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Genuss

Warum Bier mehr kann als Wein

Die Biersommeliers Guido Grote und Stephan Butz von Schneider Weisse aus Kelheim ernten oftmals komische Blicke.
von Benjamin Neumaier

Guido Grote ist Verkaufsleiter Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen für Schneider Weisse – und deutscher Biersommelier-Vizemeister. Stephan Butz war lange jüngster Biersommelier Deutschlands.
Guido Grote ist Verkaufsleiter Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen für Schneider Weisse – und deutscher Biersommelier-Vizemeister. Stephan Butz war lange jüngster Biersommelier Deutschlands. Foto: Stöcker

Kelheim.Biersommeliers schießen nicht gerade aus dem Boden, dennoch wächst die Gemeinschaft der Gerstensaft-Experten kontinuierlich – und das nicht nur in Bayern oder Deutschland, sondern mittlerweile auch in Österreich, Tschechien, Italien, Belgien, den Niederlanden, Brasilien oder Neuseeland. 1300 Biersommeliers gibt es in Deutschland, seit die Ausbildung vor etwa acht Jahren in Deutschland startete. Bei der Brauerei Schneider und Sohn in Kelheim führen nicht nur zahlreiche Mitarbeiter den Titel Biersommelier, unter ihnen sind auch der amtierende deutsche Vizemeister (wir berichteten), Guido Grote und der lange zeit jüngste deutsche Biersommelier, Stephan Butz. Im Interview mit der Mittelbayerischen Zeitung sprechen sie über die Weltmeisterschaft in São Paulo, über die besten Biere im Landkreis und warum die Welt den Beruf des Biersommeliers braucht.

Herr Grote, Herr Butz, können sie als Biersommelier überhaupt ein Bier noch so trinken, wie das Otto-Normalverbraucher tut?

Grote: Die Zeiten sind vorbei. Ich muss vor dem Trinken an jedem Bier riechen – das ist mein Fluch. (lacht)

Butz: Egal, ob ich das Bier kenne oder nicht, ich rieche auch dran. Grade in Restaurants werde ich da komisch beäugt. Wenn ich es mir recht überlege: Eigentlich rieche ich so ziemlich an allem – das ist irgendwie nicht mehr normal.

Grote: Wir sind ja auch nicht normal, nähern uns dem Bier von einer anderen Seite.

Inwiefern?

Grote: Wir wollen das Bier nicht nur trinken, sondern teilen es in Kategorien ein: Obergärig, untergärig, Spontangärung. Wie könnte ich das Bier beschreiben, welche Frucht-, Geschmacks- oder Malznoten hat es. Zu Welchen Speisen würde es passen.

Butz: Wobei es ja teils noch verquerer läuft. Seit ich Biersommelier bin, suche ich mir oft nicht mehr das Bier zum Essen aus, sondern das Essen zum Bier.

Seit wann sind sie denn Biersommeliers?

Butz: Ich habe die Ausbildung 2012 abgeschlossen und Guido glaube ich 2008.

Grote: Ich war damals einer der ersten Hundert weltweit.

Butz: Und ich einige Zeit der jüngste.

Und warum sind Sie überhaupt Biersommelier geworden?

Grote: Weil ich Lust dazu hatte. Es geht um eine andere Sichtweise auf Bier – eine teils schon wissenschaftliche Herangehensweise. Für mich als Verkaufsleiter war es natürlich super, mehr über das Produkt zu wissen, das ich verkaufe.

Also hätten Sie die Ausbildung – die 3000 Euro kostet, als Privatmann nicht gemacht?

Grote: Schwierig zu sagen, aber wohl eher nicht. Aber da ich seit 20 Jahren in der Brauer-Branche arbeite und auch gerne Bier trinke, war es wohl meine Berufung. Es ist aber schon so, dass ein sehr hoher Prozentsatz der Biersommeliers aus dem Brauerei-Gewerbe, dem Getränke-Großhandel oder der Gastronomie stammt.

Aber auch in dieser Schiene hat er sich als Beruf noch nicht durchgesetzt.

Grote: Da ist der erste Schritt getan. Aber ich sehe den Biersommelier schon in der Anerkennung begriffen. In München, Hamburg, Berlin oder Hannover gibt es bereits Lokale, die einen Biersommelier angestellt haben. In zehn Jahren sprechen wir vielleicht ganz anders darüber.

Hand aufs Herz – braucht man einen Biersommelier?

Butz: Nicht jeder braucht ihn, aber es ist nicht so, dass er unnütz wäre.

Grote: So ist es. In der Brauerszene wird gerade mit zahlreichen Spezialitäten-Bieren experimentiert. Hopfenzüchtungen werden ausprobiert, Bierstile vermischt – kurz gesagt: Neue Wege gegangen.

Butz: Deshalb wird das nicht jeder ausprobieren, sondern der ein oder andere auch bei seinem Bier bleiben, aber der Biersommelier kann die Bierliebhaber schon auf neue Trends aufmerksam machen.

Grote: Und irgendwann kriegen wir sie alle!

Kann es der Biersommelier jemals auf eine Stufe mit dem Weinsommelier schaffen?

Grote: Warum nicht. Wir nähern uns unserem Produkt auf ähnliche Weise. Wir testen das Aroma, die Spritzigkeit, die Farbe, den Geschmack, erstellen ein Aromaprofil und geben Speisetipps.

Butz: Der Weinsommelier war um einiges schneller – das hat die Bierbranche ehrlicherweise Jahrzehnte verschlafen.

Grote: Dafür bieten sich uns beim Bier noch weit mehr Möglichkeiten. Die Spielwiese ist mit Hopfen - oder Malzsorten sowie Malzröstungen oder Hefen auch innerhalb des Reinheitsgebots riesig –das kann Wein nicht leisten.

Dieser Spruch ist das Credo der Biersommeliers – ihr Bierhorizont erstreckt sich aber über die ganze Vielfalt der Erde.
Dieser Spruch ist das Credo der Biersommeliers – ihr Bierhorizont erstreckt sich aber über die ganze Vielfalt der Erde. Foto: Stöcker

Also überholt der Bier- irgendwann den Weinsommelier?

Butz: Wir sollten nicht übertreiben, auf dem Boden bleiben. Wir müssen die Leute in unseren Seminaren mitnehmen, sie Bier neu erleben lassen, das Gefühl Bier neu definieren.

Grote: Wir stehen wie gesagt am Anfang. Der Weinsommelier hat mehr als ein Jahrhundert Vorsprung. Außerdem hat der Wein als Getränk auch Vorteile.

Und die wären?

Grote: Dass man eine geöffnete Flasche auch am nächsten Tag noch genießen kann.

Butz: Außerdem ist Wein als edleres Getränk im Gedächtnis der Menschen verankert. Zudem sehe ich den Alkoholgehalt als Grund: Eine Flasche Bier mit fünf Prozent Alkohol ist schnell aufgemacht und getrunken. Bei einer Flasche Wein mit zwölf oder mehr Prozent überlege ich mir den Genuss wirklich genauer – da will ich 100-prozentig sicher sein, dass ich die auch genau jetzt trinken will.

Jetzt halten Sie ja ein Plädoyer für den Wein!

Grote: Genau, lieber schnell ein anderes Thema, bitte.

Weil wir gerade bei der Menge sind –kaufen Sie ihr Bier noch kastenweise oder nur ausgewählte Einzelflaschen?

Grote: Vom Haus- und Hofbier habe ich immer einen Kasten zu Hause – ich habe ja auch mal Durst. Und neben allem Genuss hat Bier auch eine gesellige Aufgabe – dazu braucht man meist mehr als eine Flasche.

Butz: Als Biersommelier kaufe ich mir Einzelflaschen, für den Privatgebrauch steht ein Kasten in der Garage.

Apropos privat: Trinken Sie jetzt mehr Bier als vorher?

Butz: Definitiv. Vor allem trinke ich so viele unterschiedliche wie möglich – und ich muss zugeben, dass ich früher mit Bier gar nicht so viel anfangen konnte. Jetzt ist der Genuss weit bewusster.

Grote: Mehr nicht, aber breiter gestreut schon. Es gibt so einen weiten Geschmackshorizont...

...den der Experte schon, der Laie aber wahrscheinlich gar nicht wahrnimmt.

Grote: Das mag sein, aber auch der Laie kann mit einfachen Regeln seinen Horizont erweitern.

Das wird den Laien jetzt aber interessieren.

Grote: Bier gewinnt in Verbindung mit Speisen an Qualität. So schmeckt ein Porter hervorragend zu Austern –die Röstaromen und der Restzucker in Verbindung mit dem salzigen Geschmack der Auster sind bombastisch.

Das können sie als Biersommelier und Koch beurteilen, der Laie wird sich bei der Auswahl aber harttun.

Die Auswahl der Bierpalette ist riesig.
Die Auswahl der Bierpalette ist riesig. Foto: Stöcker

Grote: Grundsätzlich passen helle Speisen zu hellen Bieren, dunkle Speisen zu dunklen Bieren. Bittere Biere passen zu scharfen oder stark gewürzten Speisen, dunkle oder Bockbiere hervorragend zu Nachspeisen. Ein Mousse au Chocolat mit unserem Aventinus – Wahnsinn. Und der Blick muss dabei nicht in die Ferne schweifen – in der Region gibt es hervorragende Biere.

Ihre Top fünf?

Butz/Grote: Unser Aventinus liegt ganz vorne, gefolgt von Schneiders Unser Original. Auf Platz drei steht das Barock-Dunkel aus Weltenburg, gefolgt von Kriegers Doldensud und dem Weltenburger Anno 1050.

Ein Schwenk vom Landkreis nach Brasilien. Sie, Herr Grote, sind als deutscher Vizemeister für die WM der Biersommeliers in Brasilien qualifiziert – wie gehen sie die Titelkämpfe an?

Grote: „Ich gehe mit der Nationalmannschaft ins Trainingslager, beginne meine eigene Vorbereitung aber schon etwas sechs Wochen vorher.

Und die läuft wie?

Grote: Ich probiere verschiedene Biere, präge mir deren Geschmack, Aroma, Schaumgehalt und Farbe ein. Das braucht Zeit, schließlich ist Alkohol im Spiel.

Und wann sehen wir Sie bei der WM, Herr Butz?

Butz: Ich will bei der deutschen Meisterschaft erstmal die Vorrunde überstehen – da hab ich diesmal leider gepatzt. Mit Guido hab ich den Lehrmeister aber im Haus.

Sommeliers im Selbstporträt

  • Guido Grote:

    Von Beruf bin ich Betriebswirt für Hotel und Gastättenwesen, bin seit 2006 bei Schneider Weisse tätig und seit 2008 Biersommelier. Ich bin seit 19 Jahren im Brauerei Geschäft, bin gelernter Koch.

  • Ich bin für den Verkauf von Schneider Weisse im Nord-Westen für Gastronomie , Einzelhandel und Großhandel zuständig.

  • Ich habe im letzten Jahr 30 Bier-Tastings im Handel und Gastronomie quer durch die Republik gemacht. Zudem bin ich seit Kurzem deutscher Vizemeister der Biersommeliers und fahre im Juli zur Weltmeisterschaft nach Sao Paulo.

  • Stephan Butz:

    Ich arbeite seit 2008 bei Schneider Weisse und bin dort hauptsächlich zuständig für das operative Marketing. Das heißt vor allem Groß-Veranstaltungen im oder außerhalb unseres Hauses zu organisieren, sowie Messeauftritte zu koordinieren und zu planen. Ich bin seit 2012 Biersommelier, war deutschlandweit der Jüngste. Aktuell absolviere ich ein duales Studium um zum Betriebswirt mit dem Schwerpunkt Absatzwirtschaft. In einem Kalenderjahr veranstalte ich etwa 15 Bier-Verkostungen mit Endverbrauchern und Fachpublikum.

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