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Interview

Brüder renovieren die Christuskirche

Workshops, Gespräche, Spurensuche – Architekt Christian Brückner will die Neumarkter evangelische Gemeinde direkt beteiligen.
Von Eva Gaupp

Das Brüderpaar Christian und Peter Brückner verwandelte den ehemaligen Getreidespeicher in das Museum Kulturspeicher Würzburg. Dafür erhielten sie 2003 den Architekturpreis des Bundes Deutscher Architekten. Foto: Andi Albert Photography, Würzburg/Berlin
Das Brüderpaar Christian und Peter Brückner verwandelte den ehemaligen Getreidespeicher in das Museum Kulturspeicher Würzburg. Dafür erhielten sie 2003 den Architekturpreis des Bundes Deutscher Architekten. Foto: Andi Albert Photography, Würzburg/Berlin

Neumarkt.Die Renovierung der Christuskirche ist nicht Ihr erster Auftrag für einen Sakralbau. Ist dies ein Schwerpunkt für Sie und Ihren Bruder Peter mit Ihren Architekturbüros in Tirschenreuth und Würzburg?


Ein leidenschaftlicher Schwerpunkt auf jeden Fall. Uns fasziniert es, Lebensräume für Menschen zu bauen. Im übertragenen Sinne sind die Orte der Stille – so nennen wir sakrale Räume, ob es nun eine kleine Wegkapelle ist oder auch die größeren Kirchenprojekte – der Inbegriff dieser Aufgabe. Wenn man alle unsere Projekte anschaut, dann ist schon ein gewisser Schwerpunkt vorhanden. Und das freut uns. Das war keine bewusste Entscheidung. Das hat irgendwann vor 20 Jahren angefangen und es freut uns total, dass sich dies wie ein kleiner roter Faden durch unsere Werke zieht.

 Bei der Erweiterung von St. Peter in Wenzenbach wurde 2003 das Symbol der Schiffskirche aufgenommen – als Fahrt vom Diesseits ins Jenseits: Die Gläubigen fühlen sich wie in einem Schiffsbauch. Foto: Peter Manev
Bei der Erweiterung von St. Peter in Wenzenbach wurde 2003 das Symbol der Schiffskirche aufgenommen – als Fahrt vom Diesseits ins Jenseits: Die Gläubigen fühlen sich wie in einem Schiffsbauch. Foto: Peter Manev

Architektur ist etwas sehr Emotionales und Sinnliches. Aber eine Kirche umzugestalten, ist noch einmal eine andere Herausforderung, weil nicht nur ein Bauherr betroffen ist, sondern mehrere tausend Gläubige betroffen sind. Wie gehen Sie damit um?

Das ist eine unserer Philosophien, dass sich Architektur und Emotionen nicht trennen lassen. Gerade bei dieser Aufgabe steht das im Fokus. Das reizt uns wahnsinnig. Wir wollen der Frage auf den Grund gehen: Welche Emotion, welchen Charakter wollen wir letzten Endes an dieser Stelle vermitteln? Es geht nicht nur um Architektur, sondern es geht im Wesentlichen darum, an Kirche im 21. Jahrhundert mitzuarbeiten. Deshalb nehmen wir alle in die Verantwortung. Es ist nicht so, dass wir mit Antworten kommen, sondern wir erwarten die tatkräftige Unterstützung der Menschen, um die Antworten zu finden, um an die Gefühle der Menschen vor Ort ranzukommen. Das ist die große und spannende Aufgabe.

St. Klara ist kein Gotteshaus für eine feste Pfarrgemeinde, sondern sie ist eine offene Kirche – mitten in der Großstadt lädt sie Menschen aller Konfessionen ein, innezuhalten. 1274 geweiht, wurde sie 2007 generalsaniert. Foto: Endlein
St. Klara ist kein Gotteshaus für eine feste Pfarrgemeinde, sondern sie ist eine offene Kirche – mitten in der Großstadt lädt sie Menschen aller Konfessionen ein, innezuhalten. 1274 geweiht, wurde sie 2007 generalsaniert. Foto: Endlein

Wie schafft man das?

Vor zwei Jahren durften wir für die Amerikaner in Grafenwöhr eine ganz große neue Kirche bauen, die Netzaberg-Chapel. Sie sollte das Herzstück der neu entstandenen Stadt am Truppenübungsplatz werden. Erst haben wir uns auf Spurensuche begeben. Dann haben wir uns mit dem Bauherrn auf Spurensuche begeben und anschließend Workshops abgehalten, um uns gemeinsam dem Ziel zu nähern, was macht einen Sakralraum eigentlich aus? Das war wahnsinnig hilfreich.

Und das ist auch unser Anspruch in Neumarkt: Die Architektur muss auch ohne Symbolik sprechen, sie soll eine spirituelle Stimmung in sich zeigen. Da kommen wir mit Workshops, mit Bildern, mal mit einem großen Modell ... Dieser Atmosphäre auf die Spur zu kommen, sehen wir als einen der wichtigsten Bausteine.

Der Vorraum von St. Klara ist schummrig und lädt zur Besinnung ein. Foto: Endlein
Der Vorraum von St. Klara ist schummrig und lädt zur Besinnung ein. Foto: Endlein

Wenn ich Ihre Projekte ansehe, fällt mir auf, dass Sie eine reduzierte, klare, moderne Formensprache haben. Ist das Ihr Stil? Kann man damit auch in Neumarkt rechnen oder kann es auch ein ganz anderes Ergebnis sein?

Das will ich so verstanden wissen. Kein Projekt ist übertragbar, kein Ort ist übertragbar. Wir waren schon in Neumarkt, haben die Menschen kennengelernt, vor allem haben wir auch die Kirche kennengelernt. Da waren mein Bruder und ich überzeugt, dass hier etwas ganz Neues entstehen kann. Im Vordergrund steht, wir wollen die Menschen berühren – im wahrsten Sinne des Wortes. Das finde ich ganz arg wichtig. Eine gewisse Reduziertheit ist sicherlich eine wichtige Eigenschaft, aber es darf auch nicht zu wenig sein. Dann entsteht keine Atmosphäre. Es braucht eine gewisse Kraft, um Charakter und Ausstrahlung zu erzeugen.

Das heißt, Sie wollen so viele Impulse durch die Architektur und die innere Gestaltung geben, dass man spirituell angeregt ist, aber nicht überladen, wie zum Beispiel eine Kirche wie Vierzehnheiligen, dass für das persönliche Empfinden kein Raum mehr bleibt?

Genau. Man muss ja auch die verschiedenen Funktionen einer Kirche sehen. Der Raum muss als Raum der Stille ohne Liturgie, ohne Pfarrer funktionieren. Ein Mensch, der hilfesuchend in die Christuskirche geht, soll über die Architektur auch Hilfe bekommen. Dort soll man Stille und Spiritualität erfahren. Und wenn die Kirche proppenvoll ist, wie zum Beispiel bei einer Konfirmation, dann muss das der Raum auch zulassen können.

Im Olympiapark erinnert seit September 2017 dieses Denkmal an die Opfer der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen von 1972.. Zwölf Stelen zeigen die Lebensläufe der zwölf Opfer. Foto: Sven Hoppe/dpa
Im Olympiapark erinnert seit September 2017 dieses Denkmal an die Opfer der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen von 1972.. Zwölf Stelen zeigen die Lebensläufe der zwölf Opfer. Foto: Sven Hoppe/dpa

Was haben Sie für einen Eindruck von der Christuskirche?

Durch unseren geschätzten Kollegen Johannes Berschneider ist ja schon sehr viel Positives und Gutes durch das Evangelische Zentrum an dem Ort entstanden. Da ist so viel Atmosphäre schon da – das finde ich ganz toll. Wir waren überrascht, als wir recherchiert haben, wie es dort vorher ausgesehen hat! Beim Rundgang durch die Kirche mit all den Ebenen ist uns die Vielfalt der Räume aufgefallen: Da gibt es unten Jugendräume, diese Zwischenräume bis hin zur Empore, auch eine Art Oratorium ist eingebaut – das mussten wir erst einmal verarbeiten.

Die Kirche ist also in den vergangenen Jahrzehnten ein Stück weit verbaut worden?

Im Moment sind es einfach wahnsinnig viele Orte, die man von außen nicht vermutet. Das sehe ich aber erst einmal als Chance. Wir sehen hier aber schon die Möglichkeit und den Bedarf für eine Veränderung – auch von der Funktion her. Da braucht es mehrere Tage und mehrere Workshops, um für die Gemeinde Lösungen zu finden. Ich finde es aber auch schön, wenn man an einen Ort kommt und es fallen einem nicht gleich zehn Antworten ein. Es reizt uns, dieses Gestern mit dem Heute und dem Morgen zu verbinden.

In Schönsee, in einem halb verfallenen ehemaligen Kommunbrauhaus aus dem 17. Jahrhundert ist 2006 das Bayerisch-Böhmische Kulturzentrum entstanden. Foto: Armin Weigel/dpa.
In Schönsee, in einem halb verfallenen ehemaligen Kommunbrauhaus aus dem 17. Jahrhundert ist 2006 das Bayerisch-Böhmische Kulturzentrum entstanden. Foto: Armin Weigel/dpa.

Waren Sie früher schon einmal in Neumarkt? Kennen Sie die Stadt?

Ja, wir sind ja auch Oberpfälzer, wenn auch Nordoberpfälzer aus Tirschenreuth. Uns ist Neumarkt auf jeden Fall bekannt.

Wie kann man sich das weitere Vorgehen vorstellen?

Wir haben ja schon viele Impulse bekommen. Wir denken schon laufend drüber nach. Jetzt wird unser Team eingebunden. Der nächste Schritt ist, dass wir auf Spurensuche gehen: Wir werden ein, zwei, drei Tage in Neumarkt verweilen und uns die Stadt und andere Kirchen in der Umgebung anschauen, wir werden uns mehrmals in die Christuskirche begeben, um die Seele des Ortes aufzuspüren. Der zweite Schritt ist dann, den Menschen vor Ort unsere gefundenen Spuren abstrahiert zu zeigen. Dann arbeiten wir gemeinsam mit den Entscheidungsträgern die Defizite und Chancen heraus, was man sich vorstellt, wo der Schuh drückt. In einem gemeinsamen Workshop werden wir die Spuren mit den Wünschen konkretisieren: Was sind die wichtigsten Ziele? Da geht es beispielsweise um Helligkeit, Atmosphäre, um den Charakter im Innenraum, wie geht man mit dem Klang oder dem Material in der Kirche um? Das sind für uns messbare Ziele, bevor überhaupt ein Strich von uns gezeigt wird. Die Antwort muss aus den Menschen vor Ort kommen.

Dieser Weg wird sicher einige Zeit in Anspruch nehmen.

Ja, aber ich bin schon ein Fan davon, das Eisen zu schmieden, so lange es heiß ist. Ja, es wird Monate dauern, aber schon in einem absehbaren Zeitraum werden wir sicher Antworten finden.

Hier erfahren Sie Konkretes aus der Pressekonferenz mit Dekanin Christiane Murner und dem Geschäftsführenden Pfarrer Michael Murner zur Renovierung der Christuskirche.

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