MyMz
Anzeige

Ausblick

Starthilfe ins Leben kostet viel Geld

Kosten, die heuer noch überraschten, werden wohl zur Gewohnheit: Jugendhilfe bleibt eine teure Investition des Landkreises.
Von Martina Hutzler

Ob Beratungsstellen, Pflegefamilien oder Heime – die Partner des Kreisjugendamts machen steigende Kosten geltend. Das schlägt sich im Kreishaushalt nieder. Foto: Tirl/dpa
Ob Beratungsstellen, Pflegefamilien oder Heime – die Partner des Kreisjugendamts machen steigende Kosten geltend. Das schlägt sich im Kreishaushalt nieder. Foto: Tirl/dpa

Kelheim.Nach dem Haushaltsschock im Sommer kommt das Kreisjugendamt jetzt zur ernüchternden Erkenntnis: Der Landkreis wird sich dauerhaft auf deutlich gestiegene Ausgaben für die Jugendhilfe einrichten müssen. Das eröffnete Jugendamtsleiter Norbert Birnthaler jetzt dem Kreis-Jugendhilfeausschuss.

Birnthalers Schlussrechnung zur Kelheimer Jugendhilfe 2017 hatte heuer im Frühsommer die Kreisräte schlucken lassen: Die ungedeckten Kosten der Jugendhilfe fielen voriges Jahr fast 2,6 Millionen Euro höher aus als sie eigentlich im Etat veranschlagt waren. In einer ersten Analyse hatte der Leiter des Kreis-Jugendamts (KJA) vor allem deutlich gestiegene Fallzahlen als Grund genannt.

„Kostenanstieg unterschätzt“

Die Zahl der Fälle habe man zwar heuer zumindest stabil halten, teils sei sie sogar leicht rückläufig, erklärte Birnthaler nun im Jugendhilfe-Ausschuss des Kreistags. Aber den Netto-Zuschussbedarf senke das nicht. Rückblickend sei die drastische Kostenüberschreitung nämlich vor allem auch Folge einer Fehleinschätzung: Man habe in den Haushaltsplänen der Jahre 2017 und 2018 „die allgemeinen Kostensteigerungen in der Jugendhilfe nicht ausreichend berücksichtigt“, so Birnthaler. Die Lehre daraus: Für 2019 wird der Jugendhilfe-Etat von Haus aus höher angesetzt. Die Gesamtausgaben steigen von 12,1 auf 14,4 Millionen Euro; die ungedeckten Kosten, die der Landkreis also aus der allgemeinen Kreiskasse finanzieren muss, klettern von 7,4 auf 9,8 Millionen.

Die Unterstützung für junge Menschen, ob ambulant, in Tages-Einrichtungen oder sogar Heimen, ist vor allem betreuungs-aufwendig: Es fallen also vor allem Personalkosten an, und die sind kräftig gestiegen. Bei teil- und vollstationären Angeboten werden landkreis-übergreifend Tagessätze mit den Anbietern ausgehandelt; hier habe Kelheim also keinen direkten Einfluss, so Birnthaler. Bei ambulanten Leistungen vereinbart das Amt direkt mit Anbietern – aber auch diese machen steigende Personalkosten geltend.

Besonders spürbar wird das bei den Schul-/ Schulwegsbegleitern und Integrationshelfern: Der „Hauptanbieter“ hierfür habe seine Stundensätze in den letzten drei Jahren um 25 Prozent erhöht, schilderte Birnthaler. Allein dieser Posten im Kreishaushalt hat sich denn auch seit 2016 auf 800 000 Euro verdoppelt. Dabei ist die Zahl der begleiteten Kinder vom Spitzenwert 100 im Vorjahr heuer wieder auf 80 gesunken. Das KJA versucht laut Birnthaler, an den Schulen „Stütz- und Förderklassen“ einzuführen für die Schüler, von denen ansonsten in „normalen“ Klassen jeder einen Begleiter bräuchte. Aber Schulen und Eltern meldeten weiterhin sehr hohen Bedarf an Schulbegleitungen, ergänzte er. Der Einsatz von Schulbegleitern ist allerdings gerade unter Experten nicht unumstritten:

Inklusion

Helfer in der Schule sind auch Hinderer

Schulbegleiter ermöglichen zwar behinderten Kindern den Unterricht. Aber Experten fänden mehr Pädagogen für die Klasse besser

Bei noch stärker seelisch behinderten Kindern und Jugendlichen kommt der Besuch einer heilpädagogischen Tagesstätte in Frage. Auch hier ist heuer die Fallzahl wieder auf 84 gesunken, nach einem Höchststand 2017 von 100. Aber auch dieser Posten wird nicht unbedingt kostengünstiger für den Kreis, denn auch hier steigen die Tagessätze.

Am aufwendigsten ist die Heimunterbringung. Aktuell 65 minderjährige Kelheimer leben – wegen Erziehungsproblemen oder wegen seelischer Behinderung – derzeit im Heim. Diese Zahl blieb in den letzten Jahren weitgehend konstant, nur die Kostensätze stiegen auch hier deutlich: Zwischen 5000 und 6000 Euro pro Monat kostet ein Heimplatz.

Immerhin: Mussten bisher die jungen Landkreis-Bürger in auswärtigen Einrichtungen untergebracht werden, entstanden bzw. entstehen jetzt im Landkreis Kelheim zwei Heime für Kinder. Das erleichtert nicht nur Eltern den Kontakt zu ihren Kindern, sondern senkt auch fürs Jugendamt den Reiseaufwand zu seinen Schützlingen.

Besonders spürbar werden die hohen Kosten für stationäre Betreuung, weil heuer besonders viele (17) seelisch behinderte junge Volljährige (18 bis 21 Jahre) einen Heimplatz benötigten (2017: 7). Deshalb hat das KJA diesen Etatposten für 2019 gleich mehr als verdoppelt, auf 900 000 Euro. Man hoffe zwar, dass die Fallzahlen wieder sinken, andererseits seien aber Reifeverzögerungen immer häufiger, sagte Birnthaler. Ein Nullsummen-Spiel ist für den Landkreis die Heimunterbringung von (aktuell fünf) unbegleiteten minderjährigen Ausländern: Diese Kosten erstattet der Bund.

Mehr Menschen – mehr Hilfe

Das Phänomen steigender Stunden- und Tagessätze ist kein einmaliges. Vor allem deshalb haben KJA und Kämmerer im Jugendhilfe-Etat 2019 bereits eine allgemeinen Kostensteigerung um fünf einkalkuliert. Aber auch, weil die Landkreis-Bevölkerung – und mit ihr die Zahl junger Landkreis-Bürger – seit Jahren stetig wächst (Ende 2017: 121 119): Statistisch lässt dies einen höherem Bedarf an Jugendhilfe erwarten, dessen Deckung in aller gesetzlich verpflichtend ist. An den Ausführungen des KJA-Leiters hatte der Jugendhilfe-Ausschuss denn auch nichts auszusetzen: Das Gremium, bestehend aus Kreisräten und Vertretern von Jugendarbeit und -hilfe, versah den Jugendhilfe-Etat mit einem einstimmigen Empfehlungsbeschluss an den Kreistag. Eine vage Hoffnung nahm das Gremium mit nach Hause: Verbesserte niederschwellige Angebote zur Prävention könnten vielleicht dazu beitragen, dass so mancher junge Mensch erst gar kein „Fall“ für die Jugendhilfe wird:

Vorbeugen statt eingreifen

  • Erziehungsberatung:

    Die kreisweit tätige Erziehungsberatungsstelle (EBS) Kelheim will ihr Personal – 3,5 Fach- und eine Verwaltungskraft – um eine halbe Stelle aufstocken: Der oder die zusätzliche „halbe“ Sozialpädagog/in soll „aufsuchende Arbeit“ leisten: in Kitas, Kliniken und anderen Einrichtungen den Kindern, Jugendlichen und Eltern ein niederschwelliges Angebot geben. Das komme vor allem dem Landkreis-Süden entgegen, der weit weg ist von der EBS in Kelheim, sagte Claudia Geß vom Jugendamt. „Gerade für die Eltern, denen man so eine Beratung vorschlägt, ist das Termin vereinbaren und hinfahren oft eine hohe Hürde“, begrüßte Kita-Leiterin Kirsten Reiter den Förderantrag der EBS. Der Jugendhilfeausschuss genehmigte die 18 000 Euro Landkreis-Förderung pro Jahr. Der Freistaat schießt maximal 7150 Euro jährlich zu.

  • Jugendsozialarbeit:

    Ebenfalls genehmigt hat der Jugendhilfe-Ausschuss die Förderanträge der Grundschulen Abensberg und Offenstetten. Beide wollen, über den Verein „Kai“ e.V., je eine Teilzeitstelle für „Jugendsozialarbeit an Schulen“ (JaS) einrichten; finanziert von Freistaat, Landkreis und Kommune. In der Regel meldeten die Schulleiter dem Jugendamt den Bedarf, schilderte Sozialpädagogin Geß. Geprüft werde dann mittels Punktesystem; bei Grundschulen sei z.B. ein Migranten-Schüleranteil von über 20 Prozent eine Förderbedingung des Freistaats. Mit über 30 bzw. 25 Prozent Anteil erfüllten Abensberg und Offenstetten diese Bedingung, so Geß. JaS-Kräfte kümmern sich definitionsgemäß um einzelne, sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. Hingegen ist bei der „Schulsozialarbeit“ z.B. auch Gruppen- und Projektarbeit möglich. (hu)

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht