mz_logo

Kelheim
Freitag, 25. Mai 2018 24° 8

Entlastung

Wütend, hilflos und total fertig

Anita Maier weiß, wie anstrengend die Pflege Demenzkranker ist. Ein Modellprojekt im Kreis Kelheim will Angehörigen helfen.
Von Beate Weigert

  • Gestelltes Themenbild zum Thema Demenz – eine ältere Frau greift sich an den Kopf. Das Modellprojekt im Landkreis Kelheim „Helfen – und selber gesund bleiben!“ will Angehörige von Menschen mit Demenz auffangen und emotional stark machen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand /dpa
  • Eine Pflegekraft und eine ältere Dame schauen sich gemeinsam ein Fotoalbum an. Das Langzeitgedächtnis bleibt bei dementen Menschen am längsten aktiv.Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa
  • Ein Mann hält die Hand seiner Ehefrau, die an Alzheimer erkrankt ist. Das Kelheimer Modellprojekt will pflegenden Angehörigen unter anderem helfen, mit Konflikten in der Familie und negativen Gefühlen besser umzugehen. Foto: Oliver Killig/dpa
  • Sie packen beim Modellprojekt im Landkreis Kelheim u.a. an: (v.li.) Dr. Tobias Wächter, Chefarzt der Neurologie bei Passauer Wolf in Bad Gögging, Helmut Blaimer, Landrat Martin Neumeyer, H. Goller, Gerrit Idsardi, Barbara Engl und Prof. Regina Mulder von der Uni Regensburg Foto: Alzheimer Gesellschaft Kreis Kelheim

Kelheim.„Ich hab’ mich so hilflos gefühlt, du hörst die Diagnose und stehst da, wie ein Depp“, sagt Anita Maier aus Aiglsbach. Als ihr Mann im Alter von nur 54 Jahren Alzheimer attestiert bekam, war das niederschmetternd. Oft war sie bei Arztbesuchen froh, „wenn wir wieder gegangen sind“, sagt sie heute im Rückblick. Denn groß Hilfe und Orientierung gab es 2008 nicht. „Ich hätte mir gewünscht, dass ich weiß, wo ich hingehen soll“, sagt die Krankenschwester.

Vor drei Jahren ist Anita Maiers Mann gestorben. Auch um eine Tante ihres Mannes kümmerte sie sich. Sie war an einer anderen Form der Demenz erkrankt und starb vergangenen November. Das Thema hat sie seither trotzdem nicht losgelassen. Sie ist Mitglied in der Alzheimer Gesellschaft für den Landkreis Kelheim. Diese bekam vom bayerischen Gesundheitsministerium den Zuschlag für ein Modellprojekt (siehe Infostück).

Unter der Überschrift „Helfen – und selber gesund bleiben“ sollen in den kommenden zwei Jahren unterstützende Bausteine für pflegende Angehörige entwickelt werden. Anita Maier will mitarbeiten und sich für das Thema engagieren, damit es andere Angehörigen leichter haben. Insbesondere solche mit „jungen“ erkrankten Angehörigen.

Immer mehr Erkrankte

Denn es sind längst nicht nur Senioren weit jenseits der 80, die betroffen sind. Wie viele Menschen im Kreis Kelheim an einer Form von Demenz leiden, ist nicht bekannt. Bayernweit sind es laut Gesundheitsministerium mehr als 230 000. Experten schätzen, dass sich die Zahl bis 2020 auf rund 270 000 und bis 2032 auf etwa 340 000 Erkrankte erhöhen wird. Ein paar Tausend Betroffene dürfte es bei knapp 120 000 Einwohnern in der Region geben.

Dass deren Zahl stetig stark steigt, spürt beispielsweise auch Stephanie Wöhrl von der Abensberger Caritas-Fachstelle für Pflegende Angehörige.

Sehen Sie hier ein Erklärvideo „Was ist Demenz eigentlich?“

Rund zwei Drittel der Demenzkranken in Bayern werden über lange Phasen der Erkrankung zu Hause versorgt. So war es auch bei Anita Maiers Mann. Erst ganz am Schluss war er für wenige Wochen in einer Klinik und in einem Pflegeheim. Über die sieben Jahr davor sagt Maier: „Wir haben das Beste daraus gemacht, er hat immer das gemacht, was er noch machen konnte und das ging relativ lange gut.“

Das Modellprojekt

  • Das Modellprojekt

    „Helfen und selber gesund bleiben!“ wird vom bayerischen Gesundheitsministerium mit rund 100 000 Euro gefördert. Es läuft zwei Jahre. Projektträger ist die 2016 gegründete Alzheimer Gesellschaft im Kreis Kelheim.
    sind angedacht – Coachings für Angehörige, damit diese mit negativen Gefühlen umgehen lernen, Konflikthilfe in Familien sowie der Aufbau einer Infoplattform.
    , die am Projekt teilnehmen möchten, lassen sich vormerken unter info@alzheimer-kelheim.de. Für Fragen aller Art steht 2. Vorsitzender Gerrit Idsardi zur Verfügung, Tel. (0175) 6 67 45 74. Wichtig ist ihm, Hemmschwellen abbauen, damit Angehörige überhaupt Angebote annehmen. (re)

Doch Alzheimer bedeutet Verlust in Etappen. „Da bist du total allein, kannst nichts mehr fragen.“ Von der Geldanlage bis zu hin anderen wichtigen Angelegenheiten. Und selbst bei Kleinigkeiten wolle man den anderen nicht ständig belasten, indem man Fragen stellt, die dieser nicht mehr beantworten kann und so ständig seine Unfähigkeit vor Augen geführt bekommt. Und dadurch grantig wird.

Gestelltes Bild zum Thema Demenz - Ein Zettel mit dem Hinweis „Herd aus“ haftet an einem Kochherd. Erkrankte können im Lauf der Zeit mit vielen gewohnten Geräten nichts mehr anfangen bzw. wissen nicht, ob etwa der Herd an oder aus geschaltet ist. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Später als die Fähigkeiten noch mehr nachließen und es für ihren Mann zu gefährlich wurde, aufs geliebte Fahrrad zu steigen, weil er die Spur nicht mehr halten konnte, da war Anita Maier „die Böse“, die ihm das verbieten musste.

Das sind Situationen, die emotionalen Sprengstoff bergen. Die Angehörige fertigmachen und belasten, weil sie mit Wut, Angst oder Ohnmacht einhergehen können, weiß Gerrit Idsardi.

Gerrit Idsardi aus Bad Abbach koordiniert das Modellprojekt. Foto: Hueber-Lutz

Der Bad Abbacher führt mit Landrat Martin Neumeyer die Alzheimer Gesellschaft im Landkreis Kelheim. Seit Anfang Januar 2018 koordiniert der 55-Jährige das Modellprojekt „Helfen – und selber gesund bleiben!“ Bis zum Sommer sollen die einzelnen Teile inhaltlich erarbeitet sein. Der Lehrstuhl für Pädagogik der Uni Regensburg begleitet die Umsetzung wissenschaftlich. Später sollen die im Landkreis erprobten Trainingskonzepte und Leitfäden überregional zur Verfügung stehen.

„Da war ich ziemlich am Ende“

Auch eine Demenz-Erkrankung selbst verändert die Betroffenen. Manche werden böse und aggressiv oder haben auf einmal einen ungeheuren Bewegungsdrang. Letzteren verspürte Anita Maiers Mann. Nahezu 24 Stunden war er auf einmal herumgelaufen. Da hatte sie keine ruhige Minute mehr und „war ziemlich am Ende“, sagt die Aiglsbacherin. Andere Erkrankte reden plötzlich ununterbrochen, Anita Maiers Mann bekam Wortfindungsstörungen. Er begann zwei Worte zu sagen und konnte dann nicht mehr weiterreden. Irgendwann habe er dann gar nichts mehr gesagt.

Sehen Sie hier eine Arte-Dokumentation „Wie gehe ich mit dementen Menschen um?“

Oft wird sie gefragt, wie sie das alles geschafft hat. „Ich hatte genug Kraft, dass ich das konnte. Wenn man muss, dann geht vieles“, sagt Maier. Sie habe sich aber auch selbst geschützt, ging raus, machte mal einen Ausflug oder ging zur Chorprobe. Sie kennt den Teufelskreis, in dem viele Angehörige stecken. Die Angst, den Partner zeitweise in andere Hände zu geben.

„Im Ort und der Familie kein Geheimnis draus machen. Uns hat das gutgetan.“

Anita Maier, Betroffene aus Aiglsbach

Als ihr Mann sich nicht mehr artikulieren konnte, fragte sie ein Arzt, wie sie wisse, was er gerade wolle. „Ich brauche ihn nur anzuschauen, dann weiß ich es. Es ist der Partner, den man Jahrzehnte kennt, den man beschützt.“

Anita Maiers Rat an Betroffene: „Im Ort und der Familie kein Geheimnis draus machen. Uns hat das gutgetan.“ Und es hatte in jeder Phase Vorteile. Erst ging ihr Mann mit Freunden kegeln oder spazieren, später haben ihn die Leute vom Dorf heimgebracht, wenn er sich verlaufen hatte.

Das neue Projekt soll bereits bestehende Angebote wie die Fachstelle der Caritas für Pflegende Angehörige ergänzen.

Mehr Infos zur Alzheimer Gesellschaft im Landkreis Kelheim gibt es hier.

Mehr Aktuelles aus der Kreisstadt Kelheim lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht