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Serie

170 Jahre im Dienste des Biers

Dem Langkeller wurde durch Technisierung sein ursprünglicher Nutzen entzogen. Unbrauchbar und vergessen ist er aber nicht.

  • Hinter dem unscheinbaren Portal erstreckt sich ein 600 Quadratmeter langes Kellergewölbe - das tausende Bierkästen beherbergt. Foto: Schneider Weisse
  • 30 Meter weit geht es in den Langkeller hinein. Quer durch führt ein Schienenstrang für die Lore. Foto: Buchner

Kelheim.Grillen zirpen, die Vögel zwitschern, Bäume rauschen im Wind. Seit 170 Jahren befindet sich in dieser Idylle ein aus Kalksteinquadern gemauertes Portal. Unauffällig und scheinbar vergessen steht es nahe der Rennstrecke am Ortsrand von Kelheim. Täglich fahren hunderte Autos direkt an ihm vorbei, doch den meisten wird es gar nicht auffallen - die Natur hat das Gemäuer inzwischen überwuchert. Ein Schild verrät den Namen: Langkeller. Einen Keller würde man auf den ersten Blick nicht erwarten und das Portal macht nicht den Anschein, als würde sich dahinter überhaupt etwas befinden. Ein Relikt aus vergangenen Zeiten, dem Verfall preisgegeben?

Stephan Butz Foto: Buchner
Stephan Butz Foto: Buchner

Eduard Fichtner (61), Prokurist bei der Brauerei Schneider, und Stephan Butz (27), Biersommelier, öffnen der MZ heute die Tür und zeigen, dass das genaue Gegenteil der Fall ist: Der Langkeller ist immer noch „in Betrieb“. Mit der Zeit hat sich aber Vieles geändert.

Wir stellen Gebäude vor, die verlassen, verborgen oder vergessen wirken. Hier lesen Sie die anderen Teile der Serie „Türöffner“.

Eine andere Welt

„Wenn man den Langkeller betritt, ist man in einer anderen Welt“, sagt Eduard Fichtner. Und er hat recht. Als sein junger Kollege Stephan Butz die schwere alte Holztür öffnet, fliegen aus der Dunkelheit Falter hinaus ins Tageslicht. Eine Fledermaus hängt an der Decke. Es ist dunkel. Aber hinter einem langen, schmalen Gang erstreckt sich der Keller mit beeindruckenden 600 Quadratmetern auf mehrere Räume aufgeteilt. 1850 wurde er von Jakob Ihrler, dem damaligen Besitzer des Weissen Brauhauses, in den Hang am Kelheimer Ortsrand als Lagerstätte für Bier hineingebaut. Später vererbte er ihn seinem Schwiegersohn Karl Anton Lang, der ihn in dieser Funktion weiter nutzte und Namensgeber für den Keller ist. Seit 1928 befindet er sich im Besitz der Brauerei Schneider.

Ein Blick in den Keller:

Langkeller Kelheim 2 - Spherical Image - RICOH THETA

Dass das Gebäude von Beginn an als Lagerraum gedacht war, ist nicht zu übersehen: Im Innenraum führt ein Schienenstrang für eine Lore quer durch das Gemäuer. Mit ihr beförderten damals die Arbeiter das Bier in den Keller, nachdem die Kästen und Fässer zunächst mit Pferdekutschen von der Brauerei zum Eingang des Langkellers transportiert wurden. Dort stellten die Arbeiter sie auf die Lore und schoben sie über die rund 30 Meter langen Schienen in den Keller. In den Lagerräumen angekommen, stapelten sie die Kästen; der Keller bietet Platz für Tausende von ihnen – und zudem herrschen dort perfekte Lagebedingungen. In dem Gewölbe ist es kühl, es hat nur um die acht Grad, während das Thermometer außerhalb bei unserem Besuch 27 Grad anzeigt. Früher wurde zusätzlich mit natürlichem Eis nachgeholfen, um die Temperaturen niedrig zu halten - Kühlaggregate gab es zur damaligen Zeit noch nicht. Sie wurden erst circa 1880 von dem deutschen Ingenieur Carl von Linde erfunden. Seine Hauptzielgruppe waren dabei tatsächlich die Brauer. Denn gerade für sie stellte die Kühlung einen aufwändigen Prozess dar.

Von der Natur überwuchert: Der Langkeller nahe der Kelheimer Rennstrecke. Foto: Buchner
Von der Natur überwuchert: Der Langkeller nahe der Kelheimer Rennstrecke. Foto: Buchner

Auch beim Langkeller war das früher harte Arbeit. Um selbst Eis produzieren zu können, war gegenüber des Kellers ein meterhohes Holzgestell aufgebaut. Im Winter wurde auf die darüber laufende Wasserleitung Wasser gespritzt. Das führte dazu, dass sich große Eiszapfen bildeten, die die Arbeiter anschließend in den Langkeller transportierten. Das Eis kühlte die Raumtemperatur herab und gewährte eine beständige Temperatur, auch im Sommer. Durch die Hanglage des Langkellers hielt es sich über mehrere Monate hinweg: „Gegen 15 bis 16 Uhr kommt hier schon keine Sonne mehr hin. Zusätzlich spenden die Bäume viel Schatten“, erklärt Fichtner. Viele der Bäume wurden erst nach der Errichtung des Kellers gepflanzt. Bevorzugt Kastanien, weil ihre großen Blätter besonders gut vor Sonneneinstrahlung schützen. Dieses Konzept führte auch zur „Geburtsstunde“ des Biergartens: kühles Bier, ein schattiges Plätzchen und Sitzgelegenheiten – und bald wurde es zu einem beliebten Platz für die Kelheimer.

Ein Blick in den Keller:

Langkeller Kelheim - Spherical Image - RICOH THETA

„Das war wunderschön damals. Blaskapellen haben gespielt, man hat Bekannte getroffen und dort gemeinsam viel Zeit verbracht. Das war immer ein richtiges Ereignis, wenn wir am Wochenende als ganze Familie dorthin gewandert sind“, erinnert sich Fichtner. Zu dieser Zeit war der Keller „nur“ für die Aufbewahrung des Bieres, das in der anliegenden Gaststätte verkauft wurde, gedacht. Es konnte in dem Keller gekühlt und damit korrekt gelagert werden. Die Wirtsleute holten über einen Aufzug, der manuell mit Holzrädern betrieben wurde, das kühle Bier aus dem Keller und versorgten damit die Gäste. Bei den Kelheimern kam das an: „Lange Zeit hieß es: Im Langkeller bekommst du des beste Bier“, erzählt Fichtner.

„Vintage-Flair“ wird genutzt

Die fortlaufende Technisierung entzog dem Langkeller irgendwann seinen ursprünglichen Nutzen, auch die Gaststätte wurde geschlossen und der Ort stand kurz vor dem Vergessen. Unbrauchbar wurde er aber nicht. Seit einigen Jahren lagert die Brauerei Schneider hier ihr „Aventinus Vintage“ Bier und macht sich die Dunkelheit und die konstanten Temperaturen zu Nutze. „Vintage“ ist dabei nicht nur das Bier, sondern auch seine Lagerstätte. Drei Jahre ruht es dort, um ähnlich wie Wein ein gereifteres Aroma zu entwickeln. Die Kästen werden übrigens immer noch per Hand in das Gewölbe transportiert. Die Anlieferung zum Keller erfolgt inzwischen zwar nicht mehr mit Pferdegespannen, aber die Lagerung im Keller muss immer noch ohne maschinelle Hilfe ablaufen. „Es ist hier so eng, da könnte kein Gabelstapler durchfahren“, erklärt Butz. Und das Bier, das in diesem unscheinbaren Gewölbe in Kelheim lagert, hat danach noch eine weite Reise vor sich: Knapp 90 Prozent davon werden in die USA exportiert, sagt Butz - vom Langkeller direkt in die weite Welt.

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