MyMz
Anzeige

Down-Syndrom

Das Kind, das die Eltern nicht wollten

Anita Lailach wurde wegen Trisomie 21 zur Adoption frei gegeben – heute lebt sie selbstständig. In Neumarkt wird am Aktionstag am 21. März informiert.
von violetta paprotta

Kinder mit Down-Syndrom brauchen Glück im Leben – dabei können sie für ihre Umgebung ein großer Glücksfall sein. Dieses Foto stammt aus der Ausstellung von Conny Wenk im Neumarkter Landratsamt. Foto: Paprotta

Neumarkt.„Anita kam 1979 im Klinikum Fürth zur Welt. Wo sie einmal zu Hause sein würde, war zunächst ungewiss, denn ihre Mutter hatte sie schon vor der Geburt zur Adoption freigegeben.“ So beginnt das Buch von Prof. Dr. Holm Schneider. Und so beginnt gar nicht so selten das Leben von Menschen mit Down-Syndrom. Statt Freude über das werdende Leben: Angst und Ablehnung. Statt einem „Willkommen, kleiner Sonnenschein“ ein „Warum gerade wir?“. Und nach dem ersten Schock folgt häufig die bange Frage: „Was soll aus diesem Kind bloß werden?“. Die Antwort darauf liefern besagte Kinder jedoch meist selbst. Und zwar oft auf höchst überraschende Weise.

Holm Schneider, Kinderarzt an der Uniklinik Erlangen und Genforscher, hat für sein Buch sieben Lebensläufe von Menschen mit Trisomie 21 recherchiert, die heute dort arbeiten, wo andere auch arbeiten: Bei der Polizei, im Gemeindeamt, am Theater. Oder, wie in Anitas Fall, im Kindergarten. Sein Buch stellt Schneider am 21. März, dem Welt-Down-Syndrom-Tag, in Neumarkt vor.

Kein Verständnis in der Familie

Als die kleine Anita geboren und elternlos war, hatte sie Glück. Erika und Siegfried Lailach, ein Ehepaar ohne eigene Kinder, hatten im Jahr zuvor bereits einen kleinen Jungen adoptiert und plante, ein weiteres Kind aufzunehmen. Und weil das Paar auch ein leibliches Kind mit Down-Syndrom behalten hätte, durfte Anita bleiben und hatte damit eine Familie.

Bei den Verwandten stieß die Entscheidung der Lailachs auf Unverständnis. Noch nie habe es in der Familie ein behindertes Kind gegeben, sagten die Großeltern. „So etwas“ hole sich doch keiner freiwillig ins Haus. Mit dem Widerstand ihrer eigenen Eltern hatte Erika Lailach nicht gerechnet. Überhaupt musste sie sich ständig rechtfertigen. Andere Seitenhiebe trafen noch tiefer.

Weil die vom Gesundheitsamt angebotene Frühförderung sich erst im Aufbau befand, vertröstete man Anitas Eltern mit dem Satz: „Beim Down-Syndrom ist’s egal, ob die Förderung im ersten oder im zweiten Lebensjahr beginnt. Die Kinder erreichen sowieso nicht viel.“

Als Anita ein Jahr alt war, zog die Familie von Nürnberg in das Dorf Winkelhaid an der Grenze zum Landkreis Neumarkt. Gelegentlich kam nun eine Mitarbeiterin der Lebenshilfe ins Haus, um mit dem Mädchen zu üben. Auf erneutes Drängen von Erika Lailach erhielt Anita schließlich ab dem Jahr 1982 angemessene Frühförderung in Altdorf. Dazu gehörten logopädische Übungen, Krankengymnastik, Ergotherapie und viele gute Tipps für den Alltag.

Die Großeltern erkannten allmählich, dass die Familie mit dem Mädchen glücklich war. Anita war zum Ruhepol der Familie geworden. Doch die Lailachs mussten weitere Klippen umschiffen. Bis zu der Schule, die sich die Eltern für ihr Kind wünschten, war es ein schwieriger Weg. Doch das Kämpfen lohnte sich. Anita mochte den Unterricht und erledigte zuverlässig ihre Hausaufgaben. Sie bereitete sich voller Aufregung auf ihre Konfirmation vor und sagte schließlich ein klares „Ja“ zum christlichen Glauben.

Viel Mut und Kampfgeist nötig

In den letzten drei Schuljahren absolvierte Anita etliche Praktika in den Werkstätten der Lebenshilfe und außerhalb, eines davon im „Haus für Kinder“, dem evangelisch-integrativen Kindergarten in Winkelhaid. Unterstützt wurde sie dabei durch die ACCESS-Integrationsbegleitung aus Erlangen. Der Pfarrer, der Anita konfirmiert hatte und auch für das „Haus für Kinder“ verantwortlich war, erfuhr von ihrem Wunsch, weiterhin im Kindergarten zu arbeiten. Er ging bereitwillig darauf ein.

Ende 2001 begann Anita eine zweijährige Qualifizierungsphase. Heute hat sie einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Die gesamte Familie ist stolz auf sie. Und in der Freizeit? Anita schwimmt sehr gut, sie tanzt und spielt Badminton. Sie liebt Musik und fährt gern Fahrrad.

Anita Lailachs Geschichte ist kein Einzelfall. Menschen mit Down-Syndrom müssen viel Durchhaltevermögen, Mut und Kampfgeist beweisen, um sich in unserer Gesellschaft zu behaupten. Das Buch von Prof. Schneider stellt sieben junge Menschen vor, denen das geglückt ist. Passenderweise hat Schneider seinem Werk den Titel „Was soll aus diesem Kind bloß werden?“ gegeben. Sein Anliegen: Eltern ermuntern, für jedes ihrer Kinder Visionen zu entwickeln – und keines auf Grund von Vorurteilen verfrüht aufzugeben.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht