MyMz
Anzeige

Glyphosat

„Bei Krebs drehen alle durch“

Krebserregend oder nicht? Der Neumarkter Gefahrstoffberater Dr. Peter Krommes spricht über das Unkrautvernichtungsmittel.
Von Katrin Böhm

Stark umstritten: Glyphosat als Unkrautvernichtungsmittel Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa
Stark umstritten: Glyphosat als Unkrautvernichtungsmittel Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Neumarkt.Herr Dr. Krommes, vor ein paar Jahren kannte das Mittel kaum jemand – mittlerweile gibt es kaum jemanden mehr, der von Glyphosat noch nichts gehört hat. Wie kommt’s?

Mit keinem Thema kann man die Leute emotional so packen wie mit dem Begriff „krebserzeugend“. In diesem Fall werden allerdings falsche Behautungen aufgestellt. Ich sage mal: Leute, die ein hehres Ziel verfolgen, benutzen unlautere Mittel, um dieses zu erreichen.

Glyphosat ist also nicht krebserregend?

Krebserzeugend kann theoretisch ein Küchenmesser sein. Krebs ist auch eine Reaktion, wenn wir das Abwehr- und Immunsystem überfordern. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass verschiedenste Einwirkungen auf Mensch oder Tier, wenn sie nur lange genug andauern und intensiv genug sind, das Krebsrisiko erhöhen. Würden wir Ratten über ein Jahr dauernd mit einem Messer an der gleichen Stelle in den Rücken pieksen, würden wir ein erhöhtes Krebsrisiko feststellen. In Deutschland werden Stoffe von der Europäischen Chemikalienagentur Echa in drei Stufen eingeteilt. In die erste Stufe fallen Stoffe, von denen man weiß, dass sie beim Menschen Krebs erzeugen, in der zweite Stufe werden Stoffe gelistet, die beim Tier Krebs erzeugen und im Verdacht stehen, das auch beim Menschen zu tun. In der dritten Stufe gibt es Anhaltspunkte auf ein Krebsrisiko beim Tier und es muss weiter untersucht werden. Glyphosat wurde von der Echa als nicht krebserzeugend eingestuft. Und wer da behauptet, die Echa sei von der Industrie gesponsert, der hat keine Ahnung. Die sind extrem pingelig.

Also alles ganz harmlos?

Nein, das überhaupt nicht. Glyphosat ist eine Katastrophe für die Natur. Es ist ein Total-Herbizid und tötet alle Pflanzen ab. Es bringt zwar nicht die Insekten um, aber eben die Pflanzen, die die Insekten brauchen. Aber es ist nicht krebserregend, es wurde nichts nachgewiesen.

Hält Glyphosat für eine Katastrophe, aber nicht krebserregend: Dr. Peter Krommes. Foto: Böhm
Hält Glyphosat für eine Katastrophe, aber nicht krebserregend: Dr. Peter Krommes. Foto: Böhm

Schadet die ganze Diskussion dann mehr, als sie nutzt?

Die aktuelle Diskussion ist eine populistische Aktion, durch die die Leute verdummt werden. Als Naturwissenschaftler bin ich gegen jede Ideologie. Wir brauchen keine Ideologien, sondern die Wissenschaft und sachliche Aufklärung. Dieser vermeintliche Nebenkriegsschauplatz müsste auch gar nicht sein, denn es gibt genug Argumente gegen Glyphosat. Das Totschlagen von Natur vernichtet unsere Umwelt, die von Vielfalt lebt. Glyphosat ist eine langfristige Gefahr für die Umwelt und verursacht beim Menschen nachgewiesenermaßen Augenschäden. Da muss aber keine krebserzeugende Wirkung ins Spiel gebracht werden, die es gar nicht gibt. Diejenigen, die es tun, machen sich unglaubwürdig.

Passiert es trotzdem, weil Menschen nie so heftig reagieren wie auf das Schlagwort Krebs?

Wenn Menschen das Wort „krebserzeugend“ hören, drehen alle durch. Dabei wird ein Stoff, der wirklich Krebs erzeugt, aber gerne totgeschwiegen – Alkohol. Hochprozentiger Alkohol verursacht Gaumen- und Rachenkrebs, andere Alkoholika können Leberkrebs entstehen lassen. In geringen Mengen ist es sicher nicht krebserzeugend, aber immer noch fruchtschädigend.

Hat es die Chemie in der Gesellschaft schwer?

Generell wird viel auf die Chemie geschimpft und es wird immer die reine Natur gelobt. Dabei wird vergessen, dass die giftigsten Stoffe natürliche Stoffe sind. Zum Beispiel Siliziumdioxid, also Quarz, Hauptstoff der Erde, ist fein verteilt krebserzeugend und sorgt für Lungenerkrankungen. Oder Arsen, ein weit verbreiteter Naturstoff. Oder Aflatoxin, das im Schimmelpilz enthalten ist. Es gibt viele verdammt krebserregende Stoffe in der Natur.

Wie ist es mit den gesetzlich erlaubten Rückständen von Glyphosat in Lebensmitteln und Futter?

Das gehört da nicht rein. Auch wenn es nicht krebserregend ist. Der Erzeuger von Lebensmitteln sollte dafür sorgen müssen, dass das nicht passiert.

Dietfurt hat Glyphosat jetzt verbannt. Wie finden Sie das?

Das ist sicher nicht schlecht. Für mich wäre aber eine Begrenzung des Mittels der richtige Weg. Es ist einfach zu viel eingesetzt worden.

Man bekommt es zwar nur noch in wenigen Baumärkten, online kann aber jeder problemlos Glyphosat kaufen. Ist das in Ordnung?

Ich würde sagen: Wenn man einmal vor der Garagenauffahrt etwas Glyphosat ausbringt, ist das kein Weltuntergang. Aber wenn man den ganzen Garten spritzen würde, wäre das nichts.

Wie beurteilen Sie die Zukunft von Glyphosat?

Das hängt von der Anwendung ab. Wenn die Landwirte das in einem Bruchteil der Fälle benutzt hätten, gäbe es diese Diskussion gar nicht. Es wurde aber in übergroßen Mengen verwendet. Wenn es künftig nur noch im Kilo- statt im Tonnen-Maßstab ausgebracht wird, dann wird das in ein paar Jahren kein Thema mehr sein. Wenn die Landwirtschaft aber nicht daraus lernt, dann wird wieder heftig diskutiert.

Alle Teile unserer Serie Landwirtschaft und Verbraucher finden Sie hier.

Hier geht‘s zu unserer Verbraucher-Umfrage.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht