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Mobilität

Fahrerlos: ÖPNV der Zukunft?

Der Kreis Kelheim will Pilotregion für autonomes Fahren werden. Ob das dem Nahverkehr etwas bringt, wird kontrovers gesehen.
Von Beate Weigert

Seit April 2017 rollt der autonom fahrende Bus durch Bad Birnbach. In Kelheim gibt es teils auch kritische Stimmen zu einem ähnlichen Vorhaben. Es habe nichts mit echtem ÖPNV zu tun. Stimmt nicht, kontert Birnbachs Kurdirektor. Dort will man eben deswegen bald die Strecke erweitern. Foto: Armin Weigel/dpa
Seit April 2017 rollt der autonom fahrende Bus durch Bad Birnbach. In Kelheim gibt es teils auch kritische Stimmen zu einem ähnlichen Vorhaben. Es habe nichts mit echtem ÖPNV zu tun. Stimmt nicht, kontert Birnbachs Kurdirektor. Dort will man eben deswegen bald die Strecke erweitern. Foto: Armin Weigel/dpa

Kelheim.Fahrersitz und Lenkrad sucht man in diesem Bus vergebens. Nur Sitz- und Stehplätze für maximal 15 Passagiere hat der EasyMile EZ10. Der Mini-Elektro-Bus rollt bislang nur durch den Rottaler Kurort Bad Birnbach. Damit ist der fahrerlose Bus, der seit April 2017 unterwegs ist, laut den Verantwortlichen einzigartig. Europa- wenn nicht weltweit sei es das einzige Gefährt, das auf öffentlichen Straßen Menschen transportiert. Idealerweise noch 2019 will auch der Landkreis Kelheim zum zweiten Vorreiter im Bereich autonomes Fahren werden.

Noch sind nicht alle finanziellen, organisatorischen oder bürokratischen Fragen geklärt, sagen Landrat Martin Neumeyer und Kreis-ÖPNV-Sachgebietsleiter Stefan Grüttner. Die Kosten für zwei angedachte Mini-Elektro-Busse würden sich auf 1,3 Millionen Euro belaufen, bezogen auf fünf Jahre. Auch Fördermittel von Bund und Land sollen fließen, so die Hoffnung.

Lenkrad und Fahrer sucht man in einem autonom fahrenden Bus vergeblich. So sieht der Bus in Bad Birnbach aus. Er ist laut den Verantwortlichen der europa- wenn nicht weltweit einzige, der auf öffentlichem Areal unterwegs ist. Foto: Armin Weigel/dpa
Lenkrad und Fahrer sucht man in einem autonom fahrenden Bus vergeblich. So sieht der Bus in Bad Birnbach aus. Er ist laut den Verantwortlichen der europa- wenn nicht weltweit einzige, der auf öffentlichem Areal unterwegs ist. Foto: Armin Weigel/dpa

Komplexere Situationen testen

Liefe alles weiter glatt, könnten die beiden Fahrzeuge bald Gäste im Landkreis Kelheim befördern. Nach dem ruhigen Kurort Bad Birnbach sei den Entwicklern daran gelegen, neue Herausforderungen – wie viele Fußgänger oder komplexere Verkehrssituationen – eines solchen selbstfahrenden Busses zu testen. Daher wolle man in Weltenburg – vom Parkplatz bis zum Kloster – und in Abensberg – vom Bahnhof über Kuchlbauerturm und Altstadt bis zur Gillamooswiese – zwei solch autonomer Mini-Busse installieren, so Landrat Martin Neumeyer.

Landrat Martin Neumeyer (re.) und Kreis-ÖPNV-Sachgebietsleiter Stefan Grüttner zeigen ein Modell eines selbständig fahrenden Elektro-Mini-Busses. Foto: Weigert
Landrat Martin Neumeyer (re.) und Kreis-ÖPNV-Sachgebietsleiter Stefan Grüttner zeigen ein Modell eines selbständig fahrenden Elektro-Mini-Busses. Foto: Weigert

Die Region Kelheim sei für DB Bayern Bus, die bereits den Bus in Bad Birnbach betreibt, und ihr Start-up IOKI, die Abkürzung steht für Input Output Künstliche Intelligenz, wegen der Nähe zu deren Standort Ingolstadt interessant, so Grüttner. Und auch weil man sehr nahe zu den beiden bayerischen Autobauern liege, die sich in absehbarer Zeit in dem Bereich engagieren wollten.

Mobilität

Gäste und Kelheimer fahren bald autonom

Der Landkreis will Forschungszentrum werden. Weltenburg- und Abensberg-Besucher könnten bald fahrerlos chauffiert werden.

Landrat Neumeyer erhofft sich darüber hinaus, dass sich dadurch auch ein Forschungs- und Innovationscluster im Landkreis ansiedelt und langfristig Arbeitsplätze entstehen. Auch mit der OTH Regensburg könne man kooperieren.

Darüber ob zwei Testgebiete in touristisch exponierter Lage etwas für die Mobilität der Landkreisbürger bringen, gab es vonseiten der ÖDP auch eine kritische Stimme. Annette Setzensack wollte die Gelder – zunächst geht es einmalig um einen Anteil von 20 000 Euro an den Entwicklungskosten und 50 000 Euro jährlich für laufende Kosten (Gesamtlaufzeit: fünf Jahre) – lieber anderweitig für die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs eingesetzt wissen.

Die anderen im ÖPNV-Ausschuss vertretenen politischen Lager werteten das Vorhaben als „Quantensprung“ oder „Riesenchance“.

Sehen Sie in einem Video, wie der Bus in Bad Birnbach fährt:

Schaut man nach Bad Birnbach, so fallen dort die Erfahrungen durchweg positiv aus – auch mit Blick auf den öffentlichen Personennahverkehr. Bald will man dort die Strecke des fahrerlosen Busses, der auf festprogrammierter Route unterwegs ist und per hochauflösendem GPS überwacht wird, erweitern, sagt Viktor Gröll, der Leiter der Kurverwaltung.

„Riesenschritt für Birnbachs ÖPNV“

Der Bahnhof Birnbach soll mit angebunden werden. Er liegt an die zwei Kilometer außerhalb in einem Ortsteil. „Das wäre für uns ein Riesenschritt im öffentlichen Personennahverkehr.“ Der Kurort im „einödenreichsten Landkreis“ Rottal-Inn sei ein Paradebeispiel für komplizierten ÖPNV, so Gröll. Auf 70 Quadratkilometern Fläche leben in Bad Birnbach 5700 Einwohner in 85 Ortsteilen. Der selbstfahrende Bus zum Bahnhof ist zwar noch nicht in trockenen Tüchern, aber er wäre die „perfekte Anbindung“.

„Unser Bekanntheitsgrad hat sich extrem erhöht und die Gästezahlen stiegen acht Monate in Folge.“

Viktor Gröll, Leiter der Kurverwaltung Bad Birnbach

Ansonsten erhofft man sich im Kreis Kelheim auch Imagegewinn und neugierige Auswärtige. Fürs Marketing wäre solche Busse unschlagbar, sagt Kreis-Tourismus-Geschäftsführer Florian Best. Der Modellregion Bad Birnbach bescherte das Projekt großes mediales Aufsehen. Der Bekanntheitsgrad des Kurorts habe sich extrem erhöht. Sogar das chinesische Staatsfernsehen oder japanische Teams kamen ins Rottal. Acht Monate in Folge stiegen im „schwierigen Umfeld“ (gemeint sind die Thermen) die Gästezahlen, sagt Gröll. Regelmäßig kämen Gruppen aus Asien, um sich das Gefährt anzusehen. „Und der Bus ist nach wie vor das meist fotografierte Objekt in Birnbach.“ Inzwischen nutzten auch Einheimische diesen regelmäßig.

Ganz allein, wie es der Name vorgibt, fährt der Minibus bislang nicht. Auch im Kreis Kelheim wäre immer ein sogenannter Operator an Bord, der im Notfall eingreifen könnte. Foto: Armin Weigel/dpa
Ganz allein, wie es der Name vorgibt, fährt der Minibus bislang nicht. Auch im Kreis Kelheim wäre immer ein sogenannter Operator an Bord, der im Notfall eingreifen könnte. Foto: Armin Weigel/dpa

Grundsätzlich sehen auch die Bürgermeister von Abensberg und Kelheim das Vorhaben positiv. Auch wenn noch nicht feststehe, wie hoch deren finanzielle Beteiligung konkret ausfallen wird. Ähnlich ist es bei touristischen Partnern. Mit im Boot sind die Brauereien Weltenburger und Kuchlbauer. Auch sie stehen dem fahrerlosen Bus optimistisch gegenüber. Nun müsse übers Geld reden.

Brandl macht sich für Gelder stark

Abensbergs Bürgermeister Dr. Uwe Brandl machte sich nach eigenem Bekunden bei Land und Bund für Fördermittel stark. Beide suchten Vorzeigeprojekte in dem Bereich. Wie schnell jedoch die Mühlen mahlten, sei derzeit noch nicht absehbar. Dass noch 2019 tatsächlich ein fahrerloser Bus durch die Babonenstadt rollen könnte, glaubt Brandl eher nicht. Und natürlich müssten auch noch der Abensberger und Kelheimer Stadtrat ein Wörtchen mitreden. In Abensberg habe man für die kommenden zwei Jahre 50 000 Euro im Haushalt eingestellt. Aktuelle Zahlen zur Höhe der Beteiligung habe er aktuell noch nicht, sagt Brandl.

„Die Situation in Abensberg wäre komplexer. Die Münchener Straße passieren täglich 18 000 Fahrzeuge.“

Dr. Uwe Brandl, Abensberger Bürgermeister

Ein Modellversuch durch Abensberg wäre „eine ganz andere Hausnummer“ als Bad Birnbach, so Brandl weiter. Denn der Bus soll auch die Gillamooswiese an der Münchener Straße ansteuern. Die Staatsstraße nutzen täglich 18 000 Fahrzeuge. Das sei wesentlich komplexer als in einem ruhigen Kurort.

Der selbstfahrende Bus in Bad Birnbach läuft gut. Das Netz soll bald noch erweitert werden. Foto: Eva Stranzinger
Der selbstfahrende Bus in Bad Birnbach läuft gut. Das Netz soll bald noch erweitert werden. Foto: Eva Stranzinger

Apropos komplex: Die Herausforderungen meistert der Mini-Elektro-Bus in Bad Birnbach stoisch. Nur starker Schneefall oder dichter Nebel bereiteten ihm Probleme.

Kelheims Bürgermeister unterstützt, die Initiative des Landkreises. „Diese Technik wird in den kommenden Jahren extrem an Dynamik gewinnen, da ist es gut, von Anfang an dabei zu sein“, betont Horst Hartmann auf Nachfrage. Mit welcher Summe sich die Kreisstadt beteiligten müsste, weiß er aktuell noch nicht genau.

Vor allem für Menschen mit Gehbehinderung oder Senioren, egal ob Touristen oder Einheimische, könnte ein autonom fahrender Minibus in Weltenburg oder Abensberg interessant sein. Foto: Tobias Hase/dpa
Vor allem für Menschen mit Gehbehinderung oder Senioren, egal ob Touristen oder Einheimische, könnte ein autonom fahrender Minibus in Weltenburg oder Abensberg interessant sein. Foto: Tobias Hase/dpa

Hartmann verspricht sich vom Projekt mindestens so viel Aufmerksamkeit wie im Rottal, „weil wir mit Weltenburg an viel exponierterer Stelle stehen“. Zudem interessiert ihn das Thema auch mit Blick auf öffentlichen Nahverkehr in der Kreisstadt. Hartmann sieht künftig Potenzial für mehr autonome Busse.

„Das wird ein Gewinn für den Landkreis. An der Technik habe ich keine Zweifel. Weil in Deutschland nur auf die Straße darf, was funktioniert.“

Hans-Peter Rickinger von Kuchlbauers Bierwelt

Auch Hans-Peter Rickinger von Kuchlbauers Bierwelt war sofort von der Idee begeistert. „Das wird ein Gewinn für den ganzen Landkreis.“ Nun müsse man übers Geld reden, sagt auch er. Zweifel an der Technik hat Rickinger nicht. „Weil das in Deutschland nur genehmigt wird, wenn es geht.“

Modell eines autonomen Mini-Elektrobusses Foto: Weigert
Modell eines autonomen Mini-Elektrobusses Foto: Weigert

Thomas Neiswirth, Pressesprecher der Klosterbrauerei Weltenburg, sagt auf Nachfrage, dass man in intensiven Gesprächen sei, mit dem Landkreis Kelheim, aber auch dem bayerischen Wirtschafts- und Finanzministerium. Wenn es eine Lösung gebe, die alle touristischen Partner, wie Schifffahrt, Kloster etc. miteinbeziehe, werde man sich gerne beteiligen. Nur eine (touristische) Teillösung sei dagegen mit der Klosterbrauerei nicht zu machen, so Neiswirth.

Mehr Aktuelles aus der Kreisstadt Kelheim lesen Sie hier.

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Routen und Fahrzeiten

  • Innovation:

    Der Landkreis Kelheim will zwei autonome Klein-Busse einsetzen – in Abensberg und Weltenburg. Erste Gespräche mit den beteiligten Städten und potenziellen Partnern sind geführt. Außerdem hofft man auf Fördermittel von Bund und Land.

  • Weltenburg:

    Besucher des Klosters Weltenburg, insbesondere ältere oder gehandicapte Menschen, könnten ab Sommer 2020 die zwei Kilometer vom Parkplatz bis zum Kloster mit einem autonom fahrenden Bus zurücklegen.

  • Technik:

    Auch wenn es fahrerlos heißt, ist der Bus nicht ganz ohne menschliche Begleitung unterwegs. Derzeit sei es vorgeschrieben, dass ein sogenannter Operator ständig mitfährt, um im Notfall eingreifen zu können. Auch die Kosten dafür müssen eingeplant werden.

  • Abensberg:

    Von Oktober bis April könnte ein zweiter Bus Besucher und Einheimische in Abensberg transportieren – vom Bahnhof, über Kuchlbauer-Kunst-Areal, Stadtplatz und Regensburger Tor zur Gillamooswiese und zurück.

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