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Zeitzeuge

Leidensweg wurde ein Weg des Erinnerns

Jakob Haiblum war 19, als ihn die Nazis ins KZ-Außenlager Saal verschleppten. Keinen Tag dort hat der 91-Jährige vergessen.
Von Martina Hutzler

Jakob Haiblum (Bildmitte) mit Birgit Eisenmann, die den Gedenkweg mit initiiert hat. Links Haiblums Sohn Chaim, rechts Wendy van Eijnatten, deren Onkel ebenfalls nach Saal verschleppt worden war.
Jakob Haiblum (Bildmitte) mit Birgit Eisenmann, die den Gedenkweg mit initiiert hat. Links Haiblums Sohn Chaim, rechts Wendy van Eijnatten, deren Onkel ebenfalls nach Saal verschleppt worden war. Foto: Hutzler

Saal.Ein Interview wird es nicht, das Treffen mit Jakob Haiblum. Auf die erste Frage der MZ-Reporterin schon fängt der 91-Jährige Israeli das Erzählen an: Als würde ein Ventil platzen, sprudelt es aus ihm heraus, Fragen braucht er nicht. Die Erinnerungen an die Jahre der Zwangsarbeit und in Konzentrationslagern sind ihm ins Gedächtnis eingebrannt wie in seinem Arm die Nummer, zu der der 19-jährige Jude aus Starachowice im KZ Auschwitz herabgewürdigt wurde. Am schlimmsten, sagt er, war es im KZ-Außenlager in Saal. Um so wichtiger war ihm, dass hier jetzt ein neuer Gedenkweg an die Leiden Hunderter KZ-Häftlinge dort erinnert.

„Mein Bruder und ich, wir haben in Polen Zwangsarbeit in der Munitionsfabrik leisten müssen. Eine große Fabrik, 30 000 Arbeiter, in drei Schichten. Von dort aus sind wir nach Auschwitz gebracht worden. Dort habe ich bekommen diese Nummer.“ [deutet auf seinen linken Unterarm]

Seit fast 70 Jahren lebt Jakob Haiblum in Israel. Aber Deutsch spricht er noch heute bestens, und noch heute im schlesischen Dialekt.

„Wir sind ins Lager ,Auschwitz drei’ gekommen, weil sie Arbeitskräfte gebraucht haben, für die IG Farben. Ich hab müssen Zement und Steine abladen, sie haben uns Bauarbeiten gelernt.“

„Auschwitz III“, später Konzentrationslager Monowitz genannt, war ein Lager, das die damalige I.G. Farben AG finanzierte – sie brauchte die KZ-Häftlinge für Zwangsarbeit. Nach Kriegsende zerschlugen die Alliierten die I.G. Farben in Firmen wie Bayer, BASF und andere Chemieunternehmen .

Ich hatte Glück, ich war im Block 51, es war das beste Lager – wir hatten keine Läuse. Dort waren alles Jugendliche. Der Blockälteste war ein deutscher Häftling, das war der besten Mensch im Lager. Er hat mich mehrmals gerettet; ein Mal, da hab’ ich eine Verletzung gehabt, am Arm. Wenn die Leute von der Arbeit sind zurückgekommen, hat er ihnen gesagt: ,Kopf hoch! Mut verloren – alles verloren’.

Am 18. Januar ’45 sind wir zu Fuß nach Gleiwitz marschiert, in die Ziegelfabrik. Am nächsten Tag weiter zu Fuß, in ein leeres Lager, mit vielen Toten. Dann haben sie uns in in Waggons getrieben, in offene Waggons. Bei der Nacht sind wir gefahren, am Tag ist der Zug gestanden. In Buchenwald haben sie ein paar Waggons abgekoppelt. Wir sind weitergefahren nach Oranienburg. Zwei Wochen ohne Essen, Wasser. Viele Leute haben sie unterwegs rausgeschmissen, in Oranienburg waren noch viel mehr Leute tot, es war schrecklich…

Im Januar 1945, als die sowjetischen Truppen näher rückten, wurden rund 60 000 Auschwitz-Häftlinge von der SS erschossen oder in „Todesmärschen“ nach Westen getrieben. Am Stadtrand von Oranienburg, im heutigen Brandenburg gelegen, befand sich das KZ Sachsenhausen.

In Oranienburg sollten wir duschen, kalt duschen. Und dann raus in den Schnee – so viele Leute sind gestorben. Wir wollten trinken in der Dusche, aber da haben sie uns geschlagen. Dann haben wir gestreifte Kleidung bekommen. Wir sind wieder in einen Zug getrieben worden, nach Flossenbürg. Dort sind wir in Quarantäne gekommen. Das waren zuvor Pferdeställe. Jetzt haben sie Pritschen reingestellt, drei übereinander. Wir waren zu acht drin. So acht Tage waren das. Dann haben sie uns zum Block elf geschickt.

Wir haben müssen jeden Tag um vier Uhr aufstehen. Und zwei Stunden, drei Stunden warten draußen im Schnee, auf ein Stück Brot mit – no ja, Marmelade oder so, und Kaffee. Es war so kalt…

Der Doktor im Lager hat mit roter Farbe auf die Stirn Ziffern geschrieben. Eins war gute Gesundheit, drei schlecht. Bei mir hat er geschrieben: zwei - Schrägstrich - drei.

Ich habe einen neue Nummer bekommen, auf die Kleidung. Dann sind wir mit dem Zug nach Saal gefahren. Mit dem Personenzug. Am 15. Februar waren wir in Saal. Es war so schlechtes Wetter – so kalt!

In Saal ist Ende 1944 noch ein Außenlager zum KZ Flossenbürg errichtet worden. Die Häftlinge sollten für die Regensburger Messerschmitt-Werke die Fertigung von Kampffliegern aufbauen – unterirdisch, im Ringberg. Arbeitsbedingungen und Unterbringung waren so katastrophal, dass jeder Dritte der rund 740 Häftlinge gestorben ist.

Ich war in zehn Lagern, in zehn. Aber das schlimmste Lager war Saal: keine Küche, nichts zu waschen – ich hab mich zweieinhalb Monate nicht gewaschen.

Das Essen war schlecht, für jede Kleinigkeit sind wir geschlagen worden. Ein Mal war ich krank, ich habe müssen in einen Bunker, mit einem Anderen zusammen. Sie haben uns in den Mund geschaut. Der Andere hat gehabt goldene Zähne, ich nicht. Hat er sofort eine Spritze bekommen und war tot, sie haben ihm die Goldzähne rausgehackt. Ich habe müssen Tote rausschleppen. Habe mir gedacht, dass sie mich auch bald so rausschleppen. Darum bin ich wieder raus, zur Arbeit.

Ich habe so viel gelitten in Saal. In 71 Jahren seither hab’ ich keinen Tag vergessen.

Ich hab’ müssen ausladen Bausachen, am Hafen. Ein paar Mal bin ich zu einer Schlosserei in Saal geschickt worden. Es war für die Leute verboten, mit uns zu sprechen. Aber sie waren nicht schlecht. Sie haben gesagt ,hinsetzen, ausruhen’. Ich war auch in einer Tischlerei. Ein böser Mann! Wir haben gesägt, mit einer schweren Säge. Wenn es nicht gepasst hat, hat er uns mit einem Brett geschlagen. Sie haben dort Pritschen für ein großes Zelt gebaut.

Kurz vor Kriegsende ließ die SS in der Nähe des Ringbergs noch ein großes Zelt aufstellen. Dorthinein steckten sie Mitte April mehrere Hundert Häftlinge, die in einem „Todesmarsch“ aus dem aufgelösten KZ-Außenlager Hersbruck nach Saal getrieben worden waren. Wie viele von ihnen in Saal starben, ist heute nicht mehr bekannt.

Die Verbrennungsstätte am Fuß des Ringbergs.
Die Verbrennungsstätte am Fuß des Ringbergs. Foto: Stiftung Bayerische Gedenkstätten / Peter Schmoll

Am 20. April ist das Lager evakuiert worden. Die Kranken sind auf einen Zug gekommen – aber ,Juden nicht’, haben sie gesagt. Nach vier Tagen waren wir in Dachau. Das Essen haben wir uns von den Schweinen im Stall geholt.

In Dachau bin ich in Block 29 gekommen. Am 27. hat es geheißen: Alle raus aus den Baracken!’ Neben einer Kirche in Dachau haben wir müssen warten. Aber weil ein großer Sturm gekommen ist, haben sie geschrien, ,zurück in die Baracken!’

Am 28. hat es geheißen, ,die Amis kommen!’. Aber das war nicht richtig. Die SS hat uns zurückgetrieben und hat auf uns geschossen.

Am 29. waren die Amis tatsächlich da. No, das war eine große Freude! Wir haben nicht geglaubt, dass wir das noch erleben!

Jakob Haiblum an der Tafel des neuen Saaler Gedenkwegs, die an die hastig eingerichtete Verbrennungsstätte erinnert. „Beinah’ wär ich auch dort gelegen…“.
Jakob Haiblum an der Tafel des neuen Saaler Gedenkwegs, die an die hastig eingerichtete Verbrennungsstätte erinnert. „Beinah’ wär ich auch dort gelegen…“. Foto: Hutzler

Alle Häftlinge sind rausgelaufen. Sie haben sich um Essen gerissen, viele sind gestorben: waren nicht mehr gewöhnt an Essen… Am 30. April haben die Amis jedem ein Brot und eine Dose Schweinefleisch gegeben. Ich hab’ die Dose gegen ein Brot getauscht – hab’ ich mir nur gedacht: Das Brot ist größer als die Dose. Aber das war mein Glück: Wer Fleisch gegessen hat, war bald tot.

Die Häftlinge waren durch das Lagerelend und die Schwerstarbeit völlig ausgehungert, wogen oft weit unter 50 Kilo. Vielen brachte das gut gemeinte Verteilen von Lebensmittel nach der Befreiung den Tod, weil die ausgemergelten Körper gehaltvolle Nahrung nicht vertrugen.

Eine Woche bin ich noch in Dachau geblieben. Von Dachau sind wir in eine SS-Kaserne gekommen. Wir sind in die Kaserne gekommen, und die SS-Leute ins Lager…

Dann sind aus Polen und so Delegationen gekommen, um die Leute zurückzuholen. Aber in Polen war ich der Jude – jetzt soll ich Pole sein? Nein! Ich wollte nicht zurück.

Ich hab mich nach meinem Bruder Alex erkundigt. Ich habe immer geglaubt, dass er noch lebt. Es hat geheißen: Fahr’ nach Eggenfelden. Aber es ist kein Zug bis dorthin gegangen, weil eine Brücke kaputt war. Nur bis Mühldorf. Ich bin zu Fuß weiter, so 40 Kilometer. Dort hab ich tatsächlich meinen Bruder gefunden. Habe ihn gefragt, ,warum hast Du mich nicht gesucht?’ – ,ich habe geglaubt, Du bist tot…“

Ich war vier Jahre in Eggenfelden. Mein Bruder wollte nach drei Jahren nach Israel. Aber die Engländer haben ihn gefangen und erst auf Zypern eingesperrt. Ich bin am 7. Februar ’49 in Israel angekommen, er am 8. Februar – obwohl er ein Jahr vor mir los ist…

Die britische Regierung ließ in das damals noch „Britische Mandatsgebiet“ nur wenige Juden legal einwandern. Viele jüdische Flüchtlinge wurden in Internierungslager auf Zypern festgesetzt.

Ich hätte auch nach Amerika oder Australien gehen können. Aber ich wollte zusammen sein mit meinem Bruder. Meine Eltern, meine Schwester sind ’42 nach Treblinka gekommen. Alle weg.

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