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Nahverkehr

„Weichen für die Zukunft stellen“

Handlungsbedarf und gute Wirtschaftslage: für Kelheims Landrat ist jetzt der Zeitpunkt, Mobilität von morgen zu realisieren.
Von Martina Hutzler

Mobilität von morgen wird vielspurig sein müssen. Entscheidend sei, jetzt damit anzufangen, findet Kelheims Landrat Neumeyer. Foto: dpa
Mobilität von morgen wird vielspurig sein müssen. Entscheidend sei, jetzt damit anzufangen, findet Kelheims Landrat Neumeyer. Foto: dpa

Kelheim.Eine Woche lang Themenwoche „Nächster Halt: Zukunft!“ stellen wir vor, welche Mobilitätskonzepte und -projekte andernorts in Deutschland und im Ausland getestet werden. Das IHK-Gremium Kelheim, dessen Studie zu „neuer Mobilität“ dieser Themenwoche zugrunde liegt, hofft, dass auch bei uns neue Ansätze in Schwung kommen. Dafür zuständig ist in erster Linie der Landkreis. Deshalb haben wir bei Landrat Martin Neumeyer nachgefragt.

Landrat Martin Neumeyer Foto: hu/Archiv
Landrat Martin Neumeyer Foto: hu/Archiv

Was halten Sie vom Vorstoß des IHK-Gremiums Kelheim, sich des Themas Mobilität anzunehmen und ein Konzept dazu in Auftrag zu geben?

Es ist gut, dass sich die IHK einbringt. Auch wenn Mobilität kein reines IHK-Thema ist, sondern eher ein kommunalpolitisches, berührt es die Wirtschaft in vieler Hinsicht: Wie kommen zum Beispiel Berufspendler von A nach B, wie lässt sich Carsharing dafür nutzen. Insgesamt ein sehr zukunftsträchtiges Thema.

Wie finden Sie die Konzept-Vorschläge?

Vieles ist mir bekannt – ich fordere ja seit 20 Jahren alternative Bedienformen. Das Konzept enthält gute Ideen, und man wird für das Thema wieder sensibilisiert. Wichtig ist aber der Schritt von der abstrakten Idee in die Umsetzung – und das zieht Personal- und Finanzbedarf nach sich.

Welches Projekt gefällt Ihnen besonders?

Die Projekte im Landkreis Tirschenreuth, das „Baxi“ und „Der mim Board“, gefallen mir, die sind zukunftsweisend. ,Der mim Board’ ähnelt ja unserem „Nachtexpress“, den wir in Kelheim hatten.

Der aus Kostengründen beendet wurde…

Für feste Touren gibt es im Landkreis einfach zu wenig Locations, und das Fortgeh-Verhalten hat sich geändert. Aber Shuttle-Busse zu Veranstaltungen wären gut – gerade Jugendliche sind viel vernünftiger als man ihnen nachsagt: Sie wollen sicher zu Veranstaltungen hin und zurück kommen.

Aber auch der Tirschenreuther Veranstaltungs-Shuttle fährt nicht ohne Defizit.

Ja, aber Verkehrsmittel wie U-Bahn oder Busse sind letztlich auch Draufzahl-Geschäfte. In Tirschenreuth ginge es ohne staatliche Förderung nicht – die brauchen wir auch. Dafür bieten Angebote wie das „Baxi“ ja gerade Älteren die Chance, mobil zu bleiben. Und in Tirschenreuth sind für dieses Angebot auch kleine Unternehmen entstanden.

Kelheims neuer Nahverkehrsplan setzt den Schwerpunkt auf den Ausbau des klassischen Linienbus-Netzes; das IHK-Konzept sieht die Zukunft eher in alternativen Bedienformen. Was ist Ihnen wichtiger?

Beides ist wichtig, und beides kostet Geld. Klassische Buslinien sind unverzichtbar; schon weil die Schulbusse integriert sind. Der neue Nahverkehrsplan gibt vor allem kurzfristige Anpassungen vor, zum Beispiel den Anschluss neuer Wohngebiete. Aber ich gehe davon aus, dass man kaum genutzte Buslinien zugunsten alternativer Bedienformen auch streichen und damit sparen kann.

Bei alternative Formen scheint es, dass sie nie über den Probebetrieb hinauskommen – wie zuletzt der Mainburger Rufbus.

Ich glaube, dass den kaum einer gekannt hat! Gerade bei alternativen Bedienformen müssen Sie die Leute vom Sinn und der Attraktivität überzeugen, mit guter Werbung. Für’s „Baxi“ gibt es fantastische Werbetrailer! Aber entscheidend ist natürlich auch, dass das Angebot attraktiv ist: also etwa dicht getaktet, leicht bedienbar.

Spätestens da stellt sich wieder die Frage der Finanzierbarkeit…

Unser Landkreis muss mehr investieren und den Freistaat ins Boot holen. Die aktuell sehr gute wirtschaftliche Situation in Bayern gibt uns jetzt die Chance, Dinge auszuprobieren, Weichen für die Zukunft zu stellen.

Mobilität von morgen wird vielspurig sein müssen. Entscheidend sei, jetzt damit anzufangen, findet Kelheims Landrat Neumeyer. Foto: dpa
Mobilität von morgen wird vielspurig sein müssen. Entscheidend sei, jetzt damit anzufangen, findet Kelheims Landrat Neumeyer. Foto: dpa

Wird der Kreistag mitziehen?

Wenn unser Konzept schlüssig ist und niemanden ausschließt, dann rechne ich mit Unterstützung. Dazu müssen wir uns auch mit den Gemeinden verständigen: Was gibt es vor Ort, und was muss der Landkreis draufsetzen? Alle Angebote müssen aufeinander abgestimmt werden.

Die IHK fordert, dass es für all die nötige Koordinations- und Motivationsarbeit einen „Kümmerer“ braucht…

Natürlich braucht man jemanden, der Projekte begleitet, Überzeugungsarbeit leistet. So ein Betreuer müsste beim Landkreis angesiedelt sein.

Was muss Mobilität leisten?

  • Gabi Schmid,

    Die Seniorenbeauftragte im Landkreis Kelheim sagt: „Meiner Erfahrung nach bauen „die Senioren“ bei ihrer Mobilität in erster Linie immer noch auf private Kfz-Nutzung – sei es das eigene oder die Mitfahrt bei Bekannten oder Freunden. Die Einkaufsfahrt mit dem ÖPNV ist ja immer mit dem „Nachhausetragen“ der Einkäufe von der Bushaltestelle aus verbunden und das ist für die Älteren sehr beschwerlich. So werden sicherlich im Alter eher die Einkaufsmöglichkeiten nahe der Wohnung genutzt oder ebben Fahrmöglichkeiten mit dem PKW favorisiert. Hier kommt dann die Nachbarschaft oder eben auch Nachbarschaftshilfen ins Spiel. Für kleinere Reisen oder Ausflüge ist der Bus sicher ein beliebtes Transportmittel, das gerne genutzt wird und das bleibt auch so. Sollten Rufsysteme installiert werden, müssten diese schon sehr einfach funktionieren und günstig sein (günstiger als ein Taxi, aber mit dem gleichen Komfort). Aber auch regelmäßig (wenn auch selten) fahrende Transportmöglichkeit wie der Dorfbus in Langquaid, der meines Wissens nach einmal pro Woche fährt, werden sehr gut angenommen. Hier unterscheiden sich bestimmt auch die Senioren aus der Stadt (die sicher Mobilitäts-anspruchsvoller sind) von denen auf dem Land. Im Großen und Ganzen glaube ich nicht, dass die meisten Senioren ein großes Problem mit ihrer Mobilität haben: im Alter schränkt sich doch der Bewegungsradius (auch wegen einer Reduzierung des Konsums) erheblich ein und man stellt sich auf die jeweiligen Transport-Angebote ein. Wenn alle Stricke reißen, ruft man dann doch die Nachbarschaftshilfe an. Deshalb versuche ich immer noch, in allen Gemeinden im Landkreis eine zu etablieren, da bleibe ich weiter aktiv.“

  • Prof. Dr. Joachim Hammer

    Für den Behindertenbeauftragten im Kreis Kelheim ist dies wichtig: „Mobilität ist insbesondere für Menschen mit Einschränkungen eines der bedeutendsten Menschenrechte. Daher sollten öffentliche Verkehrsmittel und insbesondere auch die entsprechenden Verkehrsinformationssysteme für alle Menschen uneingeschränkt nutzbar sein! Entscheidend ist die barrierefreie Gestaltung der Zugangswege und der Verkehrsmittel. Dies betrifft neben baulichen Anforderungen an die Haltestellen und Fahrzeuge gleichermaßen Hilfen zur Orientierung wie taktile Leitstreifen und die akustische sowie optische Übermittlung von Informationen zur Fahrgastinformation. Auch aktualisierte elektronische Auskünfte zu welchen Abfahrtszeiten barrierefreie Verkehrsmittel, speziell auch an Wochenenden, verfügbar sind, wären höchst wünschenswert. Parallel sind zukünftig flexible Ansätze/Lösungen zur individuellen Mobilität zu entwickeln. Sinnvoll sind hier Rufbusse und Sammeltaxis deren Routen durch Optimierungsprogramme individuell flexibel quasi „on demand“ gestaltet werden können. Für einen gesellschaftlichen Mehrwert dieser neuen Ansätze ist besonderes Augenmerk darauf zu richten, dass sie im engeren Sinn barrierefrei gestaltet sind und auch für Seh- und Hörbehinderte sowie für Personen mit kognitiven Einschränkungen gut nutzbar sind.“

  • Robert Faltermeier,

    Für den Kreisjugendring Kelheim gibt der KJR-Vizevorsitzende folgendes Statement ab : „Jungen Leuten ist wichtig unkompliziert, kostengünstig, sicher und zeitlich unabhängig zu Discos und Veranstaltungen zu kommen – auch landkreisübergreifend, zum Beispiel nach Regensburg. Discobus oder Ruftaxi wären gut, allerdings auch teuer. Digitale Plattformen für Fahrgemeinschaften können eine Alternative sein. Aber auch hier müsste sich der Landkreis finanziell und organisatorisch beteiligen.“

  • Julia Schönhärl,

    Die Regionalmanagerin für den Landkreis Kelheim ist fürs Thema Elektromobilität zuständig. Ihre Meinung: „Im Regionalmanagement Landkreis Kelheim ist die sogenannte „E-Mobilitätsoffensive“ ein wichtiger Bestandteil im Projekt „KreativKlima Landkreis Kelheim“. Ziel der Offensive ist es, klimaschonende, regionale Mobilität zu fördern und Ideen wie das e-Car-Sharing publik zu machen. Elektromobilität im ländlichen Raum ist ein spannendes Thema, da viele Haushalte mit eigener Garage sich den Sonnenstrom vom Dach ins e-Fahrzeug laden und das e-Auto als Stromspeicher nutzen können. Hier sind klare Vorteile gegenüber Städten zu verzeichnen. Auch wenn der Umweltdruck im ländlichen Raum oft noch nicht so groß ist wie in urbanen Zentren, sind es gerade lange Fahrtstrecken übers Land bei denen ein e-Auto umweltfreundlich punkten kann – wenn es mit echtem Ökostrom geladen ist. Mit dem künftigen Ausbau der Reichweiten kann die Elektromobilität einen großen Beitrag leisten zur Erreichung der nationalen und landkreisweiten Klimaschutzziele. Auch die Kommunen und Energieversorger spielen eine wichtige Rolle und das Regionalmanagement steht ihnen mit Informationen und zur (auch überregionalen) Koordination zur Seite.“

Hier finden Sie weitere Beiträge unserer Themenwoche.

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