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Intensivmedizin

Zauberwort in der Pflege heißt „Zeit“

Personalnot in der Pflegebranche? Die „Ambulante Intensivpflege Bayern“ hat 750 Mitarbeiter. Und keine Nachwuchssorgen.
Von Martina Hutzler

Patienten in der ambulanten Intensivpflege sind beatmungspflichtig. Ziel ist es, ihnen trotz dieser schwierigen Umstände Lebensqualität zu ermöglichen.
Patienten in der ambulanten Intensivpflege sind beatmungspflichtig. Ziel ist es, ihnen trotz dieser schwierigen Umstände Lebensqualität zu ermöglichen. Fotos: A.I.B. Saal

Saal.Hört sich erst mal seltsam an: ein „hidden champion“ – in der Pflege von schwerstkranken Menschen, vom Frühchen bis zum Hochbetagten? Aber in der Tat: Von „ambulanter Intensivpflege“ haben wohl nur wenige Nicht-Betroffene je gehört. Wenig bekannt ist daher, dass in Saal an der Donau (Kreis Kelheim) ein ganz Großer der Branche ansässig ist: Rund 750 Mitarbeiter betreuen für die Ambulante Intensivpflege Bayern GmbH (A.I.B.) etwa 140 Patienten in ganz Bayern; Tendenz steigend.

Eine Frühgeburt, ein Unfall in jungen Jahren, Spätfolgen des Rauchens im Alter: Diese und andere Gründe können in die Intensivpflege führen. Im Krankenhaus müssen und können Betroffene nicht mehr bleiben, sobald die Akutbehandlung abgeschlossen ist; im Tagesablauf von Alten- und Pflegeheimen wäre der hohe Rund-um-die-Uhr-Pflegebedarf nicht zu integrieren. So entstanden Einrichtungen wie eben die A.I.B., gegründet im Jahr 2008 von Gökhan Altincik, selbst ein gelernter Krankenpfleger.

Gökhan Altincik ist Geschäftsführer der A.I.B.-GmbH.
Gökhan Altincik ist Geschäftsführer der A.I.B.-GmbH.

In sieben Jahren auf 750 Mitarbeiter - auch das mag verwundern, zumal in der Pflege, wo seit Jahren die Klage über Personalnot umgeht. Anita Chmielewski hat indes keinen Grund zum Klagen: Bei der geschäftsführenden Pflegedienstleiterin von A.I.B. landen täglich Bewerbungen von Fachkräften auf dem Schreibtisch, erzählt sie. Warum das so ist, dürfte für die gesamte Pflege-Branche zukunftsweisend sein: „Zeit spielt die entscheidende Rolle. Unsere Mitarbeiter haben eine sehr hohe Verantwortung – aber sie sind rund um die Uhr beim Patienten: Da kann man mit all den verschiedenen Pflegetechniken so viel ermöglichen, was in sonstigen Pflegesituationen aus Zeitgründen nie machbar ist. Das schätzen unsere Mitarbeiter.“

Zeit ist in der Intensivpflege freilich kein Luxus, sondern überlebensnotwendig für die Patienten. Das sind Menschen im Wachkoma, mit Krebserkrankungen oder nach Schlaganfall, mit Parkinson oder Multipler Sklerose; sie sind beatmungspflichtig bzw. haben einen Luftröhrenschnitt (Tracheotomie), sind also auf ein Beatmungsgerät angewiesen, erklärt Anita Chmielewski. Zwingend nötig ist daher, dass rund um die Uhr jemand ihren Gesundheitszustand überwacht; währenddessen bleibt die Zeit für Pflege und Dokumentation. Neben regelmäßigem Verabreichen von Sondennahrung oder Umlagern ist vieles unplanbar: Mal muss stündlich Schleim abgesaugt werden, mal mehrfach die Stunde; tags wie nachts können plötzliche Notfälle auftreten. Und die zu erkennen, ist selbst für Fachleute anspruchsvoll. Denn die Betreuten können sich, wenn überhaupt, oft nur in winzigsten Gesten ausdrücken. Daumen hoch für ein „Ja“ – selbst das ist manchem erst nach anstrengendstem Training möglich.

Hier ist Dokumentation lebenswichtig

Die Intensivpflege erfolgt entweder bei den Patienten zuhause oder in speziellen Wohngruppen, üblich sind Fünfer-Gruppen. Hier wie dort gehören die Angehörigen dazu – einerseits als wichtiges Bindeglied: Sie wissen um die Biografie, die Vorlieben und Gewohnheiten des Patienten, und all das ist für eine individuelle Pflege unabdingbar. Das wird daher, wie alle pflegerischen Ansätze auch, sehr aufwendig dokumentiert. Für Angehörige ist es umgekehrt sehr belastend, die Hilflosigkeit ihrer Lieben mit ansehen zu müssen, sie als Schwerstkranke tagaus, tagein zu betreuen. Auch den Ängsten und vielleicht irrationalen Hoffnungen der Angehörigen müssen sich die Profi-Pflegekräfte daher stellen.

Die geschäftsführende Pflegedienstleiterin Anita Chmielewski
Die geschäftsführende Pflegedienstleiterin Anita Chmielewski

Denn zwar kann die intensive Pflege Erfolge für das Wohlergehen der Schwerstkranken bewirken, die für Außenstehende klein erscheinen mögen – aber unendlich groß für jemanden, der zum Beispiel nach jahrelanger Beatmung und Sondenernährung mithilfe von Training und technischen Hilfsmitteln erstmals wieder ein Haferl Kaffee trinken kann. „Für einen haben wir sogar erreicht, dass er beim Aufstiegsspiel des FC Ingolstadt dabei sein konnte – ein Riesen-Aufwand, aber machbar“, schildert Anita Chmielewski. Aber solchen Etappensiegen zum Trotz ist letztlich für Familie wie Pflegeteam in den allermeisten Fällen klar: Gesund werden die Betroffenen nie mehr. „Wir wissen, dass wir die Leute bis zum Tod begleiten.“

Die psychische Belastung ist hoch

Das stecken auch Profis nicht einfach weg, gerade nach oft jahrelangem intensiven Kontakt. „Die psychische Belastung ist oft an der Oberkante“, weiß Chmielewski, die – gerade auch als Gesamtverantwortliche für den Pflegedienst – nach wie vor zwei Mal im Monat Nachtdienst absolviert. Unbedingt nötig sei daher, viel Zeit und Geld in die Mitarbeiter-Aus- und Weiterbildung, -Betreuung und -Supervision zu stecken. Diesen Bereich hat – neben der Pflegedienstleitung für die Einzelversorgung – Christiane Altincik übernommen, angesiedelt in einem eigenen Gebäude in Saal.

Christiane Altincik ist Pflegedienstleiterin für die Einzelversorgung und Weiterbildungsbeauftragte
Christiane Altincik ist Pflegedienstleiterin für die Einzelversorgung und Weiterbildungsbeauftragte

„Wir haben einen Riesen-Andrang bei unseren Fortbildungsangeboten“, berichtet sie. Zum einen schätzten die Mitarbeiter die fachliche Weiterbildung, als Voraussetzung für bestmögliche Pflege. „Aber auch der Erfahrungsaustausch untereinander ist wichtig, gerade bei sehr speziellen Pflegefragen“: Weil die Krankheitsbilder so vielfältig und komplex sind, ist „Schema F“ nicht möglich.

Tätig bei der A.I.B. sind daher lauter Fachleute, zu drei Vierteln Frauen: Alten- und Krankenpflegekräfte, mit Zusatzausbildung für Anästhesie- und Intensivmedizin oder zur Fachkraft für außerklinische Intensivpflege. In den Wohngruppen arbeiten daneben auch Pflegefachhelfer. Letztere sowie Altenpflegekräfte bildet die A.I.B. auch selbst aus. Aktuell sind es 16 Auszubildende, im Herbst kommen wieder 14 neue hinzu: Auch Nachwuchsmangel ist für das Saaler Unternehmen kein Thema, „obwohl wir eigentlich keine Werbung machen“, bestätigt Anita Chmielewski.

Sowohl die Personalverwaltung als auch der große Bereich der Abrechnung mit den Kassen erfolgen in der Saaler Zentrale. Über die medizinische Notwendigkeit von Intensivpflege gibt zwar keine Diskussionen mit den Kassen – wohl aber über deren Ausgestaltung, die schon ins Geld gehen kann. Um wichtige Überwachungsgeräte wie ein Pulsoxymeter müssen daher teils aufreibende Sträuße ausgefochten werden; ebenso um Hilfsmittel, die für Patienten oft letzte Bindeglieder zur Außenwelt sind: ein sprachgesteuerter PC etwa.

Vor dem Hintergrund regelrecht bescheiden nimmt sich da die Verwaltungsstruktur der Firmengruppe aus, die aus mittlerweile drei Einzelfirmen besteht: Sechs Menschen sind in der Zentrale in Saal beschäftigt. Weiter wachsen wolle man eigentlich nicht mehr, schildert Anita Chmielewski – es ist die schiere Not von Angehörigen auf der Suche nach Intensivpflegeplätzen, die dann doch wieder zur Gründung einer neuen Wohngruppe führt. Aber nicht nur deshalb ist tierisch viel los in der Fliederstraße: Drei Hunde, ein Hase, zwei Meerschweinchen und Wachteln tummeln sich in Haus und Garten – gute Partner auf dem Weg zur Work-Life-Balance…

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