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Kreispolitik Kelheim
Sonntag, 25. Februar 2018 -3° 1

Sparkurs

Operation „Defizit“ sorgt für Debatten

Wirtschaftler und Kreistag haben das Krankenhaus Kelheim behandelt. Wir stellen vor, was auf Personal und Patienten zukommt.
Von Martina Hutzler

  • Leistungen steigern, Kosten senken, die Bausubstanz erneuern: Auf die Kelheimer Goldberg-Klinik und ihre Belegschaft kommt einiges zu. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
  • Ernst&Young-Bereichsleiter Christian Egle hat im Kreistag eine 19-Punkte-Kur für die Klinik vorgestellt. Foto: hu/Archiv

Kelheim. Die Statistik: Kelheimer Krankenhaus für Kelheimer Bürger
Eine tröstliche Gewissheit zumindest haben die Kelheimer: Vom vielen Geld, das der Landkreis in die Goldberg-Klinik Kelheim (GBK) investiert, profitieren großteils seine eigenen kranken Bürger. 85 Prozent aller (stationären) GBK-Patienten haben den Wohnsitz im Landkreis, und die Hälfte davon wiederum im Raum Kelheim - Abensberg. Das stellte GBK-Geschäftsführerin Dagmar Reich am Montag bei der Krankenhaus-Sondersitzung des Kreistags in ihrer Ist-Analyse dar. „Der Landkreis nördlich von Elsendorf“, so lässt sich das Haupt-Einzugsgebiet der Klinik umgrenzen: Vier von zehn Bürgern landen, wenn sie ein Krankenhaus benötigen, am Goldberg.

Die Baustelle: Im Frühjahr startet ein Großprojekt
Auf der „Dauerbaustelle“ Goldberg steht als nächstes Abbruch und Neubau des maroden „B-Baus“ an, samt benachbartem OP-Bereich (nebenan im „A-Bau“). Alles in allem fallen dafür bis zum Jahr 2025 grob geschätzt 50,3 Millionen Euro Baukosten an. Gut die Hälfte fließt als staatliche Förderung; 22,6 Millionen muss der Landkreis selbst aufbringen. Im Frühjahr soll der Abriss starten. Im Zuge des Neubaus wird der dahinter liegende Hang „aufgeweitet“, um dort mehr Wirtschafts- und Rangierflächen sowie eine bessere Zu-/Abfahrt zur Notaufnahme zu schaffen.

Der „B-Bau“ (Pfeil) wird abgerissen und mitsamt Notaufnahme / Intensivmedizin neu errichtet. Das Projekt soll im Jahr 2025 abgeschlossen sein und kostet nach derzeitiger grober Schätzung 50,3 Millionen Euro. Luftbild: Dr. Satzl

Nach diesem Großprojekt sind noch zwei große Gebäudeteile unsaniert: die oberen Stockwerke vom A-Bau (Baujahr ’74), wo sich unter anderem Mitarbeiter-Kantine, Kapelle und Besprechungsräume befinden. Und der „C-Bau“ (Baujahr ’58) mit dem KfH-Nierenzentrum, Technik, Verwaltungs- und Funktionsräumen.

Zudem hat die Klinik die „Risiko-Kosten“ ermittelt: Ausgaben und Investitionen, die in den nächsten zehn Jahren fällig werden könnten für die technische Ausstattung (wie Heizung oder Notstromaggregat), für Brandschutz-Verbesserungen, energetische Sanierungen sowie Apotheke und Bettenzentrale. Maximal würden dafür weitere 1,7 Millionen Euro benötigt.

Die Medizin: Was schon vorhanden ist, wird ausgebaut
Das bestehende Angebot klinischer Leistungen ausbauen, lautet die Strategie der Klinikleitung. Richtig, urteilen die Wirtschaftsberater von Ernst & Young (EY) an. Denn in einem Grundversorgungs-Haus wie Kelheim ein neues Spezialgebiet aufzubauen, „funktioniert hier einfach nicht. Da gehen die Leute eher in Großstädte wie München“, sagt Christian Egle, Bereichsleiter Gesundheitswesen bei EY Health Advisory, der die GBK unter die Lupe genommen hat . Auch müsste man viel investieren, um für neue Fachgebiete die Fachleute zu holen und das Angebot zu bewerben.

Externe Beratung

  • Drei Monate lang

    hat die Wirtschaftsberatung Ernst & Young (EY) die Goldberg-Klinik untersucht und ein 19-Punkte-Programm verfasst, mit zwei Zielen: Kosten senken, Erlöse steigern – um insgesamt bis zu 3,3 Millionen Euro.

  • Realistisch,

    sprich mit Abzug eines Risikoabschlags, sind ca. 2,7 Mio. Euro Einsparung bzw. Erlössteigerung möglich, so EY-Bereichsleiter Christian Egle. Dies reduziere sich nochmals auf rund 2,5 Mio. Euro: Der EY-Vorschlag, den Reinigungsdienst extern zu vergeben, wurde vom Aufsichtsrat bereits abgelehnt.

  • Umgesetzt

    werden sollen die Maßnahmen bis zum Jahr 2020, vorrangig aber schon heuer. Das Betriebsdefizit der Klinik soll im Idealfall von 3,4 Mio. (2017) auf ca. 1,4 Mio. Euro (2020) sinken. (hu)

Sinnvoller sei es, den Patienten, die jetzt schon die Klinik nutzen, ein erweitertes Leistungsspektrum anzubieten. Konkret schlägt Egle zum Beispiel vor, in Kelheim die Neurochirurgie auszubauen und um eine Schmerzbehandlung mit dem „Nervenstimulations-System“ (SCS) zu erweitern. In der Inneren Medizin gibt es die Überlegung, das Fachgebiet Infektiologie (spezialisierte Versorgung von Patienten mit Infektionskrankheiten) mit aufzunehmen.

Das Personal: Zu viele Überstunden, zu hoch qualifiziert
Die EY-Vorschläge hat Christian Egle in einem 19 Punkte umfassenden Maßnahmen-Katalog formuliert. Das größte Einspar-Potenzial – 1,7 bis 2 Millionen Euro – verortet er bei den Personalkosten. Die, so erklärte er, machen in Kelheim 70 Prozent des Umsatzes aus – in vergleichbaren Krankenhäuser liegt der Schnitt bei nur 63 Prozent.

Für vordringlich hält Christian Egle zum einen, dass die hohe Überstundenzahl abgebaut werde durch bessere Personaleinsatz-Planung. Bei saisonalen und hausinternen Schwankungen zum Beispiel sollte der Pool an Pflegekräften stationsübergreifend eingesetzt werden, erklärt er.

Zum anderen werden nach seiner Analyse GBK-Mitarbeiter teils für Aufgaben eingesetzt, für die sie überqualifiziert sind: ausgebildete Pflegekräfte etwa auch für Dokumentations-Aufgaben oder den Transport von Patienten von A nach B. Ein Anteil von 87 Prozent examinierter Pflegekräfte sei für ein Haus wie Kelheim, für den Schweregrad der hier behandelten Fälle, „nach unserer Ansicht zu hoch“. Das Konzept sieht ferner vor, den Stellenschlüssel auf die „organisatorische Mindestbesetzung“ abzusenken.

Zu gut fürs Budget: Nach Ansicht der Wirtschafsberater käme die Goldberg-Klinik mit einem niedrigeren Anteil an hochqualifizierten Fachkräften aus. Foto: hu/Archiv

Explizit ausgeschlossen seien Kündigungen, um die Personalkosten zu senken, erklärt Egle auf Nachfrage: „Das wird nicht passieren.“ Statt dessen könne man beispielsweise Fachkräfte, die in Rente oder an andere Häuser gehen, durch tariflich niedriger eingestufte Mitarbeiter ersetzen. Die Tariftreue des Hauses steht, so auch die Aussage im Kreistag, nicht zur Debatte.

Unqualifiziertes Personal auf Patienten loszulassen schließt Wirtschaftsberater Egle ebenso aus wie einen Radikalumbau beim Qualifizierungs-Standard: Er schätzt, dass rund drei Viertel der Tätigkeiten vom selben Personal erledigt werden wie bisher.

Die Sachkosten: Günstiger einkaufen, besser planen
Sparen und effizienter werden soll die GBK, geht es nach EY, auch bei den Sachkosten; „insbesondere durch einen günstigeren Materialeinkauf“ und optimierter EDV. Nachbesserungsbedarf sehen die Berater bei der Organisation der Notaufnahme – die sich so richtig effizient allerdings erst betreiben lasse, wenn sie, im neuen B-Bau, neu errichtet ist –, ferner bei Dokumentation und Abrechnung der Behandlungen, bei Planung, Auslastung und Nutzung der OP-Säle und bei der Betten-Auslastung, die am Goldberg eher bei 70 als bei den gesundheitspolitisch angepeilten 80 Prozent liegt.

Leistungen steigern, Kosten senken, die Bausubstanz erneuern: Auf die Kelheimer Goldberg-Klinik und ihre Belegschaft kommt einiges zu. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Zu überlegen ist laut EY ferner, ob es weiterhin eine klinik-eigene Apotheke gibt oder die Apothekenleistung zugekauft wird. Für 2017 und 2018 hat der Aufsichtsrat bereits pro eigener Apotheke entschieden; 2019 steht diese Überlegung erneut an.

Um die Klinik-Bilanz zu verbessern, schlägt EY ferner vor, mehr Marketing zu betreiben und bei den Budget-Verhandlungen mit den Kassen bessere Ergebnisse herauszuholen.

Die Politiker: Ein „Ja aber“ zu den Vorschlägen
GBK-Geschäftsführerin Dagmar Reich und Landrat Martin Neumeyer kündigten intensive Arbeit zur Umsetzung des EY-Programms an. Dabei sollten die Berater weiter begleiten, forderte Kreisrat Simon Steber (Junge Liste): Die Klinik selbst habe solche Ideen vermissen lassen. Das wies Dr. Gudrun Weida (CSU) als „unbewiesene Unterstellung“ zurück. Willi Dürr (SPD) befürchtete, dass das Ziel „Leistungssteigerung“ zu unnötigen Behandlungen führe. Richard Zieglmeier (Grüne) schlug vor, per Umfrage zu klären, warum ein Teil von Kelheims Bürgern die Klinik meidet.

Fast zehn Stunden lang debattierte der Kreistag am Montag über die Zukunft der beiden kreiseigenen Krankenhäuser. Foto: Hutzler

Kostenkontrolle ja – aber „nicht das Sparen bei denen anfangen, die die Arbeit leisten“, warnte Edgar Fellner (SPD) mit Blick aufs Personal. Fritz Zirngibl (Bayernpartei) forderte, stattdessen müsse der Staat mehr Geld für Bayerns Krankenhäuser freigeben. Zirngibls Nein zu den EY-Vorschläge teilte Ferdinand Hackelsperger (ÖDP) nicht. Sein Vorschlag: den Katalog gemeinsam mit dem Betriebsrat anpacken, im Aufsichtsrat eng begleiten und schauen, ob das Defizit sinkt.

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