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Bewerbung

Kelheimer Klinik geht in den Praxis-Test

Das Krankenhaus am Goldberg gründet ein Medizinisches Versorgungszentrum. Ziel ist ein Kassensitz für die Klinik-Chirurgen.
Von Martina Hutzler

Die Kelheimer Krankenhaus-Chirurgen sollen künftig Sprechstunden wie eine Praxis anbieten. Prinzipiell könnte das Medizinische Versorgungszentrum künftig auch weitere Fachrichtungen abdecken. Foto: obs/AGA Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie/Photographee.eu
Die Kelheimer Krankenhaus-Chirurgen sollen künftig Sprechstunden wie eine Praxis anbieten. Prinzipiell könnte das Medizinische Versorgungszentrum künftig auch weitere Fachrichtungen abdecken. Foto: obs/AGA Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie/Photographee.eu

Kelheim.Die Goldberg-Klinik Kelheim will in die ambulante Versorgung einsteigen, und damit in eine Domäne der niedergelassenen Kassen-Ärzte: Der Kreistag hat am Montag beschlossen, dass die Klinik ein „Medizinisches Versorgungszentrum“ gründet und dieses sich um einen derzeit unbesetzten chirurgischen Facharzt-Sitz bewerben wird. Falls die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) der neuen Klinik-Tochter den Zuschlag erteilt, finden dort künftig regelmäßig chirurgische Sprechstunden statt.

Die Kelheimer Krankenhaus-Chirurgen sollen künftig Sprechstunden wie eine Praxis anbieten. Prinzipiell könnte das Medizinische Versorgungszentrum künftig auch weitere Fachrichtungen abdecken. Foto: obs/AGA Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie/Photographee.eu
Die Kelheimer Krankenhaus-Chirurgen sollen künftig Sprechstunden wie eine Praxis anbieten. Prinzipiell könnte das Medizinische Versorgungszentrum künftig auch weitere Fachrichtungen abdecken. Foto: obs/AGA Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie/Photographee.eu

Bislang gibt es am Kelheimer Krankenhaus lediglich ein Ambulantes Operationszentrum, dessen Aufgabenspektrum gesetzlich stark limitiert ist. Rund 40 Prozent der Krankenhäuser in Deutschland haben indes laut Landrat Martin Neumeyer schon ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ). Vielerorts, vor allem im ländlichen Raum, schließen MVZ Lücken in der haus- und fachärztlichen Versorgung: Oft arbeiten Ärzte dort lieber als Angestellte, statt das wirtschaftliche Risiko eines Praxisbetriebs zu tragen. Krankenhäuser wiederum hoffen, dass MVZ-Patienten gleich bei ihnen bleiben, falls sie stationär behandelt werden müssen..

Strenge Vorgaben der Kassen

Für ein MVZ, das Leistungen bei den gesetzlichen Kassen abrechnen will („Kassenzulassung“), gelten dieselben Vorgaben wie für einzelne Ärzte. Die können sich nur dort niederlassen, wo ein Arztsitz frei ist: Entweder, indem man eine bestehende Praxis übernimmt – was in der Regel einiges kostet. Oder dort, wo ein KVB-Sitz bislang verwaist ist: Den zu übernehmen, kostet den Arzt oder das MVZ nichts; allerdings muss der Übernehmer erst mal Patienten gewinnen.

In Kelheim sind es aktuell 1,5 chirurgische Facharzt-Sitze, die der Zulassungsausschuss der KVB als „frei“ deklariert hat, berichtete Dagmar Reich, Geschäftsführerin der Goldberg-Klinik Kelheim (GBK). Eine Landshuter Praxis hatte zwar den Zuschlag dafür schon erhalten, eröffnete aber dann in Kelheim doch keine Niederlassung; der Zuschlag verfiel. Damit sah Reich Sorgen entkräftet, die Klinik nehme niedergelassenen Ärzten „Geschäft“ weg.

Geplant seien im MVZ 25 Sprechstunden pro Woche durch die Chirurgen (ein Chef- und drei Oberärzte) der Klinik, die dies als Nebentätigkeit ausüben. Dass sie dadurch im „Hauptberuf“, also stationär, weniger Zeit haben, will die Klinik anfangs in Kauf nehmen; aber „auf Dauer ist das nicht der Plan“, erklärte Reich auf Nachfrage.

Klinik-Geschäftsführerin Dagmar Reich und Rechtsanwalt Dr. Johann Semmelmayer erklärten im  Kreistag praktische und juristische Aspekte eines Medizinischen Versorgungszentrums. Foto: Hutzler
Klinik-Geschäftsführerin Dagmar Reich und Rechtsanwalt Dr. Johann Semmelmayer erklärten im Kreistag praktische und juristische Aspekte eines Medizinischen Versorgungszentrums. Foto: Hutzler

Ein Goldesel werde so ein MVZ für die defizitäre Klinik zwar nicht. Aber nach anfänglichen Investitionen – das Zentrum braucht beispielsweise einen Raum separat vom Klinik-Betrieb – erwartet Rechtsanwalt Dr. Johann Semmelmayer „einen gewinnbringenden Betrieb“; später fiel die Zahl 50 000 Euro jährlich. Es gebe aber noch weitere Argumente pro MVZ, erklärte der auf Medizinrecht spezialisierte Jurist: Die GBK könne damit ihr Leistungsspektrum erweitern; ein MVZ bringe zudem Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Kliniken, aber auch neue Kooperationsmöglichkeiten mit niedergelassenen Ärzten. Und nicht zuletzt schließe das MVZ für die Patienten eine Versorgungslücke, so Semmelmayer.

