MyMz
Anzeige

Morgens ist es im Bad ein Grad „warm“

Ein vierfacher Familienvater (37) aus dem Landkreis Kelheim erzählt, wie es ist, wenn der Strom zum „Luxusgut“ wird.
Von Beate Weigert

Zur Stromsperre ist es für Sebastian M. noch nicht gekommen. Aber die Energiekosten bringen ihn und seine Familie stark an ihre Grenzen.
Zur Stromsperre ist es für Sebastian M. noch nicht gekommen. Aber die Energiekosten bringen ihn und seine Familie stark an ihre Grenzen. Foto: dpa

Kelheim.Von heute auf morgen hatte er eine Rechnung über 2500 Euro Stromkosten im Briefkasten. Für Sebastian M. (Name geändert) ein Riesenproblem. Der 37-jährige, vierfache Familienvater aus dem Landkreis Kelheim arbeitet als Leiharbeiter. 1300 Euro verdient er monatlich netto. Wenn er die Miete gezahlt und die monatliche Schuldenrate überwiesen hat, bleiben noch 200 Euro übrig – wenn es hochkommt. Seine Frau geht arbeiten, damit sie etwas zu essen haben.

Einer von Millionen Haushalten

Die Familie von Sebastian M. gehört zu denjenigen, die unter „Energiearmut“ leiden. Laut dem Erwerbslosen- und Sozialhilfeverein Tacheles ist 2014 gegen mehr als sieben Millionen deutsche Haushalte ein Mahnverfahren wegen säumiger Forderungen für Haushaltsenergie eingeleitet worden. M.s Familie ist eine von ihnen. Knapp 350 000 Haushalten wurde der Strom zumindest vorübergehend abgestellt.

So weit ist es bei Sebastian M. am Ende nicht gekommen. Zum einen weil kleine Kinder in seinem Haushalt leben, zum anderen weil er mit seinem Stromanbieter eine individuelle Regelung für das Abstottern der Stromschulden treffen konnte.

Dennoch meldete auch die Allgemeine Sozialberatung der Caritas in Kelheim im vergangenen Jahr einen Negativrekord. 30 Landkreisbewohner, denen eine Stromsperre drohte oder die tatsächlich eine erlebten, suchten Hilfe bei der Beratungsstelle in der Kelheimer Pfarrhofgasse. Darüber hinaus gibt es eine relativ große „Dunkelziffer“, schätzt Beraterin Heidi Kuffer. Sie weiß, dass immer wieder auch im Landkreis Menschen eine Zeit lang ohne Strom leben ohne dies öffentlich zu machen – weil sie sich schämen.

Fünf bis zehn Grad minus in der Nacht wurden zuletzt im Landkreis gemessen. Sebastian M. wohnt mit seiner Familie in einem kleinen Haus ohne Zentralheizung. Er hat es gemietet, weil die monatlichen Konditionen sehr günstig schienen. Mit einem Riesen-Pferdefuß, wie sich nun herausstellt.

Wärme zieht durch die Wände

Denn das alte Haus ist so gut wie nirgends isoliert, nur im Dach gibt es eine dünne Iso-Schicht. Die Wärme zieht quasi durch die Wände. An vielen Stellen hat sich obendrein Schimmel gebildet über den der Vormieter einfach mit wasserabweisender Farbe drüberpinselte. Der hat den Schimmel schön „versiegelt“, beim Neu-Verputzen trat das Problem nun zutage. Der Vermieter denkt nicht ans Renovieren.

Ob allein schon um künftig Stromkosten zu sparen, nicht ein Umzug sinnvoll wäre, will die MZ wissen. Nein, denn auch dafür müsse man Geld in der Tasche haben, sagt der Familienvater.

Im ganzen Haus gibt es nur drei Öfen, längst nicht in jedem Zimmer einen. Im Schnitt haben die Schlafzimmer 13 Grad. Nein, mit dicken zusätzlichen Fleece-Pullis und Decken laufen sie trotzdem nicht zuhause herum. „Wir sind das mittlerweile gewöhnt“, sagt Sebastian M.

Morgens um 4 Uhr, wenn er zur Arbeit geht, hat es im Esszimmer oft nur um die elf Grad. Damit seine Kinder beim Frühstück nicht frieren, schalten er und seine Frau den Radiotor an. Er hat mehrere, der kleinen, rollbaren Elektro-Heizkörper im Einsatz. Die fressen natürlich mächtig Energie. Mit dem Warmwasserboiler ist es nicht viel anders. Im Bad gibt es einen elektrischen Heizlüfter. Damit erwärmen die Eltern das Badezimmer. In dem hat es morgens um die 1 Grad. Diese Wärme hält natürlich nicht und der Lüfter frisst ordentlich Strom. Aber was solle er tun, er könne seinen Nachwuchs nicht beim Baden oder der Morgentoilette frieren lassen.

Weil unter anderem die Vormieterin ihren Strom nicht abmeldete, liefen über drei Jahre 2500 Euro Stromkosten auf. In sechs Monatsraten wollte der Stromanbieter diese zurückhaben. Unmöglich für den vierfachen Familienvater. Er handelte eine erste Rate von 400 Euro und weitere in Höhe von 200 Euro aus. Dazu kommt der reguläre, monatliche Abschlag von 100 Euro.

So weit es geht, habe er die „Stromfresser“ in seinem Haushalt dezimiert, sagt Sebastian M. Glühbirnen und Halogenstrahler, die 200 Watt verbrauchten, habe er durch sparsame Neonröhren ersetzt. Sie brauchen 36 Watt. Aber seinen Kindern permanent überall das Licht abzudrehen, das gehe auch nicht. Obwohl er schon immer sehr dahinter sei.

Erst vor kurzem gingen Waschmaschine und Geschirrspülmaschine kaputt. Die neuen haben Energieeffizienzklasse A. Aber nicht A++. Das hätte er sich nicht leisten können. Sebastian M. ist froh, dass er beim Händler die Geräte abstottern darf. Und natürlich sind diese bei vier Kindern im Haushalt oft in Gebrauch.

Die Sorge ums Geld lässt den Familienvater nicht los. Jeden Tag empfindet er inzwischen als „belastenden Kampf“. Er und seine Frau geben so wenig Geld aus als möglich, sagt der 37-Jährige. Trotzdem weiß er manchmal nicht, wie es weitergehen soll. Er kann nicht mehr ordentlich schlafen, die Gedanken drehen sich permanent ums Geld. Den Schimmel versucht er peu à peu mithilfe von Freunden los zu werden. Für die drei Holzöfen muss er ständig schauen, dass er günstiges Brennholz auftreibt.

Ausflüge mit den Kindern sind kaum drin. Dadurch dass alles so knapp ist, ist jedes Gerät, das kaputt geht immer eine zusätzliche Belastung. Selbst ein neuer Füller für eines der schulpflichtigen Kinder stellt die Eltern vor ein Problem. Viele Lebensmittel kaufen sie ohnehin nur reduziert. So oft es geht, macht sich Sebastian M. zu Fuß oder mit dem Rad auf den Weg zur Arbeit.

Doch für Einkäufe mit der Familie oder für Klinikaufenthalte des Kleinsten in Landshut sind sie aufs Auto angewiesen. Und eine sechsköpfige Familie lässt sich nun mal nicht in einem Kleinwagen zwängen. Auch ein neues Auto war zuletzt fällig. Weil es nicht viel kosten durfte, ist es ein älteres Modell und das verbraucht wiederum mehr Sprit.

Es ist ein Teufelskreis

Es ist ein Teufelskreis in dem Sebastian M. steckt. Da ist ein ständiger Druck und Stress, der kein Ende nimmt. Versicherungen kann er sich nicht leisten. An eine Hausrat- oder Lebensversicherung sei nicht zu denken.

17 000 Kilowatt-Stunden Strom hat er auf drei Jahre verbraucht. Macht pro Jahr 5500. Bei einer sechsköpfigen Familie ist das nicht übertrieben viel, sagt Sozialberaterin Heidi Kuffer von der Caritas, zu deren Klienten Sebastian M. seit einiger Zeit gehört.

Dessen größter Traum? Ein Urlaub mit der Familie. Der letzte liegt mehr als zehn Jahre zurück. Doch daraus wird in nächster Zeit nichts werden. „Wir müssen 365 Tage im Jahr Vollgas geben, wir kämpfen jeden Tag, bis ein Zeitpunkt kommt, wo es nicht mehr geht.“

Ein neues Armutsrisiko

  • Der Begriff

    Energiearmut stammt aus der Sozialpolitik. Er beschreibt den Zusammenhang von Armut und den Kosten für Energie. Einerseits beschreibt er die steigenden Energiekosten als Armutsrisiko und andererseits die Schwierigkeiten der Armen in den Industrieländern, die steigenden Energiekosten bezahlen zu können.

  • In Deutschland

    gibt es bisher keine feststehende Definition. Zur vorläufigen Orientierung kann eine in Großbritannien gebräuchliche Definition von Energiearmut herangezogen werden. Dort gilt ein Haushalt als energiearm, wenn er mehr als zehn Prozent seines Einkommens für den Kauf von Energie aufwenden muss, um im Hauptwohnraum 21 Grad Celsius und in den übrigen Räumen 18 Grad Celsius zu gewährleisten.

  • (Quelle: wikipedia.de)

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht