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Tierisch

Mitterfeckings gackernde Berufspendler

Die Köglmeiers haben ihre 290 Legehennen mobil gemacht. Der selbstgebaute fahrbare Stall hat es aber auch so richtig in sich.
Von Martina Hutzler

Vor Menschen haben die Köglmeier’schen Hühner keine Angst. Scheint eigentlich eher, als würden sie sich für die Fotografin in Pose werfen…
Vor Menschen haben die Köglmeier’schen Hühner keine Angst. Scheint eigentlich eher, als würden sie sich für die Fotografin in Pose werfen… Fotos: Hutzler

Mitterfecking.Tierliebe hin oder her – aber Berta treibt’s doch zu bunt. Immer wieder pirscht sie sich an, um blitzschnell auf Theresa Köglmeiers Zehe in den Flipflops loszuhacken. Ist das nicht doch was zu essen? Nein, ist es nicht, alle anderen 289 Hennen kapieren’s ja auch und umringen Theresa und ihren Mann Christian nur neugierig: Gibt’s vielleicht Weizen-Leckerli? Und was macht die fremde Tante hier auf unserer grünen Wiese, mit dem komischen schwarzen Kasten??

Fotografieren! Weniger die Hennen, vor allem ihre Behausung: den mutmaßlich ersten mobilen Hühnerstall im Landkreis Kelheim. Ja, auch bei uns hat es Kopfschütteln ausgelöst, als Theresa Köglmeier angefragt hat, ob wir drüber berichten wollen: Sachen gibt’s… Aber wenn einem der studierte Umweltingenieur Christian Köglmeier erklärt, wie er sein fahrbares Hühnerhotel „ums Tier herum“ geplant und gebaut hat, summt man glatt, „ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn“. Vom Ende mal abgesehen, aber dazu später.

Weiche Eier-Landung, warmer Hühnerhintern: Die Legenester sind mit Dinkelspelzen gepolstert.
Weiche Eier-Landung, warmer Hühnerhintern: Die Legenester sind mit Dinkelspelzen gepolstert. Fotos: Hutzler

Angefangen hat der 30-Jährige an Weihnachten 2014, zu Hause im Saaler Ortsteil Mitterfecking, am Computer. Da lagen einige Jahre Arbeit bei der BayWa hinter ihm, die ihn in etliche Ställe geführt hatten, und zur Einsicht: „So ist das nichts“ – wenn der Preis die Haltung bestimmt und der Preiskrieg zu Tierleid führt. „Wir wollten eine absolut tiergerechte Haltung“, bekräftigt Theresa. Aber heißt das, Hühner sind reiselustig?

Verschiebbar und groß wie ein Seecontainer

Nein, aber a) bewegungsfreudig und b) nicht „stuben“rein. Freilandhaltung schön und gut, aber wo viele Hühner auf immer derselben Fläche herumscharren, Nahrung picken und koten, wächst irgendwann: nichts mehr. Selbst bei Bio-Haltung seien Hühner oft im Stall, weil’s draußen einfach nichts mehr zu holen gibt, schildert Christian Köglmeier seine Beobachtung. Deshalb hat er seinen Stall, der von der Größe an einen Seecontainer erinnert, auf Rädern und damit verschiebbar konzipiert.

Umzüge sorgen fürs „Dottergold“

Auf große Fahrt gehen Herr und Huhn aber nicht. „Mir ist Regionalität wichtig“: Weideflächen und Futter sollen vom eigenen Hof, einer kleinen Nebenerwerbs-Landwirtschaft, stammen. Der Reisestall wird einfach auf der früheren Pferdekoppel von A nach B geschoben, wenn A von 290 Schnäbeln und doppelt so vielen Hühnerbeinen abgesucht ist nach Würmern, Insekten, Grünzeug (dazu gibt’s Getreideschrot drinnen im Stall). Nicht ohne Stolz nennt Theresa Köglmeier den Markennamen, den sie sich für den Verkauf der Eier zugelegt haben: „Dottergold“. Denn „so ein schönes Eigelb schaffst Du nur mit natürlichem Chlorophyll; wenn Du dem Huhn gibst, was es von Natur aus braucht“.

Das ist, neben Grünzeug, auch allerlei Wohnkomfort – weshalb ein „Stall von der Stange“ ausschied. „An dem Ding ist alles selbst geschraubt, gefräst, gebaut“, erklärt der Bauherr zufrieden: Wie viel Platz und Licht braucht eine Henne, wo und wie will sie schlafen, futtern, Eier legen – all das hat er erkundet und in technische Lösungen umgesetzt.

Ei schau, was im Stall steckt

  • Gruppiert

    Die Eier werden im mobilen Hühnerstall in „Gruppenlegenestern“ gelegt, in gedämpfter Beleuchtung. Als „Nistmaterial“ hat Christian Köglmeier eigens Dinkelspelzen besorgt, die wöchentlich gewechselt werden. Die halten das Ei nicht nur sauber und unbeschadet. Die Spelzen wärmen auch den Allerwertesten der Hennen beim anstrengenden Herausquetschen des Eis. „Das ist im Winter wichtig, damit sich der Schließmuskel schneller schließt“.

  • Gedämmt

    Zwar sind die Hühner auch im Winter draußen, aber nachts frieren wollen sie trotzdem nicht. Deshalb sind die Wände des Köglmeierschen Reisestalls mit Sandwich-Paneelen isoliert. Die nötige Dicke hat der Ingenieur genau berechnet – und die Eigenleistung der Bewohnerinnen eingerechnet: „Ein Huhn strahlt im Schnitt zehn Watt Wärmeleistung ab.“ Das Stalldach hat Pult-Form: „Dadurch zieht die Abluft mit dem Ammoniak nach oben ab.“

  • Versorgt

    Weil der mobile Stall ja nicht immer in unmittelbarer Hofnähe steht, wollte ihn Christian Köglmeier unabhängig machen von direkten Strom- und Wasserleitungen. Unterm Dach findet sich deshalb ein Speicher für das benötigte Trinkwasser. Auf dem Dach erzeugt eine Photovoltaik-Anlage den nötigen Strom: zum Beispiel für die Beleuchtung, für die automatische Steuerung der Fenster und für die Klappen ins Freie.

  • Geschützt

    Die Nacht verbringt die Hühnerschar im Stall – der im Erdgeschoss aber dank Gittertüren eher einem „Wintergarten“ ähnelt. Die Gittertüren können automatisch geschlossen werden. Weniger, damit die Hühner drin-, sondern vielmehr, damit Fuchs, Marder und Co. draußen bleiben. Tagsüber im Freien müssen die Hennen aber auf sich selbst aufpassen – das Risiko dass womöglich mal ein Habicht ein Tier schlägt, gehöre halt dazu.

  • Gedimmt

    „Hühner sind Gewohnheitstiere“, erklärt Theresa Köglmeier: Zwischen 14 und 14,5 Stunden Licht am Tag ist ihnen am liebsten. Können sie haben, dank PV-gespeister Beleuchtung – „mit flackerfreien LEDs“, ergänzt Christian Köglmeier. Die Lampen sind computergesteuert dimmbar: Sobald es im Innern des Stalls abends „dämmert“, marschieren die Hennen über die Hühnerleitern ins Obergeschoß, wo ein Stangenwald den „Schlaf-Baum“ imitiert. (hu)

Dazu wurden „ein paar Tonnen Eisen“ bestellt, allerlei sonstiges Zubehör – und dann ging‘s ans Werk. Abends nach der Arbeit, wochenends, im Urlaub. Der Vater, ein Schlossermeister, und sein Bruder, Maschinenbau-Ingenieur, halfen mit. „Am 3. Juli 2016 war Fertigstellungstermin, am nächsten Tag Einzug“, erinnert er sich schmunzelnd an die Punktlandung der 290 Mieter, teils „Lohmann Braun“, teils einer weißen Geflügelrasse zugehörig, beim Einzug 18 Wochen alt.

Stall versetzen dauert einen Tag

Der Baustress ist zwar vorbei, die Arbeit jedoch nicht. Zwar hat der Ingenieur alles, was möglich ist, automatisiert: Die Fenster, das Lichtmanagement im Stall; ein „Kot-Band“ zwischen Schlafgemach (oben) und Wintergarten (unten) erleichtert das Ausmisten. Aber zu tun bleibt genug, schildert das junge Ehepaar, das sich – weil beide Vollzeit berufstätig – die Arbeit mit Köglmeiers Eltern teilt: Futter und Wasser nachfüllen, Eier mehrmals täglich abnehmen, verkaufen, und nicht zuletzt: den Stall samt Weidezaun versetzen, alle ein bis zwei Wochen – „allein das kostet einen Tag.“

Die Schalteinheit  der Photovoltaik-Anlage: Die Stromversorgung im mobilen Stall ist autark.
Die Schalteinheit der Photovoltaik-Anlage: Die Stromversorgung im mobilen Stall ist autark. Fotos: Hutzler

In einem klassischen Hühnerstall „bräucht ich wahrscheinlich ein Fünftel der Zeit“, bei höherem Ertrag, schätzt Köglmeier: Seine bewegungs- und flatterfreudigen Mitarbeiterinnen, den ganzen Tag auf Achse, haben eine „Legeleistung“ von 0,8 – also nix mit „jeden Tag ein Ei“, das sich das Hochleistungs-Käfighuhn abpresst.

Das schlägt sich im Preis für die Mitterfeckinger Eier nieder: 38 Cent pro Stück. „Die Vermarktung läuft schon ganz gut: Wir haben schon die ersten Stammkunden“. Die beiden wollen sich bewusst vom „Immer-billiger“-Trend in der Ernährung absetzen, wollen einen Weg aufzeigen, „wie wir künftig in Bayern Lebensmittel regional und umweltverträglich erzeugen können“, sagt Christian Köglmeier.

Vor Menschen haben die Köglmeier’schen Hühner keine Angst. Scheint eigentlich eher, als würden sie sich für die Fotografin in Pose werfen…
Vor Menschen haben die Köglmeier’schen Hühner keine Angst. Scheint eigentlich eher, als würden sie sich für die Fotografin in Pose werfen… Fotos: Hutzler

Das Ehepaar hofft denn auch, dass viele Interessierte, vom Kindergarten-Kind bis zum Erwachsenen, einfach mal vorbeischauen und mit eigenen Augen sehen, wie ein Huhn eigentlich lebt, wenn es seiner Natur gemäß lebt.

Ideen haben sie durchaus noch mehr, falls „Dottergold“ genügend Dottergeld abwirft: zum Beispiel mi t einem Vermarkter in der Region zusammenarbeiten. Oder einen zweiten Stall bauen, und dann eine „Zwei-Nutzungs-Rasse“ halten, sprich: auch Hähnchen halten und als Gockerln vermarkten.

Das Ende bleibt klassisch

Eines nämlich können und wollen sich die Köglmeiers auch bei ihrer Hennenschar nicht leisten: warten, bis jede tot vom Stangerl fällt. Zumal man Hühner nicht einzeln ersetzen kann: Als Herdentier würden die Alteingesessenen keine Neuzugänge akzeptieren. Deshalb müssen nach einer bestimmten Zeit alle dran glauben: „Ein Huhn hat eine ,Legeperiode ’ von 14 bis 16 Monaten – und danach gibt es ein super Suppenhuhn. Das ist der Lauf des Lebens…“

Eierverkauf: ab Hof (Mitterfecking, Dorfstraße 12) und 14-tägig am Kelheimer Samstags-Wochenmarkt (nächster Termin 10. September)

Infos/Anfragen: 01 76/ 64 17 81 43

Klappe zu – Huhn schläft: Die Gitter sollen Fuchs & Co. draußen halten.
Klappe zu – Huhn schläft: Die Gitter sollen Fuchs & Co. draußen halten. Fotos: Hutzler

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