Bei den Kreisräten überwog die Bereitschaft, „diese Chance zu nutzen“, wie zum Beispiel unisono Petra Högl (CSU) und Willi Dürr (SPD) sagten. FDP-Rat Dr. Heinz Kroiss forderte aber, das neue MVZ – rechtlich eine 100-prozentige Tochter der Goldberg-Klinik GmbH – dürfe sich nicht ohne Rücksprache mit dem Kreistag um weitere Haus- oder Facharzt-Sitze bewerben: Dann drohe nämlich schon Konkurrenz zu den Niedergelassenen.

Das sagen niedergelassene Ärzte

  • Überraschung:

    „Das ist mir neu“, kommentiert Karl Baier, niedergelassener Chirurg in Kelheim, den Plan der Goldberg-Klinik, ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) zu gründen und sich damit um einen chirurgischen Facharzt-Sitz zu bewerben. Aber nachdem der Sitz vakant ist, sei dies legitim, ergänzt Baier. Natürlich werde das MVZ ein ähnliches Leistungsspektrum bieten wie er in seiner Praxis – aber Wettbewerb sei ja in Ordnung, befindet der Facharzt: „Die OP-Qualität entscheidet“. In gewisser Weise „ist das MVZ sogar eine Entlastung für mich“: Sein Wartezimmer ist rappelvoll, und der Schweregrad der Fälle nehme stetig zu – ohne dass dies freilich von den Kassen ausreichend honoriert werde.

  • Erwartung:

    „Natürlich sind Medizinische Versorgungszentren eine Konkurrenz für uns!“, sagt ein niedergelassener Arzt aus dem Landkreis Kelheim, der namentlich nicht genannt werden will. Das Unfaire, aber politisch wohl Gewollte an dieser Konkurrenzsituation sei, dass MVZ an öffentlichen Krankenhäusern mit öffentlichen Geldern unterstützt würden. Dagegen sorge der wirtschaftliche Druck auf niedergelassene Ärzte dafür, dass viele Praxen keine Nachfolger mehr fänden, erklärt er – insofern gebe tatsächlich eine Versorgungslücken. Er befürchtet indes, dass das MVZ Fälle bevorzugt, die an der Klinik dann auch operiert werden. Den Praxen dagegen blieben langwierig ambulant zu betreuende Patienten. (hu)

Auch Josef Reiser (SLU) warnte, eine Ausweitung auf andere Fachrichtungen „wäre dann ein Politikum“. Über den GBK-Aufsichtsrat, in dem Kreisräte sitzen und der die medizinische Strategie mitbestimmt, sei die Politik eingebunden, erwiderte die Geschäftsführerin. Grundsätzlich sei aber eine Ausweitung der Fachrichtungen am MVZ möglich – oder aber dessen Schließung, falls es sich nicht bewährt.

Reinhard Listl (parteilos) hielt das MVZ für unlukrativ und bürokratisch; besser für die Bilanz wäre, beim Klinikpersonal auf eine Senkung des hohen Krankenstandes hinzuwirken – eine Forderung, die Willi Dürr als „hochgradigen Blödsinn“ zurückwies.

Dafür – und doch dagegen

Während Ferdinand Hackelsperger (ÖDP) befand, GBK und Aufsichtsrat hätten mit Anwalt Semmelmayer alle satzungs- und sonstigen rechtlichen Fragen eines MVZ geklärt, bezweifelte Dr. Bastian Bohn (Junge Liste) genau dies: „Ich habe Bedenken, dass ein Landkreis so was betreiben darf“, begründete er sein Nein. „Ich hoffe aber, dass die Mehrheit dem MVZ zustimmt“, weil es ja eine gute Sache wäre, fügte Bohn an. Dieser Zwiespalt ließ manchen Rat den Kopf schütteln.

Man könne „guten Gewissens zustimmen, versicherte Landrat Neumeyer; immerhin gebe es bundesweit bereits rund 2200 MVZ. Mit Ja stimmten denn auch alle anwesenden Räte außer Bohn, Listl und Simon Steber.

Neumeyer bat um Verständnis, dass der Kreistag so kurzfristig zu entscheiden habe: Am Freitag endet die Bewerbungsfrist bei der KVB. Laut Dagmar Reich gibt es zwei weitere auswärtige Interessenten, offiziell beworben habe sich aber wohl sonst noch niemand.

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