MyMz
Anzeige

Themenwoche

Zwischen Fahrplan und Smartphone

Der Personentransport bleibt von der digitalen Revolution nicht unberührt. Neue Apps bieten neue Möglichkeiten.
Von Johannes Heil

Hat der gute alte Fahrplan ausgedient? In Zukunft könnte sich Mobilität, bzw. deren Planung, komplett auf dem eigenen Smartphone abspielen – inklusive Ticketkauf. Bis es soweit ist, greift man auf den analogen Fahrplan zurück. Foto: Manfred Forster
Hat der gute alte Fahrplan ausgedient? In Zukunft könnte sich Mobilität, bzw. deren Planung, komplett auf dem eigenen Smartphone abspielen – inklusive Ticketkauf. Bis es soweit ist, greift man auf den analogen Fahrplan zurück. Foto: Manfred Forster

Kelheim.Noch vor einigen Jahren hätte er ohne Umschweife zum Autoschlüssel gegriffen. Heute ist das nicht mehr möglich – denn er hat ja schließlich gar kein Auto mehr. Stattdessen zückt er sein Smartphone. Einige kurze Wischer und Tipper, nach einigen wenigen Sekunden ist der Weg in die Arbeit eingetütet. Drei Minuten später hält das bestellte Fahrzeug dann auch schon vor der eigenen Haustüre.

Das Auto fährt ihn zur nächsten Bushaltestelle. Die Fahrt zahlt er nicht beim Chauffeur – denn es gibt gar keinen. Das Auto fährt autonom. Auch das Bezahlen der Autofahrt läuft über das Smartphone. Das Busticket wurde natürlich ebenfalls gleich gebucht und bezahlt.

Autonomes Fahren, digitale Fahrkarten, seine eigene Mobilität mit dem Handy steuern: Was bis vor zwei Jahrzehnten noch als Utopie durchging und mehr eine wilde Träumerei denn veritable Zukunftsvision war, ist im Jahr 2017 in greifbare Nähe gerückt. Die Technik macht immer größere Fortschritte: Mit Smartphone-Apps lassen sich Dinge machen, die noch vor wenigen Jahren undenkbar schienen. Und auch bis das autonome Fahren massentauglich ist, könnte es nicht mehr allzu lange dauern.

Der Sozialwissenschaftler und Mobilitätsforscher Weert Canzler vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern die digitale Revolution auch den Verkehr umkrempeln wird. Gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Knie hat er das Buch „Die Digitale Mobilitätsrevolution – Vom Ende des Verkehrs, wie wir ihn kannten“ verfasst.

Mobilität aus der Hosentasche

„Der Schlüssel zur Mobilität der Zukunft liegt in den Hosentaschen der Menschen“, sagt Canzler in Bezug auf die hochtechnologisierten Mobiltelefone. Mittlerweile trage fast jeder ein Smartphone mit sich herum. Die kleinen digitalen Tausendsassas böten in Sachen Verkehr immense Möglichkeiten. Denn: „Viele haben eine Internetflat und sind somit ständig online“, erklärt Canzler.

Zentraler Punkt für die weitere Entwicklung: Möglichst viele verschiedene Angebote sollen in einer Applikation gebündelt sein, so Canzler. Von klassischen ÖPNV-Angeboten über Carsharing bis hin zur mietbaren E-Bikes – dem Benutzer soll eine Vielzahl verschiedener Verkehrsmittel offen stehen.

Hierbei gebe es bereits eine Reihe guter Apps, so Canzler, wie etwa die Navigator App der Deutschen Bahn oder auch „Moovel“ von Mercedes-Benz. Am entscheidenden Schritt kranke es aber oft noch: „Natürlich ist das Ziel, dass man ein Angebot sofort in der App buchen und dann gleich losfahren kann“, sagt Canzler.

Ein weiteres Problem: In Großstädten würde sich die Revolution schnell vollziehen, das Potenzial sei dort für die Mobilität 4.0 sehr groß. Skeptischer ist Canzler in Bezug auf ländliche Regionen. „Am Land sehe ich größere Chancen für Apps, die das Mitfahren erleichtern, wie etwa ‚flinc‘“, sagt Kanzler. Flinc ist eine sogenannte Mitfahrzentrale, bei der der User nach Fahrten suchen oder auch selbst Fahrten anbieten kann. Ein weiteres Problem sei außerdem die Tatsache, dass viele Haushalte auf dem Land zwei oder sogar drei Autos besäßen. Generell könne man sagen: „Deutschland ist und bleibt ein Autofahrerland“, sagt Canzler. Viele Deutsche hätten eine enge Beziehung zum eigenen Pkw.

Hier finden Sie einen Kommentar zum Thema:

Kommentar

Bislang noch Zukunftsmusik

Mobilitäts-Apps mögen in Großstädten und Ballungsräumen bereits äußerst praktikabel und nützlich sein, in einer ländlich geprägten Gegend wie dem Landkreis...

Natürlich sei es dann für Anbieter alternativer Mobilität, wie etwa E-Bikes oder Carsharing, nur minder attraktiv, das Angebot in den ländlichen Regionen auszubauen. Dennoch, es gibt auch auf dem Land funktionierende Beispiele. Canzler verweist etwa auf das Programm „Mobilfalt“ des Nordhessischen Verkehrsverbundes, bei dem neuere Konzepte wie etwa Sammeltaxis mit dem „klassischen“ ÖPNV-Angebot kombiniert werden soll.

Doch auch in Ostbayern wird an neuen Konzepten gefeilt. Bei Regionalbus Ostbayern (RBO) gibt es die App „Wohin du willst“. In dieser sollen alle verfügbaren Mobilitätsformen miteinander verbunden und leichter zugänglich gemacht werden.

Entwickelt wird die App von der Bahntochter DB Regio Bus. Bei der DB Regio Bus Bayern ist Dr. Thomas Huber verantwortlich für innovative Verkehrskonzepte. Auch für ihn ist es entscheidend, „möglichst viele Angebote in einer App zu bündeln“. Nur wenn man Busse, Bahn, Carsharing, E-Bike auf einer Plattform zusammenführe, könne man Kunden eine sinnvolle Alternative zum eigenen Pkw anbieten.

15 Jahre bis zum Quantensprung

Ein Quantensprung in Sachen Mobilität 4.0 werde, so die einhellige Meinung von Canzler und Huber, durch das autonome Fahren erreicht. Einen autonomen Abholservice könnte man sich direkt vor die eigene Haustür bestellen. Doch ehe sich solches Szenario tatsächlich abspielen wird, dürfte noch einige Zeit verstreichen. „Bis es soweit ist, wird es noch 15 bis 20 Jahre dauern“, prophezeit Huber. Zumal viele Parteien das Feld des autonomen Fahrens für sich beanspruchen. Google will hier ebenso Vorreiter sein, wie die großen Namen der Autoindustrie. „Das Feld muss hier erst noch abgesteckt werden“, sagt Huber.

Trotzdem sei das autonome Fahren nur ein Teilaspekt. Denn nur wenn es auf dem Land auch genügend E-Bikes oder Rufbusse gebe, die das ÖPNV-Netz sinnvoll ergänzen, könne die Mobilität 4.0 auch das Land erobern. „Alles steht und fällt mit dem Angebot“, sagt Huber.

Hier finden Sie Beispiele digitaler Mobilität:

Memobility:

Foto: Screenshot jh
Foto: Screenshot jh

Eine App, die viele verschiedene Angebote vereint, ist die App „memobility“. Dort hat man verschiedene Möglichkeiten. Mehrere Carsharing-Angebote sind auf der Plattform gebündelt, auf einer Karte kann man sich beispielsweise den nächstgelegenen Wagen anzeigen lassen – und auch gleich reservieren. Wer sich lieber auf dem Fahrrad fortbewegt, kann dort auf den Service „Call A Bike“ der deutschen Bahn zurückgreifen. Wer sich etwas in Berlin umsieht, findet dort zahlreiche Angebote. In den ländlicheren Regionen ist das Angebot nicht ganz so reichhaltig.

