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Hotelprojekt

Hier ist die Gastlichkeit inklusiv(e)

Im Hotel Anne Sophie Künzelsau arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung. Die Kelheimer mittendrin!-Reporter waren dort.
Von den mittendrin!-Reportern Franziska, Stefan, Alex, Evi und Ralf

  • „Wir sind ein Team!“, sagen Eike Loydl und Yvonne Truschinski, zwei der Mitarbeiter im Hotel „Anne Sophie“ Fotos: mittendrin!-Reporter
  • Auch Maren Sauter und Bettina Mack (vorne v. links) gaben Auskunft.
  • Echte Handarbeit: Spätzle kochen in der Hotelküche
  • Die mittendrin!-Reporter Franziska und Stefan bei der Interview-Runde.

Künzelsau.Es ist fast ein Hotel wie viele andere – aber eben nur fast: Im Hotel „Anne Sophie“ kümmern sich Menschen mit und ohne Behinderungen um die Gäste; mittlerweile seit über zehn Jahren. Das wollten die mittendrin!-Reporter genauer wissen. Und sind zum dem Hotel in der Stadt Künzelsau in Baden-Württemberg gefahren. Dort haben sie mit der Hotel-Personalleiterin Bettina Mack, gesprochen, und mit ihren Mitarbeitern: Maren Sauter, Eike Loydl, Evi Giagozoglou und Yvonne Truschinski.

Alex: Wie ist die Idee für dieses Hotel entstanden?

Eike Loydl: Das ist durch Frau Würth entstanden. Sie hat selbst einen behinderten Sohn, Markus. Und ist dadurch auf die Idee gekommen, eine Begegnungsstätte zu gründen.

Bettina Mack: Markus ist mittlerweile über 40 Jahre alt. Seit einem Impffehler vor vielen Jahren ist er schwerst mehrfachbehindert. Damals wollte Frau Würth für ihren Sohn ein schönes Lebens- und Arbeitsumfeld finden. Und hat gemerkt: Das ist in unserer Gesellschaft gar nicht einfach. Ihr wurde klar: Es gibt noch sehr viel zu tun, damit Menschen mit Behinderung sozial anerkannt werden und in einem geschützten Umfeld arbeiten können.

Maren Sauter: Markus lebt in der Lebensgemeinschaft „Sassen-Richthof“ bei Fulda. Die ist auch ein Vorbild für das Hotel „Anne Sophie“.

Alex: Seit wann gibt es das Hotel?

Eike Loydl: Seit 2003.

Franziska: Welche Arbeiten gibt es hier?

Eike Loydl: Viele ... Servicearbeit, Arbeiten im Tagungsgebäude, die Spülküche... Ich kümmere mich gerade um die Räume im Tagungsgebäude. Wenn ich fertig bin, mache ich den Service im Restaurant „Anne Sophie“. Das heißt, wenn Sie Gast sind, bestellen Sie bei mir. Frau Truschinski ist dann an der Getränketheke.

Evi Giagozoglou: Ich arbeite in der Spülküche. Wenn viel los ist, muss es schnell gehen!

Bettina Mack: Eine Menge Arbeit fällt auch auf den Etagen an. Die Frauen dort reinigen die Zimmer und pflegen die öffentlichen Bereiche.

Yvonne Truschinski: Die Konditorei gibt es auch noch! Da backe ich manchmal Kekse und Kuchen.

Maren Sauter: Und es gibt das „Lindele“: unseren hauseigenen Laden mit Produkten mehrerer Werkstätten. Schön finde ich, dass viele unserer Kolleginnen und Kollegen recht flexibel sind und immer flexibler werden. Das hilft bei der Gestaltung der Dienstpläne. Frau Giagozoglou hat zum Beispiel ab Morgen Urlaub. Da ist es natürlich toll, dass Kollegen aus anderen Abteilungen problemlos aushelfen können. So kommt auch Abwechslung in die Arbeit und niemand muss jeden Tag das gleiche machen.

Franziska: Wie viele Menschen arbeiten hier? Wie viele haben eine Behinderung?

Bettina Mack: Insgesamt gibt es 60 Mitarbeiter. Davon gehören sechs zur Außenarbeitsgruppe einer Werkstätte. Weitere zwölf Menschen mit ganz verschiedenen Einschränkungen sind direkt bei uns angestellt.

Evi Giagozoglou: Ich war in der beschützenden Werkstätte in Schwäbisch Hall. Dort wurde ich gefragt, ob ich eine Umschulung machen will.

Ralf: Was hat sich für Sie verändert?

Evi Giagozoglou: Jetzt habe ich mehr mit Personen zu tun und kann mehr mit Arbeitskollegen sprechen. In der Werkstätte durfte man nicht reden und musste immer ,schaffen’.

Ralf: Ist das bei Euch auch so, Franziska und Alex?

Franziska und Alex: (lachen) Nein!!

Stefan: Wir arbeiten UND reden!

Giagozoglou: Das tun wir hier auch. Hier schimpft keiner, wenn man redet. Es ist schön, mehr mit Menschen in Kontakt zu kommen.

Eike Loydl: Ich komme ursprünglich aus einem Heim. Ich habe dann hier ein Praktikum gemacht. Das hat mir so gefallen, dass ich gar nicht mehr weg wollte. Das Arbeitsklima ist sehr angenehm. Wir sind wie eine Familie hier. Das ist schön.

Ralf: Im Hotel arbeiten Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen und Bedürfnissen zusammen. Wie geht das?

Eike Loydl: Viel Geduld muss man schon mitbringen. Manchmal muss ich Dinge mehrmals erklären, aber am Ende klappt es dann. Wenn richtig viel los ist, muss ich vielleicht ein wenig Ansporn geben. Aber alle sind fleißig und wir kriegen es immer hin.

Yvonne Truschinski: Wir sind ja ein Team!

Bettina Mack: Hier ist uns wichtig, dass alle Mitarbeiter wissen: Bitte sagt Bescheid, wenn es zu viel wird. Oder Unterstützung benötigt wird.

Truschinski: Am schönsten ist, dass wir immer gelobt werden.

Eike Loydl: Aber nur wenn ihr gut gearbeitet habt...!

Stefan: Wie finden die Gäste das Hotel?

Eike Loydl: Die meisten Gäste finden das Essen toll. Und auch die Zimmer. Auch in unseren Gästebüchern bekommen wir Lob.

Bettina Mack: Unsere Gästezimmer waren 2012 zu 70 Prozent ausgelastet. In der Hotelbranche ist das sonst fast unerreichbar; Unser Hotel ist also sehr gut besucht. Was uns besonders freut: Gäste, die zum ersten Mal bei uns übernachten, weil sie hier auf Tagung oder Fortbildung sind, kommen später oft privat mit ihren Familien wieder. Weil es Ihnen so gut gefallen hat.

Stefan: Woher kommen Ihre Gäste?

Eike Loydl: Wir sind international. Unsere Gäste kommen aus Frankreich, Japan, Schweden. Die meisten kommen aber aus Deutschland.

Ralf: Frau Mack, gab es in der Anfangsphase des Hotels da auch Widerstände oder Berührungsängste?

Bettina Mack: Vor elf Jahren war das schon ein großes Thema in Künzelsau: „Ein Hotel wo man mit Behinderte schafft… das kann ja nicht funktionieren“. Mttlerweile ist schon ein Ruck durch die Gesellschaft gegangen.

Ralf: Warum hatte das Hotel doch Erfolg?

Mack: Weil wir hartnäckig drangeblieben sind. Und dank der Qualität, die geboten wird. Die war anfangs für viele überraschend…

Evi: Welche Behinderungen haben die Menschen, die hier arbeiten?

Yvonne Truschinski: Zwei Kolleginnen und ich, wir haben das Down - Syndrom.

Mack: Vor allem arbeiten Menschen mit Lernschwächen oder psychischen Problemen bei uns. Sie würden an einem nicht beschützten Arbeitsplatz vielleicht untergehen.

Evi: Wie sind die Arbeitszeiten für Mitarbeiter mit Behinderungen?

Mack: Die Mitarbeiter der Außenarbeitsgruppe sind acht Stunden am Tag hier. Davon sind eineinhalb Stunden Pausenzeit, die sich auf mindestens drei Pausen verteilt. Für ältere Mitarbeiter bieten wir auch Modelle mit reduzierter täglicher Arbeitszeit an.

Stefan: Wie kommt man zu einem Arbeitsplatz bei Ihnen?

Mack: Unsere Stamm-Mannschaft kam aus der beschützenden Werkstätte. Neuzugänge bewerben sich schriftlich bei uns oder rufen uns an. Wir bekommen auch Anfragen von Eltern von jungen Erwachsenen mit Behinderungen. Auch Schulen wenden sich an uns und der Integrationsfachdienst. Langfristige Praktika sind ein guter Weg, sich gegenseitig kennen zu lernen. Und alle Arbeitsbereiche auszuprobieren. Über diesen Weg werden zum Beispiel Anfang September zwei Kolleginnen neu übernommen.

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