mz_logo

Region Neumarkt
Montag, 24. September 2018 13° 3

Sucht

Alkohol: Hilfe für Angehörige

Eine Neumarkter Selbsthilfegruppe hilft seit 30 Jahren Betroffenen: So wie Margot, deren Mann sich täglich volllaufen ließ.
Von Bernhard Neumayer

Rund 1700 Menschen in Deutschland sterben jährlich an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums. Foto: Gabbert/dpa
Rund 1700 Menschen in Deutschland sterben jährlich an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums. Foto: Gabbert/dpa

Neumarkt.Für Margot K. (Namen geändert) war es der Horror: Jeden Tag aufs Neue musste sich die Frau aus dem Landkreis Neumarkt von ihrem Mann verabschieden. Nicht, weil er ins Büro ging. Sondern, weil er nachmittags nicht mehr ansprechbar war. Margots Mann war alkoholabhängig und stürzte jeden Tag ab. „Er ist jeden Tag einen kleinen Tod gestorben.“ Vormittags konnte die heute 59-Jährige noch mit ihm reden. Nachmittags war er dafür zu betrunken. „Zu dieser brutalen Zeit habe ich meinem Traummann den Tod gewünscht“, sagt Margot K. Es sei angenehmer, auf einen Schlag als jeden Tag einen kleinen Tod zu sterben. Wochenlang hielt sie diese Situation aus – bis sie eines Tages zusammenbrach und in eine psychosomatische Klinik eingeliefert wurde.

Von da an wurde der Frau klar, dass es so nicht mehr weitergeht. Nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, trat sie der Neumarkter Selbsthilfegruppe Al-Anon bei. Sieben Jahre ist das nun her. Mittlerweile ist Margot K. die Leiterin dieser kleinen Gemeinschaft für Angehörige von Alkoholkranken. Fünf Mitglieder treffen sich regelmäßig im Martin-Schallig-Haus in der Seelstraße. Immer am ersten und dritten Donnerstag des Monats für 90 Minuten. Am 10. Juni begeht die Gemeinschaft ihr 30-jähriges Jubiläum. Groß feiern werden die Angehörigen von Alkoholkranken aber nicht. Der Tag soll Betroffenen die Chance geben, sich in drei Meetings – so nennt die Gruppe ihre Treffen – über aktuelle Probleme auszutauschen. Die Angehörigen sollen in der Gruppe das Gefühl bekommen, dass sie mit ihrem süchtigen Bekannten nicht alleine sind.

In der Grafik sehen Sie die Zahl der Alkoholkranken in den einzelnen Regionen der Oberpfalz:

Zehn Flaschen Bier am Tag

In der Gruppe hat Margot K. gelernt, dass sie nicht für die Alkoholkrankheit ihres Mannes verantwortlich ist. Zuvor hatte sie Schuldgefühle – auch schon als Kind. Alkoholsucht zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Denn auch ihr Vater war alkoholabhängig. Er sei an den Folgen der Sucht gestorben, sagt sie. Ihren ersten Mann hat Margot K. verlassen, weil dieser ebenfalls Alkoholprobleme hatte. Auch ihr aktueller Mann war alkoholkrank. Anfangs habe er nur gelegentlich ein Bier getrunken. Auf dem Höhepunkt seiner Sucht seien es im Durchschnitt zehn Flaschen Bier täglich gewesen.

Norbert Römer vom Gesundheitsamt hilft Suchtkranken. Foto: Pollok
Norbert Römer vom Gesundheitsamt hilft Suchtkranken. Foto: Pollok

Dabei sollten Männer pro Tag nicht mehr als 24 Gramm reinen Alkohol trinken, empfiehlt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen. Das entspricht etwa 0,6 Litern Bier oder 0,3 Litern Wein. Frauen sollten nur halb so viel trinken. Die Stelle rät, an mindestens zwei bis drei Tagen ganz auf Alkohol zu verzichten. „Es ist aber schwierig zu sagen, ab wann man alkoholkrank ist“, sagt Norbert Römer, der Leiter der sozialpädagogischen Dienste des Neumarkter Gesundheitsamtes. Er ist unter anderem für die Suchtberatung und die Selbsthilfegruppen zuständig. „Kritisch wird es, wenn das Alkoholtrinken Probleme bereitet.“ Zum Beispiel, wenn man dadurch den Führerschein abgeben muss oder wenn die Partnerin den Betroffenen auf das Trinken anspricht. „Spätestens dann muss man handeln und zum Arzt oder in eine Selbsthilfegruppe gehen.“

Zahlen rund um Alkohol

  • Grenze:

    0,6 Liter Bier sollten Männer höchstens am Tag trinken. Das empfiehlt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen. Der Verein rät Frauen, maximal die Hälfte dieser Angabe für Männer zu sich zu nehmen.

  • Opfer:

    1700 Todesfälle aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums verzeichnet das Statistische Bundesamt im Durchschnitt pro Jahr in Deutschland. Die Zahl pendelt sich jedes Jahr um diese Angabe ein.

  • Krankheit:

    270 000 Menschen im Freistaat gelten laut Statistischem Bundesamt als alkoholabhängig. Aktuell leben knapp 13 Millionen Bürger im Bundesland Bayern.

  • Verzicht:

    0,0 Promille sollten Menschen im Idealfall haben, wenn man Medikamente einnimmt, arbeitet oder am Straßenverkehr teilnimmt. Außerdem sollten Schwangere auf Alkohol verzichten.

Margot K. wollte nicht wahrhaben, dass nach ihrem Vater und dem ersten Mann auch ihr zweiter Lebenspartner trinkt. Dennoch blieb sie ihm treu, weil sie sich wie gefesselt gefühlt und weil ihr die Situation Sicherheit gegeben habe. „Diese Katastrophe mit dem Alkohol in der Familie war ja für mich normal.“ Doch irgendwann ließ sich Margot K. nicht mehr von ihrem süchtigen Mann provozieren. Er habe das auch registriert, sagt sie. Er trat den Anonymen Alkoholikern (AA) bei und war auf dem richtigen Weg.

1700 Tote pro Jahr in Bayern

Nicht alle Alkoholkranken entkommen der Sucht. Laut Statistik des Bayerischen Gesundheitsministeriums sterben jedes Jahr mehr als 1700 Menschen im Freistaat an den Folgen eines übermäßigen Alkoholkonsums. Mehr als die Hälfte der Alkoholtoten sind Männer im Alter von 45 bis 64 Jahren. 270 000 der knapp 13 Millionen Einwohner in Bayern gelten als alkoholabhängig.

„Er wird wieder der Mann, der mein Traummann ist.“

Margot K.

Margots Mann hat die Sucht besiegt. Ein Entzug, die Unterstützung der Anonymen Alkoholiker sowie die Hilfe seiner Frau haben ihm geholfen, seit fünf Jahren trocken zu sein. Er besucht regelmäßig die AA-Selbsthilfegruppe. Margot K. ist froh, dass sie in der schweren Zeit zu ihrem Mann gehalten hat. Rücksicht muss sie nur beim Kochen nehmen. „Ansonsten verzichte ich nicht auf Alkohol.“ Ab und zu gönnt sie sich ein Glas Wein. Ihr Mann habe damit keine Probleme, sagt sie. Auch nicht, wenn sie gemeinsam eines der Neumarkter Feste besuchen, auf denen viel Bier fließt. Die Gefahr eines Rückfalls ist gerade in geselliger Runde groß. Dennoch hat Margot K. keine Angst, dass ihr Mann wieder Alkohol trinkt. Sie ist froh, dass er seit fünf Jahren trocken ist. „Er wird wieder der Mann, der mein Traummann ist.“

Die Neumarkter Al-Anon Gruppe trifft sich jeden ersten und dritten Donnerstag im Monat um 19 Uhr im Martin-Schalling-Haus, Seelstraße 15. Was dort besprochen wird, bleibt anonym. Es sollten nur Angehörige von Betroffene erscheinen.

Lesen Sie auch: Wie Uli Borowka den Alkohol bezwang.

Lesen Sie auch: In Problemen fast ertrunken.

Weitere Nachrichten aus der Region Neumarkt lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht