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Werke

Schreiben aus der Erinnerung heraus

Mit einem Schafskrimi fing es an: Seither hat Hobby-Autorin Hannelore Deinert viele Themen aufgegriffen – auch solche aus ihrer alten Heimat Kelheim.
von Martina Hutzler

Noch heute kommen Hannelore und Horst Deinert gerne zu Besuch in den Landkreis, wo beide auch Verwandte haben. An der Brücke beim Kelheimer Donautor lernten sie sich Ende der 1950-er Jahre kennen. Foto: hu

Kelheim.Ein niederbayerischer Roman von einer hessischen Autorin – nanu? Nur auf den ersten Blick verwunderlich. Denn 1942 geboren und aufgewachsen ist Hannelore Deinert in Kelheim. Und auch wenn seit vielen Jahren Dieburg, zwischen Aschaffenburg und Darmstadt gelegen, ihre Heimat ist – die Erinnerung an Niederbayern ist ihr präsent genug, um die Schauplätze ihrer Romane und Krimis hierher zu verlegen. Beim Berliner Frieling-Verlag hat sie zum Beispiel das Buch „Emma Stadlbauer – des Kindsmordes angeklagt“ veröffentlicht. Bei älteren Lesern dürfte die Lektüre Erinnerungen an die eigene Kindheit und Schulzeit erwachen lassen.

Denn Hannelore Deinert, eine geborene Neumayer, lässt ihre eigenen Erfahrungen und Erinnerungen einfließen. „Eigentlich ist es auch eine gewisse Verarbeitung“, wenn sie ein Buch schreibe, sinniert sie, als sie gemeinsam mit ihrem Mann bei einem „Heimatbesuch“ in der MZ-Redaktion vorbeischaut. Der Fall der 16-jährigen Emma, die ungewollt und nichtsahnend schwanger wird und ihr Kind in einem Bach ertränkt, ist in dieser Konstellation zwar frei erfunden. Ähnliche Fälle aber gab es, denn die Umstände seien für die damalige Zeit schon typisch gewesen, ist die 72-Jährige überzeugt. „Und Fragen, wie zum Beispiel: Warum hat die Kindsmutter so gehandelt, die beschäftigen mich immer weiter. Beim Schreiben entwickle ich Verständnis für die Menschen.“

Bombenhagel auf Kelheim erlebt

Schließlich gehören sie und ihr Mann Horst selbst zur Generation derer, die als Kinder noch die Schrecken des Krieges und das Chaos der Nachkriegszeit miterlebten. „Der Bombenhagel auf Kelheim – dieses Angstgefühl, das Bewusstsein, dass einen eine Bombe töten könnte, empfindet man selbst als Kind schon“, erinnert sich Hannelore Deinert an die Zeiten, in denen sie sich mit ihrer Mutter in einem kleinen Keller verkriechen musste.

Am Alten Markt hatte die Familie Neumayer, die aus der Holledau stammte, eine Bleibe gefunden; gemeinsam wollten Deinerts Eltern hier eine neue Existenz aufbauen. Doch der Vater, 1939 eingezogen, kehrte aus Russland nicht mehr zurück. Eine ähnlich harte Kindheit erlebte Horst Deinert, der mit der Mutter und drei Geschwistern 1945 aus dem damals niederschlesischen Sprottau flüchten musste:

Über Dresden, wo Mutter und Kinder noch mit dem letzten Zug der fürchterlichen Bombardierung entgingen, flohen sie weiter in einem Zug, der unterwegs ebenfalls beschossen wurde. Und „dann zu Fuß weiter, Monate lang, und das im Winter“, bis nach Passau. Dort endete die Flucht für eines der Kinder tragisch: Deinerts Brüderchen wurde von einem US-Lkw erfasst und getötet.

Von Passau aus wurden die Mutter und die Kinder nach Teugn geschickt und dort bei der Brauerei Dantscher einquartiert. Hier endlich, erzählt Horst Deinert, gab es ein glückliches Wiedersehen mit dem Vater, der aus russischer Gefangenschaft flüchten konnte. Er fand zunächst in Regensburg Arbeit, ehe er half, die Saaler Firma Mahlo mit aufzubauen.

Erster Treff am Donautor

Bei Mahlo ging später auch Horst Deinert in die Lehre – und so kreuzten sich in Kelheim bald seine und Hannelore Neumayers Wege. Nämlich genau auf der Brücke über die Kleine Donau, beim Donautor, damals einem beliebten Treff für die Jugend, wo es sich gut „anbandeln“ ließ…

Zu dem Zeitpunkt hatte Hannelore Deinert schon, ähnlich wie ihre Roman-Hauptfigur Emma, die Schulzeit in einer katholischen Mädchenschule hinter sich – die strenge und manchmal auch herzlose Erziehung lernte sie selbst kennen.

Bis sie das und auch andere Erlebnisse, Erfahrungen und Erzählungen schreiberisch zu verarbeiten begann, dauerte es allerdings noch viele Jahre. Nach Zwischenstationen kamen die beiden ins hessische Münster, wo Horst Deinert ein Spielwarengeschäft eröffnete. Im Hauptberuf freilich war und ist er selbständiger Röntgentechniker und entsprechend viel unterwegs – das Geschäft und auch das Kümmern um die drei Kinder blieb an Hannelore Deinert hängen.

Die Kinder sind mittlerweile erwachsen und auch Enkel Maxi, um den sich die Oma mit kümmert, schon aus dem Gröbsten ’raus; das Spielwarengeschäft fiel 2006 der Internet-Konkurrenz zum Opfer. Erst da fand Hannelore Deinert Zeit, ihre schon seit je her schlummernden Schreib-Leidenschaft in die Tat umzusetzen.

Auslöser war ein Krimiwettbewerb im heimischen Erbach, zu dem sie eigentlich Enkelchen Maxi zur Teilnahme ermuntern wollte, erzählt sie schmunzelnd. Weil der Enkel nicht recht zog, verfasste stattdessen die Oma ihr erstes Werk: einen Schafskrimi. Der wurde zwar damals beim Wettbewerb nicht angenommen. Aber das stachelte Hannelore Deinert erst recht an: Bei ihr war das Schreibfieber ausgebrochen.

Als erstes baute sie den Schafskrimi zu einem Buch mit sieben Kurzgeschichten aus, namens „Geheimnis um das alte Bauernhaus“. Dann hatte die Un-Ruheständlerin die Idee, ihrer jüngsten Enkelin Anika jeweils zum Geburtstag ein kleines Büchlein zu schenken. Das Schicksal ihres eigenen Mannes floss später ein in den fast 600-seitigen Schmöker „Geliebtes und verfluchtes Land“; es beschreibt die Flucht einer schlesischen Familie zu Kriegsende.

Sie schätzt die Freiheit des Romans

„Aber es ist ein Roman, keine Autobiografie“, betont die Autorin: Sie schätzt die Freiheit, im Roman die Dinge so entwickeln zu können, wie sie sich das vorstellt. Wobei diese Vorstellung am Anfang sehr vage sei, schildert sie: „Das wächst erst beim Schreiben. Das macht es auch für mich spannend.“

Dem Verarbeiten eigenen Erlebens blieb sie auch in „Das Katzenmädchen“ treu. Dieser Roman spielt tatsächlich in Kelheim und beschreibt eine unglückliche Mutter-Kind-Beziehung. „Ziemlich dicht dran“ an ihrer eigenen Beziehung zur Mutter sei das, gesteht sie – ein Umstand, der ihr viele Diskussionen mit ihrem Bruder einbrachte.

Den Schauplatz von „Emma Stadlbauer“ – ein Buch, das sie durchaus auch als Sozialkritik verstanden wissen will – verlegte sie dann lieber Richtung Donaumoos: „Man kann ja nicht immer Kelheim nehmen“, zumal bei so einem tragischen Thema, erklärt sie mit leichtem Schmunzeln. Aber auch in diese Handlung floss eigenes Erleben ein; die Traumatisierung von Kriegsheimkehrern etwa musste sie bei ihrem eigenen Stiefvater miterleben.

Schreiben bleibt ein Hobby

Das Verfassen von Büchern ist Hannelore Deinert mittlerweile zur Herzensangelegenheit geworden; sie absolvierte sogar ein Fernstudium „Literarisches Schreiben“. Dennoch werde es ein Hobby bleiben. „Man kann ja nicht leben davon“; schwierig genug sei es, einen Verlag zu finden. Mit „Emma Stadlbauer“ kam sie beim Berliner Frieling-Verlag unter.

Ihm will die Vielschreiberin auch ihr nächstes Werk anbieten; die Geschichte ihres eigenen Sohnes, ebenfalls wieder in einen Roman transferiert. Das hat ihr freilich bereits die mehr oder weniger scherzhafte Drohung ihrer Tochter eingebracht, „wenn Du ein Buch über mich schreibst, schreib ich eines über Dich…“

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