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Umdenken

Fehlen Mitfahrer, sind Anschieber nötig

Im ländlichen Raum ist klassischer ÖPNV teuer und unattraktiv. Wir stellen drei kreative Alternativen vor.
Von Martina Hutzler

Das Postkutschen-Modell im 21. Jahrhundert: Der „Kombibus“ im Landkreis Uckermark befördert Personen und Waren gleichzeitig. Foto: Uckermärkische Verkehrsgesellschaft mbH
Das Postkutschen-Modell im 21. Jahrhundert: Der „Kombibus“ im Landkreis Uckermark befördert Personen und Waren gleichzeitig. Foto: Uckermärkische Verkehrsgesellschaft mbH

01 Zurück in die Zukunft: Der uckermärkische kombiBus

Die Vergangenheit hat manch zukunftsträchtige Idee parat. Was die gute alte Postkutsche einst konnte, lernt jetzt der „kombiBus“ in der Uckermark neu: Er bringt Menschen und Waren von Haltestelle zu Haltestelle. In dem dünn besiedelten brandenburgischen Landkreis soll die Kombination von Linienbus mit Post-, Kurier- und Fahrdienst sowohl die Nahversorgung als auch die Auslastung und Rentabilität des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV) verbessern.

Die Idee der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft (UVG) ist simpel: Linienbusse steuern täglich zu festen Zeiten ein festes Netz an Haltepunkten an – diese lassen sich also auch als zuverlässig planbare Be- und Entladestationen nutzen. UVG-Kunden sind zum Beispiel Erzeuger von regionalen Produkten, kleine Lebensmittelläden und Gastronomien. Ihre Kleinstmengen rechnen sich nicht für große Logistikunternehmen. Die „echte“ Transportbranche sei daher Partner, kein Konkurrent der UVG, erklärt Geschäftsführer Lars Boehme. Die UVG wiederum kooperiert ihrerseits für die „letzte Meile“ zwischen Haltestelle und Haustür mit anderen Dienstleistern. Nutzen können den kombiBus auch Touristikbetriebe, die zum Beispiel wandernden Gästen den Gepäck-Transport anbieten. Oder Firmen, die Material zwischen Standorten verfrachten wollen.

Das Postkutschen-Modell im 21. Jahrhundert: Der „Kombibus“ im Landkreis Uckermark befördert Personen und Waren gleichzeitig. Foto: Uckermärkische Verkehrsgesellschaft mbH
Das Postkutschen-Modell im 21. Jahrhundert: Der „Kombibus“ im Landkreis Uckermark befördert Personen und Waren gleichzeitig. Foto: Uckermärkische Verkehrsgesellschaft mbH

Die Idee holte sich die UVG im noch dünner besiedelten Skandinavien. Dort, so Boehme, steuere die Warenbeförderung bis zu 25 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Davon ist die UVG weit entfernt, mit „deutlich unter einem Prozent Umsatzanteil“, erklärt der Ingenieur: Seit Projektstart 2012 wachse das Modell stetig, aber eben langsam.

Die Logistik von Personen- und Güterbeförderung passt nach seinen Worten gut zusammen. Planbar ist das eine dank Fahrplan und das andere, weil das Reise-Gut tags zuvor telefonisch, per Fax oder online angemeldet wird. Das Waren-Ein- und Ausladen wird außerhalb der ÖPNV-Stoßzeiten eingetaktet; so lässt sich der Fahrplan einhalten.

Wichtig sei, die Fahrer von Anfang an einzubinden, so Boehme. Das Ein- und Ausladen der maximal 25 Kilo schweren Pakete zähle für die ansonsten sitzenden Fahrer sogar zum betrieblichen Gesundheitsmanagement. Freilich muss die UVG bei der Personalplanung beachten, wenn jemand zum Beispiel nicht schwer heben darf. Verstaut wird das Gepäck in Hochflur-Bussen im Kofferraum. Für Niederflurbusse sind absperrbare Regale hinterm Fahrersitz geplant. Auch ein Anhängersystem für Dauerkunden mit größeren Warenmengen wird getestet.

Mittlerweile kommt der kombiBus im Schnitt auf täglich eine Sendung, also bis zu 250 Kilo; meist aus mehreren Einzelpaketen bestehend. Aber es kann auch mal nur eine vergessene Zierleiste sein, die ein Küchenbauer seinem Montage-Trupp per Kombibus nachschickt.

02 Einsatzbereit wie die Feuerwehr: „mobil50plus“

Zwei Gemeinden mit insgesamt 8000 Einwohnern, verstreut über 120 Quadratkilometer Land – ein ÖPNV-Alptraum, wie er im Alpenland Österreich öfter vorkommt. In der steirischen Gemeinde Pöllau aber hat Fritz Pötz vor vier Jahren die Initiative ergriffen und „mobil50plus“ angestoßen. Ähnlich dem Prinzip Nachbarschaftshilfe, beschränkt es sich aufs Befördern von Bewohnern der Gemeinden Pöllau und Pöllauberg.

Das Prinzip ist einfach und „komplett unbürokratisch“, schildert Fritz Pötz: Ein Team aus derzeit vier ehrenamtlichen Fahrern kutschiert Bürger zum Rathaus, zum Arzt, zum Kaffeeklatsch oder wohin auch immer – man muss sich nur einen Tag vorher anmelden. Jeweils ein Fahrer hat dazu einen Monat lang das „Diensthandy“ bei sich und führt in diesem Monat die Fahrten durch. Ein zweiter Fahrer übernimmt als „Bereitschaftsdienst“ bei Bedarf die Vertretung. Die örtliche Sparkasse unterstützt das Projekt finanziell und administrativ.

Die Fahrer nutzen ihr eigenes Auto und verlangen nur 42 Cent pro Kilometer als Aufwandsentschädigung, plus eine Pauschale von fünf Euro je halber Stunde, falls sie irgendwo auf ihren Passagier warten sollen. Dank dieser Regelung „gelten wir als nicht gewinnorientiert“, was die rechtliche Abklärung des Projekts erleichterte. „Aber es hat ein Jahr gedauert, bis wir die Rahmenbedingungen hatten“, blickt Fritz Pötz zurück.

Sie sind „mobil50plus“: Fritz Pötz (2.v.re.) und sein Team Foto: Pötz
Sie sind „mobil50plus“: Fritz Pötz (2.v.re.) und sein Team Foto: Pötz

Einmal gestartet, kam das Projekt in Fahrt: Nach 3000 Transport-Kilometern im ersten Jahr waren Pöllaus ehrenamtlichen „Taxler“ im Jahr vier schon bei 12 000 Kilometern – obwohl außer ausgelegten Flugblättern und ab und an einer Anzeige in der Lokalzeitung keine Werbung betrieben wird, berichtet Pötz. Apropos Taxler: Mit dem einen am Ort habe man vorab geredet: Er werte „mobil50plus“ mit den vielen kleinen Fahrten nicht als Konkurrenz, berichtet Pötz.

Die Fahrer und ihre Zielgruppe ähneln sich: Zumeist Ältere, die selbst nicht (mehr) Auto fahren, nutzen das Angebot, und auch die Fahrer sind „in der Regel 5o plus“ – andere hätten kaum Zeit, je einen Monat auf Abruf als Chauffeur zu fungieren. Ein stabiles „Fahrerlager“ zusammenzuschweißen, sieht Initiator Pötz als zentrale und schwierigste Voraussetzung an: Eine Nachbargemeinde scheitere daran bislang, beobachtet der 70-Jährige. Er empfindet sein Engagement ähnlich wie das der Feuerwehr: Da sein, wenn man gebraucht wird.

Beispiele im Kreis Kelheim

  • Bürgerbus Langquaid

    Dienstagmorgens von jedem Ort/Ortsteil der Verwaltungsgemeinschaft in den Hauptort Langquaid; mittags retour: Bis zu 30 ältere Bürger nutzen dieses kostenlose Angebot für Arztbesuche, Cafébesuch etc. Dafür fährt Ludwig Meyerhofer (Vize: Georg Sachsenhauser) seit 2009 ehrenamtlich den Gemeinde-Bürgerbus.

  • Rufbus Mainburg

    Bei Anruf Bus: Das ist rund um Mainburg gescheitert. Drei Rufbus-Linien waren in der VG an zwei Tagen pro Woche eingerichtet – wurden in fünf Jahren aber nur zwei Mal genutzt. Zu umständlich, mutmaßt Bürgermeister Reiser. Er will es jetzt mit Fahrdiensten im Rahmen der Nachbarschaftshilfe probieren und auch neue Mobilitätsangebote suchen.

  • Nachbarschaftshilfen

    In 14 Städten und Gemeinden im Landkreis gibt es „Nachbarschaftshilfen“, und meist sind Fahrdienste ein häufig genutztes Angebot dieser ehrenamtlichen Helfer. Gerade ältere Leute sind froh, wenn sie auf diese Weise zum Einkaufen oder zum Arzt kommen – gerade Alleinstehenden bedeutet neben der Fahrt selbst auch der soziale Kontakt mit den Ehrenamtlern viel.

  • Teugns „Tausendfüßler“

    Einige Jahre lang war in Teugn der „Walking Bus“ unterwegs, „Teugner Tausendfüßler“ genannt: Grundschüler aus dem Ort gingen morgens gemeinsam und begleitet von Erwachsenen zu Fuß zur Schule. Wie ein Bus klapperte die Gruppe feste Stationen ab, an denen Schüler dazustießen. Die Initiative ist mittlerweile aber eingeschlafen.

03 Vom Projekt zum kleinen Unternehmen: „Dorfauto Gey“

„Am Land“ ist es ohne Auto hart bis unmöglich; oft muss sogar ein Zweitauto her, um zum Beispiel Arbeitsweg und Familientransporte zu vereinen. „Carsharing“ ist im ländlichen Raum noch selten – in der Eifel-Gemeinde Düren aber hat sich so ein Projekt mittlerweile etabliert.

Das „Dorfauto Düren“ war ursprünglich ein Baustein im EU-“Leader“-Projekt „E-ifel mobil“. Ab 2013 testeten fünf Orte in dem Landkreis ein Jahr lang ein gemeinsames Elektrofahrzeug. Übrig geblieben ist heute, nach Abschluss des EU-Projekts, nur noch die Großgemeinde Hürtgenwald – aber dort ist das Dorfauto nun dauerhaft nutzbar. Zwei engagierte Bürger organisieren es; sie haben dazu eigens eine kleine, nicht gewinnorientierte Unternehmergesellschaft (UG) gegründet.

Der eine Gesellschafter ist Helmut Rösseler. Der Ortsvorsteher des Hürtgenwalder Ortsteils Gey hat den kleinen Elektro-Citroen C-Zero täglich im Blick auf dessen Parkplatz in der Ortsmitte; Er kümmert sich um Praktisches wie Reifenwechsel. Mitgesellschafterin und UG-Geschäftsführerin Sylvia Fahle betreut das Online-Buchungssystem. Beide arbeiten ehrenamtlich. „Ohne bürgerschaftliches Engagement geht es nicht“, bekräftigt Rösseler, aber im Vergleich etwa zu einem Bürgerbus sei die Arbeit überschaubar.

Das „Dorfauto Gey“ hat sich dauerhaft etabliert. Foto: LAG Eifel
Das „Dorfauto Gey“ hat sich dauerhaft etabliert. Foto: LAG Eifel

Derzeit haben etwa 20 der 1600 Einwohner von Gey einen Nutzungsvertrag mit der UG – recht viel mehr Nutzer wären für das eine Auto auch nicht sinnvoll, schätzt Helmut Rösseler. Wer das Elektroauto braucht, schaut online nach der Verfügbarkeit und blockt es für den gewünschten Zeitraum. Pferdefuß ist bislang, dass man den Fahrzeugschlüssel eigens bei Frau Fahle holen muss. Aber ein elektronisches System für die Nutzer ist finanziell noch nicht „drin“.

Während der „Leader“-Förderung war das Fahren noch kostenlos. Jetzt muss die UG die laufenden Kosten – monatlich knapp 400 Euro für Versicherungen, Batterie-Miete etc. – erwirtschaften. Das Auto selbst konnte via Werbeaufdrucke finanziert werden. Es gibt drei Basis-Tarife: Wenigfahrer zahlen eine geringere Monats- und höhere Kilometerpauschale; bei Vielfahrern ist es umgekehrt, dazwischen liegt der Mittel-Tarif. Paar-, Familien- und „Disco-Tarife“ ergänzen das Grundgerüst.

Das E-Auto ist wartungsarm; seine 120 Kilometer Reichweite indes überschaubar. „Aber es heißt ja Dorfauto und nicht Reisebus“, fügt Helmut Rösseler an. Nur einem Nutzer machte es bisher mal schlapp – einen Kilometer vorm Ortsschild. Und aus eigenem Antrieb unerreichbar war die Präsentation des Projekts bei der „Grünen Woche“: Da musste ein ADAC-Transport den C-Zero nach Berlin kutschieren…

Weitere Infos: www.kombibus.de, www.mobil50plus.at, www.gey.mobilesdorf.de

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