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Flussbiologie

Schwarzmeer-Fische sind flott unterwegs

Eine Fischgruppe aus Osteuropa hat sich die Donau im Raum Kelheim erobert. So schlimm wie befürchtet ist das aber nicht.
Von Martina Hutzler

Eine Schwarzmund-Grundel in einem Aquarium: In der Donau bei Kelheim kommen sie mittlerweile massenhaft vor.
Eine Schwarzmund-Grundel in einem Aquarium: In der Donau bei Kelheim kommen sie mittlerweile massenhaft vor. Foto: Patrick Pleul/dpa

Kelheim.Aus ihrer Sicht ist es eine echte Erfolgsstory: Die Schwarzmund-Grundel, eine Fischart, hat sich hierzulande mit der Donau und anderen Flüssen einen völlig neuen Lebensraum erobert. Der finger- bis hand-lange Fisch war, wie auch einige weitere Grundel-Arten, ursprünglich nur im Schwarzen Meer und an der unteren Donau heimisch – mittlerweile hat er sich zum Beispiel im Raum Kelheim binnen weniger Jahre „fast explosionsartig“ vermehrt, bestätigt Dr. Alexander Cerwenka.

Der promovierte Biologe hat für die Technische Universität München (TUM) jüngst wieder die Bestände untersucht und vergleicht die Ergebnisse nun mit einer Studie von 2010/2011. So manches Vorurteil gegenüber den schwimmenden Zuzüglern entkräften die Forscher jedoch: etwa, dass sie heimische Flussbewohner ausrotten werden.

Sechs Arten auf dem Vormarsch

  • Bundesweite Situation

    In Deutschland gibt es insgesamt sechs Grundel-Arten, die nicht hier heimisch sind, sondern in der Neuzeit aus dem Schwarzmeer-Raum bis in hiesige Gewässer eingeführt wurden.Wegen ihrer Herkunft heißen sie zusammengefasst „Schwarzmeer-Grundeln“. Unter anderem sind in Deutschland – aber (noch) nicht in die obere Donau – die Armur-Schläfer- und die Fluss-Grundel eingewandert, erklärt Biologe Dr. Alexander Cerwenka.

  • In der Donau

    Bei Kelheim kommen in der Donau zwei der sechs Einwanderer-Arten vor: Die „Marmorierte Grundel“, die seit etwa 100 Jahren deutsche Gewässer besiedelt; und die Schwarzmund-Grundel: Sie ist in der Bundesrepublik seit 2004 wissenschaftlich nachgewiesen, in Kelheim seit 2011 (zuvor schon bei Bad Abbach). Flussabwärts registrierten die TU-Forscher bei Bad Abbach sehr viele Kessler-Grundeln. Eine weitere Art, die Nackthals-Grundel, konnten sie 2011 erstmals bei Deggendorf und bei Regensburg nachweisen.

Eines ist für Wissenschaftler unbestritten: Die Schwarzmund-Grundel ist eine „invasive“ Art. Also eine, die vergleichsweise rasch einen neuen Lebensraum besiedelt, sich hier fortpflanzt und weiter ausbreitet. „Invasionsfront“ nennt sich die jeweils aktuelle Verbreitungsgrenze. Und diese Front verlagern die Grundeln in der Donau zielstrebig flussaufwärts. Bei der ersten Studie vor fünf Jahren, die Cerwenka damals zusammen mit Dr. Jörg Brandner durchführte, „war Kelheim noch die Grenze. Jetzt kommen die Grundeln schon bis Vohburg vor“, so Cerwenka. Eigentlich kein Wunder – der Mensch hat ihnen den Weg bestens bereitet.

Uferverbauung bereitetet den Weg

Denn von Natur aus suchen die meist bodennahen Schwimmer nach Höhlen zur Eiablage. Ersatzweise laichen sie aber auch gerne in den Zwischenräumen der Blocksteine ab. Mit denen hat der Mensch die Donauufer großteils zugepflastert, der Ufersicherung und der Schifffahrt zuliebe. Dies und der Schiffsverkehr selbst verhalfen der Schwarzmund- und verwandten Grundel-Arten zur raschen Ausbreitung: Als „blinde Passagiere“ reisen immer wieder Eier und Jungtiere im Ballastwasser der Schiffe mit; an Umschlagplätzen wie zum Beispiel auch dem Kelheimer Hafen werden sie freigesetzt, erklärt Alexander Cerwenka.

Wenn’s sein muss, schaffen es die forschen Einwanderer aber auch ohne Schiffspassage und Blockstein-Ufer – das beweisen sie mit ihrem Vorkommen bis hinauf nach Vohburg. Denn ab Kelheim, also oberhalb der Einmündung vom Rhein-Main-Donau-Kanal, gibt es ja keine Güter-Schifffahrt mehr. Und im Donaudurchbruch etwa sind die Ufer unverbaut.

Untersucht haben Cerwenka und sein Team vom Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie der TU München den Fischbestand der bayerischen Donau in den vergangenen Wochen mittels „Elektrofischen“, ufernah und in etwa 60 Zentimetern Tiefe. Kurzzeitiger Einsatz von so genanntem „geglätteten“ Gleichstrom zwingt die Fische dazu, in Richtung der Stromquelle zu schwimmen; dort können sie gezählt und bestimmt werden.

Zusammen mit Lisa Popp (links) und Lea Satzinger hat Dr. Alexander Cerwenka im Sommer den Grundel-Bestand in der Donau untersucht, hier zum Beispiel beim „Klösterl“.
Zusammen mit Lisa Popp (links) und Lea Satzinger hat Dr. Alexander Cerwenka im Sommer den Grundel-Bestand in der Donau untersucht, hier zum Beispiel beim „Klösterl“. Foto: Hutzler

Ergebnis mit dieser Methode: Überall dort, wo die Ufer mit Blocksteinen verbaut sind, „ist die Schwarzmund-Grundel von Passau bis Kelheim mit Abstand die häufigste Fischart“. Im Kelheimer Raum beispielsweise fand sich an allen rund 60 Befischungspunkten mindestens ein, meist mehrere Exemplare. Vor fünf Jahren noch war der Einwanderer gerade mal an drei der 60 Punkte feststellbar. „Das ist fast eine Explosion“, bewertet es Cerwenka – immerhin sei die Schwarzmeer-Grundel in Deutschland erst seit 2004 wissenschaftlich nachgewiesen, in Kelheim erst seit 2011.

Auf Elitetruppe folgt nun Mittelmaß

Im Detail auswerten wird Cerwenka, mit Lehrstuhlinhaber Professor Dr. Jürgen Geist, die Untersuchungen aus dem Sommer in den nächsten Monaten. Doch eines ist ihm schon vor Ort aufgefallen: Die jetzt im Kelheimer Raum gefundenen Exemplare sind deutlich kleiner als die vor fünf Jahren. „Vermutlich haben damals die größten, durchsetzungsfähigsten Exemplare den Weg ins neue Terrain ,geebnet’“ – in ihrem Gefolge schaffen es nun auch „Mittelmaß-Grundeln“.

Relativ klein: eine Schwarzmund-Grundel aus der Donau bei Kelheim
Relativ klein: eine Schwarzmund-Grundel aus der Donau bei Kelheim

Dass die Art (auch) beim Körperbau so anpassungsfähig ist, führt der Biologe als weiteren Grund für ihren Invasions-Erfolg an. Hinzu kommen ihre Fähigkeit, von März bis Oktober mehrmals zu laichen – während die meisten heimische Fische nur ein Mal jährlich Nachwuchs zeugen – und die Angewohnheit, ihr Gelege zu bewachen. Zudem fressen die Grundeln fast alles, was in den Mund passt.

Dennoch stellten Alexander Cerwenka und Jörg Brandner durchaus Überraschendes fest, als sie etwa 1000 (Schwarzmund- und Kessler-)Grundeln sezierten und den Inhalt ihres Darmtrakts untersuchten: „Wir haben so gut wie keine anderen Fischarten oder deren Eier gefunden – nur Vertreter der eigenen Art“. Vor allem aber waren es Insekten, Schnecken, Muscheln und andere wirbellose Tiere. Und nur zu fünf bis zehn Prozent davon waren heimische Donau-Arten; mehr als die Hälfte des Darminhalts stammte hingegen von nicht-heimischen, also auch wieder invasiven Arten. Beim Rest ließ sich dies nicht mit Sicherheit beurteilen. Gut möglich also, dass die invasiven Beute-Organismen den Grundeln den Weg geebnet haben, so Cerwenka.

Freilich ist er überzeugt, dass sich das ändern wird: „Mittel- bis langfristig wird die Grundel alles nehmen, was fressbar ist“ – Herkunft egal. Doch zum Glück für die heimische Artenvielfalt wird auch die Grundel zunehmend zum schmackhaften Happen. „Auch Raubfische merken irgendwann: ,Grundeln sind ja ganz lecker’“. Was wiederum ein kleiner Trost für Angler und Fischer sein kann. Ihnen gehen mancherorts fast nur noch Grundeln an den Haken. Sie müssen gemäß Fischereirecht waidgerecht getötet werden. Zumindest als Köder können Angler sie dann verwenden – „das funktioniert mittlerweile für Raubfische wie Zander oder Rutte“, weiß Cerwenka aus Schilderungen. Genießbar sind sie auch für uns Menschen; in osteuropäischen Kochbüchern gibt es Rezepte. Bei uns haben es die kleinen Tierchen noch kaum auf den Speiseplan geschafft.

Kochtopf – kaum eine Alternative…

Auch wenn hiesige Köche auf absehbare Zeit wohl wenig zur Bestandsreduzierung beitragen werden: Die Gefahr, dass der Zuwanderer vom Schwarzen Meer hierzulande zur zur Ausrottung von heimischen Fischarten führt, sieht Dr. Cerwenka nicht. „Aber die Grundeln sind Indikatoren dafür, was wir schon alles kaputt gemacht haben“ an unseren Flusslandschaften, die wie die Donau vielerorts nur noch Kanäle sind. „Wir sollten daher vermehrt auf Rückbau-Maßnahmen setzen“, fordert der Biologe.

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