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Rasur für die Kalkfelsen in Weltenburg

Höhenarbeiter schaffen seltenen Bewohnern Platz auf den Felsen im Donaudurchbruch. Seltsamer Gast musste vertrieben werden.
Von Martina Hutzler

Luftiger Arbeitsplatz mit prächtigem Ausblick: die „Moscito“-Höhenarbeiter in Aktion
Luftiger Arbeitsplatz mit prächtigem Ausblick: die „Moscito“-Höhenarbeiter in Aktion Foto: Hutzler

Kelheim. Mancher Schiffs- oder Zillengast im Kelheimer Donaudurchbruch hat dieser Tage verwundert nach oben geblickt: Kletterer – mitten im Naturschutzgebiet? Ja, aber gerade aus Naturschutz-Gründen, erklärt Gebietsbetreuerin Franziska Jäger. In Absprache mit ihr verpassen Höhenarbeiter – so heißen die Berufskletterer offiziell – den markanten Kalkfelsen der Weltenburger Enge eine Rasur. Brombeeren und Sträucher sollen weichen, zugunsten seltener Magerrasen-Spezialisten wie dem Blaugras, die nur auf diesen Extrem-Standorten gedeihen. Vor Beginn der Freistellungsarbeiten tauchte noch ein Überraschungs-Gast auf: Mit dem Napoleonfelsen fand sich eine Formation, die einem Kelheimer Experten viele Jahre lang Kopfzerbrechen bereitete.

Tobias Kürzl ist Heimatforscher und sammelt dazu insbesondere alle historischen Ansichtskarten, derer er habhaft werden kann. Unter anderem hütet er eine von 1934, mit der Aufschrift „Napoleonfelsen b. Weltenburg“. Doch aus der Neuzeit sagte ihm weder der Fels noch der Begriff etwas. Kein Wunder, denn in Heimatbüchern und diversen Quellen im Kelheimer Stadtarchiv, die er daraufhin studierte, kommt der Kalkfelsen nach 1929 nicht mehr vor – abgesehen eben von jener Postkarte von 1934, schildert Tobias Kürzl.

Aus den alten Quellen versuchte er auf den Standort zu schließen. So fand er in einer Stadtchronik von Johann Baptist Stoll von 1863 den poetischen Hinweis, dass der Fels im „Abendglanze“ grüße. Also müsste er wohl am (flussabwärts) linken Donauufer zu finden sein, folgerte Kürzl.

Die Suche lohnte sich

Er setzte Gebietsbetreuerin Jäger auf die Fährte des steinernen Feldherrn, die bei Schifffahrtsleuten nachfragte, alte Bilder aus dem Klösterl zu Rate zog. Auf die Spur kam sie dem Gast aus Frankreich letztlich mit moderner Technik: Schummerungskarten, also Luftbilder, aus denen die Vegetation ausgeblendet und Geländeerhebungen sichtbar gemacht werden. Das Studium dieser Karten gab ihr eine Ahnung, wo sich eine Suche lohnen könnte – in der Tat lohnte sie sich!

Wie von Kürzl vermutet, fand sich der Fels auf der linken (also der Befreiungshalle-/Klösterl-) Seite der Donau. Der Name sei durchaus berechtigt, findet Kürzl, überglücklich über die Wiederentdeckung: „Es schaut aus, als ob Napoleon dasteht, im Mantel und mit Dreispitz“. Zugänglich ist der Fels heute nicht mehr, großteils zugewachsen. Das soll sich an dieser Stelle auch gar nicht ändern.

Die Höhenarbeiter haben genug zu tun mit den Felsen, die sich unmittelbar überm Donauufer erheben. In den Anfangsjahren seilten sie auch die Kettensäge mit ab, um größere Bäume und Sträucher zu fällen. Mittlerweile reichen Schere und Handsäge; der Aufwuchs geht Jahr für Jahr zurück, auch wenn satter Regen heuer nochmal für sattes Grün sorgte.

Schweißtreibend ist die Arbeit trotzdem, und umständlich wegen der aufwendigen Sicherung, erklärt Chef-Moscito Armin Ilgenfritz. Seinen Mannen, teils aus der Industrie-, teils aus der Baumkletter-Branche stammend, richten zum Beispiel vor jedem Arbeitsgang eine doppelte Seilsicherung ein. Ein Seil kann, bei aller Vorsicht, nämlich schnell mal durchgesägt oder durchtrennt werden… Gearbeitet wird außerdem immer in Sichtweite zum nächsten Kollegen, und auch möglichst auf Augenhöhe – nicht, dass man dem anderen versehentlich einen Stein auf den Kopf schleudert. Denn lockeres Gestein auch gleich abzulösen, gehört auch zur Aufgabe der „Felsputzer“ – freilich nur, wenn unten am Fluss grad kein Kanu vorbeipaddelt.

Wiederentdeckt: der Napoleonfelsen
Wiederentdeckt: der Napoleonfelsen Foto: Tobias Kürzl

Einen Spezialauftrag hat die Gebietsbetreuerin auch noch: Ausschau halten nach Uhu-Gewöllen. Aus den unverdaut ausgewürgten Resten will sie erforschen, was der große Greifer so alles verzehrt. Er hat heuer gleich an zwei Stellen im Donaudurchbruch erfolgreich gebrütet. Gearbeitet werden darf im Fels deshalb erst jetzt, wo die Jungen flügge sind. „Ein einziger Kletterer kann den Uhu dazu bringen, das Nest aufzugeben“, weiß Jäger.

Rauch über der Donau

Ein ganz anderer, schräger Vogel musste dagegen dieser Tage vertrieben werden. „Rauch über der Donau“: Dieser Alarmruf setzte Polizei und Kelheimer Feuerwehr in Marsch. Per Einsatzboot ging’s zum vermeintlichen Brand, der sich indes als Outdoor-Lager entpuppte; inklusive rauchender Feuerstelle, Klappspaten, Angel, einer zum Wasserfilter umgebauten Plastikflasche, Tisch und laub-kuscheligem (Doppel-)Bett, schildert Franziska Jäger.

Alles ziemlich professionell also, aber eben illegal: „Campen, lagern, Feuer machen sind im Naturschutzgebiet schlicht verboten!“ Das Lager wurde platt gemacht; die Habseligkeiten können der oder die Unbekannten bei der Polizei abholen.

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