wäre.

Eilig hat es auch die bunte Hundetruppe, die aufgeregt an den Baumteilen schnüffelt. Dackel, Jagd- und Schäferhunde eint eines: Sie alle sind spezialisiert darauf, den ALB aufzuspüren.

Der Malinois „Zoe“ ist einer der vierbeinigen Profi-ALB-Jäger.
Der Malinois „Zoe“ ist einer der vierbeinigen Profi-ALB-Jäger. Foto: Hutzler

Kein Wunder, dass sie hier, wo gerade alles und aus allen Richtungen nach Käfer „duftet“, schier aus dem Häuschen sind – wittern sie doch sogar einzelne Larven, die in mehreren Metern Höhe vor sich hinfressen. Na gut, in ein paar Metern Höhe hätte die kleine Dackeldame „Hoheit“ ihre Probleme – aber dafür ist sie unschlagbar darin, in verdächtiges Gebüsch oder unter einen Haufen Äste zu kriechen.

Klein, aber oho: Dackeldame „Hoheit“ bildet die Bodentruppe im Anti-ALB-Kampf.
Klein, aber oho: Dackeldame „Hoheit“ bildet die Bodentruppe im Anti-ALB-Kampf. Foto: Hutzler

Hundenase und Menschenauge untersuchen alle Stamm- und Aststückedirekt vor Ort. Was unverdächtig ist, packt Forstunternehmer Franz Forstner mit der Greifzange des Forst-Häckslers, den die Waldbesitzervereinigung Kelheim-Thaldorf bereitgestellt hat.

Der Forst-Häcksler der Waldbesitzervereinigung Kelheim schreddert, was nicht ins Labor geschickt wird.
Der Forst-Häcksler der Waldbesitzervereinigung Kelheim schreddert, was nicht ins Labor geschickt wird. Foto: Hutzler

Scheppernd werden aus Stämmen und Ästen feine Hackschnitzel. Sie werden tags darauf im Biomassekraftwerk der Stadtwerke verbrannt – es ist eine große Allianz, die gegen den Käfer eilig geschmiedet wurde.

Material, das ALB-haltig oder -verdächtig ist, wird von LfL-Mitarbeitern beschriftet und katalogisiert, dann in geschlossenen Metallkisten ins Quarantäne-Labor transportiert. Es muss amtlich bestätigt sein, welche Bäume den ALB beherbergten. Denn nach den Standorten der Befallsbäume richtet sich der genaue Verlauf der ALB-Zonen, die demnächst genau festgelegt werden.

Strenge Hausaufgaben im Umkreis

In der innersten, der Befallszone, werden als nächstes 274 weitere Bäume und Sträucher gefällt: sämtliche potenziellen Wirtsbäume des ALB. In der Fokuszone wird in den nächsten Jahren extra engmaschig kontrolliert, mit Fernglas, Spürhunden, Baumkletterern. Und bis in die äußerste, die Quarantäne-Zone, bekommen Kelheimer und Saaler Wald- und Gartenbesitzern auf Jahre hinaus gravierende Einschränkungen und „Hausaufgaben“ auferlegt.

Für Wald- und Gartenbesitzer

  • Wer ist betroffen

    Die 100-Meter-Befallszone im Hafen plus ein Umkreis von weiteren 2000 Metern Radius wird „Quarantänezone“ (Q-Zone) in Sachen Asiatischer Laubholz-Bockkäfer (ALB). Dazu ergeht in zwei bis drei Wochen eine rechtsverbindliche „Allgemeinverfügung“ samt exakter Zonierungs-Karte. Mit der Karte sollte sich jeder Grundstücksbesitzer informieren, ob sein Areal in der Zone liegt. Wenn ja, sollte man sich mit der Liste derjenigen Laubbäume vertraut machen, die der ALB besiedelt: insgesamt 29 Gattungen. 16 davon sind besonders kritisch: Darin kann sich hierzulande der ALB vom Ei über die Larve (Foto) bis zum Käfer komplett entwickeln. Pflanzung, Schnitt und Fällung solcher Bäume und Sträucher ist in den nächsten mindestens vier Jahren großen Einschränkungen unterworfen.

  • Was gilt für Privatleute

    Sie sind verpflichtet, alle zwei Monate alle Bäume der 29 Gattungen auf Befallssymptome zu kontrollieren, etwa die Ausbohrlöcher. Werden Symptome oder gar Käfer gefunden, ist dies umgehend den Behörden (LfL fürs Offenland; AELF Abensberg für Wälder) zu melden; der Baum wird dann sofort gefällt und entsorgt. Die Q-Zone würde dann entsprechend erweitert.

  • Sämtliche Arbeiten an Bäumen der 16 Wirtsgattungen – auch wenn sie kerngesund wirken – muss man ein bis zwei Wochen vorab bei LfL/AELF anmelden: Sie schicken einen Hundeführer vorbei, der das Gehölz vor Beginn der Arbeiten untersucht. Das gilt schon, wenn man nur einen Strauch zurückschneidet (bei Geäst über einem Zentimeter Durchmesser), bis hin zu Fällungen. Das Pflanzen von Bäumen der 29 Gattungen muss bei LfL/AELF angezeigt werden.

  • Was ist verboten

    Für den Transport von Pflanzen und Holz/Verpackungsmaterial der 16 Wirtsgattungen innerhalb der Q-Zone und aus dieser Zone hinaus gelten extrem strenge Auflagen (Anzeigepflicht, Pflanzenpass, komplett verhüllte Pflanzen bzw. thermische Holzbehandlung). In der Praxis ist der Transport also de facto unmöglich. Das betrifft den Gartler, der ein Bäumchen verpflanzen will, genauso wie den Waldbesitzer, der Brennholz aus dem Wald zu sich oder zu Kunden transportieren will.

  • Ausgenommen vom Transportverbot ist der reine Transit – z.B. ein Holzlaster, der die Q-Zone quert. Außerdem darf man Schnittgut zum eigens ausgewiesenen Sammelplatz bringen, wo es gehäckselt und entsorgt wird. Alternativ kann man selbst häckseln und das Material direkt an Ort und Stelle endlagern.

  • Was die Behörden tun

    LfL und AELF werden mindestens vier Jahre lang in der Q-Zone (vor allem in der Fokus-Zone), regelmäßig die Laubbäume kontrollieren. Dazu dürfen sie laut Verfügung auch Gärten und Privatgrund betreten; Besitzer/Nutzer sind verpflichtet, notwendige Auskünfte zu erteilen. Bei Verstößen gegen die Allgemeinverfügung – die sofort bei Inkrafttreten vollziehbar ist – drohen Geldbußen bis zu 50 000 Euro; wer behördliche Anordnungen nicht umsetzt, muss mit Zwangsgeld oder Ersatzvornahme rechnen.

  • Die Gemeinden Kelheim und Saal müssen einen oder mehrere Sammelplätze für Schnittgut ausweisen, die Mitarbeiter dort schulen und die fachgerechte Entsorgung des Materials – Häckseln und Verbrennen im Stadtwerke-Kraftwerk – organisieren. Federführend ist die Stadt Kelheim. (hu)

Dazu wird eine rechtsverbindliche Allgemeinverfügung erlassen, zu der dann auch Infoveranstaltungen stattfinden, sagte Ambros Köppl in einer „ALB-Sondersitzung“ des Kelheimer Stadtrats. Aus Sicht des LfL-Mannes gibt es zu der radikalen Bekämpfung keine Alternative. „Wenn sich der ALB bei uns dauerhaft ansiedelt, können wir den Umbau unserer Wälder zum klimastabilen Mischwald vergessen!“

Sicher hinter Glas: ein ausgewachsener ALB-Käfer
Sicher hinter Glas: ein ausgewachsener ALB-Käfer Foto: Hutzler

Kelheims Bürgermeister Horst Hartmann informierte, dass die Stadt, auch namens der Nachbargemeinde Saal, staatliche Soforthilfe für die Kosten der Käfer-Bekämpfung im Hafen beantragt habe. Für künftige ALB-Kosten werde man Zuschüsse beantragen. Stadtrat Franz Aunkofer wies auf die Folgen der Quarantäne-Regeln für Waldbesitzer hin. Sein Kollege Raimund Fries fand unverständlich, dass Asien ALB-befallenes Holz für Paletten und Packholz verwendet.

Jetzt eigentlich nicht mehr, es gelten internationale Standards, sagte dazu Alexander Hönig vom AELF, der den Hafen-Käfer entdeckt hatte. Auch würden mittlerweile an die 90 Prozent aller Importcontainer kontrolliert. Der Befall im Hafen sei schon einige Jahre alt; damals waren die Vorschriften laxer. Auch finden nun ALB-Kontrollen abseits der Häfen statt, bei Großabnehmern von Asia-Holzimporten: Baustellen etwa, die Paletten mit Pflastersteinen bekommen, sagte Hönig zu einer Forderung von Stadtrat Reinhard Listl.

(V.re.:) Die Bürgermeister Christian Nerb und Horst Hartmann sowie amtierender Landrat Martin Neumeyer, im Gespräch mit AELF-Chefin Roswitha Heiß-Brenninger sowie Sabine Wendl und Frank Nüßer von der LfL
(V.re.:) Die Bürgermeister Christian Nerb und Horst Hartmann sowie amtierender Landrat Martin Neumeyer, im Gespräch mit AELF-Chefin Roswitha Heiß-Brenninger sowie Sabine Wendl und Frank Nüßer von der LfL

Sowohl im Stadtrat als auch beim Pressetermin im Hafen klammerten sich Politiker und Fachleute an die Hoffnung, dass es der – vom Wesen her träge – ALB noch nicht aus dem Hafen heraus geschafft hat und dass nun die Bekämpfung mit vereinten Kräften Wirkung zeigt: Dann käme man, bei allen Auflagen und Unannehmlichkeiten, noch mit einem blauen Auge davon. Werden jedoch die Experten in den nächsten Monaten und Jahren auch außerhalb des Hafens fündig, dann wird es für die laubwaldreiche Kelheimer Region richtig ernst.

LfL-Hotline: (0 81 61) 71-5730; E-Mail: ALB@LfL.bayern.de

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