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Rückkehr

Wildkatze pirscht Staatswald Kelheim an

Baldrian-Lockstäbe verraten den scheuen nächtlichen Jäger heuer – an zwei anderen Stellen als noch im vorigen Jahr.
Von Martina Hutzler

Wildkatze lieben strukturreiche Wälder mit hohem Totholzanteil: Dort können sie gut jagen und sich verstecken.
Wildkatze lieben strukturreiche Wälder mit hohem Totholzanteil: Dort können sie gut jagen und sich verstecken. Foto: dpa

Kelheim.Die Europäische Wildkatze schleicht sich auf leisen Pfoten in den Forstbetrieb Kelheim ein: Dies zeigt ein bayernweites Forschungsprojekt zu dem seltenen Wildtier: Im westlichsten Teil des Befreiungshalle-Waldes konnten Fellhaare genetisch der Wildkatze zugeordnet werden, und auch im Revier Beilngries, das ebenfalls vom Kelheimer Forstbetrieb aus betreut wird, berichtet dessen Leiter Franz Paulus. Nicht gesucht wurde heuer im Dürnbucher Forst; allerdings geht Bund Naturschutz-Kreisvorsitzender Peter Forstner davon aus, dass die streng geschützte Samtpfote weiterhin dort umherstreicht.

Bund Naturschutz (BN) und Bayerische Staatsforsten haben heuer gemeinsam ein groß angelegtes „Monitoring“-Projekt durchgeführt. Weil der Mensch die scheue und heimlich lebende Wildkatze kaum zu Gesicht bekommt, bedienen sich Forscher eines Tricks: Man stellt angeraute Holzstäbe an Stellen auf, wo das Tier vermutet wird, und besprüht die Stäbe mit Baldrian.

Forstwirt Reinhold Kopfmüller hat die Stäbe wöchentlich kontrolliert, neu angeraut und mit Baldrian eingesprüht.
Forstwirt Reinhold Kopfmüller hat die Stäbe wöchentlich kontrolliert, neu angeraut und mit Baldrian eingesprüht. Foto: Hutzler

Vor allem in der „Ranzzeit“, wenn die Tiere paarungsbereit sind, wirkt der Baldrian unwiderstehlich verlockend auf Katzen. Sie reiben sich am Stab; Haare bleiben daran hängen.

Ähnlich, aber genetisch verschieden

Die kann man im Labor genetisch darauf untersuchen, ob sie von einer Haus- oder einer Wildkatze stammen. Letztere jagt schon seit mindestens 300 000 Jahren in Bayerns Wäldern. Dagegen kam unser Stubentiger erst mit den Römern nach Deutschland; er stammt von der nubischen Falbkatze ab. Äußerlich sind die wilden Europäer und ihre gezähmten Migranten-Verwandten kaum zu unterscheiden.

Vor allem im Winterpelz wirkt die Wildkatze – hier ein Kater – größer und kräftiger als Hauskatzen.
Vor allem im Winterpelz wirkt die Wildkatze – hier ein Kater – größer und kräftiger als Hauskatzen. Foto: dpa

Für uns Menschen riecht Baldrian ziemlich greislich. Davon kann Reinhold Kopfmüller ein Lied singen. Er hat für das Monitoring-Projekt heuer im März und April acht Wochen lang 30 der insgesamt 86 Lockstäbe betreut, die im 18 000 Hektar umfassenden Forstbetrieb aufgestellt wurden. Beim wöchentlichen Kontrollgang nahm er jeden Holzstab genau unter die Lupe – hängen Haare dran?

Da heißt es schon: genau hinschauen, ob sich am Holzstecken Haare verfangen haben.
Da heißt es schon: genau hinschauen, ob sich am Holzstecken Haare verfangen haben. Foto: Hutzler

Wenn ja, mussten die mit einer Pinzette vorsichtig entfernt, abgezählt und in Papier und Tüte verpackt werden, mit Datum und Stock-Nummer gekennzeichnet. Im Falle eines Fundes wurden die Stöcke abgeflammt, um sie wieder auf „Null“ zu setzen, schildert Betriebsleiter Paulus. Ein neuer Schuss Baldrian draufgesprüht – und wieder eine Woche warten.

„Ja, ich war dann selbst auch neugierig“, gesteht Kopfmüller gerne ein. Und erst die Revierleiter! „Jeder hätt’ gern eine Wildkatze in seinem Bezirk gehabt“, schildert er lachend. Die Spannung wuchs, als er endlich mal Haare fand, am Goldberg. „Aber das war eine Hauskatze“, vermutet Kopfmüller, weil die Stelle in den Ergebniskarten 2015 nicht mehr auftaucht.

Verbreitung der Wildkatze
Verbreitung der Wildkatze Foto: MZ-Infografik/Inge Brunner

Kollegen von ihm waren’s, die die „richtigen“ Haare eingetütet haben. Einmal westlich von der Befreiungshalle, nahe der Kreisstraße KEH 15: Mitte April, kurz vor Abschluss der Untersuchung, rieb sich tatsächlich eine Wildkatze an dem Lockstab! Zwar war sich Forstbetriebs-Revierleiter Ernst Süß ziemlich sicher, den scheuen vierbeinigen Jäger im Hienheimer Forst schon mal gesehen zu haben, berichtet Franz Paulus. Aber erst mit der Genanalyse, durchgeführt im Labor des Amts für forstliche Saat- und Pflanzenzucht in Teisendorf, gibt es aus der Ecke nun den sicheren Nachweis.

Forstbetriebsleiter Franz Paulus zeigt auf der Karte, wo die Wildkatze bei Kelheim nachgewiesen wurde.
Forstbetriebsleiter Franz Paulus zeigt auf der Karte, wo die Wildkatze bei Kelheim nachgewiesen wurde. Foto: Hutzler

Und das Amt meldete im November noch einen zweiten Treffer: im Revier Beilngries, nahe der Ortschaft Holnstein. Auch dort hatte die Wildkatze Premiere, berichtet Franz Paulus: „Im Jahr zuvor ist sie weiter südlich, bei Beilngries festgestellt worden.

Im Großraum Hienheimer Forst / Weltenburger Enge waren Förster und BN-Aktive schon zuvor guter Dinge, dass die Wildkatze ein geeignetes Plätzchen findet: Dort gibt es die struktur- und totholzreichen Wälder, in denen der Abend- und Nachtjäger tagsüber sich und seine Jungen gut verstecken kann – unter Wurzeltellern, in Baumhöhlen oder in Holzpoltern. Eine Lichtung wär’ noch recht, fürs beliebte Sonnenbad. Und die Lieblingsspeise sollte sich tummeln: Rötel-, Feld-, Wühl-, Wald- und andere Maus-Arten.

Die Fundstelle bei Kelheim gehört zum Naturschutz- und FFH-Gebiet Weltenburger Enge, so Paulus, „aber es handelt sich um einen ,normalen’ Wirtschaftswald“, betont er: „Ich glaube, das ist schon der Beweis, dass sich ,Wald schützen’ und ,Wald nutzen’ miteinander vereinbaren lassen.“

Die Wildkatze bei uns

  • Verdrängt

    Intensiv bejagt und von intensiver Landnutzung verdrängt, galt die Wildkatze bis in die 1980er Jahre in Bayern als ausgestorben. Erst ein strenger Schutz und Wiederansiedelungsprojekte verhalfen ihr zur Rückkehr.

  • Zurückgekehrt

    Nach neuesten Schätzungen leben mittlerweile wieder rund 600 Wildkatzen im Freistaat. Das scheue Tier sei bayernweit wieder auf dem Vormarsch, fassten Bayerns Forstminister Helmut Brunner und der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern (BN), Prof. Dr. Hubert Weiger, die diesjährige breit angelegte Untersuchung zusammen.

  • Nachgewiesen

    Das genetische Monitoring mit Hilfe von 2200 Baldrian-Lockstöcken wies den Waldbewohner von Nordbayern bis zur Donau, im Bayerischen Wald und auch in Schwaben nach.

  • Ähnlich

    Optisch ähnelt die Wildkatze so stark einer getigerten Hauskatze, dass selbst Experten die sichere Unterscheidung anhand der äußerlichen Merkmale schwerfällt. Generell wirken Wildkatzen durch ihr längeres Fell kräftiger als Hauskatzen.

Von der zweiten Haar-Fundstelle im Gebiet Höglberg bei Holnstein war man bei der BaySF schon eher überrascht: So nahe an einer Ortschaft hätte man die scheue Samtpfote Wildkatze kaum vermutet, „noch dazu in einem stinknormalen nadelholz-reichen Wirtschaftswald“, kann sich Paulus einen kleinen Seitenhieb auf den BN und dessen Forderung nach Stilllegung von Staatswald-Flächen nicht verkneifen.

Naturschutzgebiet als Lebensraum

In großen unberührten Naturwäldern seien die Lebensbedingungen für die Wildkatze trotzdem am besten, gibt BN-Kreisvorsitzender Forstner kontra. Was ihn nicht hindert, die Staatswald-Funde neidlos anzuerkennen: „Wir freuen uns ja auch drüber!“ Voriges Jahr hatten die BN-Ortsgruppe Siegenburg und der Bundesforst-Zuständige Bollmann erstmals im Landkreis Kelheim „Finderglück“: Im Dürnbucher Forst hinterließ eine Wildkatze zwei Mal Haare an Lockstäben. Heuer wurden in dem Bereich keine Stäbe aufgestellt, in Absprache mit den Monitoring-Organisatoren, berichtet der Siegenburger BN-Ortsvorsitzende Georg Flaxl. Auch er ist überzeugt, dass „Felis silvestris silvestris“ weiterhin hier herumschleicht. Gut also, dass dort im November das 273 Hektar große Ex-„Bombodrom“ als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde. Wichtig sei vor allem, dass der „Hauptfeind“ Straßenverkehr dort keine Rolle spielt, so Peter Forstner. Er will nächstes Frühjahr eine Ausstellung zur Wildkatze in den Landkreis holen.

Hinweis an die Jäger

Gefahr droht theoretisch auch von zweibeinigen Jägern, wenn diese die Wild- mit der Hauskatze verwechseln. Letztere darf unter bestimmten Bedingungen geschossen werden, so Franz Paulus. Aus dem Staatswald seien ihm zwar keine solchen Abschüsse bekannt. Aber vorsichtshalber sollen die Inhaber von Jagderlaubnisscheinen für den Staatswald im Januar nochmal ausdrücklich auf die Wildkatze hingewiesen werden. Sie unterliegt zwar dem Jagdrecht; es gilt aber eine ganzjährige Schonzeit: Sie darf nicht gejagt oder gefangen werden.

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