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Erfahrungsmix

So läuft’s vor Ort, wenn die EU kommt

„Leader“-Förderung ist in Kelheim ein gern genutzter Dorfhelfer Oft setzt das EU-Geld Energie frei, mitunter Kopfschütteln.
Von Martina Hutzler

Matschen mit EU-Hilfe: Das „Wald-Wasser-Erlebnis“ in Teugn ist seit 2018 ein Anziehungspunkt für Kinder – und Junggebliebene. Foto: Hutzler
Matschen mit EU-Hilfe: Das „Wald-Wasser-Erlebnis“ in Teugn ist seit 2018 ein Anziehungspunkt für Kinder – und Junggebliebene. Foto: Hutzler

Kelheim.Brüssel und die EU sind für viele Menschen weit weg. Wo sie ein „Leader“-Projekt anpacken, ändert sich das, schildern drei engagierte Projekt-Organisatoren aus dem Kreis Kelheim unisono: Wenn Europa ins Dorf kommt, erleben sie die EU oft als Gewinn - aber manchmal auch als etwas wundersamen Satelliten weit weg.

Geh’n wir zu Dir oder zu mir? In Hattenhausen fragen sich das nicht nur die Verliebten, sondern alle, die ein Dorffest vorbereiten, sich zum Ratschen, Kartln oder aus sonstigem Grund treffen. Derlei Termine finden in dem Riedenburger Ortsteil in Wohnzimmern statt – „ein Wirtshaus haben wir ja seit über 30 Jahren nicht mehr“, erzählt Michael Brock. Dass jetzt mit EU-Hilfe ein Dorfhaus als Ersatz entsteht, sieht der 59-Jährige als eine Art ausgleichender Gerechtigkeit; für die rund 60 Hattenhausener und für sich selbst.

Am Spielplatz von Hattenhausen soll das „Hirthäusl“ entstehen.  Foto: Wachter
Am Spielplatz von Hattenhausen soll das „Hirthäusl“ entstehen. Foto: Wachter

Michael Brock ist Landwirt, und als solcher spürt er seit Jahren, dass die EU ihre Agrarförderung umschichtet: Weg von den Direktzahlungen an die Bauern (die „erste Säule“ der Gemeinsamen Agrarpolitik) hin zur „zweiten Säule“, der Förderung des ländlichen Raumes. „Da ist es schon toll, wenn von dieser ,Zweiten Säule’ auch mal der eigene Ort was bekommt“, findet Brock.

Viele Leader-Projekte sind nicht nur fürs Dorf, sondern für alle: Ein paar Vorschläge für lohnenswerte Ausflugs- und Veranstaltungsziele haben wir hier für Sie zusammengestellt!

"Leader" zum Ausprobieren

Denn zu dieser Säule („Eler“) gehört das „Leader“-Programm, und mit Geld daraus sowie von der Stadt baut und betreibt Hattenhausens eigens gegründeter Dorfverein bald ein „Hirthäusl“ im Jurahaus-Stil. „Anstrengend wird das“, ahnt Brock. Als örtlicher Stadtrat hat er das Projekt maßgeblich mit angestoßen. Nur um des EU-Geldes Willen wäre es diese Anstrengung nicht wert, ist er überzeugt.

Ein Projekt, nur um Förderung abzugreifen: Das würde bei Leader kaum klappen, bestätigt Kelheims Leader-Manager Klaus Amann. Denn die EU zahlt nur etwa 50 Prozent; den Rest müssen Initiatoren anderweitig auftreiben. „Ein guter Filter“, findet Amann: „Optimal ist es, wenn sich die Leute von sich aus zusammentun, und die EU-Förderung ist das ,Zuckerl’ obendrauf“.

In Hattenhausen war’s so: ein altes Waag-Häusl in Dorfmitte, und die Idee einer Frau, „da könnt’mer was draus machen“. An der Standortfrage schieden sich zwar schon anfangs die Geister, und von Anfang gab’s auch die „So a Schmarrn!“-Fraktion im Dorf, schildert Brock schmunzelnd.

Die  Hattenhausener haben sich erfolgreich um ein „Leader“-Projekt beworben: Sie bauen ein neues „Hirthäusl“.  Foto: Wachter
Die Hattenhausener haben sich erfolgreich um ein „Leader“-Projekt beworben: Sie bauen ein neues „Hirthäusl“. Foto: Wachter

Aber es hat sich mittlerweile ein Verein gegründet, etwa zwei Drittel der Ortsbewohner sind dabei. „Auf ein Mal trifft man sich wieder – das ist schön“, findet Brock. Und hofft, dass der neue Gemeinschaftsgeist auch in der aktiven Bauphase halten wird. Denn die Eigenleistung ist fest eingeplant beim auf 120 000 Euro kalkulierten künftigen Dorf-Treff.

Dass das Haus dann in Name und Gestalt an das längst abgerissene Häuschen der einstige Gemeinde-Schäfer erinnert, ist nicht grad das unverzichtbare Herzensanliegen der Hattenhausener – sondern eher den Förder-Vorgaben geschuldet, lässt Brock durchblicken: Neben der Gemeinschaft sei halt auch die Historie ein wichtiges Kriterium. „Aber damit können wir leben.“

Teugn: Spielerisch lernen

Erst die Frage „was braucht das Dorf?“, dann die Frage „wie finanzieren wir das?“: So war es in Teugn, wo die Bevölkerung bei einem Workshop einen schöneren Spielplatz forderte. Daraus wurde das „Wald-Wasser-Erlebnis“. Hat zwar weit mehr Geld und Arbeit gekostet als „nur“ ein Spielplatz. Aber ist dafür „eine Bereicherung“ für Kinder wie Erwachsene, Einheimische wie vorbeiradelnde Touristen, findet Bürgermeister Manfred Jackermeier.

„Es war tatsächlich ein Bürgerprojekt“, freut er sich über das 2018 eingeweihte Areal: 20 Leute waren anfangs beim Workshop dabei; daraus entstand ein zehnköpfiger Arbeitskreis Spielplatz, an dem dann bis zu 15 Teugner mitgearbeitet haben. Gemeinsam mit Profis schufen sie, neben einer klassischen Schaukel, auch Wasser-Sandspielplatz und -Spielburg, eine Brotzeit-Hütte. Und dazu Infotafeln zu Natur und Historie in und um Teugn: vom Feuersalamander bis zur historische Verbindung Teugns nach Brixen.

Matschen mit EU-Hilfe: Das „Wald-Wasser-Erlebnis“ in Teugn ist seit 2018 ein Anziehungspunkt für Kinder – und Junggebliebene. Foto: Hutzler
Matschen mit EU-Hilfe: Das „Wald-Wasser-Erlebnis“ in Teugn ist seit 2018 ein Anziehungspunkt für Kinder – und Junggebliebene. Foto: Hutzler

Ohne den umweltpädagogischen und kulturgeschichtlichen Ansatz hätte es kein Geld von Leader gegeben; ohne den 50-prozentigen EU-Zuschuss wiederum „hätte ich im Gemeinderat keine so breite Zustimmung zum Projekt bekommen“, ist dem Teugner Bürgermeister klar. Mit über 70 000 Euro war es teuer. Aber es ist sein Geld wert, dass sich ein Dorf mit seiner Historie auseinandersetzt, findet Jackermeier.

Mit der Antragstellung und dem Abwickeln des EU-Förderverfahrens habe er gut leben können, blickt der Rathaus-Chef zurück; freilich sei die Gemeinde da sehr von Leader-Manager Amann und dem Amt für Ländliche Entwicklung unterstützt worden. Gewurmt hat ihn aber, dass das Projekt nach Abschluss bereits zwei Mal überprüft wurde – ziemlich genau. Für die verrechneten 100 Zaunpfähle etwa mussten nicht nur die Rechnungen vorgelegt werden; sie wurden vor Ort auch durchgezählt.

Häufiges Prüfen nervt

Dass so was kontrolliert wird, sei ja ok, „es zahlen ja alle in der EU mit.“ Aber dass Projekte bis zu fünf mal überprüft werden können, ärgert den Teugner Bürgermeister. Immerhin will nun die EU auf ein „single audit“-Verfahren umstellen, also eine einzige Prüfung bzw. Prüfinstanz pro Projekt, berichtet Klaus Amann. Aber grundsätzlich müssten alle Fördervorgaben und Prüfkriterien für ganz Europa passen, gibt er zu bedenken. Wäre also ein deutsches oder bayerisches Förderprogramm nicht gleich besser, um im kleinen Teugn ein Wald-Wasser-Erlebnis zu schaffen?

„Ich weiß nicht, ob man die EU dafür braucht“, antwortet Manfred Jackermeier ehrlich. „Aber dass die EU mit Leader die Lebensqualität im ländlichen Raum fördert, finde ich gut“ – zumal, wenn davon auch in Teugn etwas ankommt.

Steinbach: Zurück zur Mitte

„Das Beste, was wir kriegen konnten!“, schwärmt Martin Mittermeier über das „Hopfenhaus“ in Steinbach. Ein rühriges Dorf bei Mainburg; anders als vielerorts brauchte sich die Dorfwirtin früher über mangelnden Besuch gewiss nicht beklagen. Aber als sie starb, waren sie plötzlich heimatlos: die Theaterspieler mit ihren Requisiten, die Stammtischler, und wer sonst von den 250 Steinbachern und ihren sechs Dorf-Vereinen einen Treff benötigte.

Die Not war also groß. Aber Brüssel und „Leader“ war erst mal gar kein Thema. In Eigenleistung einen kleinen Treff bauen, das schwebte ihnen vor, „aber das ist nie planungs- und finanzierungsreif geworden“, blickt Martin Mittermeier, damals Ortssprecher, zurück.

Kirche und Wirtshaus: Das gehört in Hattenhausen nicht mehr zusammen (Foto: Wachter)  – und auch in Steinbach machte das Wirtshaus, einst Anlaufstelle Nummer eins,  dicht. Das war der Auslöser fürs „Hopfenhaus“. Foto: Wachter
Kirche und Wirtshaus: Das gehört in Hattenhausen nicht mehr zusammen (Foto: Wachter) – und auch in Steinbach machte das Wirtshaus, einst Anlaufstelle Nummer eins, dicht. Das war der Auslöser fürs „Hopfenhaus“. Foto: Wachter

Da lenkte die frühere Vhs-Geschäftsführerin und Steinbacherin Marianne Dasch den Blick auf die EU und lotste Leader-Manager Amann nach Steinbach. Nun kam die Sache ins Rollen. Freilich nicht nur mit Brüsseler, sondern auch mit Mainburger Hilfe: Die Stadt kaufte dem Ortsteil das Grundstück fürs „Hopfenhaus“ – eines in der Dorfmitte, worüber sich Martin Mittermeier bis heute freut. Und das Rathaus unterstützte bei den Ausschreibungen. Aber gebaut „haben wir mehr oder weniger in Eigenleistung“, schildert Martin Mittermeier stolz.

Auch er ist Landwirt, und auch er spürt, wie Michael Brock in Hattenhausen, dass die direkten Zahlungen der EU an seine Zunft weniger werden. Da sei es schon gut, dass Steinbach als Ganzes Geld aus der „Zweiten Säule“ der EU-Agrarförderung erhalten habe. Insofern „haben wir das Projekt schon als europäische Wertschöpfung gesehen“, urteilt Mittermeier, der heute in der Kelheimer „Lokalen Aktionsgruppe“ von Leader ehrenamtlich mitarbeitet.

Die Lokale Aktionsgruppe hat vor einigen Wochen bereits den Rahmen für die nächste „Leader“-Förderphase abgesteckt, die 2020 beginnen soll. Das Datum steht allerdings noch in den Sternen - wegen des „Brexit“.

„Leader“

Brexit verzögert auch Kelheims EU-Pläne

Im Kreis Kelheim gäbe es wieder viele Ideen für „Leader“-Projekte. Das britische Fragezeichen schwebt aber über der Planung.

Ins allgemeine Lamento über EU-Bürokratie mag Martin Mittermeier nicht einstimmen; mit Hilfe vom Rathaus und von Leader-Manager Amann sei das Projekt „relativ einfach“ vonstatten gegangen. Für eine gewisse Disziplin sorgten die Förderbedingungen schon, schildert er: Regelmäßig standen Besprechungen zu Baufortschritt und EU-Recht an. Zwar wurde am Ende des 400 000-Euro-Projekts das Geld für die Bestuhlung knapp. Aber da plünderten die Steinbacher alle vor Ort verfügbaren Kassen und kamen doch noch zu Sitzgelegenheiten im schmucken Haus – das seit nun vier Jahren immerhin gut 200 Besucher fasst.

Ein Fest fürs ganze Dorf war die Einweihung des „Hopfenhauses“ in Steinbach. Seither ist es der neue Ortsmittelpunkt geworden. Foto: Abeltshauser
Ein Fest fürs ganze Dorf war die Einweihung des „Hopfenhauses“ in Steinbach. Seither ist es der neue Ortsmittelpunkt geworden. Foto: Abeltshauser

Betrieben wird es vom eigens ins Leben gerufene Kultur- und Förderverein „KuF“. Der hat durchaus zu tun, allen Terminanfragen fürs Hopfenhaus gerecht zu werden: von Frühschoppen und Stammtisch angefangen, über den Theaterkreis bis zum Gymnastiktreff für Senioren. Deshalb bereuen die Steinbacher das anstrengende Projekt keine Sekunde, versichert Mittermeier. „Wir haben schon oft geredet: Wir sind wirklich zufrieden.“

Visionen für die Förderphase 2020-2027

  • Ressourcenschutz:

    Als Ziele peilt die „Leader-Regionalkonferenz Kelheim“ u.a. Gewässer-Schutzstreifen an, 30 km zusätzliche Hecken und 10 Prozent Biotopverbund-Flächen; weniger Folienanbau und mehr Regionalvermarktung in der Landwirtschaft; mehr Bauten mit heimischem Holz

  • Wirtschaft/Tourismus:

    Ziele bis 2030 sind u.a. barrierefreier Tourismus und ÖPNV; bessere Infrastruktur für Radler; die Balance zwischen Tourismus und Naturschutz sowie eine Entlastung Weltenburger Enge durch regional breiter gestreute Tourismusangebote; Landwirtschaft „erlebbar“ machen

  • Dorfkultur:

    Bis 2030, so das Ziel, sollen die Dörfer attraktive Angebote für alle Generationen sowie „Orte der Kommunikation“ haben. Projektideen gibt es u.a. für Dorfbusse, ein „Fest der Kulturen“, ein Steinbruch-Museum, eine „Soziale Landwirtschaft“ z.B. für Menschen mit Handicap

  • Soziales:

    Hier sollen bis 2030 u.a. die ambulante Pflege flächendeckend gesichert, Jugendzentren eingerichtet und Arbeitsplätze für Behinderte geschaffen werden; ein flächendeckendes Nahverkehrs-Netzwerk, Pflegeschulen und Projekte, die die Familien stärken, sind weitere Visionen. (hu)

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