WienMobil:

Foto: Screenshot jh
Foto: Screenshot jh

In der österreichischen Hauptstadt hat man die Möglichkeit die App „WienMobil“ zu nutzen. Unter dem Slogan „Wien fährt anders“ fungiert diese gleichsam als Verkehrswegweiser durch die gesamte Stadt. Taxistände, Car-Sharing-Angebote, U-Bahn, Citybikes und Parkplätze sind allesamt in einer App vereint. Besonders praktisch: Über die App kann man Taxen bestellen und Autos oder Fahrräder reservieren. Bei den Parkplätzen wird zudem ausgewiesen, wie viele freie Plätze aktuell vorhanden sind. U-Bahn und Busse werden mitsamt der Wartezeit angezeigt.

Der Navigator der DB:

Foto: dpa
Foto: dpa

Auch die Deutsche Bahn hat eine eigene App am Start – oder besser: eine Vielzahl von Applikationen. Mit dem „Navigator“ kann man sich die passenden Verbindungen der Züge, S- oder U-Bahnen anzeigen lassen. Für das Car-Sharing und die Fahrradvermietung hat die Bahn gesonderte Apps, die sich „Flinkster“ und „Call a Bike“ nennen. Bei der Bahn gibt es noch weitere Apps wie „DB Bauarbeiten“, in der die baubedingten Fahrplanänderungen aufgeführt sind. Der „DB Streckenagent“ ist als ständiger Reisebegleiter gedacht, der etwa über Störungen informiert.

Qixxit:

Foto: dpa
Foto: dpa

Auch Qixxit liefert dem Nutzer die Option, zwischen verschiedenen Transport-Möglichkeiten auszuwählen. Mietwagen, Mitfahrgelegenheiten, Carsharing, Fernbus – Qixxit vergleicht und kombiniert verfügbare Verbindungen und hilft so bei der Auswahl der passenden Reiseroute. Außerdem kann man sich registrieren und so die Verkehrsmittelauswahl auf die eigenen Bedürfnisse personalisieren. Qixxit ist ebenfalls ein Angebot der Deutschen Bahn. Seit 2014 ist Qixxit nun auf dem Markt und hat seither das Angebot ausgebaut.

Hier lesen Sie ein Interview mit Frank Spaeing vom Berufsverband der Datenschutzbeauftragten Deutschlands:

Herr Spaeing, wie vorsichtig sollten Nutzer bei Mobilitäts-Apps in Sachen Datenschutz sein?

Bei diesen Apps gilt das, was bei den meisten anderen Applikationen auch gilt. Man sollte extrem aufpassen, wem man welche Daten zukommen lässt.

Warum?

Nun, man sollte immer daran denken, dass manche Anbieter zum Teil andere Interessen verfolgen, als sie oberflächlich vorgeben.

Inwiefern?

Die Daten könnten beispielsweise an Dritte weitergegeben werden. Das kommt natürlich auch immer auf die Seriosität des Anbieters an. Der Deutschen Bahn ist beispielsweise eher zu trauen als manch anderen Unternehmen.

Wie kann man sich schützen?

Man sollte sich auf jeden Fall vor der Installation informieren, welche Daten von der jeweiligen App gesammelt werden. Ich sollte zudem überprüfen, welche Rechte ich der neuen Applikation einräume.

Welche Rechte könnten das sein?

Viele Apps fordern Zugriff auf das Adressbuch, auf die Kamera, manchmal sogar auf die Standortdarten. Ist die App einmal installiert, sollte man sich unbedingt die Datenschutz-Einstellungen des Smartphones ansehen, ob sich etwas verändert hat. Bei den Mobilitäts-Apps ist es natürlich auch so, dass sie auf den Standort des Benutzers zugreifen müssen. So lässt sich aber der eigene Standort permanent nachverfolgen.

Sind viele Benutzer zu leichtsinnig?

Das kann man durchaus so sagen. Viele User stimmen unbewusst Sachen zu, die sie bewusst niemals abnicken würden. Man sollte deswegen wirklich auf der Hut sein. Denn oft sind die relevanten Punkte im Kleingedruckten und sind nicht sofort offensichtlich. Oftmals haben Apps sich das Recht geben lassen, Daten mit sozialen Netzwerken zu teilen. Und geben so Nutzerdaten weiter.

Kann ich unseriöse Anbieter erkennen?

Oftmals ist ein Kriterium, wie transparent der Anbieter mit dem Thema Datenschutz umgeht. Hierbei hilft es, sich vor dem Kauf die Rezensionen genau durchzulesen.

Hier finden Sie weitere Beiträge unserer Themenwoche.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht