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Gesellschaft

Kelheim: So läuft’s mit der Integration

Seit kurzem hat der Kreis einen Integrationsplan. Papier ist geduldig. Wir wollen wissen, wo hakt es aktuell in der Realität?
Von Beate Weigert

Kürzlich wurde im Kelheimer Landratsamt der Integrationsplan vorgestellt. Migranten, wie diese Indonesierin, waren nur spärlich vertreten. Foto: Weigert
Kürzlich wurde im Kelheimer Landratsamt der Integrationsplan vorgestellt. Migranten, wie diese Indonesierin, waren nur spärlich vertreten. Foto: Weigert

Kelheim.Kürzlich wurde im Kelheimer Landratsamt der Integrationsplan für den Landkreis vor einem großen Kreis an Haupt- und Ehrenamtlichen vorgestellt. Das Papier enthält viele Handlungsempfehlungen an unterschiedlichste Adressaten fürs Ankommen. Von Arbeit und Ausbildung bis hin zur interkulturellen Öffnung.

Doch wie steht es bislang mit der Realität? Wir fragten Verantwortliche, wo es gut läuft und wo es hakt.

Meiste Ausländer aus der EU

Der Großteil der „Ausländer“ im Landkreis stammt aus anderen EU-Ländern. Aus Polen, Rumänien oder Bulgarien. Von gut 120 000 Menschen haben an die 15 000 eine ausländische Staatsangehörigkeit. Etwas mehr als 1700 Menschen haben einen Fluchthintergrund.

So ist im Kreis Kelheim das Verhältnis Deutsche – Nicht-Deutsche:

Migranten selbst waren beim Termin im Landratsamt im März spärlich gesät. Mit ihnen überhaupt in Kontakt zu kommen, ist auch ein Problem, dass es zu lösen gilt. Integrationslotsin

Veronika Schinn, die Integrationslotsin des Landkreises Kelheim Foto: Weigert
Veronika Schinn, die Integrationslotsin des Landkreises Kelheim Foto: Weigert

Veronika Schinn sagt: „Eingeladen wurden einige Menschen mit Migrationshintergrund, viele haben sich wohl nicht angesprochen gefühlt.“

Im März 2019 wurde im Kelheimer Landratsamt der Integrationsplan für den Landkreis vorgestellt. Foto: Heindl
Im März 2019 wurde im Kelheimer Landratsamt der Integrationsplan für den Landkreis vorgestellt. Foto: Heindl

Im Gegensatz zu Mitbürgern mit türkischen Wurzeln sind viele andere Nationalitäten nicht organisiert, in Vereinen oder Ähnlichem. „Es ist schwer, überhaupt in Kontakt zu kommen“, bestätigt Kreis-Integrationsbeauftragte Monica Brandl.

„Wir müssen alle ins Boot holen. Zur Integration braucht es die ganze Bevölkerung. Nur übereinander zu reden, hilft uns nicht weiter.“

Landrat Martin Neumeyer

Landrat Martin Neumeyer hebt einen anderen zentralen Punkt hervor. Egal, ob es um die Integration von Flüchtlingen, die aktuell noch mehr im öffentlichen Bewusstsein sind, oder anderen Zuwanderern geht, damit diese gelingt, „braucht es die Bevölkerung“. Ohne die Mehrheitsgesellschaft, die einen Schritt auf die Migranten zugeht, funktioniere es nicht. Nur übereinander zu reden, helfe nicht weiter.

Gabi Schmid leitet am Kelheimer Landratsamt das Zentrum für Chancengleichheit. Foto: Weigert
Gabi Schmid leitet am Kelheimer Landratsamt das Zentrum für Chancengleichheit. Foto: Weigert

Viele Aufgaben und viel Verantwortung in Sachen Integration lastete schon ab 2012 auf den Schultern von Ehrenamtlichen, weiß Gabi Schmid, die sowohl beruflich als auch privat mit dem Thema konfrontiert ist. „Es gibt natürlich Ehrenamtliche, die durch den langanhaltenden Einsatz in den Helferkreisen ausgebrannt sind und deshalb ihr Amt niedergelegt haben.“ Dies seien vor allem Ehrenamtliche, die in den Gemeinden engere Kontakte zu Geflüchteten geknüpft hatten und dann aber wegen des Abbruchs der dezentralen Unterbringung und Verlegung in die Gemeinschaftsunterkünfte ihre Schützlinge „verloren“ haben. „Bereits erzielte Integrationserfolge wurden dadurch ad absurdum geführt und die Ehrenamtlichen waren verständlicherweise sehr frustriert“, sagt Schmid. Mittlerweile setzten sich viele für besondere Projekte ein – z.B. Müttertreffs oder für Hausaufgabenbetreuungen.

„Der Integrationswille der Migranten ist da“, sagt Gabi Schmid, die sowohl beruflich wie auch ehrenamtlich Flüchtlingen und anderen Migranten zu tun hat. „Er wird aber durch fehlenden Wohnraum verhindert. Erst mit eigener Wohnung und Anschluss an die Einheimischen der Wohngemeinde ist weitere Integration erst möglich“, sagt die Ihrlersteinerin. Ehrenamtliche spielen dabei eine wichtige Rolle.

Unsere Grafik zeigt, aus welchen Ländern die meisten Migranten im Kreis Kelheim stammen:

Gregor Tautz von der Katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis schätzt den Integrationswillen speziell von Flüchtlingen so ein: „Er ist insbesondere bei denen hoch, die Arbeit oder sogar einen Ausbildungsplatz gefunden haben. Ich glaube auch, dass es Jüngeren leichter fällt, sich zu integrieren als Älteren, was aber eine Erfahrung aller Flüchtlinge sein dürfte.“ Je mehr „Leben“ man zurückgelassen habe und je weniger noch vor einem liegt, „desto schwerer fällt wohl ein Neuanfang“.

Gregor Tautz von der Katholischen Erwachsenenbildung im Kreis Kelheim Foto: Weigert
Gregor Tautz von der Katholischen Erwachsenenbildung im Kreis Kelheim Foto: Weigert

Ohne eigene Wohnung, am besten in deutschem Umfeld, ist Integration in den Alltag schwierig, sagt Tautz. „Wer fast nur mit anderen Flüchtlingen oder anderen Migranten zusammen ist, kann sich kaum integrieren.“ Arbeit scheitere oft noch an der Erreichbarkeit der Arbeitsplätze.

Besonders positiv wirke es sich bei Familien aus, wenn Kinder im Kindergarten und in der Schule gut Deutsch lernen. „Ich denke, das gibt den Familien das Signal, das etwas vorwärtsgeht, mit dem neuen Leben in Deutschland. Die Zukunft der Kinder war für viele ja auch ein entscheidender Grund, die Heimat zu verlassen. Ich denke, über die Integration der Kinder läuft ein entscheidender Weg, der besonders mit schnellem Spracherwerb, aber auch Teilhabe an vielen gesellschaftlichen Feldern wie Sport oder Musik, gefördert werden muss.“

Tautz: Auch religiös ankommen dürfen

Langfristig könne Integration nur gelingen, wenn die Flüchtlinge als „ganze Menschen“ einschließlich ihrer Religion hier das Gefühl haben könnten, „daheim zu sein“.

Da ein großer Anteil der Flüchtlinge aus traditionell stark religiös geprägten Gesellschaften kommt, ist dieser Faktor aus Tautz’ Sicht wesentlich für eine langfristige Integration. „Diese Frage verschärft sich noch dadurch, dass sie bei uns auf eine immer weniger religiös geprägte Gesellschaft treffen, in der viele für ein religiös geprägtes Leben kein oder wenig Verständnis haben.“ Das arbeite den (religiösen) Führern in die Hände, „die sagen, als religiöser Mensch dürfe man sich in eine solche Gesellschaft gar nicht integrieren.“

Zu vermitteln, dass das möglich ist, ist eine Herausforderung an Muslime, die schon lange in Deutschland leben und Integrationserfahrung haben, aber auch an überzeugte Christen. Auch sie müssen zeigen, dass man als überzeugter religiöser Mensch gut und überzeugt in unserer modernen und demokratischen Gesellschaft leben kann. „Darüber im Landkreis in einen Dialog zu kommen wäre aus meiner Sicht ein für beide Seiten lohnendes Unterfangen.“ Wenn dazu der Integrationsplan einen Anstoß geben könnte, wäre das ein großer Schritt, nicht nur für die Integration der seit 2014 zu uns gekommen Flüchtlinge. Wer an einem solchen Dialog Interesse hat, sollte sich unbedingt bei der Stabstelle Integration im Landratsamt melden.

Manfred Neumann vom BSZ Kelheim Foto: Weigert
Manfred Neumann vom BSZ Kelheim Foto: Weigert

„Bereit, sich hochzuarbeiten“

Manfred Neumann vom Staatlichen Beruflichen Schulzentrum (BSZ) in Kelheim weiß viel über die Situation von Geflüchteten oder Migranten generell. Seit 25 Jahren ist er Berufsschullehrer. Dass Menschen, um eine bessere Zukunft zu haben, ihre Heimat verlassen und woanders ihr Glück suchen, sei nichts Neues, das gebe es seit dem Mittelalter. Die Fluchtwelle habe dies nur neu ins Bewusstsein der Menschen gerückt. „Nur über Arbeit kann Integration gelingen.“ Tagtäglich betreut er Schüler aus 35 verschiedenen Nationen. Er sagt: „Der Wille zur Integration war da, ist da und wird immer da bleiben. Meine Schützlinge wissen sehr wohl, was sie an Deutschland haben und würden sich liebend gerne einbringen. Aber Wohn- und Arbeitssituation seien gravierende Hindernisse. Egal aus welchem Land die Berufsschüler stammten, alle müssten sich mit einer neuen Sprache, einer neuen Umgebung und einer mehr oder weniger (völlig) anderen Gesellschaft zurechtfinden.

Der Integrationsplan enthält zahlreiche Handlungsempfehlungen aus den Bereichen interkulturelle Öffnung, Ausbildung und Arbeit, Bildung sowie Kultur. Foto: Heindl
Der Integrationsplan enthält zahlreiche Handlungsempfehlungen aus den Bereichen interkulturelle Öffnung, Ausbildung und Arbeit, Bildung sowie Kultur. Foto: Heindl

Die große, elementare Frage für junge Geflüchtete nach einem Schulabschluss sei es, ob sie auch eine Ausbildung beginnen dürfen, sagt Johanna Anthofer, die sich beim BBW in Abensberg um geflüchtete Minderjährige kümmert. Wird von behördlicher Seite eine Ausbildung genehmigt, sei es entscheidend, wie die jungen Leute Berufsschule und Ausbildung meisterten. „Gerade in der Berufsschule warten neue Hürden“, so Anthofer. Fachspezifischer Wortschatz, Fachrechnen, und vieles mehr, das nicht unterschätzt werden dürfe. Auch hier brauche es Unterstützung, Zusatzunterricht. Handwerkskammer und IHK seien da gute Ansprechpartner, „die die betrieblichen Bedürfnisse in diesem Kontext bestmöglich aufgreifen und Konzepte hierzu entwickelt haben.“

Fälle von gescheiterter Integration?

Wenn man von Scheitern im Bereich Integration sprechen könne, „dann mit Sicherheit dahingehend, dass eine große Anzahl Geflüchteter keine Möglichkeit erhalten hat oder erhält eine Ausbildung oder Arbeitsstelle anzutreten. Untergebracht in Gemeinschaftsunterkünften, keine Tagesstruktur mit sinnvollen Aufgaben. „Das schürt in meinen Augen Konfliktherde, die man durch Beschäftigung verhindern könnte.“ Solange Jugendliche und jungen Erwachsenen in den Strukturen der Jugendhilfe laufen, kann noch Beschäftigung geboten werden, so Anthofer. Verlassen sie diese bricht die sinnvolle Form der Alltagsgestaltung nicht generell, aber oftmals ein.

Unsere Grafik zeigt, wie sich laut Polizei die Kriminalität von Zuwanderern im Kreis Kelheim zuletzt entwickelte:

Manfred Neumann sagt: Probleme mit Alkohol, Drogen oder Kriminalität unter Geflüchteten seien so, „wie bei allen Menschen, die nichts zu tun haben, sagt Neumann. „Langeweile und Perspektivlosigkeit können zu einer gefährlichen ,Entwicklung nach unten“ führen.

Dass Geflüchtete nicht von heute auf morgen das Fachkräfteproblem lösen helfen, wisse die Wirtschaft inzwischen, so Neumann weiter. Doch Arbeitskräfte werden weiter gebraucht, auch im Helferbereich. Viele Betriebe bringen laut Neumann entsprechendes Engagement auf und daraus könnten durchaus Fachkräfte erwachsen. Wer nicht schon als Fachkraft ins Land komme, dem sei „schon klar, dass er nicht gleich in die höchsten Arbeitssphären einsteigen kann“.

Häufig müsse man sich hocharbeiten. Dazu seien viele bereit. Es sei aber halt schwierig, mit der Situation persönlich umzugehen, sich wieder „hinten anstellen zu müssen“.

Vier Experten, vier Probleme

  • Gabi Schmid:

    Die Leiterin des Zentrums für Chancengleichheit beobachtet, dass die Zeit, in dem Geflüchtete Deutsch lernen sollten, „wohl etwas blauäugig zu kurz angesetzt worden ist“. Da viele keine oder nur geringe Schulbildung haben, ziehe sich bei vielen der Punkt an dem ausreichend Kenntnisse für eine Arbeitsaufnahme vorhanden sind, hinaus.

  • Veronika Schinn:

    Die Integrationslotsin weiß, dass es Streitereien unter Geflüchteten gab und gibt. Dies sei größtenteils auch der Enge der Quartiere zuzuschreiben. Als Herausforderungen sieht sie die Unterbringung in bezahlbarem Wohnraum sowie Schulung und Sprachförderung von Migrantinnen.

  • Manfred Neumann:

    Seit 25 Jahren ist Neumann Berufsschullehrer. Egal ob seine Schützlinge aus Syrien, Rumänien oder Ecuador stammen. „Die Hauptprobleme sind im Großen und Ganzen immer dieselben. Nahezu alle Migranten sind Heimatlose. Vor allem bei Jugendlichen ist das ein sehr großes Problem.“ Unabhängig vom Herzugsgrund oder Herkunftsland.

  • Gregor Tautz:

    Betroffen macht es den Kreisgeschäftsführer der KEB, „wenn Flüchtlinge, die ihren Integrationswillen durch jahrelange kontinuierliche Arbeit, eigene Wohnung etc. unter Beweis gestellt haben, wegen eines „falschen“ Aufenthaltsstatus’ aber keine Perspektive haben. Für sie müsste es auch im Sinn der deutschen Gesellschaft eine Lösung geben, „dass sie weiter in Deutschland arbeiten und leben können und das auch zusammen mit ihren Familien“.

Die Abbrecherquote bei Ausbildungen sei bei Flüchtlingen „nicht anders als bei einheimischen Auszubildenden, eher geringer“.

Ein Arbeitgeber, der Erfahrung mit Mitarbeitern mit Migrationshintergrund hat, ist Automobilzulieferer SMP in Schwaig. Neben Deutschen arbeiten hier Menschen aus 35 anderen Nationen zusammen. Mit dieser Belegschaft könne das Werk auf eine erfolgreiche 32-jährige Geschichte mit fast durchgehendem Wachstum zurückblicken, heißt es von dem Unternehmen auf Nachfrage. Grundsätzlich bestehen aus Sicht des Unternehmens für EU-Migranten wie Flüchtlinge dieselben Hürden. „Beide Gruppen müssen in erster Linie Deutschkenntnisse vorweisen und Bereitschaft zur Schichtarbeit mitbringen.“ So sind aktuell fünf Mitarbeiter mit Migrationshintergrund aus Syrien und drei Mitarbeiter aus Afghanistan im Werk beschäftigt. Auch bei Tätigkeiten, die eine fachspezifische Qualifikation bedürfen, gelten für alle die gleichen Anforderungen und Qualifikationsnachweise. Wie bei allen Migrationsgruppen sei deshalb die schnelle Aufnahme in das deutsche Bildungssystem extrem wichtig.

Monica Brandl ist seit 2014 die Integrationsbeauftragte des Landkreises Kelheim. Foto: Weigert
Monica Brandl ist seit 2014 die Integrationsbeauftragte des Landkreises Kelheim. Foto: Weigert

Zu Gerüchten wonach viele Flüchtlinge über Nacht verschwunden seien, sagt Neumann, dass bei Asylbewerbern aus „Problemländern“ wie Afghanistan oder Westafrika oder bei solchen mit negativem Bescheid, immer die Angst, abgeschoben zu werden, mitschwinge. Einige hielten diesen Druck nicht aus und zögen weiter, bevor wieder ein „Kabul“-Flug anstehe. Auch Flüchtlingsberater Stefan Killian hat von einigen Afghanen gehört, die ihr Glück in Frankreich versuchen wollten.

Von „reihenweise Untertauchen“ könne laut Kreis-Ausländerbehörde keine Rede sein, sagt Monica Brandl. Seit 2015 seien 135 Personen als „unbekannt verzogen“ abgemeldet worden.

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